16 Dezember 2014

16. Dezember, 2014   |  Karsten Mau  @realKmau


Im Nachhinein ist man immer schlauer. Ein Sprichwort, dass viele von uns schon unzählige Male gehört haben und dass beim Betroffenen zumeist Unmut erzeugt. Die Entscheidung der Philadelphia 76ers, Nikola Vucevic als Teil des Trades, der Dwight Howard nach Los Angeles und Andrew Bynum nach Philadelphia schickte, zu den Orlando Magic zu traden, kann man als Paradebeispiel für das erwähnte Sprichwort nutzen. Vucevic, der zum Zeitpunkt des Trades gerade einmal seine Rookie Saison hinter sich gebracht hatte, galt damals als talentiertes Beiwerk in einem Trade, der dazu gedacht war, die Machtverhältnisse der ganzen Liga zu verändern.

Heute wissen wir, dass sich die Machtverhältnisse tatsächlich verschoben haben. Der erwähnte Trade war jedoch nur ein Teil eines weitaus langwierigeren Prozesses. Dwight Howard verließ die Lakers und heuerte bei den Rockets an, Andrew Bynum ist mittlerweile arbeitslos und Nikola Vucevic wird im Sunshine State abseits des National TVs von Jahr zu Jahr besser.

Als Vucevic im Sommer des Jahres 2012 zu den Orlando Magic stieß, erwarteten ihn auf seiner Position Gustavo Ayon, der per Trade aus New Orleans kam und der 49. Pick des Drafts 2012, Kyle O’Quinn. Vucevic zeigte früh, wer der Herr unter den Körben in Orlando ist. Er startete in 77 Partien. Die Saison beendete der Montenegriner mit starken 13,1 Punkten und 11,9 Rebounds im Schnitt, bei einem Player Efficiency Rating von 17,8 und einem True Shooting von 53,4%. Mit diesen Werten belegte er Platz vier bei der Wahl zum Most Improved Player.

In seiner zweiten Saison bei den Magic steigerte er sein Player Efficiency Rating auf 18,8 und festigte seinen Ruf als Double-Double-Maschine. Vucevic legte in der vergangen Spielzeit starke 14,2 Punkte und 11,0 Rebounds und war damit einer von nur fünf Spielern, die mindestens 14 Punkte und 11 Rebounds im Schnitt erreichten. Die anderen vier Spieler auf dieser Liste waren Kevin Love, Dwight Howard, DeMarcus Cousins und LaMarcus Aldridge, ein sehr elitärer Kreis.

Rob Hennigan, der General Manager der Orlando Magic, sah diese Entwicklung natürlich mit Freude und setzte alles daran, Vucevics Vertrag vor Ablauf der Extension-Deadline am 31. Oktober 2014 zu verlängern. Am 21. Oktober 2014 war es dann soweit, “Nik“ unterschrieb an diesem Tag eine Vertragsverlängerung über vier Jahre und 54 Millionen Dollar, ein wahrer Discount-Tarif, wie sich nur wenige Wochen später erneut herausstellte.

Die Spielzeit 2014/15 startete für die Magic am 28. Oktober in New Orleans. Im Spiel gegen die Pelicans tat Vucevic alles, um sein Team gegen den stark aufspielenden Anthony Davis im Spiel zu halten. Am Ende verlor Orlando  jedoch mit 84-101. Vucevic überzeugte dennoch mit 15 Punkten, 23 Rebounds (5 offensiv) und 4 Blocks. In den Partien gegen Washington (23 Pts/12 Reb/3 Ast), Toronto (15 Pts/12 Reb/4 Ast) und Chicago (19 Pts/13 Reb/2 Ast) bestätigte er seine bestechende Frühform auf eindrucksvolle Weise.

In den ersten vier Saisonpartien legte Vucevic im Durchschnitt starke 18 Punkte und 15 Rebounds auf. In den kommenden Partien gegen die 76ers und die Timberwolves konnten die Magic Ihre ersten Saisonsiege einfahren. Dies gelang ihnen in den kommenden 13 Partien weitere fünf Mal. Bei der Begegnung gegen den Rivalen aus Miami am 22. November, lieferte Vucevic seine bis dato beste Saisonleistung ab. Im heimischen Amway-Center erreichte er mit 33 Punkten (12-24 FG) eine neue Karrierebestleistung. Zudem griff er sich 17 Rebounds, von denen er starke 11 Boards am offensiven Brett sicherte. Er ist damit einer von nur vier Spielern, die in dieser Saison die magische Grenze von 10 offensiven Rebounds geknackt haben.

Am 2. Dezember kam der Lauf des Montenegriners jedoch völlig unerwartet ins Stocken. Vucevic musste vorerst mit Krämpfen im Rücken an der Seitenlinie Platz nehmen. Laut Aussage der Orlando Magic handelt es sich dabei jedoch um keine ernsthafte Verletzung. Vucevic wird vorerst als Day-to-Day gelistet und könnte bereits am Wochenende sein Comeback in Atlanta geben. Seine Rückkehr wird bei den Magic sehnlichst erwartet. Zwar schlugen sich seine Back-ups Kyle O’Quinn und Dewayne Dedmon recht passabel, doch brauchte es schon fast die Leistung beider zusammen, um einen Vucevic adäquat zu ersetzen. Mit seiner Rückkehr können O’Quinn und Dedmon nun wieder Ihre gewohnte Rolle im Team einnehmen, ohne dabei die tägliche To-Do-Liste von 18 Punkten und 12 Rebounds abzuarbeiten.

Vucevics Entwicklung ist trotz des Ausfalls äußerst beeindruckend. Bisher steigerte er sein Player Efficiency Rating in jeder Saison und liegt aktuell bei einem Wert von 20,2. Mit 18,6 Punkten, 11,7 Rebounds, 2,0 Assists und 1,1 Blocks bei einer Trefferquote von 50,7 % verzeichnet der derzeit fünftbeste Rebounder der Liga in fast allen relevanten Statistikkategorien Karrierebestleistungen. Die Usage Rate von 25,9 % zeigt klar, dass Vucevic in der Offensive mehr Verantwortung übernehmen soll. Der Center verliert jedoch noch zu oft das Spielgerät um mehr aus dem ihm entgegengebrachten Vertrauen zu machen. Ein Grund dafür ist sicher auch seine neue Rolle als Passgeber. Mit seinen 2,0 Assists pro Spiel und einer Assist Rate von 10,5% gehört Vucevic  zu den besseren Ballverteilern auf der Fünf. Von derzeit nur fünf Spielern, die durchschnittlich mindestens 18 Punkte und 11 Rebounds auflegen, ist er der drittbeste Passgeber.

Ob Nikola Vucevic sein aktuelles Leistungsniveau halten kann, bleibt abzuwarten. Die letzten Jahre haben jedoch gezeigt: Vucevic wird immer besser! Einen Leistungseinbruch ist also unwahrscheinlich. Vielmehr kann man davon ausgehen, dass der Center der Magic seine Turnoverprobleme in den Griff bekommen und somit im Angriff noch effektiver agieren wird. Dass er dabei auch vermehrt seine Mitspieler in Szene setzen kann, gibt den Magic eine weitere wichtige Option in der Offensive.

Doc Rivers, der Coach der Los Angeles Clippers, bezeichnete Vucevic kürzlich als den besten Spieler der Liga, der unter dem Radar der breiten Öffentlichkeit fliegt. Rob Hennigan kann sich also zurücklehnen und seinen Bargain-Vertrag einrahmen. Einen Spieler, der derartige Leistungen bringt, für elf Millionen Dollar im Jahr im Kader zu halten, beruhigt doch ungemein und verschafft den Magic Planungssicherheit. Bei den 76ers ärgern sie sich sicher immer noch, denn spätestens jetzt sind auch sie schlauer.