10 Dezember 2014

10. Dezember, 2014   |  Güven Taş  @GuvenTas


Neunfacher Olympiasieger, 24-mal Weltmeister, jahrzehntelange Dominanz. Eishockey gehört zu Kanada, wie Ahornsirup auf Pfannkuchen. Im Mutterland des knallharten Sports werden Athleten wie Wayne Gretzky, Mark Messier oder der unsterbliche Gordie Howe verehrt wie Götter.
Neugeborene schnappen bereits im Kreissaal nach Allem, was einem Hockeyschläger ähnelt. Im Brutkasten übt der Nachwuchs gezielte Bodychecks an der Scheibe. Und statt auf dem Schnuller kaut der Junior-Kanadier lieber auf einem Mundschutz herum.

Zugegeben, ganz so radikal geht’s bei den netten Nachbarn aus dem Norden nicht zu: Bodychecks sind erst ab dem Kindergarten erlaubt. Und wie es nun mal so ist, hat die Jugend von heute nicht den geringsten Respekt vor der guten alten Zeit. Mittlerweile gleicht das Ganze einer Rebellion gegen das einst übermächtige Monopol der Eis-Krieger. Der Schläger bleibt im Schrank, die Schlittschuhe werden gegen Sneakers getauscht und statt mit dem Puck, dribbeln die Kids lieber auf dem orangenen Leder herum. Zwei Tatsachen stechen aus dem Trend der letzten Jahre hervor: Basketball ist in Kanada megahip! Und Cleveland ist der Sitz des kanadischen Geheimdienstes!

Der seltsame Typ aus dem Norden
Der NBA-Draft 1996, einer der besten aller Zeiten. Allen Iverson wird ein Sixer und trainiert sogar, die Charlotte Hornets verscherbeln Kobe Richtung L.A. und alle General Manager ignorieren einen gewissen Ben Wallace. An Nummer 15 sind die Phoenix Suns an der Reihe. GM Bryan Colangelo pickt einen unscheinbaren Point Guard von der kleinen Santa Clara University. Markenzeichen: dämliches Grinsen.

Über den Köpfen der anderen GMs leuchten dicke Fragezeichen auf. Was wollen die Suns denn mit dem Typen? Seine Athletik gleicht der eines fußkranken Mounties, einen Dunking hat er mal im TV gesehen und als Verteidiger brilliert er einzig im Duell gegen sein Spiegelbild. Zu allem Überfluss ist der Kerl auch noch Kanadier!

Was auf dem ersten Blick wie ein PR-Gag der Suns erscheint, markiert den Beginn einer bemerkenswerten Karriere. Steve Nash, Jahrgang 1974, betritt die große NBA-Bühne: es ist der Beginn einer neuen Zeitrechnung in der Sportwelt seiner kalten Heimat.



Bären und Dinosaurier
Ein Jahr zuvor, 1995, war die NBA um zwei Teams erweitert worden, beide aus Kanada: die Vancouver Grizzlies und die Toronto Raptors. Die neue Franchise hatte es von Anfang an nicht leicht in Vancouver. Die Stadt ist fest in der Hand der Canucks-Fans, eine – gelinde gesagt – bekloppte Eishockey-Fangemeinde.

Die Grizzlies verweilen daher nur sechs Jahre in Vancouver, 2001 folgt der Umzug nach Memphis. In dieser Zeit müssen die Bärchen als Prügelknaben der Association herhalten. Für die Fans aus British Columbia werden frustrierende Abende mit Niederlagen am Fließband schnell zur Routine. Die kumulative Bilanz dieser Zeit ist deprimierend: von den insgesamt 460 Spielen gewinnt Vancouvner lediglich 101 (Siegesquote: miserable 22%). Die Playoffs sind nicht einmal mit dem Fernglas zu sehen.



Besser machen es da die Toronto Raptors. Die ersten drei Jahre unter GM-Genie Isiah Thomas verlaufen ähnlich schlecht wie bei den Grizzlies. Nach dem Rücktritt von „Zeke“ 1998 wendet sich das Blatt in Toronto. In der Lockout-Saison 1998/99 (nur 50 Spiele) scheitert die junge Mannschaft noch knapp an den Playoffs. Im Jahr darauf können Sie unter Coach Butch Carter endlich die Endrunde erreichen, die erste von drei konsekutiven Teilnahmen.

Die Saison 2000/01 bleibt lange die erfolgreichste in der Klubgeschichte. Mit einem Vince Carter in der Form seines Lebens ist erst im Conference Halbfinale Endstation, nach sieben hart umkämpften Partien gegen die Philadelphia 76ers (ihrerseits mit einem überragenden Allen Iverson). In diese Periode fallen auch die gemeinsamen zwei Jahre (1998-2000) dieser beiden Highflyer-Cousins: Vincent Lamar Carter und Tracy Lamar McGrady.

Der Mythos „Air Canada“ gibt dem Basketballsport in Toronto und Kanada einen gehörigen Schub an Popularität. Anders als in Vancouver entsteht in der größten Stadt des Landes eine eingeschworene Fanbase. Die Supporter der Dinos gehören heute zu den treuesten und stimmungsvollsten der NBA. Die Franchise ist längst etabliert und hat – Stand Dezember 2014 – einen vielversprechenden jungen Kader, der sich realistische Chancen auf's NBA-Finale ausrechnen darf.

Der NBA-Hippie
"Er war ein großartiger Teamkollege und ist ein großartiger Freund. Deshalb bin ich einfach traurig, ihn so gehen zu sehen." Dirk Nowitzkis Worte über seinen Homie Steve Nash sprechen vielen Basketballfans aus der Seele. Nicht nur der lange Würzburger hätte diesem sympathischen Hippie vom Herzen einen würdigeren Abgang gegönnt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir unseren Stevie nie wieder auf dem NBA-Parkett sehen werden.


Die chronisch gewordenen Rückenbeschwerden machen jede körperliche Anstrengung zur Qual. Bei einem mittlerweile 40-Jährigen, der während seiner 1337 Spiele in der NBA keine Rücksicht auf seinen Körper nahm, eigentlich keine große Überraschung. Ihr denkt, ich übertreibe? Dann seht Euch den toughen Mistkerl mal selbst an.

Bis zur Verletzungsmisere der letzten Jahre war Steve Nash ein genialer Spielmacher. Mit sensationellen Treffer-Quoten und einer unfassbar effizienten Offensive verzauberte er mehr als ein Jahrzehnt lang die gesamte Liga. Zweimal erhielt Nash die MVP-Trophäe als wertvollster Spieler (2005 & 2006), war achtfacher All-Star und wurde drei Mal ins All-NBA First Team gewählt.

Was aber bei Fans und Experten für ungläubiges Staunen sorgte, war seine lange Mitgliedschaft in einem der exklusivsten Clubs der Liga-Historie, dem sogenannten „50-40-90 Club“. Um in diesen erlauchten Kreis der Ausnahmekönner aufgenommen zu werden, muss man mindestens 50% aus dem Feld, 40% von Downtown und 90% von der Linie verwandeln – eine ganze Saison über, wohlgemerkt!

Gerade einmal sechs Spieler gehören bis heute zu dieser elitären Gruppe. Kevin Durant ist der vorerst Letzte, dem solch eine herausragende Saison gelang (2012/13). Außer KD und Nash gehören noch Larry Bird, Mark Price, Reggie Miller und Dirk Nowitzki dazu. Außer Larry Legend (zweimal) haben alle anderen Akteure nur ein einziges Mal dieses Kunststück vollbracht.

Stevie? Vier Mal! Unglaubliche vier Mal absolvierte der Scharfschütze eine ganze Saison mit diesen magischen Zahlen im Stat Sheet, darunter drei Spielzeiten in Folge (2008-2010). Sir Stephen John Nash wurde geboren in der südafrikanischen Metropole Johannesburg. Mutter aus Wales, Vater Engländer. Schon früh verkörpert der fröhliche Junge, der bis zum 12. Lebensjahr viel lieber Fußball und Eishockey spielt, eine weltoffene Philosophie. Mit seinem „Brother from another Mother“ Baron Davis setzt er denkwürdig ein Zeichen gegen Rassismus und Eugenik:

Ohne Steve Nash wäre Basketball in Kanada genau so beliebt wie Frauenfußball in Marokko. Seit vielen Jahren ist er ein allseits beliebter und respektierter Botschafter des Basketballsports und das Idol schlechthin für die Kids in seiner Heimat.

Die Generation, die mit Nash auf dem Bildschirm aufwuchs und seine Heldentaten bejubelte, ist nun selbst in der NBA aktiv. Mittlerweile spielen mehr als ein Dutzend Kanadier in der Association. Ihre Geheimdienst-Zentrale in Cleveland hat ganze Arbeit geleistet: Kanada plant die große Invasion!

Zu Teil II geht's hier lang...