03 Dezember 2014

3. Dezember, 2014   |  Chris Schmidt  @ChrisSchmidt27


Wie Sebastian Seidel in seinem ausführlichen Artikel bereits feststellte, ist der Dreipunktwurf zu einem der wichtigsten Instrumente fast aller NBA-Teams geworden. Seit der Einführung der Dreierlinie 1979 stieg das Wurfvolumen konstant an. Mittlerweile halten sogar viele den Mitteldistanzwurf für unbrauchbar und gehen lieber zwei Schritte zurück, um von Downtown abzudrücken. Die Rockets spielen dies mittlerweile bis zur Perfektion, sodass bislang 43 Prozent ihrer Würfe von jenseits der 7,24m-Linie kamen. Doch noch nicht alle Teams schenken dem Dreipunktwurf so großes Vertrauen und spielen trotzdem erfolgreichen Basketball. Wie ist das möglich?

Das allerbeste Beispiel dafür sind die Memphis Grizzlies. Mit einer Bilanz von 15 Siegen und lediglich zwei Niederlagen führen sie die Western Conference an. Center Marc Gasol spielt auf MVP-Niveau, aber auch seine Teamkollegen machen einen hervorragenden Job. So stellen die Grizzlies derzeit die siebtbeste Offense (Offensive-Rating: 109.82) und die viertbeste Defense (Defensive-Rating: 101.18) der Liga. Besonders die Offense ist hierbei hervorzuheben, weil diese sich doch von den anderen Top-Teams unterscheidet. 

Denn während die Rockets fröhlich Dreier ballern, wenn sie nicht gerade direkt am Ring abschließen können, vertrauen die Grizzlies auf den Midrange-Jumper. So nehmen die Jungs von Dave Joerger nur 18.4 Prozent ihrer Würfe von Downtown (Liga-Durchschnitt: 26,4%), womit sie im ligaweiten Vergleich Rang 28 belegen. Nur die Kings und Wolves drücken noch seltener von „beyond the arc“ ab. Ganz anders dagegen verhält es sich bei den Würfen, die zwei Punkte zur Folge haben. Von 3-10 Fuß probieren es die Grizzlies in 20.9 Prozent der Fälle (NBA: Rang 3) und 12.3 Prozent ihrer Würfe kommen von 10-16 Fuß entfernt (NBA: Rang 5). 

Dieses System ist der Kaderzusammenstellung geschuldet. Wenn man diesen Roster genauer betrachtet, fällt auf, dass kaum potenzielle Distanzschützen vorhanden sind, sondern das das Spiel viel eher in den Low-Post verlagert wird. Denn die beiden Spieler, die das Team in USG% anführen (25,6 bzw. 24,6) sind die Big Men Marc Gasol und Zach Randolph, deren Reichweite ist auf die Korbnähe und die Mitteldistanz beschränkt. So nimmt Z-Bo über drei Viertel seiner Würfe nicht weiter als 10 Fuß vom Korb entfernt und trifft die meisten hochprozentig. Mit so einer verlässlichen Option lässt sich das ausgleichen, was beim Dreipunktwerfen verloren geht.



Doch natürlich kommen die Grizzlies auch nicht ohne den Wurf von Downtown aus. Sie haben wenige Schützen und werfen ihn deshalb selten, dafür treffen sie ihn aber in dieser Saison gut. So nehmen die Grizzlies beispielweise die siebtmeisten Dreier aus der Ecke, was bekanntlich der einfachste Dreier sein soll. Besonders die beiden Schützen Courtney Lee und Quincy Pondexter sind darauf spezialisiert. Lee nimmt 36,2 Prozent seiner Dreipunktwürfe aus der Ecke und in 47,1 Prozent der Fälle findet der Spalding dann auch den Weg durch die Reuse. Ähnlich verhält es sich bei Pondexter, der 40 Prozent seiner Dreier aus der Ecke wirft und immerhin 38,9 Prozent trifft. 

Im Zuge dieser Beobachtungen wollte ich vor einiger Zeit wissen, wie sehr einzelne NBA-Teams von ihren Dreipunktschützen abhängig sind. Ich filterte also aus jedem Team die drei Schützen raus, die am häufigsten von jenseits der Dreierlinie abdrückten. Danach errechnete ich, wieviel Prozent dies von allen Dreiern, die das Team wirft, ausmacht. 

Von den Würfen der Grizzlies, die zu diesem Zeitpunkt 170 Dreier geworfen hatten, gingen 62,9 Prozent auf die Kappe von Vince Carter, Mike Conley und Courtney Lee. Dies macht zwar somit viel aus, da das Spiel von Memphis aber eh nicht so auf dem Dreier beruht, bricht die Mannschaft nicht ein, wenn Carter oder Conley mal einen schlechten Tag von Downtown erwischen. 

Ganz anders ist es da bei den Golden State Warriors oder Portland Trail Blazers. Beide Teams werfen viele Dreier pro Spiel (Golden State: 30,8 Prozent der Gesamtwürfe (5.); Portland: 30,3 Prozent der Würfe (7.)), die dazu auf ganz wenige Schultern verteilt sind, wie sich aus der Tabelle ableiten lässt. In Golden State gehören diese Schultern Stephen Curry und Klay Thompson, in Oregon ballern hauptsächlich Damian Lillard und Wesley Matthews von Downtown. Sollten diese Akteure mal ein schlechtes Händchen erwischen, kann es für das ganze Team ein rabenschwarzer Abend werden, da diese Teams den Dreipunktwurf als eines der wichtigsten Elemente im Spiel ansehen.

Doch was bedeutet dies nun für die Grizzlies und die weitere Entwicklung der Dreipunktwürfe? Werden jetzt mehr Schützen gebraucht oder liegt der Schlüssel eher in der Mitteldistanz?
Zum Glück lässt sich diese Frage nicht so einfach beantworten. Klar ist, dass immer mehr Dreier geworfen werden, da diese einen Punkt mehr geben, als ein Wurf der zwei Meter näher am Korb abgeworfen wird. 

Sicher ist auch, dass die Abschlüsse in direkter Ringnähe immer noch die hochprozentigsten sind und diese weiterhin gesucht werden. Fraglich ist nur, inwieweit heutzutage junge Spieler ausgebildet werden, Mitteldistanzwürfe zu treffen. „Früher“ gehörte der Midrange-Jumper zum festen Arsenal eines Power Fowards á la Dirk Nowitzki, LaMarcus Aldridge, Chris Bosh oder Zach Randolph. Der Vierer sollte dem Center unter dem Korb nicht den Weg versperren und so mehr Spacing generieren. 

Durch die Dreipunktlinie und deren wachsende Bedeutung konnten Teams aber mit einem Vierer, der auch von Außen abdrücken konnte, das Spiel noch breiter machen. Das beste Beispiel aus den letzten Jahren ist sicherlich Chris Bosh. Während er in seiner Zeit in Toronto noch sehr Nah- und Mitteldistanzorientiert war (Höchstwert: 0,2 Dreier pro Spiel), drückt er mittlerweile 3,8 Mal pro Partie von „beyond the arc“ ab.  

Es ist zu erwarten, dass auch noch andere Big Men diese Metamorphose durchlaufen und der Dreipunktwurf dadurch noch mehr an Bedeutung gewinnt. Doch es bleibt gleichzeitig auch zu hoffen, dass es immer Spieler wie Zach Randolph geben wird, die an diesen älteren Modellen festhalten und die damit die gesamte Bandbreite des Offensivbasketballs am Leben erhalten. 

Denn genau das macht die NBA so spannend. (Fast) jedes Jahr müssen die Teams neu zusammengestellt werden. Neue Spieler kommen hinzu, andere verlassen das Team. Der General Manager und der Coaching Staff haben die Aufgabe, aus den vorhandenen Teilen dann ein funktionierendes System zu machen. Dazu muss man sich der Stärken und der Möglichkeiten der einzelnen Spieler bewusst sein. Wenn die besten Spieler dabei Big Men sind, die in Ringnähe am verlässlichsten agieren, muss ich das Spiel dort auf sie zuschneiden. Es müssen Sets entstehen, die sie in eine gute Post-Position bringen, damit sie dann hochprozentig abschließen können. Denn darum geht es eigentlich: hochprozentig treffen. Jeder möchte so viele Würfe wie möglich im gegnerischen Korb versenken. Ob dieses Ziel nun über Dreipunktversuche oder über Turnaround-Jumpshots erreicht wird, ist letztendlich egal. Es gilt noch immer das uralte Sprichwort: Wer trifft, hat Recht!


Heatmap via nbasavant.com