28 Dezember 2014

28. Oktober, 2014   |  Axel Babst  @CoachBabst


Indianapolis ist das Ziel der Begierde. Dort möchten die Studentenmannschaften in dieser Saison am Ende der Saison 2014/15 beim Final Four anzutreffen sein. Doch wieder einmal wird es für die über 350 Teams ein steiniger Weg, sich für das Finalwochenende zu qualifizieren. Dabei beginnt die Reise nicht erst beim ersten Saisonspiel oder der ersten Trainingseinheit in der Vorbereitung. Nein, meist gehen einem tiefen Run im NCAA Tournament jahrelange Planung und akribische Arbeit abseits des Feldes voraus. Besonders zwei Themenfelder beschäftigen dabei die Übungsleiter:  Zum einen die Wahl des eigenen Spielstils; zum anderen die Anwerbung des passenden Spielermaterials. Aufgrund der hohen Interdependenz dieser beiden Erfolgsbausteine, müssen die Zahnräder perfekt ineinander übergreifen. 

Für den geneigten Basketballfan scheint es ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, bei derart vielen Teams den Überblick zu behalten und zu verstehen, wie das System funktioniert. Wahrscheinlich schafft das niemand so richtig, außer ein paar Coaches, die wegen dieses Monopols an Wissen so erfolgreich sind. Auch ich maße mich nicht an, das System vollständig durchblickt zu haben. Aber in den letzten Jahren ließen sich Trends erkennen, die eine Analyse der Erfolgsteams vergangener Jahre ermöglichen sollten. Im ersten Teil meiner Analyse soll es vorerst um die Möglichkeiten der Coaches gehen, sich die vermeintlich besten verfügbaren Spieler zu angeln.

Grundlegende Voraussetzungen
Für alle Collegeteams, deren Spieler und Coaches gibt es grundlegende Vorgaben, was die Vergabe von Stipendien und den Ablauf des Recruiting Prozesses angeht. Jedes Team darf maximal 13 Scholarships vergeben. Einige Universitäten haben zusätzlich noch eigene Restriktionen aufgrund von konfessionellen oder akademischen Eigenansprüchen. Neben der Anzahl der zu vergebenen  Kaderplätze bilden die Regeln des Recruiting eine zweite entscheidende Komponente. Es ist genau festgelegt, wann Coaches Kontakt zu möglichen Kandidaten aufnehmen dürfen, in welcher Form dies geschehen darf und wann der Spieler dem Campus einen offiziellen Besuch abstatten darf, um sich ein genaues Bild von den örtlichen Gegebenheiten (z.B. den Trainingsbedingungen) zu machen. Hat der Spieler eine Wahl getroffen, kann er dies erst zu den Signing Periods besiegeln, auch wenn er es vielleicht vorher schon publik gemacht hat. Doch selbst eine solche schriftliche Zusage ist keinesfalls eine Garantie dafür, dass der Spieler auch letzten Endes das Trikot des jeweiligen Teams überstreift.

Recruiting
Seit es Highschool Spielern verboten ist, direkt in die NBA zu wechseln, kam zudem der Trend der „1-and-Done“ Athleten auf. Bereits vorher wurde viel Aufhebens um die Teenager gemacht, damit sich diese dem eigenen Team anschließen würden. Doch mittlerweile ist der Wettbewerb um die Talente größer denn je. Immer häufiger rückt das Geschäft in den Vordergrund und es geht für alle Beteiligten darum, sich selbst richtig zu vermarkten. Das College möchte das Image als Anlaufstelle für Überflieger gewinnen, der Spieler die bestmögliche Plattform zur Darbietung seiner Künste finden und im Hintergrund sind viele Berater, Agenten und Unternehmensvertreter darauf bedacht, sich möglichst schnell die Dienste des jungen Athleten zu sichern. Daraus ergeben sich für den Athleten sehr oft schwierige Dilemma Situationen.

Kürzlich geschehen im Falle von Antonio Blakeney, der im September Louisville seine Zusage für die Saison 2015/16 gab, nur um wenige Tage später wieder zurück zu ziehen. Zwar ist das im ersten Moment nicht ungewöhnlich für einen Teenager, der eine so wichtige Entscheidung treffen muss. Allerdings waren in diesem Fall auch seine Kontakte zu Nike einem Engagement beim adidas gesponserten Louisvillle hinderlich. Das verdeutlicht, wie sehr große Sportmarken bereits früh versuchen, sich das nächste Gesicht einer großen Werbekampagne unter den Nagel zu reißen. Ihr Einfluss im Hintergrund ist beträchtlich und sollte immer im Hinterkopf behalten werden, wenn man die Entscheidungen der Highschool Abgänger bezüglich ihrer neuen sportlichen Heimat betrachtet.

Darüber hinaus spielen auch AAU Coaches eine zentrale Rolle im Recruiting Prozedere. Diese touren im Sommer mit den größten Highschool Talenten des Landes durch die Gegend und spielen Turniere. Diese sind für Trainergespanne der College Mannschaften wesentlich interessanter, als herkömmliche Highschool Spiele, da sie auf einen Schlag gleich mehrere Talente zu sehen bekommen. Zudem müssen sich die NCAA Trainer in dieser Zeit nicht um ihre eigenen Teams kümmern, sondern können sich einen persönlichen Eindruck verschaffen. Diesen lassen sie sich dann gerne von den AAU Coaches bestätigen, die die Spieler schon länger kennen. Zudem haben die Nachwuchscoaches einen besseren Blickwinkel auf den Leistungsstand der Youngster, gerade in Relation zu anderen Spielern des Jahrgangs.

Topspieler
Um die Topspieler eines jeden Jahrgangs zanken sich fast immer die gleichen Verdächtigen. Ganz vorne dabei sind in der Regel Kentucky, Duke, Kansas, Arizona und North Carolina. Aber auch andere Programme mischen im Rennen um die Toptalente mit. Dabei werden alle Register gezogen und jeder Coach versucht persönlich, eine möglichst enge Beziehung zum Spieler und dessen Familie aufzubauen. In vielen Fällen gibt es zudem einen Assistant Coach im Trainerstab, der sich explizit um die Talente und ihre Fragen und Wünsche kümmert. Bei den Besuchen der Talente auf dem eigenen Campus präsentieren sich die Colleges von ihrer besten Seite und legen die Termine möglichst geschickt, um andere Großveranstaltungen, die zur gleichen Zeit stattfinden, herum. So ist die Midnight Madness, mit der die Programme ihre Saison eröffnen und dabei die Geschichte ihre Universität groß inszenieren, ein sehr beliebter Zeitpunkt, um Talente einzuladen. Doch es geht den Highschoolern nicht unbedingt um eine großartige Historie oder schmeichelhafte Umwerbungen, sondern sie suchen den perfekten Standort, um schnellstmöglich in der NBA zu landen. Das Freshman Jahr am College soll daher nur als Sprungbrett gelten.

Das hat John Calipari, Kentuckys Coach, verstanden wie kein Zweiter. Er tut alles dafür, dass bei ihm die größten Talente landen. Von einem starren System ist er längst abgekehrt, bietet seinen Spielern viele Freiräume, sodass die meist sehr starken Individualisten ihr Können ohne Einschränkungen demonstrieren dürfen. Zudem versteht es Calipari sehr gut, die mediale Aufmerksamkeit auf sich und seine Youngster zu lenken. Ein gutes Beispiel hierfür sind die Monate vor dem diesjährigen Saisonbeginn. Nachdem die Experten sich zu Beginn der langen Offseason kaum über die Tiefe des Kaders einkriegen konnten, ging dieser Diskussion irgendwann die Luft aus. Calipari sorgte wiederum für Wirbel mit seiner Ansage, mögliche Rotationsprobleme mit einem Platoon System, also zwei autonome Fünfer-Lineups, aus dem Weg gehen zu wollen. Eine eher ungewöhnliche Wechselstrategie, die man zumeist aus niederen Leistungsstufen kennt. Damit waren seine Talente in den Medien präsent.

Als auch dieses Thema bis zur Erschöpfung ausgedehnt worden war, aber bis zum ersten Spiel noch einige Tage zu überbrücken waren, kündigte Coach Cal an, künftig eine eigene kleine Draft Combine Veranstaltung durchführen zu wollen, bei der sich die Späher der NBA Teams einen exklusiven Überblick über die eigenen Talente verschaffen könnten. Diese beiden Beispiele sollen illustrieren, wie wichtig die richtige Vermarktung junger Talente mittlerweile ist. Auf den ambitionierten Nachwuchsathleten lastet meist der Druck der richtigen Entscheidung auf den Schultern. Ein falscher Entschluss kann die Karriere beträchtlich zurückwerfen. Die Furcht vor solchen Fehlern führt dazu, dass Talente immer häufiger den sicheren Weg wählen und sich einer Gruppe weiterer Talente auf ihrem Weg zu einer renommierten Universität folgen. 



Die Alternativmethoden
Da sich die wenigen hochtalentierten Highschool Abgänger meist nur auf eine Hand voll Universitäten verteilen, müssen alle anderen Hochschulen sich andere Mittel und Wege überlegen, um eine schlagkräftige Freshman Truppe zu sichern. Viele setzen hier auch weiterhin auf den regionalen Aspekt. Denn immerhin sind die meisten Frischlinge das erste Mal für einen längeren Zeitraum fern ihrer Heimat, sodass es die Eingewöhnung erleichtert, wenn sie wissen, dass Familie und Freunde erreichbar sind. Die Familie steht auch bei einer anderen Methode im Mittelpunkt, die momentan zwei halbwegs prominente Vertreter aufweisen kann. Oregon State und Memphis stellten den Vater der ins Auge gefassten Talente als Assistenztrainer an, um sich so vorzeitig die Zusage der Junioren zu sichern. Im Fall von Memphis, die Keelon Lawson einen Posten im Trainerteam verschafften, werden nun in den nächsten Jahren aller Voraussicht nach gleich drei sehr talentierte Spieler die Sneaker für ihren Vater in Memphis schnüren.

Die Legionäre
Eine weitere Möglichkeit, die in den letzten Jahren deutlich an Popularität gewann, große Talente an Land zu ziehen, ist das Rekrutieren von internationalen Spielern. Paradebeispiel hierfür sind die Gonzaga Bulldogs. Mark Few und sein Trainerstab haben ausgezeichnete Kontakte nach Europa und durch die räumliche Nähe auch nach Kanada. Diese guten Beziehungen bescherten den Bulldogs viele erstklassige Spieler, die sie in diesem Format unter den Abgängern amerikanischer Highschools kaum bekommen hätten. So stehen momentan mit Przemek Karnowski und Domantas Sabonis gleich zwei europäische Talente im Kader, die nun die Bretter der NCAA dominieren. Sabonis schlug sogar ein hochdotiertes Vertragsangebot von Malaga aus, um sich seinen Amateurstatus aufrecht zu erhalten. Zusätzlich befinden sich auch dieses Jahr wieder zwei Kanadier im Kader, die ihrerseits für ordentliche Furore sorgen. Mit Kevin Pangos und Kyle Wiltjer sind die beiden Anführer des Teams Kanadier. Aber dieser Trend beschränkt sich nicht nur auf solide Teams aus eher kleineren Conferences. In der letzten Saison sahnten jeweils Kanadier den „Player oft he Year“ Award in 2 der drei bedeutendsten Conferences ab: Nik Stauskas in der Big Ten und Melvin Ejim in der Big 12. Jüngst machte der österreichische Freshman Center Jakob Pöltl auf sich aufmerksam, wodurch sich nicht nur sein Draftwert beträchtlich erhöhte, sondern er auch die Defense seiner Utah Utes derart verbesserte, dass sie nun als Geheimtipp auf einen tiefen Run im Tournament gelten. Kanadier und Europäer stellen also durchaus eine probate Alternative zu den amerikanischen Highschool Talenten dar und bieten somit auch Teams Erfolgschancen, die ansonsten kein Wort um Conference Siege oder gar Championships mitreden würden.

Transfers
Eine zusätzliche Möglichkeit für Coaches ihren Kader aufzupolieren, stellt der Transfer von Spielern dar. Während der vier Jahre am College passiert es immer wieder, dass sich die Gegebenheiten für einen Spieler ändern. Der Coach, mit dem er sich so gut verstand, wird entlassen, eine Verletzung kommt dazwischen oder die Collegewahl war einfach voreilig gewesen. Andererseits kann auch der Trainer oder das College einen triftigen Grund haben, den Spieler vom Campus zu werfen. Der Spieler kann bzw. muss in diesen Fällen die Universität wechseln, hat dann aber in der Regel ein Jahr aus zu setzen, wie es die NCAA Statuten verlangen. Doch das nehmen immer Studenten bereitwillig in Kauf, um ihre Ausgangslage marginal zu verbessern. Zumindest erhoffen sich viele eine entsprechende Wirkung. Zudem besteht auch immer die Möglichkeit mit einer Ausnahmeregelung (Waiver) sofort von der NCAA eine Spielerlaubnis zu erhalten. Diese ist eigentlich nur für Sonderfälle gedacht, wie der Name schon sagt. Doch in den letzten Jahren erteilte die NCAA in immer mehr Fällen direkte Spielerlaubnis. Das eröffnete Tür und Tor für eine Transferwelle im vergangenen Sommer. Mehr als 700 Spieler wechselten innerhalb der Division I ihr Team. 

Doch warum fahren manche Colleges besser damit, Transfers an Land zu ziehen, statt selber talentierte Youngster zu rekrutieren? Der Vorteil, den die wechselnden Akteure mitbringen liegt in ihrem deutlichen höheren Erfahrungsschatz. Sie sind sowohl mental, als auch spielerisch wesentlich weiter, als blutjunge Freshmen. Das bedeutet für den neuen Trainer, dass er von Beginn an mehr von seinem neuen Spieler erwarten und ihn dementsprechend fordern kann. Allerdings geht dieser auch ein gewisses Risiko ein, wenn der Spieler beispielsweise unfreiwillig seine alte Wirkungsstätte aufgrund eines Fehltritts verlassen musste.  Den größten Erfolg mit Transferverpflichtung verzeichnete in den letzten Jahren Fred Hoiberg, Trainer der Iowa State Cyclones. Seine Go-to-Guys der vergangenen Jahre waren zum Großteil erfahrene Spieler, die zuvor bereits für ein anderes College Team auf Korbjagd gegangen waren. Hoiberg war aber auch auf diese Spieler angewiesen, da er erfahrene und routinierte Akteure brauchte. Denn für die typischen Freshman Fehler ist in seinem System kein Platz.

Besonders zwei Transfertypen tun es den Trainern der NCAA besonders an. Die eine Gruppe sind die vormaligen Junior College Spieler. Diese verbringen ihre ersten zwei Jahre (meistens sind es zumindest zwei) an einem Junior College, wo sie sich mit guten Leistungen für ein Stipendium über zwei weitere Jahre auszeichnen wollen. Allerdings haben die meisten dieser Akteure eine Vorgeschichte, die viele Trainer abschreckt. So handelt es sich meist um sehr talentierte Spieler, die bereits als Schüler schon sehr begehrt und von Colleges umworben wurden, sich dann aber entweder akademisch nicht für ein Stipendium qualifizieren konnten oder durch Undiszipliniertheiten auffielen.  Doch in vielen Fällen bewirken die zwei Jahre Überbrückungszeit Wunderdinge in Sachen Reifeprozess und so können sie anschließend als Junior in der Division I auf Anhieb Stützen eines guten Teams sein. Der Vorteil ist zudem, dass sie sofort auflaufen dürfen und nicht ein weiteres Jahr auszusetzen brauchen. 

Die zweite Gruppierung besonderer Transfers sind die Graduate Seniors. Sie haben bereits innerhalb der ersten drei Jahre am College ihren Abschluss machen können, dürfen nun aber für eine vierte Saison weiterhin als „Student Athletes“ in der NCAA spielen. Ihnen steht dabei frei, ob sie dies weiterhin für ihr altes Team tun wollen oder sich lieber einem ambitionierten Team anschließen, um sich entweder für den Draft im Folgejahr zu präsentieren oder um den Titel mitzuspielen. Aufgrund ihrer Erfahrung und ihr schnellen Verfügbarkeit sind sie gerade bei Colleges mit jungen, ambitionierten Teams sehr begehrt. Auch der letztjährige Champ bediente sich dieser Opportunität und sicherte sich die Dienste von Lasan Kromah. Auch wenn er im Tournament Verlauf eher eine hintergründige Rolle spielte und im Schatten der Stars verschwand, so war er während der Saison eine der wenigen Konstanten im Spiel der Huskies.

Unterm Strich
College Coaches haben viele Möglichkeiten über Kontakte, Talentscouting und intensive Anwerbung Spieler für die eigene Universität zu gewinnen. Auch wenn der traditionelle Weg zum Erfolg immer noch über das Recruiting verläuft, so gibt es doch vermehrt Indizien, dass auch nicht so hoch gehandelte Spieler, die unkonventionelle Wege gehen, in der Lage sind, einem Team auf höchstem Niveau unter die Arme zu greifen. Bekanntestes Beispiel hierfür aus den letzten Jahren ist Luke Hancock, der von der George Mason University nach Louisville wechselte und in seinem ersten Jahr dort direkt zum MOP des Final Fours gekürt wurde. Bislang ist dies jedoch noch ein Einzelfall.