04 Dezember 2014

4. Dezember, 2014   |  Philipp Rück & Philipp Landsgesell @76ersDrJ  @Phillyland


Herzlich Willkommen zur ersten Ausgabe von Give & Go, dem Talk über die großartigste Franchise der NBA - Philadelphia 76ers. Philipp Landsgesell und Philipp Rück werden sich in mehr oder wenigen regelmäßigen Abständen über aktuelle Themen rund um die Organisation aus der Stadt der brüderlichen Liebe unterhalten. Aber: anstatt eines weiteren Podcasts in den Weiten des World Wide Web gibt's Give & Go in guter, alter, schriftlicher Form:


Philipp Rück:
Ich hab da mal zwei Zahlen für dich: 105,2 und 20. Hast du eine Ahnung, welche Zahlen das sind bzw. wo man sie einordnen kann?

Philipp Landsgesell:
Ich muss zugeben: ich musste kurz nachdenken. Die 105,2 dürfte bestimmt die Punkteanzahl sein, die die Sixers auf 100 Angriffe hochgerechnet bekommen, oder? Mit der 20 kann ich nichts anfangen. Sind das etwa die „überragenden“ Assist-Zahlen? Klär mich bitte auf.

Rück:
Vollkommen richtig, die erste Zahl ist das Defensivrating "unserer" Jungs, was gleichbedeutend mit Platz 20 in der Liga ist (Stand: 28.11.). Angesichts dessen, dass manche Experten in Philly schon das schlechteste Team aller Zeiten gesehen haben, finde ich das durchaus beachtlich. Die Sixers stehen sogar noch vor den Pellies (mit Asik und Davis), Celtics (Smart, Bradley, Rondo), Charlotte oder Miami. Womöglich ist die Offensive historisch mies, am hinteren Ende des Courts trifft dies aber bei weitem nicht zu. Vieles davon hat mit Noel zu tun. Deine ersten Eindrücke zum Saisonstart des Teams und Noel im Speziellen?

Landsgesell:
Noel ist natürlich vollkommen roh, man erkennt, dass er sich in allen Facetten noch verbessern muss. Auch, dass er nach seinem Kreuzbandriss und über einem Jahr Pause athletisch noch nicht auf dem Niveau ist, auf dem er sein kann. Das ist aber völlig verständlich. Auch in der Offensive läuft noch wenig zusammen und er ist meist nur der Müllverwerter der Offensive. Über seinen Wurf müssen wir leider überhaupt nicht reden. Doch seine Anlagen sind vielversprechend, vor allem in der Defensive. Er deutet immer wieder an, dass er der defensive Anker der Sixers sein kann. Die Zahlen unterliegen Schwankungen, aber das ist, vor allem bei einem Rookie, absolut im Rahmen. Du hast dich ja letztens ausführlich mit Noel auseinander gesetzt. Wie denkst du über ihn? Vor allem: kann er neben einem Joel Embiid spielen, wenn der wieder fit ist? Allgemein ist der Saisonstart natürlich statistisch miserabel, aber es gab bisher kaum Spiele, bei denen das Team komplett chancenlos war. Auch wenn die Sixers stinken, schaue ich sie mir gerne an. Ist Tony Wroten ein Bestandteil der Sixers-Zukunft?

Rück:
Kurz zu Noel: Die Paarung von ihm und Embiid ist keine, die sich leicht kombinieren lässt. Es gibt kaum Teams in der Liga, die mit zwei klassischen Big Men effiziente Offensiven laufen. Eigentlich fallen mir sogar nur die L.A. Clippers und San Antonio ein. Grundsätzlich müsste Brown hier zeigen, was er auf dem Kasten hat. Er muss qua System die Offensive effizient gestalten, also durch clevere Spielzüge und viel off-the-Ball-Bewegung sowie Spacing von den drei anderen Mitspielern. Dabei sehe ich dann eher Typen wie Carter-Williams als Hindernis. Es ist insgesamt jetzt noch zu früh, um zu evaluieren, wie gut Noels Wurf mal sein wird, aber ich persönlich glaube nicht, dass er je effizient aus der Midrange werfen kann.

Was die Zukunft von Wroten im Roster angeht: ich hoffe es sehr. Tony ist einer meiner Lieblinge im Team, er macht einfach unheimlich Spaß. Ich habe sowieso ein Herz für die High-Energy-Jungs vom Schlage Faried, Westbrook etc. Wroten spielt mit solch unbändigem Einsatz und paart diesen mit spektakulärem Spiel. Vor allem seine Abschlüsse direkt am Ring zeugen von viel Kreativität und Finesse. Mittlerweile glaube ich auch an seine Zukunft in blau-weiß-rot. Seine größte Schwäche ist seine Turnoveranfälligkeit, die aber seiner Jugend und mangelnden Reife geschuldet ist. Er ist zwei Jahre jünger als MCW! Seinen Wurf hat er bereits verbessert und wenn er weiter so hart an sich arbeitet wie im letzten Sommer, dann wird er ein immer kompletterer Spieler. Man darf nicht vergessen: er spielt bereits sehr modern und hat überragende Anlagen. Er gehört zur Ligaspitze, was Wurfversuche am Ring betrifft und verzichtet auf Midrange-Abschlüsse. Wenn er wirft, dann nimmt er Dreier. Es gefällt mir, dass er den „Hinkie-Ball“ (bzw. Morey-Ball), also Dreier, Layups und Freiwürfe, bereits so verinnerlicht hat. Siehst du das anders? Und apropos: Welcher der jetzigen Spieler hat deiner Meinung nach Chancen, langfristig zu den Plänen zu gehören?

Landsgesell:
Sehe es sehr ähnlich wie du, obwohl seine Turnover teilweise echt zum Verzweifeln sind. Doch ich schätze seine Einstellung und Intensität, die ich mir von mehreren Akteuren im Team wünschen würde. Also neben den sicheren Carter-Williams, Noel, Wroten und Embiid ist für mich eigentlich nur K.J McDaniels interessant. Seine enorm gute Athletik, mit teilweise überragenden Blocks, der gute Dreipunktewurf, und die Fähigkeit, gegnerische Flügelspieler effektiv verteidigen zu können, sind ligaweit gefragte Qualitäten. Für mich bis jetzt ganz klar der Steal in der zweiten Runde.  Ansonsten sehe ich bis dato keinen Spieler, der es verdient, langfristig eine Rolle zu spielen. Mit Abstrichen eventuell ein Hollis Thompson, der mal als Spot-Up Shooter helfen kann. Momentan geht er aber in der schlechten Offense der Sixers unter und muss sich zu oft seinen eigenen Wurf kreieren, womit er hoffnungslos überfordert ist. Bei welchem Sixer kann ich mir sonst noch Hoffnungen machen?


Rück:
Grundsätzlich stimme ich dir bei den aufgezählten zu. Das mit Thompson hast du schön analysiert. Er kann wohl nie mehr als ein Spot-Up-Shooter sein, dessen Würfe assistiert werden müssen. Das geschieht bislang noch viel zu wenig. Sollten diese Probleme aber überwunden sein und er wieder gut von Downtown treffen, wird er auch Teil der Zukunft sein. Three-and-D-Spieler kann man nie genug haben. Bislang ist er aber aufgrund seiner schwachen Quoten (35,7% Dreier, 61% Freiwürfe) die größte Sixers-Enttäuschung.

Ich glaube, Henry Sims kann sich als Back-Up-Big auch Hoffnungen auf einen langfristigen Verbleib machen, wenn auch nur als achter oder neunter Spieler der Rotation. Bei Jerami Grant muss man überhaupt mal sein erstes Spiel abwarten. Wenn Robert Covington genauso eine Entwicklung nimmt wie Isaiah Canaan, die ja beide beim D-League-Team der Rockets gezockt haben, dann ist er als zusätzlicher Rollenspieler, der für wichtiges Spacing sorgen kann, durchaus auch eine Alternative für die Zukunft. Shved, Davies, Sampson, Richardson, Gordon und Mbah a Moute spielen maximal noch zwei Jahre in der Nähe der Freiheitsglocke. Ich möchte mal noch deine Meinung zu einem anderen Thema lesen: Wie stehst du dem Rebuild gegenüber? Findest du die grundsätzliche Ausrichtung gut? Wenn ja, auch in dieser krassen Art und Weise?

Landsgesell:
Waaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaas?! So oder so ähnlich muss meine Reaktion auf den Trade von Jrue Holiday am Draftabend 2013 ausgesehen haben. Haben wir tatsächlich gerade unseren All-Star für zwei Draft Picks getradet, der dazu noch einen fairen, längerfristigen Vertrag unterschrieben hat? Ich muss dazu sagen, dass ich mich erst gegen Ende der Saison wieder ausführlicher mit der NBA und nur oberflächlich mit den Sixers beschäftigt habe und letztendlich war der Rebuild unumgänglich. Schon in den Jahren zuvor sind wir mal als Siebter, mal als Achter in die Playoffs eingezogen und sind dann meistens chancenlos ausgeschieden. Daran musste sich etwas ändern - auch wenn das erstmal bedeutet, richtig schlecht zu sein. Das wir es nun so offensichtlich machen und das auch offen nach außen kommunizieren, finde ich persönlich nur konsequent und ehrlich. Bitter war und ist natürlich, vor allem für die Fans in Philadelphia, dass unsere beiden Top-Draftpicks Noel & Embiid  jeweils ihre Premierensaison wegen einer Verletzung verpassen. Doch hätten wir beide Spieler überhaupt bekommen, wenn sie nicht verletzt gewesen wären? Vermutlich nicht. Auch das Dario Saric nicht sofort nach Philadelphia kommt, ist sehr schade, aber Erfahrung in Europa zu sammeln (MVP der Euroleauge im November!) wird auch ihm helfen und gibt den Spielern die hier sind eine Chance, sich zu beweisen. Dass die NBA diesen Weg nicht gerne sieht, ist auch klar, aber solange wir uns innerhalb der Regeln bewegen, ist doch alles in Ordnung. „Don’t hate the player, hate the game“. Jetzt müssen wir eigentlich nur hoffen, dass einer unserer Talente zum absoluten Franchise Spieler wird, den es benötigt um ganz oben angreifen zu können. Was denkst du über den Rebuild?


Rück:
Die Sixers sind in einem der größten US-Märkte, aber nach der Iverson-Ära dümpelt man bestenfalls im Mittelmaß herum. Sam Hinkie wurde mit der klaren Direktive eingestellt, dass man wieder eins der acht besten Teams der NBA sein soll. Deshalb gab es streng genommen keine ernstzunehmende Alternative. Der Weg ist sehr risikobehaftet, das ist uns klar, aber auch quasi der einzige realistische, irgendwann wieder nach oben zu kommen. Was oft vergessen wird, ist, dass es ja nicht nur darum geht, früh picken zu dürfen, sondern die komplette Franchise wurde neu ausgerichtet. Front Office, Coach, Assistenten, ja sogar die Trainingssausstattung wurde komplett runderneuert, mit GPS und unzähligen Kameras. Spieler werden auf Diäten gesetzt und müssen harte Trainingsdrills durchziehen. Man versucht, eine Philosophie zu etablieren, in die sich die Spieler eingliedern müssen. 

Außerdem finde ich es wie du auch gut, dass man den beschrittenen Weg auch so konsequent durchführt und dies auch nicht verschweigt. Sie bewegen sich innerhalb der Regeln, die die Liga vorgibt. Gerade zu Beginn des Rebuilds finde ich erstrebenswert, dass man den Jungs viel Spielzeit gibt, um sich spielerisch und mental zu entwickeln. Lasst sie Fehler machen und daraus lernen. Und mir persönlich ist es doch völlig egal, ob man pro Saison 15 oder 25 Spiele gewinnt. Die Bilanz ist doch sowieso nur zweitrangig. Ich will Wachstum und modernen Basketball sehen. Letzteres haben wir durch die Umstrukturierung schon erreicht. In den kommenden Jahren wird man dann nach und nach die nächsten Schritte gehen (z.B. die Verpflichtung von Spielern, die auch spielerisch passen und helfen).

Eine letzte Frage hab ich noch an dich: Inwiefern ist Carter-Williams in Anbetracht der Probleme, die ich in der Preview geschildert habe, wirklich ein Franchise Point Guard. Ich habe da wie schon mehrfach geschrieben meine Zweifel. Wie sieht es da bei dir aus? Außerdem: Was erwartest du noch von der Saison?

Landsgesell:
Michael Carter-Williams hat enorm viele gute Qualitäten. Sein Rebounding ist klasse, er kann so direkt in den Fastbreak übergehen und kann vorne per Dunking oder mit Kontakt am Ring abschließen. Für einen Aufbauspieler ist er sehr groß und kann so sehr einfach über die Gegenspieler  passen, zudem die tolle Übersicht. Wie du bereits angesprochen hast, fehlt es einfach an einem sicheren Dreipunktewurf, den du als heutiger Aufbauspieler einfach drauf haben musst. Man muss sehen, was in den beiden nächsten Draftjahrgängen für Talente dabei sind. Ist dort ein Aufbau à la Lillard zu finden, wird Hinkie nicht zögern, MCW zu traden. 

Zum Saisonverlauf: Ich möchte eigentlich nur eine Entwicklung zum Positiven sehen, als Team und von jedem Spieler individuell. Auch freue ich mich auf das Vorspielen von interessanten Spielern aus der D-League, vielleicht ist ja ein Juwel dabei. Schön wäre es mit der schlechtesten Bilanz abzuschließen, aber ohne zu viele Negativrekorde aufzustellen. Aber im Endeffekt interessiert das in zwei Jahren ja auch niemanden mehr. Was sind deine Erwartungen? Werden wir die schlechteste Bilanz aller Zeiten haben? Und die wichtigste Frage: Wann gewinnen wir das erste Spiel der Saison?

Rück:
Es ist verdammt schwierig, die schlechteste Bilanz aller Zeiten zu erreichen. Wenn sich die jungen Spieler in der Liga zurecht gefunden haben und gegen Ende der Saison bei vielen Teams die Luft raus ist, werden automatisch Siege kommen. Wenn es jemals erreicht wird, dann jedoch von diesen Sixers. Aber ehrlich gesagt interessiert mich das nicht die Bohne. Wen jucken solche Rekorde? Wie du sagst, in zwei Jahren wird das nur noch eine Notiz in einem unwichtigen, verstaubten Buch sein. Den ersten Sieg werden wir entweder am Mittwoch in Minnesota oder am Samstag in Detroit einfahren. Meine Erwartungen an die Saison sind die gleichen wie bei dir: Wachstum kollektiv und individuell, viel Spielzeit für die zukünftigen Schlüsselspieler und weiterhin „gute“ Defensive.

Vielen Dank für deine Zeit, bis zur nächsten Ausgabe von Give´n´Go!


Edit: Philly (jetzt 1-17) fährt in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag den ersten Sieg ein. Durch das 85-77 bei den Minnesota Timberwolves verhindern die Sixers den schlechtesten Saisonstart der gesamten NBA-Historie.