20 November 2014

20. November, 2014   |  Philipp Rück  @76ersDrJ


Geduld ist eine Tugend. Und keine Organisation verlangt von seinen Mitgliedern wie auch Fans so viel Geduld wie die Philadelphia 76ers. Tanking hin, Rebuild her, im vergangenen Jahr gab Neu-GM Sam Hinkie seinen besten Spieler (der dazu noch sehr jung ist und einen günstigen Vertrag hat) in einem Deal am Draft-Tag ab. Jrue Holiday wechselte nach New Orleans und im Gegenzug bekam man ... quasi erst einmal nichts: einen Draft-Pick (der sich ein Jahr später als Dario Saric herausstellte, auf den man wohl knapp zwei Jahre warten muss), plus die Rechte am sechsten Pick, Nerlens Noel. Dieser kurierte einen im Februar erlittenen Kreuzbandriss aus und setzte durch die weise Herangehensweise der Franchise sein komplettes Rookie-Jahr aus. Im Endeffekt sah man von dem Deal um Holiday also im ersten Jahr nichts. Es ist ein Move, der typisch für die Hinkie-gesteuerte Lokomotive steht: alle Beteiligten müssen Geduld aufbringen. Saric wird wohl erst drei Jahre nach dem ominösen Trade im Team stehen, der Hauptgrund für den Trade kommt mit einem Jahr Verspätung in die Liga. Hier soll es genau um diesen jungen Big Man gehen: Nerlens Noel. Und ja, ihr dürft mich für das schlechte Wortspiel in der Überschrift ruhig auf Twitter beschimpfen.

Kreuzbandriss – Was ist das?
Wie bereits erwähnt riss sich Noel in seinem einzigen Jahr am College im Februar 2013 das Kreuzband. Bevor wir tiefer in das eindringen, was Noel in der Saison 13/14 gemacht hat, möchte ich ein wenig weiter ausholen und erklären, was es mit dieser Verletzung überhaupt auf sich hat. Mir ist aufgefallen, dass in der Basketballgemeinschaft immer noch Unklarheit darüber herrscht. Dem soll jetzt Abhilfe geschaffen werden.

Wird von einem „Kreuzbandriss“ geredet, dann in 90% der Fälle von einenem Riss des vorderen Kreuzbandes. Das Knie hat nämlich zwei dieser Bänder: das vordere und das hintere. Bei fast allen Rupturen durch Sportunfälle wird aber das vordere Kreuzband (VKB) (die Amerikaner sprechen vom anterior cruciate ligament – ACL) beschädigt. Ganz wichtig ist hierbei: das VKB reißt meistens ohne „gegnerischen“ Einfluss. Die Risse kommen vor allem dann zustande, wenn das Drehmoment im Knie höher ist, als es das Band standhalten kann. Dafür braucht es keinen Gegner, ja, da für benötigt es noch nicht einmal extreme sportliche Aktivitäten. Prinzipiell kann dies auch beim Mähen des hauseigenen feuchten Rasens passieren.

Zum Wesentlichen. Dieses Band hat vereinfacht zwei Funktionen:
1) Es verläuft im Knie vom vorderen Teil des Schienbeinknochens zum hinteren Teil des Oberschenkelknochens. Es verhindert damit, dass der Unterschenkel nach vorne geschoben wird; es unterbindet also unfreiwillige Bewegungen des Knochens und ungewollte Reibungen. Dies ist wichtig, weil eine derartige Bewegung (Schienbeinkopf rutscht im Knie nach vorne und zurück) langfristig nicht nur den Knorpel an den Rändern der Knochenenden schädigen würde (jedes Ende eines Knochens ist mit einer Knorpelschicht überzogen), sondern auch  die Knorpelscheiben, die zwischen Oberschenkel und Unterschenkel liegen (Menisken), zerstören würde. Sind diese Knorpel-Schutz-Vorrichtungen in einem Gelenk erst einmal zerstört, ist dies ein irreversibler Prozess und es kommt zu chronischen Schmerzen (Arthrose).

2) Das VKB hat eine sehr wichtige neuronale Funktion. Es teilt dem Gehirn elementare Informationen über den Untergrund mit, über den eingestellten Winkel der Beine, über laterale Bewegungen, wirkende Kräfte und so weiter.

Eine Ruptur des VKBs führt zum Verlust beider Funktionen. Diese müssen nun in der Therapie wiederhergestellt werden.



Was geschieht nach einem diagnostizierten Riss?
Die Kreuzbänder unterscheiden sich leider ein wenig von anderen Bändern im Knie. Die seitlichen Bandapparate (Innen-, Außenband) wachsen normalerweise wieder zusammen, wodurch nach relativ (!) kurzer Ausfallzeit der Sportbetrieb wieder aufgenommen werden kann. Das VKB kann dies nicht leisten und wächst nicht wieder zusammen. Deshalb muss durch eine Operation ein Ersatz für das gerissene Band implantiert werden. 

Je nach Vorlieben werden dafür entweder die Patellasehne (ein Drittel der kräftigen Sehne, die die Kniescheibe mit dem Unterschenkel verbindet) oder die Semitendinosussehne (ein Halbmuskel an der Rückseite des Oberschenkelmuskels) verwendet. Das „Problem“ beider Implantate ist das gleiche: sie sind biochemisch und strukturell nicht nur kein Original, sie sind auch keine „Bänder“, sondern Sehnen. Nach einer gewissen Zeit, die die Implantate zum Einwachsen an die Stelle des gerissenen VKBs brauchen, werden sie vom Organismus quasi „umfunktioniert“. Ohne ins Detail zu gehen, benötigt dieser Umbauprozess (Sehne -> Band) einiges an Zeit, da er sehr komplex und dadurch langwierig ist. Infolgedessen nimmt die Reiß-/Zugfestigkeit des Implantats nur langsam zu. 

Somit kommen wir auch zum Knackpunkt in der Behandlung von Kreuzbandrissen, die nicht nur die Ausfallzeit von Noel, sondern bspw. auch die von Derrick Rose massiv beeinflusst hat. Drei Monate nach der OP beträgt die Zugfestigkeit gerade einmal knapp 50% des ursprünglichen Kreuzbandes, nach sechs Monaten liegt sie bei gut 80%. Theoretisch ist ein Athlet also schon relativ früh wieder in der Lage, Sport mit azyklischen Bewegungen zu betreiben, jedoch ist das Re-Rupturrisiko ziemlich hoch. Es sei noch angemerkt, dass sich die Ausfallzeit nicht auf den Spielbetrieb beschränkt, eine Verletzung in den regulären Trainingseinheiten ist genauso wahrscheinlich wie in einem Saisonspiel. Streng genommen bedeutet dies: wenn man am vollen Training teilnimmt, kann man auch wieder spielen.



Was taten die Sixers bei Noel und warum?
Im Fall von Nerlens Noel war Philadelphia zum Saisonstart bei sieben Monaten Post-OP angekommen (die OP wurde im März von Koryphäe Dr. James Andrews durchgeführt). Den Sixers war das Risiko einer erneuten Verletzung verständlicherweise zu hoch, da der Klub für ihn viel investiert hatte. Der nächste Meilenstein der Reißfestigkeit wäre im Februar nach zwölf Monaten erreicht worden, wenn ca. 90% erreicht gewesen wären. Hier wäre ein Einsatz Noels in den letzten 1,5 bis 2 Saisonmonaten durchaus vertretbar gewesen, aber auch hier ging Philadelphia den Weg des geringsten Risikos. Da wir nicht genau wissen, was der Junge nach dem offiziellen Ende der regulären Saison der Sixers spielerisch getrieben hat, müssen wir davon ausgehen, dass er bis Mitte April also 14 Monate weitestgehend auf gefährdende Bewegungen verzichtet hat. Die Reißfestigkeit des „“neuen“ Kreuzbandes sollte nun also mehr als 90% betragen.

Als Anhänger des Teams sehe ich es grundsätzlich positiv, dass man bei seinem Anlagegut Vorsicht walten lässt. Ja, gerade Noel hätte Spielpraxis mehr als dringend nötig, da er in so vielen Facetten seines Spiels noch so unheimlich roh ist. Die Kaffeefahrt im letzten Saisonmonat wäre nahezu ideal gewesen, um sich an das Niveau der Liga zu akklimatisieren. Aber wie ich bereits oben aufgeführt habe, führt eine längere „Schonung zu einer besseren Rekonvaleszenz.

Ein weiterer wesentlicher Punkt, der oftmals falsch eingeschätzt wird, sind die Langzeitaussichten. Bei einem ordentlich reparierten und auskurierten Kreuzbandriss gibt es, im Vergleich zu einem Meniskusriss, weniger Langzeitkomplikationen. Das Implantat übernimmt im Laufe der Zeit die Rolle des alten VKBs und stellt in vielerlei Hinsicht einen völlig adäquaten Ersatz dar. Daher sollte man grundsätzlich mit der Vorgehensweise der Sixers zufrieden sein. Mit 'Tanking' hatte das recht wenig zu tun: Noel wurde aus Risikogründen vom Spielbetrieb ferngehalten, nicht um die hohe Niederlagenanzahl sicherzustellen.

Schuften bis der Arzt kommt
Der erste Schritt auf dem Weg zurück zum Basketballspieler begann für Noel bereits kurz nach seiner OP. Er wurde von seinem Agenten Driscoll nach Birmingham, Alabama, ins Reha-Zentrum geschickt. Dort arbeitet nämlich Kevin Wilk, der Chef-Physiotherapeut des Operateurs Dr. Andrews. Dieser gilt mit großem Abstand als bester Therapeut im Land, dessen Publikationen auch von NBA-Trainern rezipiert werden.

Noel befand sich zwischen März und September in Wilks Programm und arbeitete dort wie ein Besessener. Es ging dabei nicht nur um die Reha für sein Knie, er sollte auch seinen Oberkörper, die Schultern, Arme und Beine mit Muskeln bepacken. Der junge Kentucky-Alumni bewies großartigen Arbeitseinsatz, so konnte er beispielsweise nach manchen Einheiten seine Arme kaum noch hochheben. Doch selbst dann gab er nie auf und erzählte auch den Konditionstrainern erst gar nichts von seiner Müdigkeit.

Dabei war Noels Arbeitsplan wirklich nichts für Zartbesaitete: Montag bis Freitag gab es jeweils eine lange Einheit von 08:30 bis 12:30 Uhr, die den intensivsten Teil des Trainings darstellte. Nach dem Mittagessen ging es dann von 14 bis 18 Uhr weiter, wobei hier der Schwerpunkt auf andere Dinge gelegt wurde. Bevor er sonntags frei hatte, musste er samstags auch noch ein dreistündiges Workout überstehen. Das alles sechs Monate lang, ohne Pause.

Wilk implementierte in der Knie-Rehabilitation neuartige Techniken, die u.a. die computerbasierte Errechnung von Kraftgenerierung und Anti-Gravitations (bzw. Unterwasser-) Laufbänder beinhalten. Auch Noel erfuhr diese Behandlung.

Nach seiner Zeit bei Wilk erreichte Noel seine Explosivität wieder und hatte 9,5 kg an Muskelmasse erlangt. Als er dann später bei den Sixers war, trug er vermehrt Tank Tops, weil er stolz auf die neugewonnene Muskelmasse war.

Insgesamt zeigte sich Wilk mit den Fortschritten sehr zufrieden und konstatierte, dass Noels Arbeitsmoral früh in der Reha ein Schlüssel für den kompletten Prozess war. Als Beispiel führt er ein frühes Ereignis an: „Als er zwei Sets mit zehn Wiederholungen machen sollte und die 8. oder 9. Wiederholung nicht gut war, weil er zum Beispiel die Qualität nicht mochte, begann er das komplette Set noch einmal vor vorne.“

Liest man Aussagen von Brett Brown oder Assistant Coaches in Philly, so macht es den Anschein, als sei die lange Reha nicht nur wegen der Gesundung des Knies nötig gewesen. Man hatte in der Stadt der brüderlichen Liebe auch die Befürchtung, die dürre Figur Noels würde der Knochenmühle 'Restricted Area' in der NBA nicht annähernd standhalten können. Durch das intensive Aufbautraining bei Wilk und danach bei der Franchise würde er nach über 16 Monaten so kräftig sein, dass er auch körperlich 'NBA-ready' ist.


Wurf re-modellieren
Man kann also getrost davon ausgehen, dass Noel seine alten körperlichen Attribute wieder erhalten wird, seien es Athletik, Spritzigkeit, Schnelligkeit oder Sprungkraft. Er ist ein “Freak of nature“, der dahingehend zur Eliteklasse der NBA gehören wird. Die großen Defizite in seinem Spiel beginnen dort, wo es um die Basics geht: er hat fast keine. Es ist sogar teilweise noch ein wenig schlimmer. Noels Wurf war im College sein größtes Handicap. Nicht nur, dass er nicht einen einzigen Jump Shot aus der Mitteldistanz genommen hat, seine Wurftechnik ist miserabel, ja nahezu kaputt. Sollte er also jemals der Defensivanker der 76ers werden, so muss er mehr als 53% seiner Freiwürfe treffen, die er am College versenkt hat. 

Coach Brett Brown wollte die kreuzbandbedingte, lange Rekonvaleszenz dazu nutzen, Noels komplette Wurfbewegung neu aufzubauen. Es war ein für Brown so typisches Projekt der Spielerentwicklung, wie er es lange Jahre bereits in San Antonio erledigt hatte: „Wir wollten uns 8 Monate Zeit nehmen – und wie oft bekommt man schon diese Möglichkeit in einer Saison – und seinen Wurf von der Basis an analysieren. Es ist wie ein Gebäude. Wenn die Grundlage schlecht ist, wird es viele Fehler geben. […] Wir versuchten uns, auf die Fußarbeit und die Basics zu konzentrieren. Dann begannen wir über die Handposition am Ball und den Release-Point zu sprechen und was er mit seiner Führhand zu tun hat.“

Um dieses Ziel zu erreichen, nahm sich Brown für seinen Schützling Zeit, sehr viel Zeit. Seit Saisonbeginn arbeiteten Brown und Noel nach jedem Training und vor jedem Spiel eine halbe bis ganze Stunde am Wurf des Big Man. Brown sprach dabei oft von „total rebuild“ oder „total makeover“. Bis Februar war es Noel dabei verboten, seine linke Führhand zu benutzen, da diese „seinen Schuss ruiniere“. Er benutzte vier Monate nur seine Wurfhand, da er so das Gefühl und die richtige Technik alleine mit dieser entwickeln sollte. Erst im Anschluss daran durfte er die andere Hand zur Stabilisierung hinzunehmen.

Coach formulierte auch schon konkrete Ziele, wo sich zum Beispiel seine Freiwurfquote einpendeln sollte. In seiner Rookie-Saison sollte er über 60% treffen, im Verlauf seiner Karriere ist die antizipierte Marke 70%. Die Trajektorie ist aber absehbar: laut Brown wird sich das Wachstum in seiner Wurfform auch bald auf den Jump Shot außerhalb der Freiwurflinie übertragen. 

Zu Beginn des Kalenderjahres 2014 sollte Noel auch langsam wie ein „richtiger“ Spieler behandelt werden, zumindest in allem, was nicht direkt das Spiel betrifft. Er war bei Sitzungen und beim Video-Scouting anwesend. Brown wollte, dass Noel Teil des Teams wird: „Ich will, dass er meine Worte hört. Ich will, dass er in den Meetings ist; wo es fröhlich und traurig ist, wo es real ist.“

Erste Kontakte
Im März 2014, also ein Jahr nach der Kreuzbandplastik, begann Noel zum ersten Mal mit ganz behutsamen 1-gegen-1-Drills. Drill heißt in dem Fall, dass er erstmals ein klein wenig Körperkontakt bei Moves oder Würfen am Korb hatte. Er sollte so langsam ein wenig physischer angegangen werden. Es war der nächste Schritt in seiner Reha. Zu der Vorsicht, die die Sixers dabei walten ließen, sagte Brown nur: „Die Betonung liegt auf 'langsam' und auf 'behutsam'.“

Einen Monat später erreichte Noel die nächste Etappe seiner Rückkehr. Er war nun immer öfter bei den Trainingssessions seines Teams als halbaktiver Spieler zugegen. Auch in den Einheiten, die von Medien besucht waren, nahm Noel am Training teil. Während er im März noch vorsichtig nur mit Big Men Coach Greg Forster arbeitete, agierte er mittlerweile wesentlich physischer gegen seine Kollegen Jarvis Varnado oder Brandon Davies. In seinem Spiel waren jetzt schon viel mehr Fakes und härtere Stopps enthalten. 

Auch wenn seine Rückkehr auf die richtigen NBA-Parketts zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht eingeplant war, war Brown schon verliebt in das, was er bei seinem Jungen beobachten konnte: „Die erste Sache, die ich an ihm liebte, ist, dass er ein überaus großer Wettkämpfer ist. […] Du redest mit ihm und er redet selbst nicht viel, stattdessen hört er sehr gut zu, er ist ein fantastischer Zuhörer.“ Brown erklärt, dass Noel alles aufsauge wie ein Schwamm und das Gehörte direkt versucht in die Tat umzusetzen. Dies ist vor allem deshalb beeindruckend, weil Noel quasi zuvor monatelang nur einhändige Wurfübungen gemacht hatte. Er hatte keine Angst vor der neuen Herausforderung.



Der weitere Verlauf sollte bekannt sein. Der Center nahm in beiden Summer Leagues teil, was für ihn der erste kompetitive Basketball seit 16 Monaten war.  Vor Beginn der regulären Saison war er auch fester Bestandteil der Preseason-Rotation.

Erwartungen, Hoffnungen…
Nach der langen Wartezeit und dem ganzen Vorgeplänkel spielt Noel nun endlich für die Sixers. In der NBA. In einem richtigen Spiel. Bei dem es um was geht. Die Vorfreude hätte größer nicht sein können. Laut Aussagen von Sixers-Insidern wird Noel keine Minuten-Restriktionen haben und – im Vergleich zur Summer League – auch bei back-to-backs spielen.

Noels Skillset, gepaart mit seinen körperlichen Attributen, machen ihn zu einem fast einzigartigen Spieler in der Liga. Der Vergleich mit Joakim Noah würde sich da noch am ehesten anbieten.

Seine größte Stärke ist sein unfassbares Shotblocking und seine Rim Protection. In Kentucky war er einer der besten Blocker des Landes mit 4,4 Blocks pro Abend (#1 im College) in 32 Minuten Spielzeit. Diese Zahl alleine wirkt schon gigantisch. Umgerechnet bedeutet dies eine Block-Prozentquote von 13,2% (!!). Um diesen Wert wenigstens halbwegs einzuordnen, nehmen wir einen Blick auf die NBA-Liste der vergangenen Saison. Den besten Wert hatte Cole Aldrich mit 8,1%. Im College war Noel mit seiner Blk-% immerhin auch noch unter den Top 7. Er führte seine Wildcats im Defensivrating mit 81,9, satte 5,7 Punkte vor dem nächstbesten an; ein ähnliches Bild ergibt sich bei den defensiven Win Shares.

Traditionell lassen sich Shotblocking und auch Rebounding ziemlich gut auf die NBA übertragen. Wir dürfen von Noel also gerade defensiv einiges erwarten. Er hat definitiv das Potential, einer der besseren Defensivanker der NBA zu werden. In einem Sport, der mehr und mehr von Statistiken dominiert wird, ist eines schon sicher abzusehen: Die Teams werden immer öfters von Downtown und direkt am Ring abschließen. Umgekehrt bedeutet dies, dass elitäre Ringbeschützer wie Noel für ein projiziertes Meisterschaftssteam ein unverzichtbares Element geworden sind.

Natürlich ist ein guter Shotblocker nicht auch direkt ein guter Ringbeschützer, aber die ersten Begegnungen in der NBA (natürlich kleine sample size, aber es geht um einen ersten Eindruck) liefern folgendes Bild ab:


Der oben angesprochene Vergleich mit Noah ergibt sich vor allem aus Noels Beweglichkeit und Schnelligkeit. Ähnlich wie der amtierende Verteidigungsspieler des Jahres ist Noel dazu in der Lage, auch kleinere Spieler wie Wings oder Guards nach dem Switch zu verteidigen. Im Pick & Roll ist diese Fähigkeit eine Option, die nicht viele Big Men liefern können, weil die meisten nicht über genügend laterale Geschwindigkeit verfügen.

Die offensichtlichen Angriffsschwächen, die Noel noch alle mit sich bringt, sind wohldokumentiert und sollen hier nicht erneut dargelegt werden. Vielmehr soll es um mögliche Bedenken hinsichtlich seiner Rolle als Defensiv-Big gehen. Noel ist zwar athletisch auf einem Elite-Level, physisch aber noch keine imposante Erscheinung. Die Beinchen wirken immer noch arg dünn, der gesamte Körperbau für einen NBA-Big noch relativ schmächtig. Momentan kann er noch keinen gestandenen Big unter dem Korb adäquat verteidigen. Es fehlt schlicht und ergreifend die Masse, um von Cousins, Gasol und Co. nicht durch die Gegend geschoben zu werden. Die Zweifel, ob er körperlich jemals dagegen halten kann, sind durchaus berechtigt. Ich möchte dennoch analysieren, warum dies zukünftig keine Schwäche sein muss:

1. Wie viele Teams gibt es de facto denn, die ihr Spielsystem über einen Big im One-on-One aufziehen? Wie viele im Post dominante Scorer sehen wir tagtäglich in der Association? Das Spiel hat sich verändert, die Spielertypen auch. Natürlich hat Noel Probleme, die körperlich überlegenen Hibbert, Chandler etc. im Zaun zu halten, aber das muss er auch nicht. Bis auf Sacramento, Houston, Memphis und mit Abstrichen Atlanta und Washington agieren kaum Teams mit Bigs, die die Hauptscoringlast tragen.



2. Bei den meisten anderen Teams kann Noel für die geringeren Possessions gut gegen die Bigs bestehen. Viele Beobachter haben gar nicht auf dem Schirm, dass Noel neben der körperlichen Begabung auch einen hervorragenden Basketball-IQ besitzt. Sichtbar war dies u.a. im ersten Aufeinandertreffen mit Dwight Howard. Weil Noel oftmals vom Rocket beiseite geschoben wurde, modifizierte er seine Taktik und begann Dwight zu fronten. Er wollte die Anspiele auf den Houston-Pivoten so schwierig wie möglich gestalten, sodass dieser nicht mehr an seinen Komfortzonen den Ball annehmen konnte. Noel vertraute hierbei seiner Schnelligkeit und Antizipation, weil er wusste, dass Dwight viel mehr Kraft und Power hat. Dies klappte in diesem Spiel sehr gut (Dwight erzielte nur 11 Punkte).

3. Philly wird sowohl kurz- als auch langfristig zwei Big Men starten. Spätestens ab 2015/16 wird Sevenfooter Joel Embiid offensiv und auch defensiv der Fixpunkt des Teams sein. Embiid ist größer, kräftiger und körperlich stärker als Noel und wird sich in Zukunft primär um die besten Bigs des Gegners kümmern. Je nach Matchup verteidigt Noel also entweder einen langen Wing oder einen Big mit sowohl Fähigkeiten vom Perimeter als auch in der Zone. Für diese Rolle könnte er aber prädestiniert sein. Äußerst attraktiv scheint dabei die Aussicht, dass Nerlens oftmals von der Weakside angeflogen kommt und gegnerische Würfe aus der Halle blockt (ein wenig die Ibaka-Rolle).

Anhand der genannten Gründe ist erkennbar, dass Noel es gar nicht nötig hat, so viel Masse aufzubauen, um in der Zone gegen die Cousins' und Gasols dieser Welt standzuhalten. Vielmehr liefe er dann Gefahr, durch den Aufbau von Masse und Gewicht seine Agilität einzubüßen, die eine seiner großen Stärken ist. Verliert er diese, wäre er am Perimeter genauso überfordert wie so viele andere Big Men. Für Noel geht es darum, kontinuierlich die Gewichtszunahme kontrolliert so fortzuführen, wie er sie in der Reha bei Wilk begonnen hat. Er braucht die Physis eines Durchschnitts-Bigs.

Trotz aller negativer Sixers-Prognosen im WWW und trotz all der Häme, die dieses Team geerntet hat und noch entern wird, ist die laufende Saison keineswegs eine verlorene. Es gibt so viele Storylines, die das Team zu bieten hat: wie wird sich der amtierende Rookie des Jahres Michael Carter-Williams nach seiner Schulter-OP präsentieren? Kann er der Franchise-Playmaker sein? Wird KJ McDaniels dem Ruf als der Draft-Steal überhaupt gerecht? Und was ist mit dem pfeilschnellen Überathleten Tony Wroten? Wenn ihr mich fragt, wird die spannendste Geschichte trotzdem zweifellos Nerlens Noel und seine lang ersehnte Freshman-Saison sein. Wenn ihr genauso wie ich Fan des Prozesses und nicht des Ergebnisses seid, dann schaut euch ruhig mal ein paar Spiele der 76ers an. Die Lineup MCW/Wroten/KJ/Noel/Sims gibt schon heute ein paar Einblicke in die hoffentlich glorreiche Zukunft dieser Franchise.