11 November 2014

11. November, 2014   |  Daniel Schlechtriem @w14Pick


Zwei Wochen NBA und damit 8% der Saison sind gespielt und gewähren erste Eindrücke auf das, was den Basketballfan bis in den nächsten Frühsommer erwarten darf. Die Houston Rockets sind sehr gut aus den Startlöchern gekommen, gewannen die ersten sechs Spiele mit jeweils über zehn Punkten Differenz – das gelang zuletzt den Denver Nuggets 1985. Obwohl die Serie am Samstag von den Golden State Warriors durchbrochen worden ist und Houston vorerst keine sieben Siege auf dem Konto hat, nennt With the 14th Pick dennoch sieben Gründe für den starken Saisonstart der Roten.


1. Howard & Harden
„Sie waren beide großartig und sie sind beide immer noch großartig“ – kommentierte Spurs Coach Gregg Popovich die Leistung der beiden Rockets All-Stars am vergangenen Donnerstag. Die Rockets hatten den amtierenden Champion mit 98-81 aus dem Toyota Center gefegt, angeführt von eben jenem Duo. Zeitweise standen Dwight Howard und James Harden bei der gleichen Punktzahl wie das gesamte Spurs-Team. 

Dwight ist von seinem Horrorjahr in L.A. vollständig rehabilitiert, die Rückenverletzung scheint endgültig auskuriert. Er fühlt sich in Houston sichtlich wohl und ist auf dem Weg zurück zu dem Spieler, der in Orlando über Jahre hinweg dominierte und drei Mal zum besten Defensivspieler der Liga gewählt wurde. Sein Offensivrepertoire wird zwar niemals an das seiner Mentoren McHale und Olajuwon heranreichen, doch sind in seinen Bewegungsabläufen kleine Fortschritte festzustellen. Auch das Zusammenspiel mit Harden klappt immer besser.

Dieser ist im Sommer merklich gereift. Hardens Ballhandling war schon immer stark, diese Saison findet er den Mitspieler trotzdem noch ein bisschen besser, was sich in bisher ansehnlichen 7,1 Assists pro Spiel bemerkbar macht. Auch seine Verteidigung ist sichtlich besser geworden (mehr dazu weiter unten). „This is a different Rockets team“ – sagte Harden im absolut positiven Sinne nach dem Sieg über die Spurs. Und das liegt mitunter daran, dass sowohl Howard, als auch Harden nicht nur zusammengewachsen, sondern auch erwachsener geworden sind. 

Es gilt ohnehin: Wann immer man zwei der besten Spieler der Liga in seiner Reihen hat, stehen die Karten nicht sonderlich schlecht.

2. Ariza > Parsons
Ariza ist ein unkonstanter Spieler, der immer nur im Vertragsjahr auf die Tube drückt, sonst allerhöchstens Dienst nach Vorschrift macht - Sätze wie diese geisterten durch die Basketballwelt infolge Arizas Rückkehr nach Houston, als Ersatz für Chandler Parsons. Stand heute ist er mehr als nur ein Ersatz, von fehlendem Einsatz oder Willen auf dem Parkett nichts zu erkennen. Die nackten Zahlen (14,6 PPG, 5,9RPG, 2,9APG, 1,9SPG) lesen sich ähnlich erfrischend wie die erweiterten (NetRtg 20,6 bei 62,1% True Shooting). 

Ariza hebt die Verteidigung der Texaner auf ein neues Level, trifft den Dreier bisher exzellent (47,8%) und fügt sich ins System ein, als wäre er nie weg gewesen. Der 29-jährige scheint im Vergleich zu seinem Vorgänger wie bereits vermutet das passendere Puzzlestück zu Harden zu sein. Nimmt man die ersten Spiele als Gradmesser, hat sich Houston auf der Position des Small Forwards klar verbessert.


3. Defense
In besagten Howard und Ariza sowie Pat Beverley haben die Rockets nun drei hochqualitative Verteidiger in ihren Reihen. Das macht sich auch in Zahlen bemerkbar. Houston lässt die zweitwenigsten Punkte zu (90,9), auch bei der defensiven Effizienz liegen die Rockets auf Platz zwei. 

Besonders gut funktioniert bisher die Flügelverteidigung: Die ersten beiden Gästeteams im Toyota Center, Boston und San Antonio (beide mit guten Schützen ausgestattet) trafen zusammengerechnet drei – drei! – von 45 Würfen von der Dreierlinie. Auch die Quote der Warriors lag am Samstag merklich unter ihrem Durchschnitt von knapp 40% (9-28 Treffer, 32%).

Zurückzuführen ist das nicht nur auf das starke Defensivtrio, auch der häufig zurecht für seine schwache Verteidigung(sanstrengungen) gerügte Harden macht in den ersten sieben Spielen eine deutlich bessere Figur. Er ist aggressiver und näher am Gegenspieler, besonders in der Transition Defense klar verbessert, was sich auch in Zahlen ausdrückt: Der Bart blockt im Schnitt 1,1 Würfe und klaut 1,4 Mal den Ball, solide Werte für einen Shooting Guard. Harden wird niemals ein Edelverteidiger werden, scheint aber inzwischen verstanden zu haben und umzusetzen, was auf diesem Gebiet von einem Spieler seines Formats zu erwarten ist.

4. Die Bank
Eine der größten Vorbehalte gegenüber dem Rockets Team und ein Hauptgrund, warum manch ein Experte sie schlechter als im Vorjahr einschätzte, teilweise sogar aus den Playoffs schrieb oder redete, war die vermeintlich nicht vorhandene Bank. Dies hat sich in den ersten sieben Spielen nicht bestätigt. Allen voran dank Altmeister Jason Terry. Der JET, auch hier schon der Kategorie 'Falling Fast' zugeteilt, ist alles andere als auf dem absteigenden Ast, sondern scheint die texanische Luft mehr als nur vermisst zu haben. Er agiert auf dem Feld und trifft Dreier, als wäre es 2011. Der 37-Jährige hat den Sommer genutzt und befindet sich angesichts seiner erschreckenden Leistungen des Vorjahres in bemerkenswerter Verfassung, sodass die Rockets ihn nicht nur als reinen Shooter, sondern auch als Ballhandler gebrauchen können und im Trade mit den Kings (mal wieder) als absoluter Gewinner hervorgehen.

Auch der Neuzugang Kostas Papanikolaou macht einen sehr soliden ersten Eindruck. Zwar muss er sich noch endgültig in der NBA akklimatisieren und an der Konstanz in seinem Wurf arbeiten, doch sein hoher Basketball-IQ ist unübersehbar. Der Grieche, mit dessen Namen die amerikanischen Kommentatoren weitestgehend überfordert sind, versteht es in der Offensive, seine Mitspieler in Szene zu setzen, die Zusammenarbeit mit den neuen Kollegen funktioniert auf Anhieb. Defensiv verfügt er über einen natürlichen Instinkt für gegnerische Passwege und Abpraller, sodass er selbst bei einem schlechten und fehlerhaften Spiel, wie am Samstag gegen die Warriors (1-9 aus dem Feld, fünf Turnover), dennoch dem Team auf andere Weise helfen kann, in diesem konkreten Fall mit drei Steals und zehn Rebounds.   

Außerdem sind die internen Hierarchien klar und eindeutig. Jeremy Lin und Ömer Asik waren mit ihren Bankpositionen nicht zufrieden, insbesondere bei letzterem war es nur eine Frage der Zeit, wann er das Team verlassen würde. Zwar haben beide Spieler ihre Professionalität gewahrt und man ist weit davon entfernt, ihnen Vorwürfe bezüglich ihrer Einstellung machen zu können – dennoch scheint es der Umkleide besser zu tun, wenn alle Fragen beantwortet sind und kein Spieler mit seiner Rolle unzufrieden ist.

5. Entwicklung junger Spieler
Die Youngster haben einen merklichen Schritt nach vorne getan, allen voran Isaiah Canaan, der in Abwesenheit Beverleys als Starter fungierte und zu überzeugen wusste. Gegen die Warriors erzielte er einen Karrierebestwert von 21 Punkte und füllt das nur scheinbare Loch, das der Abgang von Jeremy Lin hinterlassen hat, bisher mehr als aus. Canaan ist robuster als sein Vorgänger, spielt mit Intensität und Selbstvertrauen, scheut sich nicht, in entscheidenden Phasen Würfe zu nehmen. Im Gegenteil: Bereits vergangene Saison, als er bei den Rio Grande Valley Vipers geformt wurde, traf er im letzten Viertel am zuverlässigsten. Nicht die schlechteste Eigenschaft.


Besagter Beverley selbst hat bisher nur drei Spiele absolviert, darin aber auch erkennen lassen, dass er über den Sommer an seiner Offensive gearbeitet hat. Defensiv geht er ohnehin wieder mit der bekannten Kettenhundmentalität zu Werke, die ihm nach seiner ersten kompletten NBA-Saison einen Platz im Defensive All-Second Team bescherte. Nun wird er auch am anderen Ende des Platzes effektiver: Der Dreier sitzt bislang (7-13, 53,8%), auch die Drives und Abschlüsse am Korb lassen einiges hoffen.

Terrence Jones muss ebenso wie Beverley derzeit verletzungsbedingt aussetzen, zeigte sich in den vier gespielten Partien bisher aber mit 14,0 PPG, 7,5 RPG und 1,8 BPG mehr als solide. Der 22-jährige scheint nicht betroffen zu sein von der negativen Erfahrung der Playoffs, als er Portlands LaMarcus Aldridge nicht gewachsen war und folgerichtig auf die Bank zurückbeordert wurde. Stattdessen dürfen Rockets-Fans nun weitere signifikante Fortschritte erwarten.   

6. Das System funktioniert
Houston nimmt kaum Mid-Range Würfe, dafür die meisten Dreier (32,9 pro Spiel, ligaweiter Bestwert) sowie die drittmeisten Freiwürfe (noch). Das sind zwar keine Neuigkeiten, unterstreichen aber den wohldurchdachten Plan, den GM Daryl Morey und Coach Kevin McHale seit Jahren verfolgen und deren Rechnung bisher aufgeht. Außerdem funktioniert die Talentsichtung. In Ariza und Beverley stehen zwei ehemalige Second Round Picks in der Starting Five, ebenfalls in der zweiten Runde gezogen wurden oben erwähnte Stützen Canaan und Papanikolaou. Die Rockets schauen nicht auf Namen, sondern beweisen immer wieder ein Auge für talentierte Spieler, die andere Teams nicht einmal auf ihrem Zettel haben. Kein Wunder also, dass sich Morey in Trades immer wieder zusätzliche Second Rounder sichert und nach aktuellem Stand kommenden Juli gleich drei Mal aus dem Talentpool der zweiten Runde ziehen darf.  

7. Der Spielplan
Sicherlich, der dominante Start ist auch dem recht einfachen Spielplan mit Begegnungen gegen klare Lotterie-Teams (Lakers, Jazz, Sixers, Celtics) geschuldet. Diese jedoch allesamt nacheinander so deutlich und klar abzufertigen, ebenso wie die Heat und die Spurs, ist keine Selbstverständlichkeit und darf als Ausrufezeichen und Statement in Richtung der anderen Teams in der harten Western Conference verstanden werden. Houstons Spielplan wird bis Dezember recht übersichtlich bleiben: Die nächsten drei Gegner sind die Wolves (in Mexico-City), die Sixers sowie die schwer ersatzgeschwächten Thunder. Man wird also mit Rückenwind und bereits einigen Siegen auf der Habenseite in Richtung Weihnachten gehen. Eine Warnung muss dennoch der Saisonverlauf der Indiana Pacers im vergangenen Jahr sein: Diese kamen sehr stark aus den Startlöchern und standen im Februar bei 41-13, gewannen aber anschließend nur noch mit Mühe die Hälfte ihrer Spiele (15-13) und spielten bekanntermaßen eher mäßige Playoffs. 

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Selbstverständlich ist nicht alles eitel Sonnenschein in Südosttexas. Die Freiwurfquote ist ähnlich desaströs wie im Vorjahr. Howard trifft nur an guten Tagen jeden zweiten Versuch von der Linie, sodass es nur eine Frage der Zeit zu sein scheint, ehe sich gegnerische Coach wieder zur berüchtigten und (für Zuschauer) entnervenden Hack-A-Dwight Taktik entschließen. Auch in punkto Turnovers ist kein Fortschritt zu verzeichnen: Mit 17,8 pro Spiel sind die Rockets im Ligaranking vorletzter, in gegnerischen Steals (9,6 pro Spiel) drittletzter. Bei 17,6% aller Houstoner Angriffe ist ein Ballverlust zu verzeichnen. Das größte Fragezeichen der Kadertiefe steht auf den großen Positionen. Als Howard gegen die Warriors fehlte, verloren die Rockets den Kampf an den Brettern deutlich mit 54-46. Allein der gegnerische Center Andrew Bogut griff 18 Rebounds. 

Tarik Black ist noch zu grün, Joey Dorsey wohl derzeit nicht gut genug respektive außer Form infolge seiner Verletzung während der Preseason, um auf höchstem Level zu bestehen. Selbst wenn Howard spielt, agieren die Rockets am schlechtesten, sobald ihr Center eine Verschnaufpause erhält. Dies war vor allem gegen die Miami Heat zu beobachten, die im letzten Viertel auf vier Punkte herankamen, just als Dwight auf der Bank Platz nahm. Kaum stand dieser wieder auf dem Feld, zogen die Rockets uneinholbar davon. Konsequenterweise brachte Howard ein starkes +/- Ranking von +27 aufs Scoreboard. 

Vor allem Donatas Motiejunas muss nachlegen. Der Litauer schaffte es in den vergangenen zwei Jahren nicht, sein zweifelsohne großes Potential einigermaßen konstant aufs Parkett zu bringen. Zuletzt zeigte er gegen die Warriors zwar Lichtblicke (16 Punkte, 8 Rebounds), in den Partien zuvor fiel er aber überwiegend negativ auf. Motiejunas hat es über den Sommer nicht geschafft, an der Positionierung seiner 2,13m in der Zone zu arbeiten. Auch sein Distanzwurf ist alles andere als gefährlich. Erst am Samstag gegen die Warriors, in seinem siebten Spiel, traf er zum ersten Mal von Downtown – insgesamt steht er bei zwei von acht und somit schwachen 25%. Defensiv hängt der 24-Jährige zwischen den Fronten, da er nicht kräftig genug ist, um die meisten Center zu verteidigen und nicht agil genug, um mit beweglichen Vierern klar zu kommen. Motiejunas ist zu Beginn seines dritten Jahres noch immer nicht endgültig in der NBA angekommen.

Ebenfalls noch nicht die Erwartungen erfüllt hat Troy Daniels. Der Scharfschütze, der in den Playoffs einen wichtigen Sieg gegen die Blazers eintütete, hat in der Rotation deutlich an Boden verloren, weil er in seiner Primärfähigkeit, dem Dreier, bisher nicht zu glänzen vermag: vier von 16 und ebenfalls 25% sind deutlich zu wenig für einen Spieler, der keine andere Aufgabe auf dem Feld hat, als von der Dreierlinie zu punkten. Der 23-Jährige muss seinen Wurf schnell wieder finden: Oben erwähnter Canaan hat ihn in der Rotation längst überflügelt und wird Spielzeit an der Seite von Beverley erhalten. Die Konkurrenz in Person von Rookie Nick Johnson lauert früher oder später auch auf eine Chance. 

Wenngleich die Saison noch sehr jung ist und aufgeführte Entwicklungen entsprechend mit Vorsicht zu genießen sind, darf angesichts des sehr positiven Saisonstarts dennoch folgende Prognose gewagt werden: Die Rockets sind besser, als viele es ihnen zugetraut haben. Sie werden sich spätestens zur Trade Deadline weiter verstärken und den Kader tiefer machen, sodass das Resultat vom Vorjahr - also 54 Siege und Platz vier - nicht nur angestrebt, sondern sogar noch übertroffen werden kann.