19 November 2014

19. November, 2014   |  Mattis Nothacker


Die NBA-Gemeinde ist im Curry-Fieber. Alle lieben Stephen Curry. Seit den Playoffs 2013 ist Stephen Currys Name in aller Munde. Nachdem er die Golden State Warriors mit großartigen Auftritten überraschend in die zweite Runde gebracht hatte, riss er die Menschen in der Serie gegen die San Antonio Spurs endgültig mit in seinen Bann. Die Massen konnten es nicht glauben, sie liebten ihn. Was aber war es, das sie so aus ihren Sitzen riss? Auch Tony Parker hatte großartige Spiele gehabt, Paul George und Kevin Durant ebenso, LeBron James sowieso.

Es war Currys einzigartiger Wurf, der die Leute faszinierte. Die perfekte Form, der schnelle Abwurf, die unheimliche Konstanz. Die Menschen liebten ihn, weil sie seinen Wurf liebten. Und die Curry-Euphorie ist noch längst nicht abgerissen. Beim denkbar knappen Erstrundenaus ein Jahr später, in den Playoffs 2014 gegen die L.A. Clippers, war es einmal mehr Stephen Curry, der die Warriors mit seinen Würfen im Spiel hielt und zu Siegen trieb. Im All-Star-Game dieses Jahres wurde der 26-Jährige zum Starter im Westen gewählt, vor Tony Parker, vor Damian Lillard, vor Chris Paul. Mit 272 erfolgreichen Dreiern hält er den NBA-Rekord für die meisten Treffer von Downtown in einer Saison.

Vor einem Jahr wurde Stephen Currys Wurf in der ESPN-Sendung „Sports Science“ ausführlich vorgestellt. Curry könne ihn so schnell abfeuern wie kaum ein anderer Spieler in der NBA-Geschichte, wurde beispielsweise erklärt. Ebenso außergewöhnlich sei die Geschwindigkeit, in der Curry vor dem Wurf vom Dribbling abstoppt. Das Video traf den Nerv der NBA-Fans. Auf Youtube wurde es fast eine Million mal angeklickt.



Stephen Curry ist eine so große Identifikationsfigur, weil die stärkste Waffe in seinem Spiel das Elementarste im Basketball darstellt. Es mag Leute geben, die nie zum Korb ziehen, die nicht dunken können, die keinen Post-Move haben. Geworfen hat im Basketball dagegen schon jeder. Curry ist das Beweisstück dafür, dass einem die Welt offen steht, wenn man seinen Wurf bis zur Perfektion übt. Damit können alle etwas anfangen, weil sie es auf sich selbst übertragen können.

Aus genau demselben Grund ist es für NBA-Fans aber auch so unverständlich, wenn professionelle Basketball-Spieler keine normale Wurfform verwenden. Ein Basketballer, der in der besten Liga der Welt spielt und jedes Jahr mehrere Millionen Dollar verdient, trifft auf Verständnislosigkeit und Häme, wenn er grundlegende Techniken seines Sports nicht beherrscht. Shawn Marion und Joakim Noah sind die prominentesten Spieler dieser Sorte. Für ihre Würfe werden sie nicht wie Stephen Curry in den Himmel gelobt, sondern immer wieder getadelt.

Über Marions Wurf hat jeder schon einmal seine Stirn runzeln müssen. Marion streckt seine Arme nicht nach oben aus. Stattdessen lässt er sie in der Höhe seines Gesichts gekrümmt, sie sehen dann wie bei einem Tyrannosaurus Rex aus.

Noah streckt seine Arme ganz aus, wirft den Ball aber dafür mit beiden Händen. Eine Wurfform, die man öfters bei Kindern zu sehen bekommt, wenn sie mit einer Hand nicht genug Kraft aufbringen können. Bei professionellen Basketballspielern ist eine solche Technik sehr selten. Noahs abgeworfenen Ball nannte ESPN-Kommentator Mike Breen aufgrund der unorthodoxen Rotation einmal einen „Tornado“.

Der Bulls-Center war schon immer etwas anders als die Anderen. Da scheint es gar nicht so unpassend zu sein, dass auch sein Wurf nicht der Norm entspricht. Als Teenager war er der reiche Junge mit dem französischen Akzent, als NBA-Spieler der aneckende Profi, der LeBron James provoziert und Kevin Garnetts Methoden in Frage stellt. Noah lässt sich nicht gerne biegen, er legt großen Wert darauf, seinen individuellen Weg zu gehen. „Die Leute können mich in keine Kategorie einordnen“, sagt Noah selber, der in Paris und New York als Sohn des berühmten Tennisstars Yannic Noah aufwuchs. „Er ist anders, er ist anders aufgewachsen“, sagt Carlos Boozer über seinen Mitspieler. „Ein Verrückter“, meint Taj Gibson.

Wo sich viele über ihre merkwürdige Wurfform Sorgen machen würden, war es für Noah eine Möglichkeit, besonders zu sein. „Ich hatte schon immer den komischen Wurf“, erklärt er fast stolz. Die Leute haben immer darüber geredet.“ Schon als Kind war ihm klar, dass er seinen Wurf behalten wollte, so groß der Widerstand auch sein möge. „Jeder hat versucht, ihn zu ändern. Ich bin sehr stur.“


Marion hingegen redet nicht gerne über seinen Wurf. Wie er zu der unorthodoxen Technik kam, hat er nie erklärt. Wenn das Thema aufkommt, sind seine Antworten kurz. 2009 spricht er in einem Interview gut gelaunt über seine College-Anfänge in Indiana. Als sein Gesprächspartner nachfragt, ob sein Trainer Dan Sparks denn damals versucht habe, seinen Wurf zu ändern, versteinert sich seine Miene. „Überhaupt nicht“, sagt Marion knapp. Als das Thema während der NBA-Finals 2011 aufkommt, reagiert er ähnlich allergisch: „Er geht einfach rein. Hey, was macht es für ein Unterschied?“ Mit nun 36 Jahren sieht Marion das ganze aber entspannter. Mehrfach schon nahm er sich wegen seines Wurfs selbst auf die Schippe.

Ein wichtiger Grund dafür, dass Marion und Noah ihre Würfe letzendlich bis in die NBA mitnehmen konnten, ist vor allem der Tatsache zu verdanken, dass sie mit ihrer Technik durchaus Erfolg haben. Die Trainer eines Draft-Workouts im Jahr 2007 gaben sich mit Noahs Wurf zufrieden, nachdem sie erkannten, wie wohl er sich dabei fühlt. Auch in Marions Fall sah sein College-Trainer Sparks keinen Grund, etwas an der Form zu verändern, wie er der „New York Times“ erzählt: „Einige Trainer fragten mich: ‚können Sie seinen Wurf verändern?’ Ich sagte: ‚Wieso wollen Sie etwas verändern, mit dem er Erfolg hat?’“

Tatsächlich gehören sowohl Noah wie Marion nicht zu den besten Shootern der Liga, treffen aber beide mindestens durschnittlich. Die Freiwurfquoten der beiden sind sehr ordentlich (Noah: 72,7% Karriere, Marion: 81,1%). Marion hat sich auf die Dreier in der Ecke spezialisiert, von denen er vergangenes Jahr solide 35,8 Prozent traf. Auch Noahs Wurf ist zu gefährlich, um ihn am Highpost stehen lassen zu können. „Er hat sich einen sehr soliden Wurf von sechs Metern Entfernung angeeignet“, sagt sein Trainer Thom Thibodeau.

Noah liebt vor allem den Effekt, der sein Jumper auf die Gegner hat. „Mein Wurf ist so hässlich, dass es demoralisierend für das gegnerische Team ist, wenn ich ihn treffe“, erklärt er. Der gleichen Meinung ist auch Golden States Shooting Guard Klay Thompson. „Natürlich tut es uns allen weh, jemandem wie Joakim Noah beim Wurf zuzuschauen. Aber noch mehr schmerzt es, dass er damit trifft. Wenn er mit seiner wilden Art zwei, drei Würfe hintereinander versenkt, dann muss man seinen Wurf respektieren - egal wie er dabei aussieht“, erklärte Thompson einst in einem Interview.

Dass Noah und Marion keine vorbildliche Technik verwenden, steht außer Frage. Doch den Spruch „wer trifft, hat recht“ gibt es nicht ohne Grund. Spieler wie Dwight Howard oder DeAndre Jordan haben trotz ihres technisch sauberen Wurfs miserable Freiwurfquoten.

Chris Mullin, Hall of Famer und einer der besten Shooter aller Zeiten, sagte einmal: „Es gibt zwei Wege, ein guter Shooter zu werden. Entweder man versenkt mit richtiger Technik jeden Tag 250 bis 500 Würfe. Oder man macht es mit schlechter Technik 2.500 bis 3000 mal.“

Joakim Noah und Shawn Marion haben sich für die zweite Variante entschieden.