14 November 2014

14. November, 2014   |  Axel Babst  @CoachBabst


Am Freitag beginnt nach fast achtmonatiger Pause die neue Men's Basketball NCAA-Saison - "endlich", wie jeder College-Bball-Nerd lautstark proklamieren wird. NBACHEF stellt euch alle Top-Teams der Spielzeit 2014/15 vor - mit einer Detailliebe, wie ihr sie hierzulande kein zweites Mal finden werdet. 


Vergangene Saison
Dass die Cavaliers über weite Strecken der Saison das Überraschungsteam der NCAA bilden würden, hätten noch im Dezember die kühnsten Optimisten wohl für unmöglich gehalten. Bis dahin wäre die Bezeichnung "ernüchternd" noch wohlwollend formuliert. In der Offensive wirkte das Team sehr eindimensional und ideenlos. Erstmals wurde das beim Aufeinandertreffen mit VCU markant. Gegen die nach Verwüstung strebenden Rams leisteten sich die Cavaliers mehr Ballverluste, als sie Körbe aus dem Feld erzielten (19 zu 18), was in mageren 56 Zählern resultierte. Zwar gewann man gegen schwach einzuschätzende Mannschaften in den folgenden Wochen und konnte auch die aufstrebende SMU bezwingen, doch prompt setzte es erneut niederschmetternde Niederlagen. Gegen Wisconsin erzielte man in 40 Minuten gerade einmal 38 Punkte. Anschließend verlor man auch noch gegen Green Bay mit 72:75. Im Keller war die Stimmung dann nach der letzten Partie im Jahr 2013. Eine 87:52-Klatsche kassierte das Team in Tennessee. Doch so demoralisierend diese Blamage im ersten Moment erscheint haben mochte, sie war der Weckruf, den die Mannschaft brauchte und der die komplette Saison beeinflusste. Coach Tony Bennett reagierte und veränderte nochmals seine Starting Five. Mit einem ganz anderen Gesicht präsentierte sich Virginia dann auch im Auftaktmatch der ACC gegen Florida State. Mit harter Defense und auch wesentlich verbesserte Offense kaufte man den Seminoles den Schneid ab. Auch in den folgenden Spielen gegen Wake Forest und NC State rührte Virginia Zement in der Defense an. Gegen Duke folgte dann zwar eine knappe Niederlage, doch davon ließ sich das Team nicht beeindrucken. Im Gegenteil: Es startete eine 13 Spiele andauernde Siegesserie, in deren Verlauf Topteams wie North Carolina, Pittsburgh oder sogar Syracuse mit stellenweise extrem dominanten Leistungen aus der Halle geschossen wurden. Der Schlüssel lag dabei stets in der bombensicheren Defense und der Kontrolle im Angriff. Gleichbedeutend mit dem hohen Triumpf über Syracuse in eigener Halle, sicherte man sich vorzeitig den ACC Titel der regulären Saison. Zwar verlor man das letzte Spiel gegen Maryland nach Verlängerung, doch weiterhin starke Leistungen im ACC Turnier ließen die Fans diese Niederlage schnell vergessen. Im Finale bezwang man auch Duke, sodass man sich den Titel als ACC Champ endgültig sichern konnte. Beim "Big Dance" sorgte die Platzierung der Cavaliers als 1 Seed dennoch für Diskussionsstoff. Den Kritikern nahmen die ACC Gewinner jedoch schnell den Wind aus den Segeln mit ungefährdeten Siegen über Coastal Carolina und Memphis. Im Sweet Sixteen traf man auf die aufstrebenden Spartaner der Michigan State University. Diesen musste man sich nach erbittertem Kampf in einem engen Spiel, das bis zum Schluss auf der Kippe stand, geschlagen geben. Damit endete die Saison früher, als sich das viele Anhänger erhofft hatten.

Abgänge
Joe Harris (G 6-6), Akil Mitchell (F 6-9)  
Beide Seniors werden kaum zu ersetzen sein. Zumindest nicht mit einem einzelnen Spieler, der ihre Position bekleiden soll. Joe Harris führte das Team mit seiner Erfahrung durch die schwierigste Phase der Saison und wirkte tatkräftig am Aufstieg der Cavaliers mit. Doch nicht als Anführer wird er dem Team fehlen. Mit seinem guten Dreier war er im Angriff eine verlässliche Waffe. Zumal ihm die Motion Offense mit den vielen Down und Flare Screens in die Karten spielte, da er dank seiner exzellenten Fußarbeit immer in der Lage war, sofort abzudrücken. Diese war ihm auch in der Defense eine Hilfe. Akil Mitchell räumte als Gegenstück zumeist unter den Brettern auf und konnte an beiden Seiten des Feldes seine Athletik und seine Toughness einbringen. In der Defense war sein Timing bei Rotationen nahezu perfekt, was ihm viele gute Blockchancen ermöglichte. Offensiv erwies er sich in Zonennähe als guter Finisher.

Zugänge
Devon Hall (G 6-5, Fr), Jack Salt (C 6-11, Fr), Marial Shayok (G 6-5, Fr), B.J. Stith (G 6-5, Fr), Isaiah Wilkins (F 6-7, Fr)
Devon Hall trainierte im letzten Jahr bereits mit dem Team und konnte das Redshirt Jahr nutzen, um besonders die defensiven Prinzipien von Coach Bennett zu erlernen. Nun kann er sie in seiner ersten Saison auf dem Spielfeld auch anwenden. B.J. Stith ist der Sohn von Bryant Stith, seines Zeichens erster in der All time Scoring Liste der Universität. Für den Junior geht damit ein Traum in Erfüllung, allerdings muss er nun versuchen, aus dem Schatten seines Vaters zu treten. Ähnliches gilt für Isaiah Wilkins, der der Sohn von NBA Legende Dominique ist. Wie der Vater, kann auch der Filius mit außergewöhnlicher Athletik für Highlights sorgen. Jack Salt soll Größe und Toughness in den Frontcourt bringen. Marial Shayok hatte eigentlich schon Buzz Williams und der Marquette University seine Zusage gegeben. Allerdings zog er diese nach Williams' Abgang zurück und entschied sich stattdessen für Virginia. Das könnte der Steal des Sommers für Bennett und seine Crew gewesen sein.

Verbleibender Kader
Justin Anderson (G 6-6, Jr), Darion Atkins (F 6-8, Sr), Malcolm Brogdon (G 6-5, Jr), Anthony Gill (F 6-9, So), Evan Nolte (F 6-8, Jr), London Perrantes (G 6-2, So), Mike Tobey (C 7-0, Jr) 



Coach
Tony Bennett
6.Saison 106-60 (Virginia), 9.Saison 175-93 (Insgesamt), 4 Mal NCAA Tournament, 2 Mal Sweet Sixteen
Wenn ein Team sich während einer Saison so sehr zum Positiven wandelt und sich so in den Leistungen festigt, wie es Virginia in der abgelaufenen Spielzeit tat, gebührt dem Trainer dafür großer Respekt. Tony Bennett hielt trotz der schwierigen Situation an seinen Grundprinzipien fest, was einen guten Trainer auszeichnet. In der Defense verlangt er viel von seinen Youngstern und akzeptiert keine Ausreden und Entschuldigungen. Zusätzlich zu diesen Grundlagen auf mentaler Ebene lässt Bennett in der Defense ein sehr teamorientiertes Konzept laufen, das viele Hilfen garantiert, ohne dass die Verteidigung kollabiert. So weist keiner der wichtigen Rotationsspieler ein Defense Rating von über 100 auf, eine bemerkenswerte Statistik. In der Offense bevorzugt Bennett seine Motion Offense, die auf einen gegengleiche Bewegung auf den Flügeln ausgelegt ist, bei der der eine Flügelspieler meistens einen Downscreen erhält, während der andere Wing einen Flarescreen nutzen kann. Auch gegen Zonenverteidigungen hat der Trainer Einiges auf dem Kasten und versteht es, die Highposts effektiv zu besetzen. 


Backcourt
London Perrantes, Malcolm Brogdon, Justin Anderson
Er war vielleicht der heimliche Schlüssel zum erfolgreichen Abschneiden in der vergangenen Saison. Aufgrund seiner geringen Körpergröße und seiner mangelnden Erfahrung wurde der Freshman anfangs noch müde belächelt. Doch Schritt für Schritt gewann er mehr Kontrolle über die Offense seiner Cavaliers. In der besten Phase der Saison war er mit seiner guten Organisation hauptverantwortlich für den Aufschwung. Am Ende des Jahres standen auch überragende statistische Werte zu Buche, die den subjektiven Eindruck stützten. Seine Assist-Turnover-Ration betrug fast 4. Zudem wies er die höchste Effizienz im Angriff auf. Noch vor seinen hochgelobten Mitspielern Harris oder Brogdon. Neben seinen Qualitäten als stiller, aber konsequenter Spielmacher, konnte er mit seinem guten Schuss Freiräume für die Mitspieler eröffnen. Genau diese Rolle sollte er auch dieses Jahr wieder übernehmen können. 

Der Alleskönner des Teams wird auch dieses Jahr versuchen, die Verantwortung in möglichst vielen Teildisziplinen zu übernehmen. Speziell im Angriff wird er jedoch noch tiefer in die Trickkiste greifen müssen, um Gill und Anderson noch besser in die Startformation zu integrieren. Brogdon kann als Point Forward sowohl die Spielzüge initiieren, als auch selber als Verwerter in Erscheinung treten. Dadurch entlastet er einerseits Perrantes im Ballvortrag und gibt diesem die Möglichkeit, sich abseits des Balls zu befreien, um einen offenen Dreier zu versenken. Andererseits ist er damit einer der wenigen Spieler im Kader, die sich im Notfall auch einen qualitativ hochwertigen Wurf erarbeiten können. Wie seine Mitspieler ist er zudem auch in der Defense stets auf der Höhe des Geschehens. Will Virginia wieder ähnlich erfolgreich sein, muss Brogdon Höchstleistungen abrufen.



Anderson war für die Rolle des sechsten Mannes prädestiniert. Aufgrund seiner körperlichen Grundlagen ist er gleichzeitig kräftig und beweglich genug, um die Positionen 1 bis 4 hinreichend zu verteidigen. Auch offensiv ist seine Spielanlage derart variabel ausgelegt, dass er mehrere Positionen ausfüllen kann. Vorzugsweise auf dem Flügel eingesetzt, kann er gegen kleinere Gegenspieler aufposten und sich leichte Punkte am Brett verdienen. Doch auch der Ballvortrag stellt für den Forward kein Problem dar. Einzig der Wurf ist noch ausbaufähig. Speziell der Dreier fällt noch nicht konstant genug, sodass seine Verteidiger andernorts helfen können, ohne dafür bestraft zu werden.

Frontcourt
Anthony Gill, Mike Tobey
Ähnlich wie Anderson kam auch Gill in der letzten Saison in der Regel von der Bank und brachte neue Impulse in das Spiel seines Teams. In der Offense konnte er sofort Positives bewirken, störte dabei aber nie den Spielfluss des Teams und hortete nicht den Ball. Dennoch kann er auf ein vielseitiges Arsenal im Angriff zurückgreifen. Sein Mitteldistanzwurf ist respektabel und fällt sowohl im Catch-and-Shoot, als auch nach Ballerhalt im Lowpost und anschließendem Faceup. Dazu vereint der Athlet eine gute, wenn auch nicht großartige, Fußarbeit mit gutem Shootingtouch, sodass er in Zonennähe mit Raffinesse und Geschick abschließen kann. Allerdings hat er defensiv noch nicht die Präsenz eines Akil Mitchells und muss noch an seiner Teamdefense arbeiten. 

Der Big Man konnte sich als Anker der Defense herauskristallisieren und sich diese Rolle mit Akil Mitchell zuletzt gerecht aufteilen. Da dieser nun nicht länger für die Cavaliers das Parkett betreten wird und sein Nachfolger Anthony Gill eher in der Offense seine Stärken ausleben kann, wird sich Tobey noch öfter durch seine Verteidigungskünste auszeichnen müssen. Doch auch offensiv kann sich der Center einbringen. Für einen Spieler seiner Größe kann er ein weiches Handgelenkt aus der Halbdistanz aufweisen. Auch als Ziel von Durchsteckern bietet er sich dank seiner guten Hände an. Den wichtigsten Part seiner Aktionen im Angriff machen allerdings seine guten Blöcke aus. Dabei kommt er ohne Offensivfouls aus und ermöglicht den Schützen abseits des Balls den nötigen Platz. 

Bank
Auf Devon Hall ruhen große Hoffnungen. Nach einem Jahr Eingewöhnungszeit mit der Mannschaft bescheinigen ihm viele ein ähnlich variables Spiel, wie es bereits ein Brogdon oder Anderson zelebrierten. Die fehlende Erfahrung wird sich in den ersten Spieler als Backup auf den Guard Positionen jedoch bemerkbar machen. B.J. Stith kann den einen oder anderen Wurf aus der Distanz einstreuen und für Scoring von der Bank sorgen. Das wird auch dringend benötigt. Marial Shayok wollte ursprünglich für Buzz Williams spielen. Nun spielt er für Tony Bennett. Beide sind Trainer, die der Defense und dem Einsatz alles andere unterordnen. Genau das passt zum Kanadier, der jederzeit 100 Prozent gibt und immer versucht den Korb angreifen will. Im Frontcourt ist Evan Nolte der Mann, wenn es darum geht, das Spacing zu verbessern. Mit seinem gefährlichen Wurf kann er Spiele entscheiden. Darion Atkins fühlt sich dagegen näher am Korb wesentlich heimischer und bringt Defense und Rebounding in die Begegnung. Isaiah Wilkins und Jack Salt verleihen dem Kader Tiefe. 

Ausblick
Die Titelverteidigung wird sehr schwer. Mit Duke, North Carolina und den neu dazu stoßenden Louisville Cardinals sind gleich drei Schwergewichte in der Conference vertreten. Doch die Cavaliers sind eingespielt und erfahren. Dazu definiert sich das Team über die harte und disziplinierte Verteidigung, die selbst die talentiertesten Spieler vor Probleme stellen wird. Die Frage wird sein, ob Brogdon in der Offense genug Unterstützung erhält. Sollte er zu viel auf eigene Faust unternehmen müssen, wird Virginia Probleme bekommen. Daher sollten sie die Conference Spiele als Generalprobe für enge Spiele im Tournament betrachten und sehen, wie gut sie Druck standhalten können.