13 November 2014

13. November, 2014   |  Axel Babst  @CoachBabst


Am Freitag beginnt nach fast achtmonatiger Pause die neue Men's Basketball NCAA-Saison - "endlich", wie jeder College-Bball-Nerd lautstark proklamieren wird. NBACHEF stellt euch alle Top-Teams der Spielzeit 2014/15 vor - mit einer Detailliebe, wie ihr sie hierzulande kein zweites Mal finden werdet. 


Vergangene Saison
Einen insgesamt sehr überschaubaren Schwierigkeitsgrad hatte der Spielplan der Harvard Crimson. Nur wenige harte Brocken mussten umschifft werden. Die größten Namen waren dabei Colorado und UConn. Beiden Teams musste man sich geschlagen geben, auch wenn man zumindest gegen UConn ersatzgeschwächt antrat, da go-to guy Wesley Saunders die Partie aufgrund von Beschwerden im linken Knie verpasste. Die restlichen Aufgaben wurden bis zu diesem Zeitpunkt allerdings standesgemäß erfüllt. Die namhaftesten Opfer waren TCU (Big 12), Boston U und Boston College. Während der Ivy League Saison leistete man sich nur einen Fehltritt gegen Yale, war aber ansonsten in der Lage, auch in engen Partie die Oberhand zu behalten, wie die Spiele gegen Columbia (88:84 Sieg nach zweifacher Verlängerung) und Brown (98:93 nach Verlängerung) zeigten. Diese souveräne Leistung reichte, um sich den Titel zum dritten Mal in Folge zu sichern. Da die Ivy League zudem auf ein weiteres Turnier verzichtet (als einzige Conference), waren die Karmesinroten direkt für das NCAA Tournament qualifiziert. Vom Komitee wurde man als 12 Seed eingestuft. Für diejenigen, die sich regelmäßig ein Bracket zur March Madness basteln, schrillten sofort die Alarmglocken, da in der jüngeren Historie das 5-12-Matchup fast schon eine Garantie für eine Überraschung des Underdogs innehatte. Und auch auf Harvard war Verlass. In einer umkämpften Partie konnte Harvard genug in der Offense darbieten, um die schwer zu spielenden Cincy Bearcats aus dem Rennen zu werfen. In der nächsten wartete dann mit Michigan State allerdings ein ganz anderes Kaliber. Die gut aufgelegten Spartans waren letztlich eine Nummer zu groß für Harvard, obwohl der Ivy League Sieger sehr gut mithielt und die hervorragende Entwicklung der letzten Jahre bestätigte.

Abgänge
Kyle Casey (F 6-7), Brandyn Curry (G 6-1), Laurent Rivard (G 6-5)
Kyle Casey war über Jahre der wichtigste Spieler des Programms und Symbolfigur für den sportlichen Erfolg an der Eliteuniversität. Als kräftiger Power Forward mit gutem Wurf und ausgeprägten 1-1-Fertigkeiten war er für die Gegenspieler in der Ivy League schlicht nicht zu halten. Aber auch gegen die großen Teams aus anderen Ligen strahlte er eine Souveränität aus, die auf seine Mitspieler abfärbte. In seinem Seniorjahr gingen seine Werte zwar leicht runter und er versteckte sich phasenweise ein wenig, dennoch war seine Präsenz allein schon unglaublich wichtig. Kanadier Laurent Rivard etablierte sich in den vergangenen Jahren als einer der gefürchtetsten Distanzschützen der Ivy League. Mit großem Selbstvertrauen konnte der Shooter seine Würfe versenken, unabhängig davon, ob ein Gegenspieler ihn störte oder nicht. Ähnliches konnte auch Backup Point Guard Brandyn Curry von sich behaupten. Auch wenn man ihn eher als "streaky" einstufen würde. Sein Dreier aus dem Dribbling ist rotzfrech und wenn der Linkshänder erstmal anfängt zu treffen, kann man ihn kaum noch aufhalten. Als kreativer Chaot sorgte er für Überraschungen von der Bank.

Zugänge
Andre Chatfield (G 6-4, Fr), Chris Egi (F 6-9, Fr), Corbin Miller (G 6-2, So), Kenyatta Smith (C 6-8, Sr), Zach Yoshor (G 6-6, Fr)
Zwei alte Bekannte werden in der kommenden Saison wieder das Trikot Harvards überstreifen. Das ist einmal Corbin Miller, der nach einer sehr soliden Freshman Saison entschied, sich für zwei Jahre auf eine religiöse Mission zu begeben. Nun ist er zurückgekehrt und dürfte darauf brennen, das Leder wieder im Korb unterzubringen. Kenyatta Smith ist nach auskurierter Verletzung auch wieder spielbereit und wird mit seinem massigen Körper eine wichtige Erscheinung in der Defense darstellen. Von den drei Freshmen ist Chris Egi die größte Verstärkung, nicht nur was die reine Körpergröße anbelangt. Sein Potential ist so ausgeprägt, wie bei keinem anderen Spieler im Kader und da ist Tommy Amaker ein wahrer Coup gelungen. Zach Yoshor und Andre Chatfield sind ebenfalls neu auf dem Campus in der Nähe von Boston. Yoshor gilt ebenfalls als Rohdiamant, der noch geschliffen werden muss.  

Verbleibender Kader
Siyani Chambers (G 6-0, Jr), Evan Cummins (F 6-8, Jr), Steve Moundou-Missi (F 6-7, Sr), Wesley Saunders (G 6-5, Sr), Jonah Travis (F 6-6, Sr)



Coach
Tommy Amaker
8.Saison 139-70 (Harvard); 18.Saison 315-209 (Insgesamt); 4 Mal NCAA Tournament; 1 Mal Sweet Sixteen
Als Amaker 2007 seinen Dienst antrat, war Harvard nicht einmal in der Ivy League eine feste Größe, geschweige denn ein fester Teilnehmer des NCAA Tournaments. Das hat sich in den letzten Jahren dramatisch geändert. Innerhalb der ersten drei Saisons konnte Amaker die Ausbeute an Siegen fast verdreifachen. In der Ivy League konnte man sich zuletzt vier Mal den Titel sichern. Im ersten Jahr teilte man sich den ersten Rang noch mit Princeton und musste in einem Do-or-die-Spiel antreten, das man letztendlich verlor und womit man das Tournament knapp verpasste. Doch in den anderen drei Jahren qualifizierte man sich für K.O.-Runde im März. All diese Erfolge sind mit dem Namen Amaker eng verknüpft. Sein größter Verdienst ist dabei die Implementierung einer harten Defense. Die Karmesinroten lassen keine einfache Punkte zu und verlangen selbst von den Elite Teams der NCAA eine Menge Arbeitsaufwand ab, um punkten zu können. In der Offense nutzt Amaker die Stärken seiner Spieler sehr gezielt und schafft es, dass am Ende eines Angriffs der richtige Spieler auf der richtigen Position den richtigen Wurf nehmen kann. Da er auch vorausschauend beim Recruiting agiert, darf man zuversichtlich sein, dass das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht ist.

Backcourt
Siyani Chambers, Corbin Miller, Wesley Saunders 
In der letzten Saison legte Linkshänder Chambers einen großen Entwicklungssprung als Spielmacher hin. Seine Spielorganisation verbesserte sich schlagartig und dieser große Schritt nach vorne war auch ein Grund dafür, weshalb Harvard in der Offense wesentlich unberechenbarer war als in den Vorjahren. Trotzdem kann er bei seinen Wurfentscheidungen immer noch Optimierungen vornehmen. Er verlässt sich teilweise zu sehr auf seinen ordentlichen Wurf und hört nicht auf, Schüsse abzufeuern, auch wenn die Trefferquote rapide in den Keller fällt. In solchen Momenten sollte er dann vermehrt auf seine Schnelligkeit setzen oder seine Mitspieler integrieren. Ersteres ist allerdings häufig noch nicht von Erfolg gekrönt, da ihm die Stabilität und Kreativität bei seinen Abschlüssen fehlt.



Der gläubige Mormone Miller soll Rivards Rolle haargenau übernehmen. Mit gutem Shooting soll er seinen Mitspielern einen Abnehmer für Anspiele bieten und ihnen Freiräume schaffen. Vor zwei Jahren konnte er sich bereits in seiner Freshman Saison als sicherer Distanzwerfer auszeichnen und sich dadurch regelmäßige Spielanteile sichern. Die Frage ist nun, ob er seinen guten Touch über die verpassten beiden Spielzeiten konservieren konnte. Das ist eigentlich schon zwingend erforderlich, da er ansonsten über keine herausragenden Fähigkeiten verfügt und in der Defense anfällig ist. Zudem ist auch sein Team darauf angewiesen, dass seine Würfe fallen, da der Backcourt nur sehr dünn besiedelt ist und es an Alternativen mangelt. 

Bereits vor seiner Senior Saison kann Wesley Saunders auf eine glorreiche Harvard Karriere zurückblicken und sich als einer der Hauptfaktoren für die erfolgreichste Ära der Schulgeschichte ausgeben. Doch darauf wird sich der Allrounder nicht ausruhen. Er will sein Team noch weiter durch die Wochen im März und vielleicht sogar April führen. Er kümmert sich um den Ballvortrag und ist an den meisten Angriffsaktionen direkt beteiligt. Sein gutes Verhalten im Pick & Roll in Kombination mit seinen starken technischen Fertigkeiten machen ihn brandgefährlich für jede Verteidigung. Doch dabei bewahrt er stets ein Auge für den Mitspieler. Neben seinen Qualitäten in der Offense zeichnet sich der Senior aber auch dadurch aus, dass er sich als Verteidiger nicht zurücknimmt und sich keine Pausen gönnt. Beim Rebound beweist er eine gute Nase und steht daher sehr oft richtig und kann seine gute Position behaupten.

Frontcourt
Steve Moundou-Missi, Kenyatta Smith
Die positive Überraschung der vergangenen Saison. Schon in seinen ersten Jahren konnte der Forward aus Kamerun als Rollenspieler solide Leistungen abrufen. In der vergangenen Saison zeigte er mehr als das. In der Offense zog er so oft es ging ohne Kompromisse zum Korb und ließ sich auch ihn Bedrängnis nicht aus der Ruhe bringen. Dank seines kräftigen Oberkörpers kann er sich problemlos auch auf engstem Raum und gegen harte Defense durchsetzen. Zudem ist er beim Rebound immer aktiv und erarbeitet seinem Team dadurch viele Angriffe. In der 1-1 Defense ist er zusätzlich ein überdurchschnittlich guter Verteidiger. Er liefert also das gesamte Paket ab und wird der wichtigste Spieler des Frontcourts sein und Kyle Casey in dieser Rolle beerben. Einzig ein verlässlicher Mitteldistanzwurf fehlt noch ein wenig.

Zwar man muss abwarten, wie formstark der Center nach seiner Verletzung ist, doch Smith sollte auf Anhieb seine beiden Hauptaufgaben ausüben können. In der Defense wird er mit seiner Größe für eine gute Präsenz sorgen. Als Shotblocker konnte er sich vor zwei Jahren aufgrund seines guten Timings schon auszeichnen. Zudem passt seine harte Spielweise zur Idee von Trainer Amaker. Auch beim Rebound ist Smiths Robustheit ein Vorteil. In der Offense beschränkt er sich zumeist darauf, Anspiele seiner Mitspieler zu verwerten. Das macht er dann aber auch sehr gewissenhaft und lässt sich von Fouls nicht beirren. Von der Freiwurflinie beweist er einen guten Touch und bestraft Fouls damit. Seinerseits sollte er sich mit Fouls zurückhalten, damit er nicht mehr so viel Zeit auf der Bank verbringen muss, obwohl er gute Leistungen abruft.

Bank
Als Sixth Man ist Jonah Travis gesetzt. Der variable Forward kann mehrere Positionen verteidigen und auch selber in der Offensive einnehmen. Vorzugsweise wird er aber Smith und Moundou-Missi Verschnaufpausen gewähren, denn sonst könnte Harvard Spacing Probleme bekommen, da Travis kein Schütze ist. Travis macht eher die vielen kleinen Dinge, die nicht im Boxscore auftauchen, aber trotzdem ungemein wichtig für den Teamerfolg sind. Evan Cummins wird ebenfalls Minuten auf den großen Positionen sehen. Er macht wenig Fehler und kann in der Defense seinen Gegner ordentlich bearbeiten. Ob seine Einsatzzeit so konstant bleibt wie im Vorjahr, hängt aber auch von Freshman Chris Egi ab. Dieser ist ein außergewöhnlicher Athlet und kann seinem neuen Team auf verschiedenen Wegen helfen. Offensiv wird er den Fastbreak beleben und als Abnehmer von Lobpässen brillieren. Auch als Rebounder und Verteidiger kann er der Mannschaft auf Anhieb helfen, da er jedem freien Ball hinterherhechtet und zudem eine gute Fußarbeit besitzt. Trotzdem muss er erst noch Erfahrungen sammeln und wird viele Fehler begehen, ehe er auch ein ordentlicher Basketballer ist. Nichtsdestotrotz ist die Frontcourtrotation sehr tief und muss sich vor keinem Team verstecken. Anders gestaltet sich die Situation auf den Guard Positionen. Sanders muss wahrscheinlich den Backup Point Guard geben, da sonst niemand für diese Rolle in Frage kommt. Während dieser Zeit wird Travis seine Minuten auf dem Flügel sehen, aber auch die Freshman Wings Zach Yoshor und Andre Chatfield müssen in die Bresche springen. Beide sollen Athletik und Wurfqualitäten mitbringen.


Ausblick
Im Prinzip ist das Team bereit für den nächsten Schritt. Mit Saunders und Chambers sind die beiden wichtigsten Spieler erhalten geblieben und werden ihre Mitspieler sicher anführen. Allerdings ist die Rotation im Backcourt wirklich sehr dünn und ein Ausfall, sei es verletztungs- oder formbedingt, wäre kaum zu kompensieren. Außerdem werden die Freshmen direkt viel Verantwortung übernehmen müssen, wenn Amaker über die Runde der letzten 32 hinauskommen möchte. Auch im Frontcourt muss sich erst noch herausstellen, wie tief er wirklich ist. Smith ist foulanfällig, Egi unerfahren, Cummins limitiert. Sind das zu viele Einschränkungen und wird man erst im Nachhinein merken, wie schwerwiegend der Verlust von Routinier Kyle Casey wirklich ist? Man sollte trotzdem den Einzug unter die Sweet Sixteen einplanen.