27 November 2014

27. November, 2014   |  Anno Haak  @kemperboyd


MJ=GOAT. Dichtung und Wahrheit
Robertson sagt: "LeBron ist eine Klasse für sich!" Abdul-Jabbar sagt: "Robertson ist der Größte!" LeBron sagt, er will es werden. Jordan sagt, er hätte ihn geschlagen. Der Rest der Welt hört mit und betätigt sich im Binge-Ranting. Lasst es sein! Jeder Sport kennt einen, der größer ist als er selbst. Pele ist größer als Fußball, DiMaggio ist größer als Brennball, Montana ist größer als Football. Maradona, Rodriguez und von mir aus Brady sind Epigonen. Damit ist eigentlich alles gesagt. Und doch lässt man sich immer wieder auf Diskussionen ein. Auch ich. Jetzt. Hier.

Grundsatz
Jordan ist größer als Basketball. Er wird es bleiben. Immer. Neben ihm auf seinem Thron sitzt niemand. Gott mag dreifaltig sein. Neben Jordan ist kein Platz. Nicht für LeBron, und auch sonst für niemanden. LeBron wird nicht der heilige Jordan-Geist und er wird nicht Basketball-Gottes Sohn.

Das ist nicht James' Fehler. Warum? Weil es niemand wird. James kann noch fünf Ringe gewinnen. Er wird nicht GOAT. Nicht, weil MJ die beste Ära der NBA anführte. Nicht, weil er Titel angeblich ohne Hilfe gewonnen hat. Nicht, weil er seine Karriere bei einer Franchise verbracht hat (den Wizards-Wahnsinn ignoriere ich einfach). Nicht, weil der spiel- und herrschsüchtige Bulle der bessere Mensch war. Der Ikonenstatus wurde jenseits des harten Holzes verdient.

Der Star der "größten Ära"
Jordan ist nicht der Größte, weil er in der besten Ära der NBA gespielt und sie dominiert hat. Mal abgesehen davon, dass Quervergleiche immer schwierig sind. Vor allem die späten neunziger Jahre waren sicher nicht die größte NBA-Ära. Ich habe sie gesehen. Live. In Farbe. Die Nr. 20 der NBA 1997 hätte gegen die Nr. 23 der NBA 2014 keine Chance. Die Leistungsdichte an der absoluten Spitze war relativ hoch. Aber die meisten NBA-Teams der Zeit des zweiten Bulls-Threepeats haben grausamen Basketball angeboten. Dennis "LeBron is average" Rodman hat es gewusst. Er hat es geschrieben. In seinem Buch. Ja, ich hab's gelesen und ich bin nicht stolz drauf.

Solo für Nummer 23
Es war der Beginn der Ego-Zocker-Ära. In diesen Jahren wurden die Grundlagen für die zeitweilige Degenerierung von Basketball gelegt. Die Zeit, in der junge, unverdorbene Menschen wie Allen Iverson oder Kobe Bryant Basketball kennenlernten. Und glaubten, zu den Großen gehöre man nur bei Usage Rates von 85% + x. Die Ära der 1-gegen-5-Mentalität, die sich bis in die Trümmer des nur noch sogenannten Dreamteams vorfraß. Des Teams USA, das sich 2002 bei der Heim-WM auf Platz 6 (in Worten: sechs) träumte. Die 2004 den Topscorer im schlechtesten Team der NBA sah. Als beste Ära sind die 80er und 90er in Erinnerung, weil sie Jordans Ära waren.

Er hat diese Ära und die nachfolgenden Jahre geprägt. Im Guten wie im Schlechten. Damals entstand die Legende, Jordan habe sechs Titel im Solo gewonnen. Das war, das ist und das bleibt Schwachsinn. Der Meister, Ehre wem Ehre gebührt, hat das nie behauptet. Aber seine Werbepartner haben den Mythos gerne genutzt und bestenfalls ironisiert (s. oben). Seitdem musst Du Meisterschaften alleine gewinnen. Charles Barkley, der Herr sei ihm gnädig, nimmt LeBron aus der Diskussion um den Größten aller Zeiten. 2010. James hatte noch keinen Ball als Heatle berührt. Er hatte noch nicht einmal "not seven" gesagt.

Aber mit Wade und Bosh im Team wird man nicht der Beste (mit Love und Irving wahrscheinlich auch nicht, aber das ist eine andere Baustelle). Jordan sagte, er wollte diese Kerle schlagen. Bird und Magic und wie sie alle hießen. Nicht mit ihnen spielen. Gegen sie. Und sie schlagen. Gefühlt alle applaudierten. Warum? Die Chance zusammenzuspielen gab es nie. Ob Jordan sie genutzt hätte, hätte es sie gegeben? Wahrscheinlich nicht. Aber nur, weil sein Ego das Einzige war, das noch größer war als seine Eier.



Jordan hat Bird nie geschlagen. Nicht in dessen Prime. Als Jordan groß wurde, war Larry Legend ein Pflegefall. Magic? Als sich Jordan das erste Mal in die Finals geackert hatte, war Earvin Johnson ein Veteran. Zwölf NBA-Jahre auf dem Buckel. Fünf Titel im Sack. Ausgelaugt. Wenige Monate nach den NBA-Finals 1991 trat er wegen seiner HIV-Erkrankung zurück. Die Geschichte von Jordans erkämpfter Machtübernahme ist zu schön, um wahr zu sein. Deshalb ist sie auch nicht wahr, allenfalls halbwahr.

Und selbst wenn das anders wäre? Allein? Der Mann hatte den vielleicht besten Flügelverteidiger der NBA-Geschichte an der Seite. Scottie Pippen ist Mitglied der Basketball Hall of Fame. Rodman oder Horace Grant hätten mit Manute Bol auf dem Schoß mehr Rebounds geholt als Chris Bosh an seinem besten Tag. Und so viele beste Tage hatte er nicht mit James an der Seite in Miami. Dazu kamen Center, ich meine richtige Center. Perdue, Cartwright und wie sie alle hießen. Natürlich waren das keine Ringbeschützer und schon gar nicht offensiv produktiv. Aber es waren Sieben-Fuß-Hirten, keine zu kurz geratenen Vierer wie Haslem. BJ Armstrong oder Ron Harper waren wohl kaum schlechter als Mario Chalmers. Von Paxson oder Kerr, die Jordan 1993 bzw. 1997 "die Kohlen aus dem Feuer" holten, ganz zu schweigen. Wenn Jordan allein war, will ich auch allein sein.

Die eigene Franchise
Ja, Jordan hat (den ernstzunehmenden Teil seiner) Karriere bei einer Franchise verbracht. Er kam, als sie am Boden lag, richtete sie auf, er machte sie groß. Kreierte aus einer Lachnummer die zeitweilige Ikone des US-Sports neben den Yankees. Ein Märchen. LeBron James hat seine Franchise im Stich gelassen. Schnöde, ohne Reue und im landesweiten Fernsehen. Und komm mir nicht mit der PR-Rückkehr. Eklig. Es gilt, es galt, es wird gelten: Die Inszenierung muss man kritisieren, die Entscheidung nicht.

Jordan ist nicht aus Liebe zu Chicago bei den Bulls geblieben. Und ganz sicher nicht, weil er sein Vermächtnis erhalten wollte. Es gab schlicht keine bessere Alternative. Zum einen, weil Jordan nie Free Agent war. Den ersten Vertrag als freier Mann unterschrieb er 1996, mit 33 Jahren. Da hatte er Gehaltsvorstellungen, die sonst sowieso niemand erfüllen konnte. Die Chicago Bulls waren aber vor allem eine im Grunde gut geführte Franchise. In den 80ern bauten sie systematisch ein Meisterschaftsteam auf. Was den heiligen One-Franchise-Guy Michael Jeffrey übrigens nicht davon abhielt, ständig öffentlich über die vermeintlich minderwertige Qualität seiner Mannschaftskollegen herzuziehen. James? Die Cavaliers? Guckt Euch die Roster an, mit denen man LBJ bis 2010 umgeben hat. Ihr wollt Trikots verbrennen? Nehmt die alten Dinger von Danny Ferry.



Der gute Mensch von North Carolina / "I'm back" vs. "The Decision"
Jordan war der bessere Mensch? Oh! Mein! Gott! Jordan war ein herrschsüchtiger und cholerischer Perfektionist mit einem ziemlich ernsthaften Spielproblem. Guckt Euch die Rede zur Hall-of-Fame-Einführung an. Kurzer Ausflug in den Fußball: Christoph Daum würde sagen: "James muss 100 Jahre alt werden, bis er so selbstherrlich ist.

Wenn Cojones gefragt waren, wollte Jordan den Ball. Weil er der Beste war. Weil er es wusste. Weil er zumindest in seiner Jugend lieber den Game Winner auf den Ring setzen wollte, als ihn jemand anderem zu überlassen. Sympathisch war dieser Ehrgeiz, der aus allen Poren kroch, nie. Er machte ihn unsterblich. Zu einem besseren Menschen nicht. Nach allem, was man weiß, war Jordan nicht der Zeitgenosse, den man gerne um sich haben will. Auch in Vor-Web-2.0-Zeiten wurden die Ausraster gegen Freund und Feind im Training bekannt. Dass man ihn in den letzten Jahren fast überall gefeiert hat, war eher das Lifetime Achievement Cheering. Dass Jordan nie eine Audienz im nationalen TV hielt, ist richtig. Hätte er es gelassen, hätte er die Chance gehabt? Wer weiß...

G! O! A! T!
Was Jordan zum Größten macht, ist auch nicht unbedingt seine weiße Finals-Weste. Sechs Titel bei sechs Teilnahmen. Einzig, nicht artig. Aber: Russell gewann elf von zwölf. Was ist mehr wert? Kann man das aufwiegen? Und: Wer ist der größte Loser in NBA Finals? LeBrick? Nope. Irk? Iwo. Patrick Ewing oder Charles Barkley? Haben ja nur eins gespielt! Es ist...Trommelwirbel: Jerry West. The Logo. Neun mal Finals, acht mal zugeguckt, wie sich Larry O'Brien, der damals noch gar nicht so hieß, jemand anderem zuwandte. ACHT. VON NEUN! Ist West ein Loser, ein Choker, ein Versager, ein Nichts? Natürlich nicht!

Bird verlor drei von sechs, Magic vier von neun, Kobe zwei von sieben, Shaq zwei von sechs. Alles Verpisser in der Crunchtime, Feiglinge mit Zitterfingern und ohne Eier? Blödsinn. Ihr sagt, LeBron wird nie Jordan? Ihr habt Recht. Aber erspart mir den Unfug, er würde nicht mal Kobe oder Larry Legend. Und kommt mir nicht mit drei Finalniederlagen. Wo er landet, wird man sehen, wenn seine Karriere gespielt ist. Legacy? Robertson! Was? "It's just TV talk!" Der Größte wird er nicht, der Sprung auf's Treppchen ist möglich.

Michael Jeffrey. Die meisten Schüsse saßen, jedenfalls die, an die wir uns erinnern wollen. The Shot. The last Shot. Die Gesichter von Ehlo und Russell sind Ikonen verzweiflungsverzerrter Fratzen. Man kennt sie als Jordans Opfer, wie man Pilatus nur als Jesus' Schlächter kennt. Auch MJ hat viele entschiedene Würfe nicht getroffen. Aber wenn das Geld auf dem Tisch lag, die ganz dicken Benjamine, dann netzte er traumwandlerisch sicher. Das machte ihn einzigartig, wenn auch nicht unfehlbar. Und nicht jeder, der sie nicht aufweisen kann, ist deshalb ein sportlicher Zwerg.

Was Jordan zum unbestritten Größten macht? Dass er den Sport auf eine andere Ebene hievte. Wenn das Wort "legacy" eine Berechtigung hat, dann bei MJ. Sein Vermächtnis sind 100-Millionen-Dollar-Verträge und personalisierte Schuhkollektionen für Borderline-AllStars. Er machte aus Basketball die Unterhaltungsindustrie, die es heute ist. Als er in die Liga kam, war die NBA das drogenverseuchte Schmuddelkind des amerikanischen Sports. Die Jüngeren können sich kaum vorstellen, in was für schäbigen Turnhallen Jordan seine ersten Auswärtsschritte als Profi machte.



Er wurde das Gesicht der NBA, ach was, des Basketballs. Er globalisierte die NBA als Anführer des originalen, einzig wahren Dream Teams. Er hatte Hilfe von denen, die er schlagen wollte, von Earvin Johnson Jr., Larry Joe Bird und David Joel Stern. Aber er war der Headliner, mehr als eine Dekade lang. Weil er es konnte. Intaktes Elternhaus, vorbildliche Familie, Zahnpastalächeln und eine Physiognomie wie Adonis. Alles da.

Vor allem aber war er es, weil er es wollte. Er ließ sich einspannen. Von Gatorade, von Nike, von der NBA. Er schien es gerne zu machen. Larmoyanz über seine zu große Medienpräsenz kennt man von ihm nicht. Er wollte gar nicht unerkannt in die Öffentlichkeit gehen können. Er liebte das Scheinwerferlicht. Er wollte den Spot. Er bekam ihn. Und wenn alle zum armen Round Mound, dem sie in Philadelphia die ganze Karriere vermanaged hatten, dem unfassbar seriös-traurigen Mailman oder dem grandiosen Clyde hielten und der Spot ein Lichtkegel des Hasses wurde, dann führte MJ den Ball von rechts nach links, sprang, hing, warf, folgte durch, traf und seine Augen sagten: "Nicht, so lange ich lebe!"

Dann ging er und hinterließ Basketball größer, als er ihn vorgefunden hatte. Das Spiel und die Liga werden nie mehr dieselbe sein. Ohne ihn wären wir alle nicht hier und würden über PERs diskutieren, statt an die frische Luft zu gehen. Das macht ihn zum Größten aller Zeiten. Niemand wird sich mit ihm vergleichen können. Nicht mit sechs Ringen, nicht mit elf, nicht mit 20. Also lasst es. Lasst mich. Ich werde es lassen. Ab jetzt.