16 November 2014

16. November, 2014   |  Anno Haak @kemperboyd


Wenn irgendetwas im Forenwald und bei Journalisten mehr Hysterie auslöst als LeBrons Chalktoss und die neue GoT-Staffel (Gruß an Niklas), dann ist es der Rebuild des Teams aus der Stadt der brüderlichen Liebe. NBA-Verweser, Systemgewinnler, Zerstörer des Basketballs. Eklig. Wer nicht gewinnen will, will verlieren, wer verlieren will, erwürgt das Gute im Sport. Philly ist die dunkle Seite der Macht, Kinder tragen Hinkies Antlitz an Halloween als Darth-Vader-Maske (Gruß an Niklas 2.0, aber keine Statistiken, nirgends). Bestandsaufnahme zum Masterplan des Schreckens.


1. "Die Sixers tanken seit Jahren!" 
Im Mittelalter begannen Urkunden mit einer selbstreferentiellen Begründung zu ihrer Errichtung: "Weil das Gedächtnis der Menschen kurz ist!" Heute ist unser ganzes Leben und die gesamte Historie von NBA-Teams auf Servern im Silikon Tal abgespeichert, wir diskutieren über das "Recht auf Vergessen", aber das Gedächtnis der Menschen ist kürzer als die Haltbarkeit glutenfreier Joghurts. Die Sixers standen 2012 ein Spiel vor den Eastern Conference Finals. Die Sixers wollten mit dem Bynum-Trade den letzten Schritt zum Topteam machen, weil sie Igoudala zu Recht nicht für den Franchise-Player der Zukunft hielten. Es ging schief. 2013 blieben sie ungewollt unter .500. Der Zyklus von Holiday, Bynum und Richardson *hust* ging zu Ende, bevor er begann. Manager Sam Hinkie riss den verfallenen Bau ein und legte neue Fundamente. Wie lange es dauert, bis in Philadelphia wieder ein Postseason-Haus steht, kann niemand sagen. Aber Stand November 2014 sind wir im 17. Monat des Neuaufbaus. "Jahre" sind was anderes.

2. "Der Holiday-Trade hat die Sixers künstlich verschlechtert, war falsch!"
Oder anders: "Hinkie hat den Rebuild willkürlich eingeleitet. Er hatte ein gutes Team!" Hatte er nicht. Die Sixers ohne Primetime-Bynum waren ein Abo-Achter im Osten. Jrue Holiday war All Star. Jrue Holiday ist ein guter Rotationsspieler. Jrue Holiday ist kein Franchise Player eines Contenders. In der NBA bist Du oben oder unten. In der Mitte ist nichts außer ehrenwerten Erstrundenniederlagen, für die man sich außer nutzlosem Lob für den Versuch nichts kaufen kann. Betreffs die Zukunft gibt es keine Garantie für gar nichts, aber das Team 2013 war teuer bezahlter Durchschnitt. Und den will niemand. Im wahren Leben nicht und in der NBA erst recht nicht.

3. "Die Sixers wollen künstlich länger schlecht bleiben, deswegen draften sie verletzte Spieler!" 
Noel war der beste Spieler im Draft 2013. Das sagt mehr über den Jahrgang als über Noel, aber es ist so. Embiid war der beste Spieler im Draftjahrgang 2014. Was die Sixers machen, ist, den jeweils besten Spieler zu holen, der zu haben ist. Sie hätten 2013/2014 auch mit Noel nichts gewonnen. Mit Oladipo, Len, Zeller, Porter oder Bennett – wenn sie denn per Trade verfügbar gewesen wären – auch nicht. Also holten sie Noel. Die Sixers würden in der laufenden Saison auch keine 20 Spiele gewinnen, wenn sie Gordon, Exum, Smart, Payton oder Randle geholt hätten. Also holen sie Embiid. Ist Embiid der next Hakeem oder ist er nur der nächste Greg Oden? Kein Mensch weiß das heute. Aber wenn ich nichts zu verlieren und keine bestimmte Lücke im Roster habe, hole ich den Spieler mit der größten Upside. Dass das an dritter Position Embiid war, will wohl niemand bestreiten. Saric an #12 verstehe ich auch nicht. Aber selbst wenn der ein Bust ist: sind die Sixers die erste Franchise, die im Draft danebenlag? Nein? Na, also. Und nur nebenbei: Carter-Williams und McDaniels könnten Steals werden, über die noch in Jahren Kinnladen der Schwerkraft nachlaufen.

4. "Hinkie versteht alle Spieler nur als verschiffbare Bausteine im Topteam-Mosaik!"
Selbst der amtierende RoY gerät in Tradegerüchte. Bis hin zur Menschenverachtung reichen die Vorwürfe. Geht's auch eine Nummer kleiner? Hinkie hat in Houston gelernt, dass Spieler bewegliche Teile sind. Alle Spieler sind bewegliche Teile. Alle bis auf ein rundes Dutzend Megastars und die drei "no-trade-Klausel"-Inhaber. Das ist das Geschäft NBA. Die Regeln sind für jeden Spieler gleich. Morgens nach dem Aufstehen kann eine Nachricht vom Agenten in der Mailbox sein. "Deine Zeit in Boston ist zu Ende. Pack zwei Koffer. Heute Abend ist Medizincheck in Portland!" Würden junge Spieler, gerade hoch gedraftete, gerne das Vertrauen spüren, dass eine Franchise die Zukunft mit ihnen plant? Ja, natürlich. Aber das ist die Ausnahme, nicht die Regel. Das Bessere ist der Feind des Guten. Thomas Robinson kennt den Wahrheitsgehalt des Kalenderspruchs Nummer 1.467. Er war Opfer des Chaos in Sacramento. Aber auch Victor Oladipo ist in Orlando genau so lange safe, bis die Magic im Tausch für ihn einen All Star bekommen. Hinkie mag die Philosophie der Austauschbarkeit einzelner Spieler offensiver kommunizieren als andere GMs. Er tut aber nichts, was andere Manager nicht auch tun.

5. "Hinkie macht das Team unnötig schlecht. Für Young und Hawes hätte man mehr bekommen können!" 
Ah, ja. Und was? Jedes Mal, wenn einer "unter Marktwert" ruft, fällt irgendwo ein Wirtschaftswissenschaftslehrbuch aus dem Regal. Der Wert bestimmt sich nach Angebot und Nachfrage. Ein Spielertrade ist im Übrigen ein komplexes Geschäft. Es gibt keinen objektiven Wert von Thaddeus Young, den es zu unterschreiten gilt. Die Sixers planten nicht mehr mit ihm. Sie boten ihn an. Sie guckten, was sie bekommen könnten. Sie nahmen Shved, Mbah-a-Moute und Picks. Ende der Geschichte. Wenn jemand von einem „besseren“ (was immer das sein soll) Angebot weiß, bin ich ganz Ohr.

6. "Die ständigen Klatschen etablieren in der Franchise eine Verliererkultur!" 
Der Tanz um das goldene Alamo-Kalb hat viele Leute wohl vergessen lassen, dass Gottvater Popovichs Tochter, die Kultur, eine esoterische Schimäre ist. Wenn Buford und Popovich in den Sonnenuntergang reiten, wird von ihrer "Kultur" genau eins übrigbleiben: Kawhi Leonard. Punkt. Hatten die Jordan-Bulls keine gute Kultur? Doch, ich denke schon. Was ist davon übriggeblieben, als Jackson ging? Wie weit hat die Gewinner-"Kultur" des Dr. Buss die Lakers getragen nach seinem Tod? Die "Kultur" der Clippers galt unter Sterling als Dreck, die Franchise als verflucht. Trotzdem kamen Paul und Doc und machten aus L.A.s anderem Team die Mannschaft, die es am Pazifik zu schlagen gilt. Die vermaledeite "Kultur" in Houston gilt als vorbildlich. Zweite Playoffrunde in den letzten 15 Jahren? Leerzeichen. Welche "Kultur" haben James und Love nach Cleveland gebracht? Geschichte wird von Menschen gemacht. NBA-Franchises auch. Was es braucht, ist ein Owner, der delegieren kann, ein GM, der scouten (lassen) und mit dem CBA umgehen kann, und ein guter Trainer. Ach ja, und Ersterer sollte Letzteren Zeit geben. Der Rest kommt von selbst und er geht von selbst wieder mit dem GM und dem Trainer. Was für Kultur? Wenn Popovich wüsste, wer in seinem Namen einen derart verschwommenen Begriff preist und ihn gegen die Sixers oder wer sonst gerade da ist, argumentativ einsetzt, er würde Pressekonferenzen wohl komplett boykottieren.

7,6. "Die Sixers führen das System der NBA ad absurdum. Sie sollten bestraft werden!"
Nein, einfach nein. Sie reizen das System aus, sie nutzen es offen und ehrlich. "Die Letzten werden die Ersten sein", ist die Idee und der Aufbau über den Draft ihre ideale Realisierung. Bestrafen für was eigentlich? Dass sie nicht dümmlich irgendwelche Veteranen wie Ben Gordon überbezahlen, die sie ohnehin nicht weiterbringen? Dass sie verletzte Spieler draften? Schreibt die NBA demnächst die Draftreihenfolge selbst vor, wie sie es für sinnvoll hält? Und übrigens: die Bobcats wollten nicht mal schlecht sein vor drei Jahren und gewannen 7 von 66 Spielen. Tanking soll bestraft werden, aber wegen Unfähigkeit erbärmliche Teams kommen davon, nur weil sie es versuchen? Und wenn ja, wie grenzt man das eigentlich ab? Waren die Knicks letztes Jahr nur unfähig oder ist das schon Tanking gewesen? Haben die Lakers Kobe mit dem Riesenvertrag wirklich für 18 Jahre belohnen wollen oder ist das Tanking durch die Hintertür? Haben die Bucks letztes Jahr ernsthaft geglaubt, O. J. Mayo und Caron Butler bringen sie in die Postseason, oder haben sie nur das Bemühen vortäuschen wollen, um an Parker zu kommen?

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Schlimm genug, dass sich 17 NBA-GMs von der einleitend zitierten Hysterie zur Zustimmung zur Lotterie-Reform haben bewegen lassen. Gut, dass es nicht die notwendigen 23 waren. Wenn wir anfangen, auf welchem Weg auch immer, NBA-Teams für ihre regulären strategischen Entscheidungen zu bestrafen, können wir den Laden dichtmachen. Die Sixers werden schlecht, um gut zu werden. Das ist der NBA-Zyklus. Sie machen das konsequenter als jeder andere in den letzten Jahren. Das muss einem nicht gefallen und das kann man kritisieren und das muss im Ergebnis nicht funktionieren (siehe Thunder). Es ist aber kein Grund, immer neue Horrorgemälde an alle möglichen virtuellen Pinnwände zu malen und die ganze NBA-Systematik zum Sanierungsfall zu erklären.