28 Juli 2014

Sebastian Seidel | 28. Juli, 2014   



Es war der 4. Februar 2012, der für Jeremy Lin alles veränderte. Lin wusste, dass er wohl kurz davor stand, zum dritten Mal in einer Saison entlassen zu werden und dass dies seine vielleicht allerletzte Chance in der NBA war. Was dann passierte, ging als "Linsanity" in die Geschichte des US-amerikanischen Sports ein. Innerhalb von nur drei Wochen avancierte Lin vom Bankdrücker zum Teamleader, legte 22.5 Punkte und 8.7 Assists im Schnitt auf und führte die Knicks dadurch in diesen zwölf Spielen zu neun Siegen. 

Doch was ist von Jeremy Lin geblieben, nachdem er im darauffolgenden Sommer einen Vertrag über 25 Millionen Dollar unterschrieb? Der Zauber von „Linsanity“ war schnell verschwunden. In zwei Jahren in Houston konnte er neben James Harden nie wirklich überzeugen und musste sich seit Mitte der letzten Saison sogar wieder mit einer Rolle von der Bank zufrieden geben. Betrachtet man seine auf 36 Minuten hochgerechneten Statistiken, so legte Lin in seiner Sophomore-Saison in New York noch starke 19.6 Punkte und 8.3 Assists auf. In Houston sanken diese Zahlen schon in der ersten Saison auf 14.9 Punkte und 6.8 Assists ab, in der zweiten Saison, der abgelaufenen, brachte er nur noch 15.6 Punkte und 5.2 Assists zustande. Die Formkurve zeigt also deutlich nach unten.

Stärken/Schwächen
Die Stärken von Jeremy Lin liegen eindeutig im Pick & Roll. Sein schneller erster Schritt hilft ihm oft dabei, tief in die Zone einzudringen und dann entweder am Ring abzuschließen oder seine Mitspieler zu finden. In Houston musste Lin aber oft abseits des Balles agieren, da die Stärken von James Harden ebenfalls vermehrt im Pick & Roll liegen und der Rockets-Star den Ball so gut wie immer dominiert, wenn er auf dem Platz steht. Abseits des Balles konnte Lin einfach nicht gut agieren, lediglich 41.4% seiner Spot-Up-Würfe fanden den Weg durch den Ring, und in der gesamten Saison erzielte Lin gerade einmal sieben Körbe nach Cuts.

Ein weiteres Problem in Houston waren die Big Men und die Art, wie die ins Pick & Roll involviert waren. Dwight Howard ist zwar ein exzellenter Roll-Man (74% FG als Abroller), weigert sich aber vehement, das Pick & Roll konsequent zu laufen, was nur ein mickriger Abschluss pro Spiel aus dem Pick & Roll heraus deutlich hervor hebt.

Ömer Asik fehlte es an Athletik und Schnelligkeit, um gut aus dem Pick & Roll heraus zu punkten, und der junge Terrence Jones ist für einen Power Forward einfach noch zu schmächtig, um sich am Ring durchsetzen zu können. Mit anderen Worten: wenn Lin überhaupt einmal dazu kam, das Pick & Roll zu laufen, fehlten ihm dazu meistens die richtigen Partner.

Defensiv sollte Lin sicherlich nicht unterschätzt werden, auch wenn er natürlich kein Eliteverteidiger ist. In Isolationen hält Lin seine Gegenspieler bei gerade einmal 30.1% aus dem Feld und nur 14.8% von der Dreierlinie. Er verteidigt das Pick & Roll clever und hat sehr aktive Hände, wodurch er auch den ein oder anderen Steal abgreift. Im Spot-up hält er seine Gegenspieler bei 33.2%, was zeigt dass Lin ziemlich genau weiß, wann er seinen Mitspielern aushelfen kann und wann er lieber bei seinem eigenen Gegenspieler bleibt. Auch diese Zahlen passen zum Bild vom cleveren, denkenden Basketballspieler, den man allgemein mit dem Harvard-Absolventen assoziiert. 

Lin und die Lakers - passt das?
Um während ihrer Free Agency Jagd Capspace für eine mögliche Verpflichtung von Chris Bosh freizumachen, verschifften die Rockets Lin und einen künftigen Erstrundenpick für ein bisschen Kleingeld und Rechten an europäischen Spielern zu den Los Angeles Lakers. Dass Lin mit dem Druck umgehen kann, den man in einer Stadt wie Los Angeles verspürt, hat er schon damals in New York gezeigt, aber inwiefern passt Jeremy Lin in das Spielsystem der Lakers?

Vieles wird natürlich davon abhängen, wie Neu-Coach Byron Scott seinen Flickenteppich von einem Kader in seine Coaching-Philosophie einbindet. Dass Point Guards in seinen Systemen meist eine wichtige Rolle spielen, hat man schon in New Jersey, New Orleans und Cleveland gesehen, wo Scott vor der Verpflichtung durch seine Franchise aus aktiven Zeiten gearbeitet hat.

Mit Kobe Bryant hat Jeremy Lin aber ähnlich wie in Houston wieder einen sehr balldominanten Shooting Guard neben sich, der den Ball nur ungern aus der Hand gibt. Allerdings agiert Bryant deutlich seltener aus dem Pick & Roll, so dass Scott Lins Stärken hier zumindest besser einsetzen könnte, als das Kevin McHale in Houston getan hat. Auch die Big Men, mit denen Lin das Pick & Roll laufen wird, eignen sich besser Spielpartner für diesen grundlegendsten aller Spielzüge.

Carlos Boozer mal außen vor, hat Lin mit Rookie Julius Randle und Forward/Center Jordan Hill zwei sehr athletische und physische Spieler neben sich, die sehr gut in der Lage sind, als Abroller direkt am oder zumindest nahe am Korb zu punkten. Auch Boozer ist als Abroller kein unbeschriebenes Blatt, wenngleich er natürlich lieber den Sprungwurf aus der Mitteldistanz nimmt.

Offensiv sollte Lin also durchaus passabel zum bereits vorhandenen Spielermaterial der Lakers passen, selbst wenn er sich die Spielzeit auf der Eins mit Steve Nash teilen müsste. Doch die Probleme der Lakers liegen bekanntlich nicht am offensiven Ende, sondern hinten. Vor allem in der Defensive (DefRating 107.9 – Rang 28) und im Rebounding (Reboundrate 45.6% - Rang 30) hätten sich die Lakers in diesem Sommer dringend verbessern müssen. Während Lin ein durchaus passabler Verteidiger und Rebounder auf seiner angestammten Position ist, wird er die grundlegenderen Probleme der Lakers nicht lösen können.

Alles in allem haben die Los Angeles Lakers mit diesem Trade trotzdem alles richtig gemacht. Ob sie langfristig auf Lin bauen wollen, bleibt abzuwarten und hängt sicherlich auch von seinen Leistungen ab. Trotzdem hat Lila-Gold mit Lin einen zumindest in Ansätzen hilfreichen Profi und interessanten Tradechip hinzu gewonnen, der für den geneigten Contender zur Trade-Deadline einen interessanten Backup-Point Guard darstellt. Spätestens im Februar dürften wir also mit dem ein oder anderen Angebot für Jeremy Lin und seinen im Sommer 2015 auslaufenden Vertrag rechnen. Vor allem die Los Angeles Clippers (Abgang von Darren Collison) und die Indiana Pacers (Abgang Lance Stephenson) könnten einen weiteren Ballhandler dringend benötigen.