26 Juni 2014

Seb Dumitru | 26. Juni, 2014    @nbachefkoch






Es war dem neuen Knicks-Personalchef Phil Jackson vorbehalten, eine der antizipiert wildesten Trade-, Draft- und Free Agency-Perioden der letzten Jahre mit Schmackes zu eröffnen, als er heute Tyson Chandler und Raymond Felton im Tausch für Jose Calderon, Sam Dalembert, Wayne Ellington, Shane Larkin und zwei Zweitrundenpicks (Nummer 34 und 51 in diesem Draft) zu den Dallas Mavericks schickte.

Als Jackson vor Wochen das Team übernahm, schieden sich die Geister bei der Frage, wie der Zen-Meister ohne vormalige Front Office Erfahrung sein erstes Amtsjahr zu verbringen gedachte. Würde er angesichts seiner finanziell bis zum Sommer 2015 gebundenen Hände eine ruhige Kugel schieben und nur minimal etwas verändern? Oder würde er gleich mächtig in die Kacke hauen, radikal umbauen und diesen bis auf wenige Ausnahmen viel zu lange fehlgesteuerten Knicks-Kader auf Anhieb und von Grund auf umzukrempeln versuchen? Spätestens nach dieser Eröffnung sollte jedem Jackson-Zweifler klar geworden sein: Phil spielt Schach, versteckt sich aber nicht hinter seinen Bauern, sondern geht sofort aggressiv in die Offensive.

Der Deal aus Sicht der 'Bockers lässt sich erst vollständig interpretieren, wenn man begreift, wie Jackson mit jedem einzelnen dieser insgesamt sechs Puzzlestücke verfahren wird. Nicht alle, vermutlich sogar nur die wenigsten, werden in der kommenden Saison tatsächlich ein Knicks-Jersey tragen. Vieles, auch dieser Deal, wird letztendlich davon abhängen, welche Entscheidung Carmelo Anthony am 10. Juli treffen wird, dem ersten Tag, an dem neue Verträge offiziell unterschrieben werden dürfen. Die Meinungen über diese Transaktion, auch wenn man sie in einem Vakuum betrachtet, werden sicherlich auseinander gehen.


Dass Jackson ausgerechnet Tyson Chandler aus der Stadt schickte, einen von Anthonys besten Freunden im Team und der defensive Garant für die zumindest theoretischen Meisterschaftshoffnungen der Knicks, wird Anthony nicht gefallen. Chandler hatte die Defensive der Knicks in seinem ersten Jahr in New York auf einen sensationellen sechsten Rang geführt und war als Verteidiger des Jahres ausgezeichnet worden. Auch 2012/13, als die Knicks 54 Siege einfuhren und ihre erfolgreichste Spielzeit seit 1997 feierten, fungierte Chandler als Rückgrat einer immerhin durchschnittlichen Verteidigung (Rang 16). In der abgelaufenen Saison jedoch ging gar nichts mehr. Weder für Chandler, der 27 Partien verpasste, noch für New York, das die Playoffs verpasste und defensiv einen verheerenden 24. Rang belegte. Felton war sogar noch schlechter, hatte das ganze Jahr mit Übergewicht und persönlichen Schicksalsschlägen zu kämpfen und blieb zum ersten Mal in seiner Profikarriere unter 10 Punkten pro Abend (9.7 PPG bei 39.5 FG%). Wer behauptet, dass der ehemalige 17 und 9 Point Guard der vielleicht mieseste NBA-Starter auf der Eins war, hat vollkommen recht.


Ein gewiefter Jackson würde Anthony den Deal wohl ungefähr so verkaufen wollen: "Tyson kann offensichtlich nicht mehr gesund bleiben, und Ray hat das mit dem Shooting irgendwie missverstanden. Er ist längst kein valider NBA-Einser mehr. Mit Calderon und Dalembert haben wir mindestens gleichwertigen Ersatz geholt, dazu zwei weitere brauchbare Rotationsspieler und zwei Draft-Picks, ohne einen unserer Youngster wie Iman Shumpert oder Tim Hardaway dafür opfern zu müssen. Wir sind tiefer, vielseitiger und handlungsfähiger geworden... und wir sparen Geld."

Tatsächlich nehmen die Knicks für die kommende Saison weniger Geld auf (15.3 Mio. $), als sie hinaus schicken (18.4 Mio. $). Dalemberts Vertrag ist nur partiell garantiert. Ihn könnten die Knicks also entweder direkt entlassen und so weitere zwei Millionen einsparen, oder ihn in ein weiteres Tradepaket stecken. Sollte Phil Jackson einen dieser Wege wählen, würde sich irgendwann ( (es müsste noch etwas getan werden) eine entscheidende Option auftun: rutscht New York unter einen bestimmten Betrag über der Luxussteuer, darf das Team auch wieder Sign & Trade Spieler aufnehmen. Bei ihren jetzigen Finanz-Verhältnissen ist das den Knicks untersagt. Niemand weiss, ob Jackson es tatsächlich auf einen solchen Free Agent abgesehen hat; alleine aber die Tatsache, dass in New York endlich wieder jemand diese traditionell vernachlässigte Flexibilität anstrebt, beweist, wie langfristig und breit gefächert der Zen-Meister denkt. Vielleicht bereitet sich Jackson auch nur auf den unvermeidbaren Abgang von Anthony vor. Der General Manager jedenfalls scheint für beide Fälle vorbereitet zu sein: "Wir haben Spieler verpflichtet, die besser in unser System passen und uns Flexibilität für die Zukunft geben."

Calderon ist für die Triangle-Offensive des neuen Head Coaches Derek Fisher natürlich viel besser geeignet als Felton. Der Spanier ist teamdienlich, verliert nur selten den Ball, verfügt über einen hohen Basketball-IQ und hat sich zu einem der tödlichsten Schützen der Welt gemausert (45% Dreier, 60% True Shooting). Auch neben Anthony würde Calderon ein besseres Bild abgeben als Felton - vorausgesetzt, sie spielen jemals zusammen. Ellington ist ein 39% Karriereschütze von Downtown, und Larkin stand bereits vor dem letztjährigen Draft auf der Wunschliste vieler Knicks-Anhänger. Dalembert kann theoretisch viel von dem duplizieren, was Chandler eigentlich bringen sollte - wenngleich er längst nicht Chandlers defensives Verständnis und Effizienz mitbringt. Zumindest vergangene Saison war Dalembert aber der produktivere Spieler.

Problematisch für New York? Calderons Vertrag, obwohl moderat bepreist, läuft noch bis 2017. Larkin wird nie über Rollenspieler/Bankdrücker-Status hinaus kommen, und Dalembert war noch nie verlässliches NBA-Starter-Material. Besonders kritisch: Anthony könnte diesen Trade als endgültiges Signal interpretieren, dass er im Big Apple in absehbarer Zeit keinen Blumentopf mehr gewinnen wird - auch wenn Jackson den schwierigen bis unmöglichen Spagat zwischen kompetitivem Basketball und einem finanziellen Rebuild zu schaffen versucht. Sieht Anthony die Akquirierung von Draft-Picks als Möglichkeit, den Kader mit günstigem Talent aufzufüllen, um oben anzugreifen, oder nimmt er den Trade eines Veteranen wie Chandler als Indiz für den Marsch in die komplett andere Richtung? Keiner der Spieler, die Jackson heute geholt hat, bewegt die Nadel auch nur einen Millimeter weiter in Richtung New Yorker Championship - weder heute, noch in Zukunft. Wenn man Melo beeindrucken will, dann war dieser Deal hoffentlich nur der erste in einer ganzen Reihe. Immerhin: Die Knicks sind flexibler - und jünger - geworden. Diesen letzten Satz habe ich so bestimmt noch nie geschrieben und auch tatsächlich so gemeint.

Dallas wollte unbedingt diesen Trade. Es waren die Mavs, die diese Gespräche initiierten und Tyson Chandler um jeden Preis wieder zurück an die Stätte seines größten Teamerfolgs holen wollten - auch wenn der Preis im Endeffekt der aufgedunsene, neuerdings vorbestrafte Doppel-Whopper namens 'Raymond Felton mit Käse' war. Aber Feltons restlicher Deal (noch zwei Jahre zu je 3.9 Mio. $) sprengt nicht die Bank, und Dallas ist vielleicht sogar fasziniert von dem Gedanken, Felton unter Motivations-Genie Rick Carlisle seine Karriere revitalisieren zu lassen. Die Möglichkeit, in einem erfahrenen, professionellen Kader ohne Spirenzchen um die Starterrolle auf der Eins zu kämpfen und die Probleme der letzten zwei Jahre ad acta zu legen, wird für Felton vorhanden sein - wenn er sie denn will.


Die Hauptattraktion für die Mavs ist ganz klar Chandler. Der wird in diesem Jahr 32 und ist längst nicht mehr der defensive Schlund, der er während der Meistersaison war. Aber er schaffte es in New York, eine Mannschaft mit Amar'e Stoudemire, Carmelo Anthony und JR Smith in der Verteidigung zumindest respektabel zu machen. Ähnliches wird Dallas, das Chandler nach der Meistersaison niemals hätte ziehen lassen dürfen und das seither oft bereut hat, auch erwarten. Die Mavs-Defensive war in der abgelaufenen Saison eine Katastrophe: Rang 22 beim Rating, dazu der fünftschlechteste Wert bei den kassierten Punkten in der Zone und der viertschlechteste bei der zugelassenen Trefferquote aus der Nahdistanz.

Der eigene, meist hochexplosive Angriff wurde dadurch so häufig sabotiert, dass Mavs-GM Donnie Nelson das knappe Playoff-Aus gegen den späteren NBA-Champion San Antonio auch Monate später noch nicht verkraftet zu haben schien (Interview in der bald erscheinenden FIVE #110). Nelson räumte ein, dass das Aufpolstern der Defensive eine der Agenden des anstehenden Sommers darstellen würde, und dass "man nie genügend Ringbeschützer im Team haben kann." Chandler neben Dirk Nowitzki funktionierte während der Meistersaison hervorragend, und wen auch immer die Mavericks seither auf der Fünf ausprobierten - Brendan Haywood, Ian Mahinmi, Chris Kaman, Bernard James, Brandan Wright oder eben Dalembert - nichts klappte auch nur annähernd so gut wie der 2,16 Hüne aus Compton. Seine Verletzungssorgen sind bei einer der ligaweit besten Medizinabteilungen gut aufgehoben, er ist mit dem System Carlisle und der Kultur in Dallas bestens vertraut, und eine Rückkehr zur Form, die ihn vergangenes Jahr sogar zum All-Star machte, ist nicht ausgeschlossen. Chandlers Akquisition ist mit keinerlei Risiko verbunden: sein Vertrag läuft nächsten Sommer aus. Wenn er einschlägt, kann Mark Cuban den Fehler von 2011 wieder gut machen und Chandler in Dallas in Rente schicken. Wenn nicht, orientieren sich beiden Parteien in zwölf Monaten eben neu.

Ein letzter, entscheidender Faktor bei diesem Deal, den ich kurz nach Bekanntwerden angesprochen hatte, der aber noch nicht so ganz angekommen zu sein scheint: je nachdem, wie schnell Dallas eine Einigung mit Dirk Nowitzki erzielen kann und wie viel Geld der ehemalige Finals-MVP in seinem ersten Vertragsjahr auf dem Tisch liegen lässt (in diesem Fall würde sich der gigantische 23.9 Mio. $ Cap Hold von Dirks letztem Deal in einen tatsächlichen, viel niedrigeren, realen Salary-Cap Betrag für 2014/15 verwandeln), können die Mavericks sogar einen Max Free Agent jagen gehen, bevor sie eigene Leute wie Shawn Marion, Vince Carter oder Devin Harris weiter binden. Einen Max Free Agent jagen, wie Carmelo Anthony zum Beispiel. Oder LeBron James. Oder Chris Bosh. Oder einen Veteranen eine Gehaltsstufe weiter unten, einen wie Luol Deng oder Pau Gasol. Werden Nelson & co. das tatsächlich so hinbekommen? Vielleicht nicht. Alleine jedoch die theoretische Chance auf einen dieser Spieler zu haben ist schon viel mehr, als viele andere Teams bis Anfang Juli bewerkstelligen werden. Und nur für den Fall, dass man sich dann tatsächlich ein Vier-Augen-Gespräch klar machen kann, ist ein Dirk-Ellis-Chandler Argument doch definitiv besser als Dalembert oder Calderon.


nbachef meint: Vorteil Dallas