25 Juni 2014

Pascal Gietler | 25. Juni, 2014   





Während Miami trauert und San Antonio feiert, laufen in den anderen 28 Stätten der Liga die Planungen für die nächste Saison bereits auf Hochtouren. #NBACHEF wirft einen genauen Blick auf die Ausgeschiedenen, analysiert ihre Saison und prognostiziert ihren Sommer.

Saison '13/14
In Salt Lake City hat wohl niemand damit gerechnet, dass die Saison unter'm Strich auch nur ansatzweise anders verläuft. Man ließ alte Leistungsträger wie Paul Millsap und "Big" Al Jefferson in Richtung Atlanta respektive Charlotte ziehen und holte im Gegenzug Spieler wie Richard Jefferson oder John Lucas III

Anhand dieser Personalpolitik war zu erkennen, dass man bei den Jazz nicht wirklich um die Playoffs mitspielen wollte. Mit einem Rookie Point Guard, zwei jungen Big Men und einem Gordon Hayward bestand die Starting Five über weite Teile der Saison aus vier Spielern, die alle noch in ihren Rookie-Verträgen steckten. Die Verantwortlichen der Jazz versprachen sich wohl den einen oder anderen Durchbruch dieser jungen Spieler, doch einen richtigen "Breakthrough" gab es nie, für keinen dieser Akteure. In den seltensten Fällen lag dies allerdings an der individuellen Klasse der Spieler, sondern an den Umständen und am ehemaligen Coach Ty Corbin.

Corbin verteilte fröhlich Minuten an Veteranen und hatte keinen "Plan B", um die schlechteste Defensive der Liga (109,1 DefRtg) auch nur ansatzweise zu reparieren. Er stellte seinem vermeintlich besten Spieler Hayward keine große Scoring-Unterstützung zur Seite und warf den Youngster statt dessen ins kalte Wasser. Der Swingman der Jazz legte zwar akzeptable 16,2 PPG auf, doch schon anhand seiner Wurfquoten (41,3% FG, 30,4% Dreier) kann man ablesen, wie schwer es für ihn war, die erste und meistens einzige Scoring-Option der Jazz zu geben. Ein talentierter, geborener Punktesammler wie Alec Burks kam größtenteils nur von der Bank, erst gegen Ende der Saison verschaffte Corbin seinem Sixth Man mehr Minuten. Immerhin: Burks kam in rund 28 Minuten Spielzeit auf 14 Punkte im Schnitt bei ordentlichen Wurfquoten - Werte, die eigentlich mehr Einsatzzeit rechtfertigt hätten.

Im letzten Draft hat man aus Jazz-Sicht wenig falsch gemacht. Mit Trey Burke erhielt man damals einen talentierten Point Guard für die Rechte an Shabazz Muhammad und Gorgui Dieng, die man nach Minnesota schickte. Wenn man bedenkt, dass der Frontcourt in Utah gut aufgestellt ist und dass Muhammad (noch) keine Rolle in der NBA spielt, können sich die Jazz für diesen Deal auf die Schulter klopfen. Doch damit nicht genug: Die Jazz sicherten sich auch noch den französischen Center Rudy Gobert von den Denver Nuggets - für den 46. Pick, Erick Green und etwas Kleingeld. Zwar spielte Gobert noch keine große Rolle bei den Jazz, doch in der D-League bewies er, dass er aufgrund seiner Größe und Ringbeschützerqualitäten ein sehr guter Ergänzungsspieler zum eher kleingewachsenen Frontcourt Kanter/Favors sein kann. 

Letztendlich landeten die Jazz im Westen dort, wo viele sie vor der Saison gesehen hatten - ganz weit unten. 25 Siege reichten immerhin aus, um sich berechtigt sich Hoffnungen auf einen Top-3 Pick im diesjährigen Draft zu machen. Für die Top-3 reichte es dann nicht ganz, die Jazz bekamen den fünften Pick zugesprochen und verpassten damit auch jede realistische Chance auf Wunschspieler Jabari Parker.

Off-Season Agenda
Nachdem man mit Quin Snyder bereits einen Nachfolger für Corbin gefunden hat, dürfte wohl der Vertrag von Gordon Hayward höchste Priorität bei den Off-Season Aufgaben genießen. Hayward und sein Camp lehnten bereits ein Vertragsangebot ab, welches ihm rund 10 Mio. $ pro Jahr eingebracht hätte. Seine Gehaltsvorstellungen werden sich wohl eher in Richtung "Max Money" orientieren und die Jazz müssen sich wohl auf ein Szenario vorbereiten, in dem Hayward aus irgendeiner Ecke des Landes diesen Maximalvertrag auch tatsächlich angeboten bekommt. Glücklicherweise ist Utah in der Position, dass sie mit jedem Angebot gleichziehen könnten. Doch die Aufmerksamkeit wird nicht nur auf Hayward liegen: die Jazz verlieren mit Richard Jefferson einen ihrer Starter und müssen generell riesige Löcher auf der Bank stopfen. Zwar besitzt man zwei Erstrundenpicks (#5 und #23), doch auch in der Free Agency sollte man die Augen offen halten. 


Personal
Coach 
Nachdem über Ty Corbin in den vergangenen Monaten eine Menge schlechter Dinge gesagt worden sind, haben sich die Jazz schon früh mit potenziellen Nachfolgern an einen Tisch gesetzt. John Stockton, Fred Hoiberg, Alvin Gentry oder Adrian Griffin standen wohl alle auf der Liste, doch letztendlich hat man sich in Utah für den Assistenten von Mike Budenholzer entschieden. Quin Snyder ist in seiner Trainerkarriere hauptsächlich als Assistenztrainer tätig gewesen, doch seine direkten Vorgesetzten waren häufig wahre Meister ihres Handwerks. Snyder assistierte beispielsweise Coach Mike Krzyzewski an der Duke University oder Ettore Messina bei ZSKA Moskau. Snyder sammelte sowohl in Europa, in der NCAA, der D-League und der NBA Erfahrung. In Utah wird er zum ersten Mal ein NBA-Team als Headcoach leiten und die Verantwortlichen der Jazz versprechen sich von Snyder, dass er die vielen jungen Spieler vernünftig in ihrer Entwicklung unterstützt. Besonders die jungen Spieler in Atlanta hatten größtenteils nur Positives über die Zusammenarbeit mit Snyder zu erzählen, und diese Tatsache dürfte ein ganz großer Vorteil in seinem erfolgreichen Kampf um den Job gewesen sein.

Auslaufende und nicht garantierte Verträge
Eine Menge hoch dotierter Verträge laufen in Utah aus. Spieler wie Richard Jefferson, Marvin Williams oder Brandon Rush werden wohl keine Zukunft in Salt Lake City haben. Somit bleiben den Jazz (stand heute) hauptsächlich junge Spieler wie Derrick Favors, Enes Kanter, Burke, Burks, Gobert und vermutlich auch Hayward erhalten. In dieser Liste dürfen sich bald auch noch die beiden Erstrundenpicks der Jazz einreihen.

Draft
Die Jazz besitzen insgesamt drei Picks im anstehenden Draft. Zwei davon in der ersten Runde und einen frühen Zweitrundenpick. Gerüchten zufolge versucht man derzeit vieles, um noch den ersten Pick aus Cleveland zu entführen, aber man sollte nicht davon ausgehen, dass sich die Cavs auf den Deal "Favors plus fünfter Pick" für den ersten Pick einlassen.

Schon seit der Draft-Lotterie liest man immer wieder, dass Big Man Noah Vonleh von der University of Indiana gute Chancen hat, von den Jazz an Nummer fünf gezogen zu werden. Was diese Entscheidung für Konsequenzen für das junge Big Man Duo Kanter/Favors hätte, ist noch nicht klar. Beide sind Insidern zufolge wohl nicht "untradebar". Mit dem 23. Pick wollen die Jazz dann sicherlich ihre Bank verstärken, Kyle Anderson hat man sich genau angeguckt und auch Shabazz Napier von NCAA-Meister UConn könnte an #23 noch verfügbar sein. Ein solider Back-up Point Guard hinter Sophomore Trey Burke wäre sicherlich eine sinnvolle Akquisition, denn John Lucas III spielte eine enttäuschende Debüt-Saison für die Jazz.


Kohle
Die Jazz haben aktuell noch den Luxus, eine Menge Spieler in ihren Rookie-Verträgen zu besitzen. Nach der kommenden Saison müssen allerdings Entscheidungen getroffen werden: Kanter und Burks gehen in ihr letztes Vertragsjahr. Ohne die potenzielle Vertragsverlängerung von Gordon Hayward haben die Jazz im Moment nur rund 32 Mio. $ an garantierten Gehaltsausgaben für 2014/15 in ihren Büchern stehen. Hinzu kommen noch die Rookie-Verträge der drei gedrafteten Spieler. Somit verbleiben den Jazz noch rund 25 Mio. $ Spielraum, um Neue zu holen oder Rookie-Verträge zu verlängern - viel Geld, das vermutlich aber nur teilweise ausgegeben werden wird.

Zukunft
Viel erwarten sollten Jazz-Fans auch in der kommenden Saison nicht. Der Westen ist stark und die junge Jazz-Truppe ist noch längst nicht soweit, um die Playoffs zu erreichen. In zwei Jahren könnte man sicherlich wieder in Richtung Platz acht schielen, doch in der näheren Zukunft sollte man sich darauf konzentrieren, ein vernünftiges System zu etablieren und die hochtalentierten Spieler im eigenen Kader zu entwickeln. Leider hat ex-Coach Corbin diese Sache in den vergangenen zwei Spielzeiten komplett verschlafen. Noch ist es nicht zu spät, um die letzten Feinschliffe an den vielen Rohdiamanten vorzunehmen - vorausgesetzt, man hat sich beim Begutachten der Ware nicht komplett verschätzt.