27 Juni 2014

Mattis Nothacker | 27. Juni, 2014   





Während Miami trauert und San Antonio feiert, laufen in den anderen 28 Stätten der Liga die Planungen für die nächste Saison bereits auf Hochtouren. #NBACHEF wirft einen genauen Blick auf die Ausgeschiedenen, analysiert ihre Saison und prognostiziert ihren Sommer.

Saison '13/14
Kein Team hätte die Playoffs in der vergangenen Saison dermaßen verdient gehabt wie die Phoenix Suns. Obgleich sich die Dallas Mavericks stark verbessert zeigten, die Toronto Raptors für ihre gute Personalpolitik mit Platz drei im Osten belohnt wurden - das wahre Märchen des Jahres schrieb die Franchise aus Arizona.

Die NBA-Saisonvorschauen vom Oktober hatten die 30 Mannschaften meistens in verschiedene Kategorien unterteilt. Da waren die „Contender“, denen ernsthafte Aussichten auf die Meisterschaft prognostiziert wurden, die Geheimfavoriten, die eventuell in den Titelkampf mit einsteigen könnten, die Playoff-Kandidaten, die im Rennen um die Postseason ein Wort mitreden würden. Und dann waren da noch die Tanking-Teams. Tanking, das absichtliche Verlieren, um sich einen besseren Platz in der Draft zu ergattern, ist zurzeit ein vieldiskutiertes Thema. Denn immer mehr Franchises, die sich keine Hoffnungen auf den Titel machen, schwingen zu dieser Taktik um. Dadurch können sie vielversprechende Talente unter Vertrag nehmen, die im Optimalfall eines Tages zu Stars heranreifen und die Mannschaft so in neue Sphären heben. 

Die Meisten ordneten die Phoenix Suns genau dieser Gattung zu. Keine Chance auf die Playoffs, zu wenig Talent, da würde nur eine solche Taktik Sinn machen. Die renommierten amerikanischen Medienhäuser Sports Illustrated, ESPN und USA Today sagten allesamt voraus, dass die Suns am Ende der Spielzeit die zweitschlechteste Bilanz aufweisen würden. Acht Monate später steht fest: da haben sie sich gewaltig geirrt.

Phoenix trat die Saison mit einem runderneuerten Kader an. Der neue General Manager Ryan McDonough hatte die Mannschaft kräftig umgekrempelt. Marcin Gortat wechselte zu den Washington Wizards. Luis Scola schloss sich den Indiana Pacers an. Wesley Johnson zog es zu den L.A. Lakers. Michael Beasley wurde per Amnesty entlassen und kehrte nach Miami zurück. Der unspektakuläre aber verlässliche Jared Dudley wurde zu den L.A. Clippers getradet. 

Neu ins Team stießen derweil Gerald Green, Emeka Okafor und Miles Plumlee. Marcus Morris war bereits im Januar mit seinem Zwilling Markieff vereint worden. Die meiste Aufmerksamkeit bekam aber die Verpflichtung des als „Mini-LeBron“ titulierten Eric Bledsoe. Der kleine, extrem athletische Aufbau sollte der Franchise neues Leben einhauchen.

Fast alle Entscheidungen erwiesen sich als goldrichtig. Die Suns präsentierten sich von Anfang an als eine Mannschaft, die sich hohe Ziele steckte und die niedrigen Erwartungen als tolle Chance ansah. Trainer Jeff Hornacek hatte seinem Team ein Fast-Break-System vorgegeben, das überraschend gut funktionierte und den Spielern sichtlich Spaß machte. Immer wieder wurden Erinnerungen an die alten Phoenix-Teams wach - mit Mike D'Antoni an der Seitenlinie und Steve Nash als Fadenzieher. Nashs früherer Lehrling Goran Dragic übernahm nun diesen Part. Der Slowene avancierte zum Anführer einer Mannschaft, die 105,2 Punkte pro Spiel erzielte, darunter 18,7 aus dem Fastbreak. Bledsoe fiel zwar mit einem Meniskusriss lange aus, wenn er auf dem Platz stand, zeigte er aber, warum seine Neuankunft so viele Hoffnungen geweckt hatte. Die Suns verloren kein einziges Spiel, in dem Bledsoe und Dragic mindestens 16 Punkte erzielten. Für ihre furchtlose und aggressive Spielweise bekam das Duo schon bald den Spitznamen „Slash-Brothers“, in Anlehnung an Klay Thompson und Stephen Curry in Golden State. Noch kurz vor dem Ende der Saison standen die Suns auf einem Playoff-Platz. Die beiden Niederlagen in den letzten Spielen gegen die direkten Konkurrenten aus Memphis und Dallas brachen ihnen dann aber letztendlich das Genick.

Off-Season Agenda
Die Phoenix Suns legten eine Saison hin, die niemand so erwarten konnte. Das bringt sehr viele Vorteile, aber auch einige Risiken. In diesem Sommer wird entschieden, ob sich das Team im hartumkämpften Westen an der Spitze etablieren kann oder ob es lediglich ein kurzer Abstecher nach oben war. Als warnendes Beispiel sind da die Philadelphia 76ers zu nennen. In der ersten Playoff-Runde 2012 schlugen sie als Achtplatzierter sensationell die Chicago Bulls und lieferten sich mit den Boston Celtics anschließend eine packende Serie über sieben Spiele. Viele meinten anschließend, da wachse eine neue Mannschaft heran, die schon bald zu den Besten aufschließen werde. Im Sommer entschloss sich die Franchise dann allerdings, Andre Iguodala nach Denver zu traden. Die Entscheidung stellte sich als großer Fehler heraus. Die stark sinkenden Leistungen zwangen die Verantwortlichen schließlich dazu, den Kader vollends zu verändern und wieder bei Null anzufangen.

Positive Beispiele gibt es aber auch, zum Beispiel die Golden State Warriors. Nach ihrem Playoff-Einzug 2013 gelang es ihnen, die wichtigsten Akteure zu halten und dazu noch einen hochkarätigen Free-Agent zu verpflichten. Ironischerweise handelte es sich hierbei wieder um Andre Iguodala. Der ließ sich von der vielversprechenden Mannschaft überzeugen und wurde zu einer wichtigen Verstärkung für die immer besser werdenden Warriors. Ob sich die Suns weiterentwickeln können oder nicht, steht und fällt mit dem Personal.


Personal
Die Suns sind jung, talentiert, und entwicklungsfähig. Mit Bledsoe und Dragic verfügen sie über zwei Guards mit All-Star-Potenzial. Fakt ist aber, dass der Marktwert der beiden inzwischen deutlich über ihrem Gehalt liegt. Bledsoe wird am 1. Juli Free Agent. Die Suns werden versuchen, ihn mit aller Macht zu behalten, müssen dafür wohl aber tief in die Tasche greifen. Zurzeit verdient der 24-Jährige 3,7 Millionen Dollar, nächstes Jahr könnten es bis zu 10 Millionen sein. Um Dragic muss sich das Phoenix-Management immerhin erst nächstes Jahr Sorgen machen, wenn er aus seinem Vertrag aussteigen darf. Auch die Morris-Zwillinge sowie Gerald Green bleiben Phoenix auf jeden Fall bis 2015 erhalten. Ob die Suns Channing Frye und den langzeitverletzten Okafor (der nach seinem Trade aus Washington keine einzige Partie für Phoenix absolvierte) weiter verpflichten werden, bleibt abzuwarten.

Um nächstes Jahr in die Playoffs einzuziehen und dort auch konkurrenzfähig zu sein, muss die Mannschaft auf jeden Fall verstärkt werden. Dass NBA-Teams mit einem voll auf den Fast-Break ausgelegten Basketball während der Saison durchaus erfolgreich sein können, in den Playoffs aber kaum mehr mit durchkommen, hat sich in der Vergangenheit immer wieder gezeigt. Um im Halbfeld-Angriff stärker zu werden, wäre ein offensiv potenter Big Man von großem Wert. Bereits in der vergangenen Saison wurde Pau Gasol mit den Suns in Verbindung gebracht, auch über Greg Monroe dürfte sich das Phoenix-Management Gedanken machen. Small Forwards wie Luol Deng oder Thabo Sefolosha könnten die Defensive enorm aufwerten. Dass derartige Spieler einen Wechsel nach Arizona in Erwägung ziehen, ist noch nicht einmal mehr so abwegig.


Kohle
Phoenix war eine der Mannschaften mit dem meisten verfügbaren Cap Space und enorm viel finanzieller Flexibilität. Davon winkt im Sommer sogar noch mehr. Okafors auslaufender Vertrag schaufelt auf einen Schlag knapp 14.5 Mio. $ frei. Dieses Geld wird Phoenix auch brauchen, denn RFA Bledsoe wird Angebote erhalten, die locker vier bis fünf Mal so hoch sind wie sein letzter Vertrag (2.6 Mio. $). Frye hat eine Spieleroption über 6.8 Mio. $, wird aber sicherlich einen längeren Deal anstreben und steht auf der Einkaufsliste vieler Contender-Teams. Nichtsdestotrotz: bei so viel Spielraum (auch nach der Verlängerung für Bledsoe) werden McDonough und die Suns mit Sicherheit zu den Playern im hiesigen Free Agent Tauziehen hinzu gehören. 

Zukunft
Können die Phoenix Suns ihren Aufwärtstrend fortsetzten, wie es den Golden State Warriors gelungen ist, oder stürzen sie ein, wie in Philadelphia geschehen? Fast alles wird davon abhängen, ob sie ihre Leistungsträger behalten können, sinnvolle Entscheidungen treffen und die Mannschaft mit erfahrenen und defensivstarken Spielern verstärken.