17 Juni 2014

Sebastian Hansen | 17. Juni, 2014   





Während Miami trauert und San Antonio feiert, laufen in den anderen 28 Stätten der Liga die Planungen für die nächste Saison bereits auf Hochtouren. #NBACHEF wirft einen genauen Blick auf die Ausgeschiedenen, analysiert ihre Saison und prognostiziert ihren Sommer.

Saison '13/14
Die Spielzeit 2013/14 wird als die bisher zerfahrenste in die noch junge Geschichte der Oklahoma City Thunder eingehen. Viele Verletzungen, besonders die von Russell Westbrook und Serge Ibaka, kosteten Siege, Eingespieltheit und letztlich wohl auch die Finalteilnahme. Dazu gab es bei einigen Spielern bemerkenswerte Entwicklungen. Zum Beispiel mauserte sich Steven Adams vom völlig rohen Rookie zu einem der wichtigsten Big Men in den Conference Finals. Oder Thabo Sefolosha, bei dem es in die komplett andere Richtung ging. Von „So wichtig wie noch nie“ nach dem Martin-Abgang zu DNP-CD in den letzten Spielen der Saison. Der Höhepunkt des Jahres war dann sicherlich, als mit Kevin Durant erstmals ein Thunder-Akteur zum wertvollsten Spieler der Liga gekrönt wurde. Die darauffolgende Rede des Superstars besitzt schon heute Legendenstatus. Letzten Endes waren die Chancen auf den erneuten Einzug ins NBA-Finale groß, aber Ibakas Fehlen und das anschließende 0-2 Loch gegen den späteren Champion San Antonio war zuviel zu bewältigen. Nun geht es in die Offseason, wo es viel zu tun und wohl auch die ein oder andere Veränderung geben wird. 

Off-Season Agenda
Die Playoffs haben gezeigt, wo es bei OKC schief läuft: Die Offense hakt. Neben dem teilweise indisponierten Coaching von Scott Brooks, vor allem bei Lineups und Spielzügen, fehlen vor allem verlässliche Scoring-Optionen neben Westbrook, Durant und Ibaka sowie Spieler, die verlässlich ihre Dreier treffen und in der Defense gleichzeitig nicht komplett verloren wirken. 

GM Sam Presti wird die Veteranen Derek Fisher (neuer Head Coach in New York), Caron Butler und Sefolosha höchstwahrscheinlich alle drei ersetzen müssen. Das heißt, ein paar neue Spieler werden kommen, denn nur mit der eigenen Jugend schließt man keine 70 Spielminuten große Lücke. Trotzdem wird es auch darauf ankommen, Spieler wie Jeremy Lamb, Andre Roberson und vor allem Adams weiterzuentwickeln. Besonders letzterer wird nach seinen bockstarken Playoffs im nächsten Jahr (hoffentlich) eine viel größere Rolle spielen. Presti hat also Arbeit vor sich. 

Personal/Kohle
Coach
Scott Brooks wird von vielen als das Hauptübel der Thunder ausgemacht. Sein Playbook ist oft dünner als die Statements der Bundesregierung zur NSA-Affäre und auch seine Rotationen und Lineups machten oft genug wieder relativ wenig Sinn. Trotzdem wird Brooks bleiben, wie Presti in der letzten Pressekonferenz vor der Sommerpause noch einmal bekräftigte. Das Verhältnis zu seinem Chef und auch zu seinen Spielern ist für Brooks ein großes Plus. Besonders Durant und Westbrook machten deutlich, dass sie sehr gerne unter ihm weiterarbeiten würden. Denkbare und vermutlich in dieser Situation wohl auch beste Variante wäre es deswegen, Brooks einen guten Offensivkoordinator zur Seite zu stellen. Der könnte dann den Angriff der Thunder entwickeln, weg vom einfachen Iso-Ball, während die Organisation den beliebten und in Sachen Spielerentwicklung sicher auch sehr kompetenten Brooks behalten kann.

Roster
Momentan stehen für die nächste Saison folgende Spieler unter Vertrag: 

PG - Russell Westbrook/Reggie Jackson
SG - Jeremy Lamb/Andre Roberson
SF - Kevin Durant
PF - Serge Ibaka/Nick Collison/Perry Jones
C - Steven Adams/Kendrick Perkins

Die Verträge von Hasheem Thabeet und Grant Jerret sind nicht garantiert. Das Gesamtsalär der Truppe beträgt ohne die nicht garantierten Verträge 68 Millionen Dollar. Die Luxussteuergrenze wird bei etwa 77 Millionen liegen. Fisher, Butler und Sefolosha sind wie gesagt Free Agents, aber keiner der drei wird wohl eine Verlängerung in Oklahoma City unterschreiben.

Den Thunder stehen zur Verbesserung des Kaders die volle Midlevel-Exception sowie eine 6,5 Millionen Dollar schwere Trade Exception zur Verfügung. Dazu besitzt OKC die Picks 21 und 29 im diesjährigen Draft. Theoretisch zur Verfügung stünden auch noch die beiden Euros Tibor Pleiß und Alex Abrines, an denen die Thunder seit 2010 bzw. 2013 die Rechte besitzen. Vor allem Pleiß traut man den Sprung über den Teich zu. Er könnte die Rolle von Thabeet ausfüllen. 

Bedarf
Wie oben bereits erwähnt, brauchen die Thunder insbesondere neue Schützen und noch eine weitere Option in der Offensive. Letzteres könnte Jeremy Lamb übernehmen und damit eventuell auch den Starter-Posten auf Shooting Guard. Trotzdem wäre es sinnvoll, wenn noch ein Two-Way-Zweier und ein wurfstarker Flügel kommen würden. Auch ein Backup-Pointguard ist nach dem Weggang von Fisher dringend vonnöten. Auf den großen Positionen benötigt OKC noch jemanden, der den alternden Collison und Perkins ein paar Minuten abnehmen kann und auch Thabeet ersetzt, der es allerhöchstens noch als Handtuchwedler erster Güte wieder in den Kader schaffen könnte. Sein nicht garantierter Vertrag wird aber zu 100% gekündigt werden, wenn es eine bessere Alternative gibt. 


Lösungen
Sehr viel wird davon abhängen, wie Sam Presti mit seinen Draftpicks zu verfahren gedenkt. Draftet er an #21 und #29, ohne zu traden, kann er entweder versuchen, mit den herein kommenden Rookies die Lücken zu schließen. Oder er draftet Spieler wie Kristaps Porzingis, die in der nächsten Saison keine Rolle spielen werden. Laut Medienberichten soll Presti dem Letten ein Draftversprechen gegeben haben. Der Forward würde in solch einem Fall sicherlich bei seinem bisherigen Club in Sevilla bleiben und würde folgerichtig in der nächsten Saison keine Sekunde in Oklahoma spielen. In diesem Fall muss das nötige Spielermaterial über die Free Agency beschafft werden.

Rookies, die den Thunder sofort weiterhelfen würden, wären erfahrene Leute wie zum Beispiel Shabazz Napier, der mit seinem Playmaking und seinem Dreier das Aufbauspiel der Thunder beleben könnte. In der Free Agency könnte Presti nach Shootern auf dem Flügel suchen. Kandidaten sind beispielsweise C.J. Miles oder Mike Miller, der ja bereits letzten Sommer heftig von den Thunder umworben wurde. Auch ein Steve Blake ist ein Kandidat, um die Point Guard Position zu verstärken. All diese Varianten sind allerdings etwas unbefriedigend. Die Rookies sind zu unerfahren, um den Thunder sofort richtig viele Minuten zu geben. Würde man andererseits den Kader nur mit alten Rollenspielern auffüllen, wäre das überhaupt keine Verbesserung zum Ist-Zustand. Deswegen macht in meinen Augen etwas anderes mehr Sinn, und zwar mithilfe der Draftpicks und anderer Anlagegüter, wie etwa Perry Jones III., die benötigten Spieler via Trade (Einzahl oder Mehrzahl) zu erwerben. Hier ist es natürlich ungleich schwieriger, Vorhersagen zu treffen, weil es viel mehr Parameter zu beachten gibt als beim Draft oder in der Free Agency. 

Ziel eines solchen Trades könnte aber ein Iman Shumpert sein. Die Thunder suchen einen Two-Way-Shooting Guard mit Potential, die Knicks verzweifelt einen Erstrundenpick. Das Dilemma könnte sich mit dem Trade lösen lassen, in dem OKC Shumpert und New York Pick #29 bekommt. Exakt dieser Trade soll auch kurz vor der letzten Trade-Deadline schon fast abgeschlossen gewesen sein, nur um kurz vor Ende doch noch zu platzen.

Es gibt also nicht die eine Lösung nach dem Motto: Wir holen uns diesen oder jenen Spieler und alle Probleme sind wie weggeblasen. Presti muss es schaffen, das Team in der Balance zu halten. Dazu muss er jemanden verpflichten, der werfen kann, jemanden, der erfahren ist und ein Team führen kann, jemanden der jung, athletisch und unbekümmert ist. Diese Eigenschaften in einem Spieler zu vereinen, der dann auch noch drei verschiedene Positionen und knapp 70 Minuten pro Partie spielt, ist natürlich unmöglich. Presti wird also mehrere Spieler verpflichten, die wahrscheinlich auch aus den verschiedenen Kategorien – Draft, Free Agency, Trades – kommen werden.  


Zukunft
Viel wurde von den Medien über die Thunder geschrieben. Von tickenden Uhren und sich schließenden Fenstern, das übliche Medien-Getue eben. Man kann es ihnen nicht verdenken, jede noch so unbedeutende Website will Klicks, jede Provinzzeitung Auflage generieren. Doch die Wahrheit liegt woanders. Wenn die Stars des Teams diesen Kern nicht durch einen Weggang in der Free Agency 2016/2017 zerstören, werden die Thunder ihren Weg unbeirrt weiter gehen. Man darf nie vergessen, dass die Big Three Durant, Westbrook und Ibaka alle erst maximal 25 Jahre alt sind. Die Rollenspieler sind noch jünger. Das Team hat ein enormes Potential und stand jetzt bereits drei Mal in den letzten vier Jahren im Conference Finale. Dass es dabei nur einmal für die Finals gereicht hat, lag vor allem in diesem Jahr an blöden Zufällen wie Ibakas Wadenverletzung. Manager Presti kann und wird dieses Team im Sommer dank der ihm zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln noch besser machen. Panikkäufe gehörten noch nie zu seiner Arbeitsweise. Das sollte - und wird wohl - auch so bleiben. Wenn es sich anbietet, könnte schnell ein überraschender Trade passieren. Andererseits liegt ein extrem ereignisarmer Sommer ebenfalls im Bereich des Möglichen. Mal sehen, womit uns Presti dieses Mal konfrontiert.