21 Juni 2014

Marc Lange | 21. Juni, 2014   





Während Miami trauert und San Antonio feiert, laufen in den anderen 28 Stätten der Liga die Planungen für die nächste Saison bereits auf Hochtouren. #NBACHEF wirft einen genauen Blick auf die Ausgeschiedenen, analysiert ihre Saison und prognostiziert ihren Sommer.

Saison '13/14
Es gab sicherlich Zeiten, in denen die Playoffplätze im Westen weniger hart umkämpft waren. Deshalb mussten viele Teams eine Schippe drauflegen, um nicht frühzeitig in den Sommerurlaub verabschiedet zu werden. Glücklicherweise taten die Clippers genau das. Nach einer tollen Regular Season im letzten Jahr konnten die Kalifornier ihren Franchise Rekord an Siegen heuer erneut knacken und kamen auf eine Bilanz von 57-25. Dabei teilte man sich die zweibeste Heimbilanz im Westen mit den Thunder aus Oklahoma City (36-16) und führte gleichzeitig souverän die Pacific Division (12-4) an. Ein besonderes Highlight aller Clippers-Fans war dabei wohl vor allem die 48-Punkte-Demontage gegen den "großen Bruder" aus Los Angeles, die Lakers. Letztendlich mussten sich Chris Paul, Blake Griffin, ein deutlich verbesserter DeAndre Jordan (Dritter beim DPOY-Voting) und Konsorten mit dem dritten Platz in der Western Conference zufriedengeben. 

In der ersten Playoff-Runde warteten die Golden State Warriors. Überschattet wurde das Erstrunden-Matchup allerdings vom Skandal um Donald Sterling. Nach mehreren Protesten und der zumindest theoretisch lebenslangen Sperre für Sterling wurde Basketball gespielt, und Los Angeles setzte sich gegen äußerst widerspenstige Warriors in sieben hart umkämpften Spielen durch. Besonders positiv waren die Auftritte der letztjährigen "Playoff-Versager" Griffin und Jamal Crawford. Griffin kam im Schnitt auf 23,3 Punkte pro Partie, der Sixth Man of the Year leistete seinen Teil von der Bank mit 16,7 Punkten. Auch der Rest der Mannschaft funktionierte: Jordan sammelte starke 15,1 Rebounds pro Spiel, Paul versorgte seine Mitspieler mit durchschnittlich 9 Assists und auf die Bank war größtenteils Verlass. 

Eine Runde später gegen Oklahoma City reichte die Leistung aus Runde Eins dann nicht mehr aus. Neben den Schiedsrichtern musste sich vor allem Chris Paul eine Menge Kritik in dieser Serie anhören. Denn es war der Floor General, die Führungsfigur, der Spieler mit der (eigentlich) größten Konstanz, dem in spielentscheidenden Situation untypische Böcke unterliefen. Besonders schmerzhaft war dabei Spiel fünf, welches eigentlich schon fast sicher eingetütet war. Ein unnötiger Ballverlust in den letzten Sekunden und ein noch unnötigeres Foul an Russell Westbrook bei einem Dreier sorgten für eine bittere Niederlage, von der sich die Clippers nicht mehr erholen sollten. "It's me. Everything that happened there at the end is on me", sagte ein sichtlich niedergeschlagener Paul nach dem Spiel. Gegen Durant und speziell Westbrook fanden die demoralisierten Clippers auch in Spiel sechs kein probates Mittel mehr. Die Folge war das erneute Aus Runde zwei.  

Zusammenfassend verliert sich die Saison der Clippers in viel "hätte, wenn und aber". Wie groß war der Sterling-Einfluss wirklich auf die Mentalität der Mannschaft? Hätte man den Sack gegen GSW vielleicht schon in fünf oder sechs Spielen zumachen können und wäre so erholter in die nächste Runde gegangen? Wie schwerwiegend waren manche Schiedsrichterentscheidungen? Was, wenn Paul in Spiel fünf anders agiert? Im Endeffekt spielt das alles heute keine Rolle mehr. Worauf die Clippers aufbauen müssen ist, dass sie gegen einen absoluten Top-Favoriten ausgeschieden sind und dabei zu keinem Zeitpunkt chancenlos waren. Das sah vor einigen Jahren gegen Memphis und San Antonio noch ganz anders aus. Das Wachstum in diesem Team ist also definitiv da.


Off-Season Agenda
Die größte Aufgabe der Clippers ist es, Klarheit in Sachen Besitzertum zu schaffen. Nachdem es Anfang Juni noch hieß, die Clippers seien für zwei Milliarden US-Dollar an Steve Ballmer verkauft worden, machte Sterling einen Rückzieher. Das Geschäft sei geplatzt, ließ sein Anwalt verlauten. Solange Sterling noch Miteigentümer der Clippers ist, dürfte es schwierig bis unmöglich werden, überhaupt irgendwelche Off-Season Moves zu tätigen, geschweige denn attraktive Spieler zu ergattern.

Die Clippers sind definitiv auf der Suche nach mehr Frontcourt-Tiefe. Eigentlich darf es nicht passieren, dass das athletische Duo um Griffin oder Jordan an den Brettern ein Reboundduell verliert. Trotzdem kam dies häufiger als erwartet vor. Ein Grund dafür ist auch die geringe Entlastung von der Bank. Glen Davis zeigt zwar bei jedem Spiel 110 Prozent Herz und Einsatz, ist jedoch als Back-Up auf der Center-Position einfach zu klein. Deshalb rückte Griffin häufig auf die Fünf und Matt Barnes, Jared Dudley oder Danny Granger spielten auf der Vier. Ersatzcenter Ryan Hollins sah in den Playoffs hingegen keine einzige Minute. Zwar gibt es auf der Center-Position einige namhafte Free Agents, aber Spieler wie Marcin Gortat oder Greg Monroe können sich die Clippers nicht leisten. Realistischere Alternativen wären Spieler vom Kaliber eines Chris Andersen, Jermaine O'Neal oder Jordan Hill

Handlungsbedarf besteht außerdem auf der Small Forward Position. Jared Dudley verlor im Laufe der Saison nicht nur sein Selbstvertrauen, sondern auch seinen Starterplatz an Barnes, der wiederum in den Playoffs nicht gerade Glanzleistungen abrufen konnte. Auch Granger und Hedo Türkoglu konnten nie vollends überzeugen. Am liebsten wäre den Clippers demnach ein 3-and-D-Spieler, der schnelle Wings verteidigen und auch als Power Forward agieren kann. Sollte so ein Spieler nicht zu bekommen sein, werden auch die Gerüchte um Paul Pierce wieder lauter werden. Eine erneute Zusammenarbeit mit seinem alten Coach Doc Rivers ist für "The Truth" angeblich vorstellbar. Ob ein bald 37-jähriger Spieler wirklich die richtige Lösung für die Clippers ist, bleibt allerdings fraglich. 

Personal
Coach 
Doc Rivers sitzt momentan alles andere als fest im Sattel. Er kündigte bereits an, die Clippers verlassen zu wollen, sollte Sterling nächste Saison noch immer der Besitzer sein. Zwar dreht Commissioner Adam Silver momentan an allen Rädchen, um den Milliardär ein für alle mal loszuwerden, allerdings scheint das bei der Entscheidung Rivers' keine Rolle zu spielen. Er will Ergebnisse sehen. Trotz des erneuten Zweitrunden-Aus ist der Coach unumstritten und genießt hohes Ansehen bei seinen Spielern. Der ehemalige Boston Celtic führte die Clippers in seinem ersten Jahr als Headcoach zu einem Franchise Rekord von 57 Siegen und machte aus DeAndre Jordan einen legitimen DPOY-Kandidaten. Ein Abgang von Rivers wäre ein herber Verlust für diese Mannschaft und würde sie erheblich zurückwerfen. Definitiv verlassen wird die Clippers Assistant Coach Alvin Gentry. Der 59-jährige war bei mehreren Teams im Gespräch, heuerte aber beim neu formierten Trainerstab von Steve Kerr in Golden State mit an. 

Auslaufende und nicht garantierte Verträge
Der Kern der Clippers bleibt bestehen, daneben wird aber einiges an Platz geschaffen werden. Glen Davis zog die Player-Option in seinem Vertrag nicht und ist auf der Suche nach einem langjährigen Engagement bei einer anderen Mannschaft. Auch Darren Collison verzichtete auf seine Option und testet seinen Marktwert, der nach diesen Playoffs gestiegen sein dürfte. Der quirlige Point Guard war  speziell in der OKC-Serie eine positive Überraschung. Die Kontrakte von Türkoglu und Ex-Pacer Granger werden nicht verlängert, beide müssen (zurecht) ihre Koffer packen. Bleiben wird hingegen Veteran Willie Green. Die Clippers ziehen seine Team-Option und erhoffen sich vom Guard weiterhin solides Shooting von außen und gute Defensivarbeit. 

Zwei Jahre Vertrag hat nach Ablauf dieser Saison noch Jamal Crawford. Allerdings ist keines dieser beiden Jahre garantiert. Mit 18,6 Punkten im Schnitt und der Auszeichnung zum besten sechsten Mann der Liga führte Crawford die Bank der Clippers erneut an und ist/bleibt einer der wichtigsten Schlüssel dieses Teams. Sollten Crawfords verbliebene Vertragsjahre (5,4 Mio. und 5,6 Mio. $) garantiert werden, würden die Clippers zwar über dem Salary Cap, aber immer noch unter der Luxus-Steuer liegen. Demnach wird im Front Office bezüglich Crawford sicherlich schon sehr bald etwas passieren.


Draft
Draft-technisch sieht es bei den Clippers relativ mau aus. Lediglich der 28. Pick in der ersten Runde gehört Lob City. An dieser Stelle wird wahrscheinlich ein Guard gedraftet werden, der weiß, wie man den Ball aus sechs Metern und weiter im Korb unterbringen kann. Ein passabler Backup-Big stünde diesem Team ebenfalls sehr gut zu Gesicht. Ansonsten wird LAC beim Draft zu den ruhigeren Kandidaten gehören.

Kohle
Auch ohne die Berücksichtigung aller Spieler mit Optionen in ihren Deals (Collison, Granger, Davis) kommen die Clippers auf knapp 72 Millionen Dollar, liegen damit also schon über dem Cap. 4,25 Millionen davon gehen nächstes Jahr auf das Konto von Dudley, der in Los Angeles bisher komplett enttäuschte. Es bleibt abzuwarten, ob Rivers ihm neues Selbstvertrauen einimpfen kann und Dudley es mit soliden Leistungen dankt. Ein Trade scheint hier nicht unwahrscheinlich. Unter dem Gehaltsgefüge ist so jedenfalls kein Platz mehr, um einen brauchbaren Small Forward oder sogar Spieler mit All-Star-Potential zu verpflichten. Findet er keinen passenden Trade, wird Rivers seinen Kader also mit preiswerten Spielern und Veteran zum Minimal-Tarif aufstocken müssen.

Zukunft
Obwohl die Clippers-Saison erneut nach der zweiten Playoff-Runde endete, haben sich Docs Jungs weiterentwickelt. Jordan ist zum erhofften Defensiv-Anker geworden, Griffin spielte teilweise auf MVP-Niveau, Crawford kreierte Offensive von der Bank aus, Paul war (trotz der OKC-Serie) der beste Point Guard der Liga und J.J. Redick spielte, wenn er gesund war, ein Karriere-Jahr. Mit diesem Grundgerüst wird man in den nächsten Jahren auch weiterhin oben dazugehören. Redick (29), Paul (29), Griffin (25) und Jordan (25) sind alle im besten Basketballalter oder noch auf dem Weg dorthin.

Entscheidend wird definitiv sein, wie die Clippers ihren Kader in der Breite verstärken oder ob durch einen geschickt eingefädelten Move des Front Office vielleicht sogar ein erstklassiger Small Forward an Land gezogen werden kann. Alles hängt vom weiteren Verlauf der unangenehmen und weiterhin wie eine dunkle Wolke drohenden Sterling-Geschichte ab. Solange sich der Verkauf länger als erwartet hinzieht, sind dieser Franchise die Hände gebunden. Die dadurch verpasste Gelegenheit, besser zu werden, könnte zum letzten verheerenden Akt von Donald Sterling für "seine" Clippers werden.