04 Juni 2014

Anno Haak | 4. Juni, 2014    @kemperboyd





Während Miami und San Antonio um die Larry O'Brien Trophy kämpfen, laufen in den anderen 28 Stätten der Liga die Planungen für die nächste Saison bereits auf Hochtouren. #NBACHEF wirft einen genauen Blick auf die Ausgeschiedenen, analysiert ihre Saison und prognostiziert ihren Sommer.

Saison '13/14
Dass diese Spielzeit wirklich einmal Gegenstand ganzer Bücher werden wird, wie manche mutmaßen, darf man mangels Interesse in wenigen Jahren an irgendeiner zurückliegenden regulären Saison bezweifeln. Tatsache aber ist, dass die Pacers eine der enigmatischsten Spielzeiten der NBA-Geschichte spielten.

Zu Saisonbeginn waren die auch hier ins Heft geschriebenen Hausaufgaben erledigt. Larry Legend kam zurück, Wests Vertrag wurde verlängert, Granger der Eid abgenommen, sich mit der Rolle als Bank-Mikrowelle anzufreunden, die größte Baustelle Bank (v.a. mit CJ Watson und Luis Scola für den eindimensionalen Stopfer (ähem) Green) geschlossen.

Die bittere Pleite in Spiel sieben der Conference Finals 2013 schien Antrieb, nicht Hemmschuh zu sein. Indiana erstickte seine Gegner und schrieb historisch gute Defensiv-Daten in die Statistikbögen (Beispiel: Defensiv-Rating von 88,6 im November). Bis Ende Januar wurden 35 von 45 Spielen gewonnen. Drei Spielerauszeichnungen schienen sicher (Hibbert: DPOY, Stephenson: MIP) oder zumindest möglich (George: MVP).


Die Antwort auf die Frage, was dann passierte, liegt irgendwo auf den Feldern des ruralen Indiana begraben. Fakt ist: Anfang Februar stieß Andrew Bynum zum Team, kurz vor der Deadline schickte man Danny Granger, der die Pacers fast allein durch die düstere Post-Malice-Ära getragen hatte, relativ humorlos für Evan Turner und Lavoy Allen nach Philadelphia. Der genaue Weg der Atome liegt bis heute im Dunkeln. Klar scheint aber, dass die Teamchemie nachhaltig Schaden nahm. Den noch vor einem Jahr ob seiner starting five-Forderungen zum potentiellen Locker-Room-cancer stilisierten Granger auf einmal zum Paten der Indy-Brotherhood zu verklären und Jinx-Fähigkeiten des einst zweitbesten Centers der Liga zu konfabulieren, sind aber wohl eher hilflose Versuche, ex post das Unbegreifliche zu fassen zu kriegen.

In den letzten Saisonwochen erlebte Indiana jedenfalls einen von einem Topteam selten gesehenen Absturz in die Mittelmäßigkeit. Nach den Feierlichkeiten in New Orleans stammelte das bis dato beste Team des Ostens eine 16-14-Bilanz in die Bücher. In den Monaten März und April gab es zusammen sogar mehr Pleiten als Siege.

Dank aufreizendem Heat’schen Desinteresse am Heimvorteil und der Schwäche des Ostens schleppte sich Indiana dennoch als topgesetztes Team mit 56 Siegen (und damit sogar einen über der hiesigen Preview) in die Playoffs. Mentale Kraftakte in Spiel sechs der insgesamt unterirdischen Serie gegen die Hawks und Spiel zwei gegen die Wizards hielten die angeknockt wirkenden Pacers in der Postseason und verhinderten letztlich ein zur zweiten Saisonhälfte passendes frühes Playoffaus. Gegen die Heat ließen sich insbesondere die eklatanten Schwächen in der Offensive nicht mehr verdecken und die Pacers-Saison endete wie die vergangene - einen Stop vor dem NBA-Finale.

Auf dem Papier spielte Hoosier City die beste Saison seit einer Dekade (2004: 61 Siege) und stand erneut wenige Siege vor den Finals. Die Chancenlosigkeit gegen die gegenüber der vergangenen Saison eher schwächeren Heat in den ECF belegt aber, dass unter dem Strich eher ein Rückschritt steht.

Off-Season Agenda
Das wird auch an der Tagesordnung für den Sommer sichtbar. Denn guckt man sich die offenen Baustellen in Indianapolis an, wird „Dejà vu“ zum sechsten Mann. Ein wenig mehr Playmaking täte angesichts des gemessen an seinem Gehalt extrem limitierten George Hill ebenso dringend Not wie eine tiefere Bank. Insbesondere der defensiv weitgehend talentbefreite Chris Copeland funktionierte überhaupt nicht. Zum George-Backup Nummer eins schwang sich in den letzten Spielen der Postseason Rasual Butler auf. Ja, die Kawhi-Wunde klafft immer noch.

Neben der Verlängerung des Vertrags von Stephenson (dazu gleich) wird vor allem die schon angesprochene teaminterne Implosion aufgearbeitet werden müssen. Schlägereien am Vorabend der Playoffs, gegenseitige öffentliche Schuldzuweisungen nach Niederlagen in den Playoffs und die merkwürdigen Gerüchte um Paul George mögen nicht die Gründe für das Verpassen der Finals gewesen sein. Für ein Team, das in den letzten Jahren von seiner gewachsenen Struktur und Hierarchie und einem ganz besonderen Spirit mehr als von individuellem Talent lebte, sind solche Nebenschauplätze dennoch potentiell sportlich letal.


Personal
Coach:
Womit wir beim Personal, allen voran Coach Frank Vogel wären. Auch dem gelang es offenbar nicht, die teaminternen Verspannungen zu lösen. Seine offensive Limitation steht im Übrigen den Minderbegabungen vieler Spieler am fremden Ende des Feldes in nichts nach. Weil er insbesondere während der ersten Runde gegen Atlanta zudem starrköpfig an der hergebrachten Aufstellung mit dem indisponierten Roy Hibbert in der Mitte festhielt, statt auf Smallball mit West und Scola zu setzen, geriet der noch vor Jahresfrist unanfechtbar scheinende Trainer zunehmend in die Kritik. Der (wohl) witzig gemeinte Tweet von Kevin Pritchard heizte die Spekulationen eher noch an. Zum einen weil es oft der erste Schritt Richtung Rücklings-Erdolchung ist, wenn sich eine Franchise hinter ihren Head Coach stellt. Zum anderen, weil es an einem klaren (mittlerweile allerdings nachgeholten) Bekenntnis von Godfather Legend fehlte.


Prognose: Vogel wird bleiben. Seine Nibelungentreue zu Hibbert zahlte sich letztlich aus. Der sensible Center, den Vogel schon als Entwicklungscoach unter seinen Fittichen hatte, fand zwar nicht mehr die Form vergangener Tage, verließ im Lauf der Postseason aber zumindest das Tal der Tränen. Es dürfte aber angeraten sein, Vogel eine Art Offensiv-Koordinator an die Seite zu stellen, um die statische, bisweilen regelrecht unorganisierte Offensive zu flexibilisieren. „Defense creates offense“ hat zwar Gültigkeit, ersetzt aber kein Playbook.

Roster:
Die Nummer-eins-Priorität im Roster heißt naturgemäß Lance Stephenson. Born ready wird UFA und muss unbedingt gehalten werden. Angesichts des ab Sommer greifenden neuen Vertrages von Paul George ist der Salary Cap schon ohne Stephenson praktisch ausgefüllt (garantierte Gehälter 2014/2015: ca. 60 Millionen bei einem Cap von ca. 62 Millionen). Die Pacers werden deshalb in der free agency niemanden überzeugen können, seine mit Stephenson annähernd auf Augenhöhe befindlichen Talente in den kleinen Markt im mittleren Westen zu bringen. Dass sich der Comboguard mit seinen J. R.-Smith-Gedächtnisaktionen während der Heat-Serie den Marktwert verhagelt hat, sollte niemand hoffen. Die Zwei ist eine Mangelposition in der heutigen NBA. Minimum knapp 10 Mio. $ pro Jahr wird man für den "bereit Geborenen" also einplanen müssen.

Das Thema Evan Turner dürfte dagegen erledigt sein. Den Mann, dessen Name in der Draft 2010 acht Positionen vor Paul George aufgerufen wurde, könnten die Pacers per 9-Millionen Qualifying Offer (würg) zum Bleiben zwingen. Dass Larry Bird zuletzt ausführte, der Granger-Trade habe zumindest Lavoy Allen gebracht (auweia), spricht ebenso gegen einen Verbleib Turners wie das Minimalvertrauen von Coach Vogel, das zuletzt nicht einmal mehr für Garbage-Time-Minuten in den Playoffs ausreichte.

Wegen seines nicht garantierten Vertrages könnte man sich überdies Luis Scolas entledigen, der allerdings neben CJ Watson der einzige halbwegs zuverlässige Bankspieler in den abgelaufenen Playoffs war. Scola dürfte bleiben.

Kohle
Aufkommende Hibbert-Trade-Gerüchte sind wohl ebenso der Zeit der sauren Gurken geschuldet wie die feuchten Träume einer Granger-Rückkehr zum Minimalgehalt. George Hill, der defensiv ohnehin kaum verzichtbar erscheint, dürfte angesichts seines üppigen und langen Vertrags (bis 2017) keinen Markt haben. Ansonsten sind die Spielräume begrenzt. Mit den garantierten Verträgen der großen vier zzgl. Watson, Scola, Solomon Hill, Ian Mahinmi, Copeland und der projizierten Verlängerung für Stephenson stünden die Pacers schon an der Grenze des roten Bereichs, den sie Luxussteuerland nennen. Einen Erstrundendraftpick 2014 sucht man im Halfter der Pacers vergeblich. Was bleibt, ist also nur noch die MLE, die man tunlichst in einen brauchbaren Backup für George und/oder weiteres Playmaking investieren sollte (Livingston, D. Collison).

Zukunft
Der Absturz seit Februar trübt den Blick. Die Pacers sind unverändert gut aufgestellt. Ihr größter Trumpf ist die Jugend. Gelingt es, Stephenson zu halten, hat man weiterhin eines der bedrohlichsten Startrios der Liga, dessen Mitglieder sämtlich 27 und jünger und noch mehr (Stephenson) oder weniger (Hibbert) weit von der Potentialdecke entfernt sind. Ohne die Kabinen-Geschwüre Turner und Bynum, mit einem der besten FO der Liga, ein paar Anpassungen auf der Bank und im Offensivkonzept und eingedenk der Alterung der Nemesis vom South Beach werden die Pacers – vorausgesetzt die Teamchemie wird repariert – auf unabsehbare Zeit eine Macht im Osten bleiben.