13 Juni 2014

Tiago Pereira | 13. Juni, 2014   





Während Miami und San Antonio um die Larry O'Brien Trophy kämpfen, laufen in den anderen 28 Stätten der Liga die Planungen für die nächste Saison bereits auf Hochtouren. #NBACHEF wirft einen genauen Blick auf die Ausgeschiedenen, analysiert ihre Saison und prognostiziert ihren Sommer.

Saison '13/14
Ein Paradoxon ist eine Aussage, die scheinbar oder tatsächlich einen unauflösbaren Widerspruch enthält. Die Saison der Golden State Warriors ist solch ein Paradoxon, denn egal wie man es dreht und wendet, die Saison der Dubs wird als Misserfolg bezeichnet. Eigentlich kein Novum, denn die Krieger aus Oakland waren schon lange nicht mehr bekannt für ihre sportlichen Siegeszüge. Bis vor kurzem galt eine erfolgreiche Saison in Frisco, wenn man nicht den Bodensatz in der Pacific Division repräsentierte. Nicht so in 2013/14. Anstatt wie gewohnt schon im April die Badesachen für den Urlaub zu packen, wedelten Warriors-Fans ihre Handtücher in der Oracle Arena... zur Playoffzeit! Erneut! Back to Back Postseason Luft, die hatte es in Golden State schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr gegeben. Selbst die Basketballgroßväter mussten tief im Hinterstübchen der Erinnerungen kramen, um solch ein Ereignis Revue passieren zu lassen (1991& 92).

Warum interpretiert man das erneute Erreichen der Playoffs dann als Misserfolg? Ganz einfach: weil der Meistertanz ohne die Kalifornier stattfand. Schiri Time Out! Hat er da wirklich Meisterschaft und die Warriors im selben Satz genannt? Ja! Echt? Ja! Die Warriors brachten sich während eines wilden Offseason-Castings für die Rolle des Meisterschaftsmitanwärters. Auch wenn die Großmächte der NBA nur kurz mit den Achseln zuckten, als die kleinen Krieger sich damals recht lautstark zu profilieren versuchten, sorgten die Dubs durchaus für Furore.

Mit einer formidablen ersten Fünf und nach einem holprigen Start demonstrierten die Warriors ihr Talent und Können. Angetrieben von Stephen Curry, der in dieser Spielzeit einen neuen Hitzegrad erreichte, feuerten die Splash Brothers und ihre Amigos aus allen Rohren. Am Ende holte das Team von Mark Jackson 51 Siege, so viele wie seit 22 Jahren nicht mehr. Eigentlich alles Tutti, oder?

Nein! Obwohl die individuellen Leistungen der Spieler (Curry im All NBA 2nd Team, Igoudala im All-Defense 1st Team) und die des Teams über jeden Zweifel erhaben war, brodelte es hinter den Kulissen heftig. Coach Jackson spielte nicht nur mit der Führungsetage der Warriors seine Machtspielchen, sondern auch mit seinem eigenem Trainerstab. Während der Saison feuerte Jackson seine Assistenz Trainer Brian Scalabrine und Darren Erman. Auch wenn beide Entlassungen ihre Berechtigung hatten, litt nach außen hin das Erscheinungsbild von MJax. Schon vor Beginn der Postseason wurden Stimmen laut, dass die Messe des Pastors nach den Playoffs gelesen sei - egal, wie das Team abschneiden würde. Jeder in einem Warriors-Trikot kämpfte mit Leib und Seele für den Verbleib des Coaches, das Team musste sich aber nach einer brillanten Erstrundenserie gegen die LA Clippers geschlagen geben.

Off-Season Agenda
Die Playoffs haben gezeigt, dass die Warriors wohl zu früh ihren Bay Area Badeteich gegen das meisterliche Haifischbecken eingetauscht haben. Zwei Jahre Playoff Erfahrung machten die Dubs nicht, wie selbst geglaubt, zu gewieften Veteranen, sondern lediglich nicht mehr zu Rookies. Erfahrung ist daher der wichtigste Inhaltsstoff, den General Manager Bob Myers seinem Team einimpfen muss. Die Akquisition von Andre Iguodala als zweiter Ballführer reichte scheinbar nicht aus, um Stephen Curry entscheidend zu unterstützen. Die Bank der Dubs ist lichter als die Haarpracht von King James, daran haben auch die Midseason Haartransplantationen Jordan Crawford und MarShon Brooks kaum etwas geändert. Die Lücke hinter Curry und Thompson muss qualitativ und nicht quantitativ gefüllt werden, und zwar mit einem Kombo-Guard. Mit anderen Worten: es fehlt einer wie Jarrett Jack! Eine Rückholaktion des verlorenen Sohnes wird nur schwer möglich sein, doch zum Glück bieten sich mit Spielern wie Devin Harris, Greivis Vazquez und Shaun Livingston im Sommer gleich drei Adoptivkinder an. 

Auch die Zone in Oakland bedarf eines neuen Anstrichs. Andrew Bogut ist zu verletzungsanfällig, als dass man ihn, ohne adäquaten Backup, in eine 82-Spiele-Saison gehen lassen kann. Der ewige Jermaine O'Neal wird nächsten Herbst diese Aufgabe altersbedingt nicht mehr übernehmen können und Festus Ezeli ist sicherlich kein Grund für ein Freudenfest. 

Hilfe ist gesucht und noch nicht gefunden, doch die Schnitzeljagd in Kalifornien hat einen anderen Hauptpreis – Kevin Love. Der gebürtige Kalifornier ist es Leid, im kalten Minneapolis zu spielen und sehnt sich nach wärmeren Gefilden. Für Myers und das Warriors-Management ist es Liebe auf dem ersten Blick, denn dem aktuellen Power Forward David Lee fehlen nicht nur drei Buchstaben im Nachnamen, sondern obendrein auch (immer noch) das Verständnis für die D. 

In Oakland sind die Fans Lee für seine Dienste dankbar, schließlich konnte man aus ihm drei starke Saisons heraus quatschen (inklusive All-Star Nominierung 2012). Doch in beiden Playoffauftritten war klar, dass Lee mit den großen, bösen Jungs der Liga nicht mithalten kann. Sein potentieller Ersatzmann Kevin Love ist zwar auch nicht aus Defensivankereisen geschmiedet, doch ist Love wäre ein gigantisches Upgrade auf der Vier. Die Vorstellung, ihn und Curry im Pick & Roll zusammen agieren zu lassen, lässt selbst John Stockton und Karl Malone vor Neid erblassen. Mit Love in der Startaufstellung wären die Meisterschaftstagträume in Oakland realistischer denn je.  


Personal
Coach
Besitzer Joe Lacob und GM Myers waren das Schwingen großer Reden bereits geübt, weswegen es beiden nicht schwer fiel, die Offseason mit einem Knall einzuläuten. Nachdem man Mark Jackson vom Trainerstuhl zurück an seinen Kommentatoren-Tisch verbannt hatte, stahl das Warrior Management dem Zen Meister in New York seinen Wunschtrainer vor der Nase weg - Steve Kerr. Getreu dem Motto "eine Labertasche ersetzt die andere" angelten sich die Dubs also den Trainerfrischling ohne eine einzige Minute Erfahrung an der Seitenlinie - wie einst Jackson auch. Erneut kommt das Paradoxon Warrior-Basketball zum Vorschein, denn obwohl mit den Van Gundy Brüdern und Lionel Hollins gleich drei gestandene Seitenlinienoffiziere in Oakland vorsprachen, entschieden sich die Kalifornier für Feldwebel Kerr. Das Management war derartig von Stevies Potential überzeugt, dass es ihm einen komplett garantierten Fünfjahresvertrag (25 Mio. $) anbot. Das sind fast zehn Millionen mehr, als Kerr in seiner 15 Jahre andauernden Profikarriere verdient hat. Kerr war von Anfang an Lacobs Wunschkandidat. Kerrs Taktgefühl für das Front Office (er war einst selbst GM in Phoenix) und seine Vision überzeugten die Warriors, über sein (bisher) mangelndes Taktikgefühl hinweg zu sehen. Steve muss beweisen, dass seine Verpflichtung es wert war, Mark Jackson, immerhin der Liebling von Franchise-Spieler Curry, zu feuern.

Roster
Die gute Nachricht für die Warriors: Alle Starter sind für die kommende Saison unter Vertrag, ebenso die Talente Harrison Barnes und Draymond Green. Die schlechte Nachricht: Die zweite Garde bricht (mal wieder) nahezu komplett weg. O'Neal, Crawford (RFA) und Steve Blake werden in diesem Sommer allesamt auf Jobsuche gehen. Sollte der apokalyptische Fall der Fälle eintreten und alle drei die Bay Area verlassen, stände die wieder einmal miserable Bank der Dubs (27,89 PPG, NBA-Rang 24) komplett leer da. Rollenspieler sind ein Muss für jeden Championship-Lauf, das beweisen die aktuellen Finals. Leider verfügen die Warriors über keinen Pick im diesjährigen Draft, so dass Talente auf dem freien Markt ergattert werden müssen. Die Mid Level Exeption wird der beste Freund der Warriors sein, denn mit ihr kann ein Impact Spieler für wenig Geld eingekauft werden. Der Rest muss dann wohl oder übel mit Minimal-Verträgen aufgefüllt werden - es sei denn, man findet einen Trade, der ein bisschen Bankpower in die Bay spült. 


Kohle
Kohle, das braune Zeug unter der Erde oder? Jedes Synonym für Geld dürfte dem Wortschatz von Lacob, Gruber & Myers entfallen sein. Nachdem der GM der Warriors letzten Sommer das Geld in seinen Baggy Pants zum Fenster hinaus schmiss, sind in dieser Offseason alle Taschen zugenäht. Die Warriors ließen sich ihren aktuellen Kader 72,5 Millionen $ kosten und waren somit über der Luxury Tax. Für nächste Saison verbleiben stolze 65 Mio. $ auf den Gehaltslisten, und das vor dem Auffüllen des Kaders, wodurch wenig bis gar kein Spielraum zum Handeln besteht. 

Zukunft
In Oakland ist man lieber heute als morgen Meister, denn der Besitzer und der Kader schreien nach Erfolg. Die Warriors sind ein Team, welches nur einen Trade von ihrem ambitionierten Ziel entfernt scheint. Noch stehen die Jungstars Thompson und Barnes im Gehaltskäfig ihrer Frischlingsdeals, in der kommenden Offseason sehnen sich aber beide nach dem großen Zahltag. Die Dubs stehen vor einer ungewohnten Situation, die da lautet: 'Go Big or go Home!' Es wurden Spieler für einen Meisterschaftslauf eingekauft, der Starspieler ist langfristig unter Vertrag, die neue Arena in San Francisco wird in wenigen Jahren bezogen (2018/19), und der neue Head Coach wurde vor allem wegen seiner Championship-Erfahrung geholt. Jetzt heißt es bei den Dubs: Alle Chips in die Mitte legen und das Verliererdasein ein für alle Mal ablegen!