27 Juni 2014

Axel Babst | 27. Juni, 2014   



Der lange schon herbeigesehnte Draft 2014 mit so vielen hochgelobten Heilsbringern ist nun Geschichte. Zumindest ESPN kann schon einmal zufrieden sein mit den Einschaltquoten. Schließlich verfolgten mehr Zuschauer den Draftabend als in den vergangenen 19 Jahren. Doch abgesehen davon, welches Team konnte sich über echte Verstärkungen freuen? Wer hat eine große Chance, sich zu verbessern, verpasst? Wen kann man unter den Spielern zu den großen Verlierern beziehungsweise Gewinnern zählen? Diesen Fragestellungen und noch vielen weiteren werde ich im Folgenden auf den Grund gehen. 

Die Lottery

Cavaliers #1
Andrew Wiggins – Wing
Trotz vieler, lukrativer Tauschangebote entschieden sich die Verantwortlichen der Cavaliers, ihr Erstwahlrecht zu behalten. Doch nun standen sie vor den eigentlichen Entscheidungen, die um Einiges schwieriger erschien: Parker oder Wiggins? Die Wahl fiel schließlich auf den Kanadier. Aus meiner Sicht die richtige Entscheidung, denn Wiggins‘ Upside ist einfach zu phänomenal, um sich die Gelegenheit entgehen zu lassen. Zudem passt er auch besser in sein neues Team, als Parker es getan hätte. Zumal dieser auch nicht besonders angetan von der Idee zu sein schien, in Cleveland landen zu können. Wiggins braucht nicht den Ball in den Händen, um effektiv zu sein, womit er eine gute Ergänzung zu Kyrie Irving darstellt. Auch positionsbezogen macht diese Wahl mehr Sinn, da Wiggins als Shooting Guard und Small Forward auflaufen kann, während Parker doch sehr auf dem Power Forward klebt. Dadurch hätte man zum einen das Experiment Anthony Bennett für gescheitert erklärt und zum anderen Tristan Thompson wegschicken müssen, der einer der effektivsten Rebounder der NBA ist.

Bucks #2
Jabari Parker – Wing
Sobald der Name Andrew Wiggins auf dem Tableau hinter Adam Silver aufleuchtete war schon ziemlich klar, dass sich die Bucks die Dienste des zweiten Hauptgewinns der diesjährigen Lotterie sichern würden. Parker ist definitiv NBA-ready und wird den Bucks vom ersten Spiel an helfen. Sei verbesserungswürdige Defense kann man hinter den langen Armen und Händen eines Antetokounmpo oder Larry Sanders, so er denn fit und konzentriert ist, gut verbergen. Er ist offensiv talentiert genug, direkt die wichtigste Option im Angriff Milwaukees zu werden. Auch die Nähe zu seiner Heimatstadt Chicago dürfte den Ex-Blue-Devil zufrieden stellen. Insofern hat das Management um John Hammond alles richtig gemacht.

76ers #3
Joel Embiid – Center
Obwohl Embiids Krankenakte bereits erste Sorgenfalten auf der Stirn der GMs verursacht, finde ich diese Wahl auch an dieser Stelle absolut nachvollziehbar. Bei Embiid sollte man auf keinen Fall den Fehler machen, ihn nur über seine körperlichen Voraussetzungen zu definieren und daraus herzuleiten, dass er seine Gegenspieler bislang physisch overpowert hat oder unbedingt darauf angewiesen ist, aus der Halle zu springen. Im Gegenteil. Seine Spielweise erinnert eher an einen alternden Center, der sich dank guter Fußarbeit im Post durchzusetzen weiß und seinen Gegner plötzlich mit einer kurzen Kostprobe seiner verbliebenden (bzw. in Embiids Fall vorhandenen) Athletik überrumpelt.
Was ich wesentlich bedenklicher finde, ist die Kombination aus Embiid und Noel. Das scheint mir doch ein wenig zu risikoreich zu sein. Hier würde ich aber definitiv Nerlens Noel zum Tausch freigeben, weil er einfach niemals ein guter Offensivspieler werden wird und viel abhängiger von seiner Gesundheit ist als Embiid.
Alles in allem finde ich die mutige Entscheidung der Sixers aber sehr gut und nachvollziehbar.

Magic #4
Aaron Gordon – Wing
Dieser Pick war etwas überraschend und hat viele Entscheidungen in der Folge durcheinander gewirbelt. Dabei gab es vor dem Draft sogar erste Gerüchte, die diese Wahl in Aussicht stellten, doch so recht glauben mochte diese niemand. Ich persönlich halte Gordon zwar auch für einen potentiell sehr starken NBA Spieler, der sein Team besser machen kann und noch zu sehr unterschätzt wird, allerdings hätte es da einige Kandidaten gegeben, denen ich das früher und auf noch höherem Niveau zugetraut hätte. Einer davon wäre Danté Exum gewesen. Ein Backcourt mit ihm und Oladipo wäre hochinteressant gewesen. Nichtsdestotrotz ist aber auch Gordon eine gute Wahl, da er mit seinem Fokus auf die Defense und seinen Point Forward Qualitäten gut zu Tobias Harris und Nik Vucevic passt.

Jazz #5
Danté Exum – Guard
Auch die Jazz überraschten Fans und Beobachter ein wenig, als sie sich für den Australier Exum entschieden. Die einhellige Meinung war eigentlich, dass sich die Jazz auf Noah Vonleh festgelegt hätten. Doch so kann man sich täuschen. Danté Exum ist zwar nur bedingt einschätzbar, doch was ich bislang von ihm gesehen habe, hat mir den Eindruck vermittelt, dass seine Spielweise gut in die NBA passt und er sich sehr bald schon etabliert haben wird. Die Jazz scheinen also wieder einen Spieler mit Allstarpotential in ihren Reihen zu haben. Die Frage ist aber nun: Was passiert mit Trey Burke? Können er und Exum koexistieren? Beide sind vom Typ her balldominante Spieler, denen die Konstanz im Wurf fehlt, um abseits des Balls effektiv zu sein. Ich kann die Wahl verstehen, allerdings finde ich, dass die Jazz damit ein wenig eine Chance verpasst haben. Das sieht er nach einem weiteren Rebuildjahr aus, statt eines Angriffs auf die Playoffplätze. Das hätte bei einem Vonleh oder Randle vielleicht etwas anders ausgesehen.

Celtics #6
Marcus Smart – Guard
Dieser Pick war der vielleicht Überraschendste des Abends. Zumindest auf den ersten Blick scheint es keinen Sinn zu machen, einen Anführertypen wie Marcus Smart zu wählen, wenn man ohnehin schon einen Rajon Rondo im Team hat. Dass die beiden nebeneinander funktionieren, sehe ich persönlich gar nicht. Dafür sind sie zu sehr Alphatiere und spielerisch zu ähnlich (lies: balldominant und ohne Wurf). Der Pick macht also erst dann Sinn, wenn Danny Ainge weiß, dass er Rondo nicht langfristig an sich binden kann, und Smart als Ersatz geholt wurde. Denn mit seiner Winnermentalität passt der Rookie perfekt zu seinem neuen Club, der sich möglichst schnell in den Playoffs wiederfinden will.

Lakers #7
Julius Randle – Big
Julius Randle war bei der vorhandenen Auswahl der logischste Pick. Randle ist jung, aber dennoch schon bereit für den Kampf unter den Brettern der NBA und passt mit seiner Einstellung, jedem Loseball hinterher zu hechten perfekt zu Kobe, der ja eigentlich wenig mit jungen und unerfahrenen Spielern anfangen kann. Randle könnte gut die Gasol Rolle ausfüllen, sollte der Spanier den Lakers den Rücken kehren. Auch Randle kann mittlerweile sehr gut aus dem Highpostbereich angreifen und dort als Waffe eingesetzt werden. Bei seinen Drives wird ihm die weniger aggressive Helpside der NBA Teams spürbar entgegenkommen, sodass sich sein Entscheidungsverhalten noch weiter verbessern sollte. Einzig der Wurf muss noch konstanter werden, damit er der perfekte Zuarbeiter für Kobe wird. 

Kings #8 
Nik Stauskas – Guard
Die Kings brauchten einen Anführer, der aus den Individualisten ein Team schweißt und das Zepter in der Hand hält. Oder aber einen engagierten Verteidiger, der die Lethargie eines Rudy Gays und seiner Perimeter Mitstreiter austariert. Stattdessen wählte man den besten Shooter des Drafts. Da fällt es mir wirklich schwer, einen Plan dahinter zu erkennen. Zumal man bereits letztes Jahr mit Ben McLemore einen quasi identischen Spielertypen verpflichtete. Auch wenn McLemore wohl Teil verschiedener Trade Szenarien sein soll, ist dies aus meiner Sicht die schlechteste Wahl aller Top10 Picks gewesen.

Hornets #9
Noah Vonleh – Big
Charlotte profitierte vom plötzlichen Sinneswandel der Jazz und konnte sich an dieser überraschend späten Stelle die Rechte an Noah Vonleh sichern. Vonleh stellt eine gute Ergänzung zum bestehenden Frontcourt aus Al Jefferson und Michael Kidd-Gilchrist dar. Er bringt das dringend benötigte Shooting und kann dank seiner langen Arme auch die Fehler seines Partners Jefferson ausbügeln. Insgesamt also eine verständliche und gute Wahl.

76ers #10
Elfrid Payton – Guard (für Dario Saric und künftige Picks nach Orlando getradet)
Zunächst sorgte Philadelphia für reichlich Verwirrung. Elfrid Payton? Man hat doch schon einen jungen Point Guard, der Steals holt und keinen Wurf trifft.  Noch kurioser wurde es dann als MCW interviewt wurde und sich dort so anhörte, als wüsste er bereits, dass seine Tage in der „Stadt der brüderlichen Liebe“ gezählt seien. Zwar wurde dann doch Payton weitergereicht, allerdings sah das dann für mich eher nach Sammeln von Einzelteilen als nach einem klaren Konzept aus. Dario Saric kann erst in zwei Jahren in die NBA und die 76ers haben in den nächsten Jahren genug Picks in der ersten Runde, um ein eigenes Team auf die Beine zu stellen.

Nuggets #11
Doug McDermott – Wing (für Jusuf Nurkic und Gary Harris nach Chicago getradet)
Schon unmittelbar nachdem McDermott die Bühne verlassen hatte, war klar, dass die Nuggets ihn nach Chicago verfrachtet hatten. Im Gegenzug dafür kommen mit Jusuf Nurkic und Gary Harris zwei sehr interessante Spieler in die Rocky Mountains. Gerade Harris ist aus meiner Sicht eine perfekte Verstärkung, um dem Backcourt Tiefe und Defense, sowie einen guten Spot-up-Dreier zu geben. Nach der Akquise von Nurkic haben die Nuggets nun jeden erdenklichen Centerspieler in ihren Reihen, den man von der Spielanlage her in der heutigen NBA braucht. Das könnte sie in den Playoffs zum echten Favoritenschreck machen.

Magic #12 
Dario Saric – Wing (für Elfrid Payton nach Philadelphia getradet)
Vor wenigen Wochen wäre dieser Pick wohl auch so in den meisten Mockdrafts aufgetaucht. Dann entschied sich Saric zusammen mit seinem Vater dazu, einen mehrjährigen Vertrag mit Anadolu Efes abzuschließen. Dass Saric vorher Begehrlichkeiten seitens der Magic geweckt hatte, war bekannt. Doch sie wussten das Beste aus der Situation zu machen. Sie drehten den Spieß einfach um. Statt zuerst einen talentierten Guard zu holen und anschließend Saric als Point Forward zu holen, suchten sie sich zuerst Gordon aus und anschließend Saric, um einen Tradewert für einen talentierten Guard zu haben. Orlando hat also bekommen, was es wollte.

Timberwolves #13
Zach LaVine – Guard
Der Entschluss der Timberwolves, an dieser Stelle Zach LaVine zu verpflichten, ist sicherlich mit einem gewissen Risiko verbunden. Allerdings bekleidet er die Position des Shooting Guards, an der der größte Handlungsbedarf bestand. LaVine kann mit seiner Athletik effektiv im Fastbreak sein und als Verwerter der langen Outletpässe von Kevin Love dienen. Im Setplay wird er von Ricky Rubio profitieren und mit seinem guten Wurf dafür sorgen, dass der Spanier mehr Platz für seine Drives hat. Trotzdem ist er eine Investition in die Zukunft und wird zunächst um seine Spielzeit kämpfen müssen.

Suns #14
T.J. Warren – Wing
Aus meiner Sicht ist Warren eine gute Ergänzung zum Suns Team. Mit ihm kommt ein weiterer potenter Scorer, der sich sowohl seinen eigenen Wurf kreieren kann, als auch Anspiele seiner Mitspieler verwerten kann und nicht anfängt zu murren, wenn nicht alles über ihn läuft. Er könnte der perfekte P.J. Tucker Ersatz werden, sollte die Suns ein Angebot für ihn nicht matchen wollen. Einzig sein fehlender Distanzwurf ist ein Problem. Zwar haben die Suns mehr als genug Schützen und Solche, die sich dafür halten, im Team, doch Warrens Effizienz wird darunter leiden. 

Die Steals
Bei einem so tief besetzten Draft von absoluten Steals zu sprechen, klingt erstmal etwas komisch, doch auch dieses Jahr konnten einige Teams ihr Glück wahrscheinlich kaum fassen. Aufgrund der Talentdichte wurden einige talentierte Youngster mit kleineren oder größeren Mängeln zunächst ignoriert, obwohl sie vielen Teams in Zukunft gute Dienste leisten können. Hier also dir größten Steals aus meiner Sicht:

Celtics #17
James Young – Wing
Bill Simmons‘ Reaktion sprach Bände. Der Boston Sympathisant konnte seine Freude kaum in Grenzen halten und ballte sofort die Hand zur Siegerfaust. Zu recht. Young ist ein exzellenter Scorer und Schütze, der auch athletisch absolut mithalten kann und noch extrem viel Potential besitzt. In ihm schlummert ein Allstar, den er nur in sich wecken und zur Entfaltung bringen muss. Ich hätte ihn spätestens bei den Timberwolves an #13 erwartet, denn im Gegensatz zu LaVine kann er seinem Team jetzt schon wichtige Minuten geben.

Jazz #23
Rodney Hood – Wing
Auf Hood trifft Ähnliches zu, wie auf James Young. Er ist ein herausragender Schütze, kann aus dem Pick and Roll heraus gute Entscheidungen treffen und besitzt eine gute Arbeitsmoral. Bereits jetzt schon wird er seinen Platz in der Rotation der Jazz finden, speziell dann, wenn Gordon Hayward nicht in Utah bleiben sollte. Zudem ist er aus meiner Sicht sehr variabel einsetzbar. Damit meine ich nicht positions- sondern rollenspezifisch. Er kann sowohl als dritte oder vierte Option im Angriff dienen und für Spacing an der Seite des Guard Duos Exum & Burke sorgen, als auch die erste oder zweite Geige spielen und die Bankgarnison anführen. 

Spurs #30
Kyle Anderson – Wing
Als OKC sich mit dem 21. Pick für McGary entschied, musste ich einen Moment überlegen, wen die Spurs sich noch herausgeguckt haben könnten. Da kamen mir nur zwei Spieler in den Sinn, die perfekt ins System der Spurs passen würden. Zum einen Bogdan Bogdanovic und zum anderen Kyle Anderson. Letzterer blieb dann tatsächlich übrig und die Spurs schlugen zu. Anderson ähnelt Boris Diaw in unglaublichen vielen Aspekten seines Spiels. Beide sind behäbige Point Forwards, die geniale Pässe spielen, aber in der Defense ihre Schwierigkeiten haben. Anderson muss noch deutlich kräftiger und explosiver werden, um mit Diaw mithalten zu können, doch sein Wurf ist dafür schon wesentlich ausgereifter.

Grizzlies #35 (Von Jazz)
Jarnell Stokes – Big
Dieser Move mag zwar auf den ersten Blick nur eine Randnotiz sein, doch erstens wird Jarnell Stokes meiner Meinung nach unterschätzt. Und zweitens zeigt dieser Deal mal wieder, wie clever einige GMs darin sind, Geld zu sparen. Denn die Verpflichtung von Stokes erlaubte es den Grizzlies, Ed Davis ziehen zu lassen, was ihnen sein Gehalt von etwa 4,5 Millionen erspart hat. Stokes ist der beste Rebounder des Drafts. Keiner geht an beiden Enden des Feldes so beherzt den Abprallern hinterher wie der Ex-Volunteer. Zudem verfügt das Kraftpaket über die nötige Power und die grundlegenden Bewegungen, um auch offensiv eine Duftmarke zu setzen und Gefahr auszustrahlen. Idealer Backup für Zach Randolph, den er bei optimaler Entwicklung sogar als Starter beerben könnte.

Pistons #38
Spencer Dinwiddie – Guard
Dinwiddie erinnert nicht nur in seinem Spielstil Shaun Livingston. Ähnlich wie der begehrte Free Agent der Nets, sorgte auch bei Dinwiddie eine schwere Verletzung (Kreuzbandriss) dafür, dass er in den letzten Monaten ein wenig in Vergessenheit geriet. Doch ebenso schnell wie bei Livingston, kann er sich wieder in die Gespräche über den NBA Alltag einbringen. Dinwiddie ist unheimlich selbstbewusst, talentiert und ein geborener Anführer. Auch wenn er zunächst nur Reservist sein sollte, wird sein künftiger Coach Stan van Gundy bald seinen Wert erkennen und ihm Spielzeit geben. So ein Spieler fehlt den Pistons momentan noch merklich. Die Frage ist nur, ob Spieler wie Josh Smith (der ja ohnehin bald weg sein könnte) und Brandon Jennings Dinwiddies Art auch dulden.

Lakers #46 (Von Wizards)
Jordan Clarkson – Guard
Clarkson wurde in einigen Mock Drafts sogar als potentieller Erstrundenpick gesehen. Das wäre für meine Begriffe zwar etwas zu früh gewesen für einen Aufbau, der weder eine linke Hand hat noch gut werfen kann und zudem schon recht alt ist, doch seine Größe und sein Transition Game machen ihn auf jeden Fall zu einem interessanten Prospect. Auch in der Defense kann er mit seinen langen Armen und flinken Beinen viele Ballverluste forcieren und seinem Team und besonders sich selbst einfache Punkte garantieren. Selbst wenn die Lakers ihn nicht behalten wollen, wäre er auf jeden Fall eine gute Beigabe bei eventuellen Trades.

Die Fragezeichen
Busts kann man normalerweise nie direkt nach einem Draft ermitteln, denn das hieße im Umkehrschluss, das Risiko wäre bereits im Vorhinein vorhanden gewesen und das wählende Team hätte davon nichts mitbekommen oder es bewusst ignoriert. Trotzdem kann man sich schon einmal vor Augen führen, bei welchen Picks die Risiken und Fragezeichen am größten sind. Bevor ich hierzu wieder eine Liste meiner Wackelkandidaten anführe und erläutere, möchte ich im Vorhinein aber noch gesondert ein paar Sätze zu den Raptors und Bruno Caboclo loswerden. Ihn lasse ich an dieser Stelle außen vor, weil ich ihn überhaupt nicht kenne und einschätzen kann. ich schreibe grundsätzlich nicht über Spieler, die ich nie zuvor gesehen habe, denn ich kann nichts bewerten, was ich nicht kenne oder worüber ich nichts weiß. Da sollte man vielleicht die Summerleague abwarten, an der er wohl teilnehmen wird. Hier nun aber die Liste der anderen Kandidaten:

76ers #3
Joel Embiid – Big
Auch wenn ich persönlich denke, dass sich diese Wahl in einigen Jahren auszahlen wird, muss man trotzdem an dieser Stelle das Risiko bedenken, das die Sixers eingehen. Embiid hatte innerhalb kürzester Zeit zwei Ermüdungserscheinungen, die ihn zu Zwangspausen verdamm(t)en, in denen er seinem Team nicht helfen kann/konnte. Das macht einen schon nachdenklich, ob Embiids Körper den Belastungen eines strammen NBA Spielplans gewachsen ist. Bedenkt man zusätzlich noch, dass Philly letztes Jahr bereits ein ähnliches Risiko mit Nerlens Noel eingegangen ist, und er bis heute keine Minute gespielt hat, kann man die z.T. harsche Kritik schon verstehen.

Timberwolves #13
Zach LaVine – Guard
Ich habe letzte Saison wirklich sehr viel College Basketball geguckt und auch sehr oft UCLA verfolgt und kann mir immer noch nicht so recht erklären, was einige Scouts und GMs in ihm sehen. Klar er ist ein athletischer Freak und noch extrem jung, hat dazu einen passablen Wurf. Aber das konnte Gerald Green auch alles aufweisen. Trotzdem ist er nie Allstar geworden, glänzte bis zur letzten Saison eher durch Highlights als durch gute Leistungen. Gut der Vergleich ist ein wenig gemein, weil Green ein reiner Flügelspieler ist und nie auf dem College war, doch alles in allem sind die Risiken die gleichen. Außerdem sehe ich in LaVine auch künftig keinen Aufbauspieler. Dafür fehlen ihm das Spielverständnis, die Erfahrung auf dieser Position und der Wille, seine Mitspieler einzubinden. Er kann ein solider Rollenspieler werden, das ist aber angesichts der starken Draftclass zu diesem Zeitpunkt eine ziemlich mäßige Aussicht.

Grizzlies #22
Jordan Adams –Wing
Auch wenn die Stats etwas anderes suggerieren, Jordan Adams ist weder ein guter Verteidiger noch ein besonders guter Dreierschütze. In der Defense profitiert er von extrem kräftigen und flinken Hände dank derer er den Ball aus den Händen seines Gegenspielers stibitzen kann. In der NBA werden aber die wenigsten Spieler so blauäugig mit dem Ball umgehen, dass Adams weiterhin so viele Steals holen könnte. Außerdem spekuliert er oft darauf, den Pass abzufangen, was aber öfter misslingt als seinem Coach lieb sein dürfte. Offensiv profitierte er von Kyle Anderson, der ihn mustergültig bei Cuts bediente. Seine Wurfauswahl war streckenweise aber sehr fragwürdig und auch wenn er Würfe treffen kann, so hat er doch jedes Spiel um die 3 Würfe, die sehr deutlich ihr Ziel verfehlen. Generell ist die Streuung bei seinen Würfen sehr groß. Insgesamt erinnert vieles an eine Lightversion von Tony Allen, allerdings ohne dessen Athletik, Hustle und Mentalität. Da wären die Memphis meiner Ansicht nach mit einem athletischeren Spieler (z.B. K.J. McDaniels) oder einem besseren Schützen (z.B. Rodney Hood) besser beraten gewesen.

Die Gewinner
Wie jedes Jahr stellt sich auch dieses Mal Frage, welches Team sich am gezieltesten, am sinnvollsten verstärken konnte. Bedingt durch den extrem starken Jahrgang ist fast jedes Team ein Stück weiter vorangekommen und in irgendeiner Hinsicht ein Siegerteam des Abends. Doch ich beschränke ich mich an dieser Stelle auf die Teams, die den größten Satz hingelegt haben und wegweisende Entscheidungen nachvollziehbar getroffen haben.

Orlando Magic
Auch wenn das für viele Beobachter komplett unverständlich erscheinen mag, für mich sind die Magic vielleicht sogar der größte Gewinner des Abends. Warum? Dafür gibt es mehrere Gründe. Zunächst einmal muss man anmerken, dass die Exekutive in Orlando vor dem Draft einen Plan zu haben schien. Dieser bestand anscheinend darin, einen Anführer als Aufbauspieler zu picken und diesem einen spielintelligenten Power Forward zur Seite zu stellen. Die häufigsten Kombinationen waren dabei Exum/Smart und Saric/Gordon. Nun gab es allerdings die angesprochene Problematik bei Saric, sodass sich Orlando etwas Neues einfallen musste. Zumal Aaron Gordon bei vielen Workouts wohl einen bleibenden Eindruck hinterließ und seinen Draft Wert steigern konnte. Umso eleganter ist aus meiner Sicht, die Lösung, die Rob Hennigan präsentierte. Zuerst zog man Aaron Gordon und anschließend Dario Saric, um diesen dann als Tradeobjekt gegen den talentierten Point Guard Elfrid Payton anzubieten. Nun hat man genau die Kombination, die vor dem Draft das Ziel gewesen zu sein schien. Payton und Gordon werden zwar nicht auf Anhieb so effektiv liefern können wie es vielleicht ein Duo aus Smart und Saric vermocht hätte, doch dafür haben die beiden mehr Upside und eine defensive Toughness und Winnermentalität, die dringend gefehlt hat. Findet man jetzt für beide noch geeignete Mentoren, hat die sportliche Leitung in Florida alles richtig gemacht.

Boston Celtics
Den Celtics sind quasi zwei Spieler in den Schoss gefallen, die sofort Leistung bringen können, gleichzeitig aber auch Investitionen in die Zukunft darstellen. Während Smart die Einstellung eines Siegers an den Tag legt und seine Mitspieler zum Gewinnen animiert, dient er zudem auch als Absicherung, falls Rajon Rondo seinen Vertrag nicht verlängern möchte und im Zuge dessen für einen gewissen Gegenwert verschachert werden sollte. James Young bringt Shooting, Vielseitigkeit und Athletik ins Team. Gerade die erste Eigenschaft wird Brad Stevens zu schätzen und nutzen wissen. Des Weiteren kann James Young sich in Ruhe hinter Jeff Green und Avery Bradley akklimatisieren und langsam sein Potential ausschöpfen und mit Glück und viel Arbeit zum Allstar reifen.

Denver Nuggets
Auf den ersten Blick liest sich der Deal zwischen den Nuggets und Bulls nicht besonders spektakulär, doch bei genauerer Betrachtung wird einem die ganze Tragweite des Deals bewusst. Gary Harris ist, wie ich mittlerweile mehrfach angemerkt habe, die perfekte Ergänzung zum bestehenden Nuggets Backcourt, weil er ein Spieler seiner defensiven Qualitäten vermisst wurde und der zusätzlich noch ein guter Offensivspieler mit Allstarpotential ist. Ihn an 19. Stelle zu bekommen, spricht Bände über die Tiefe des Drafts und das Geschick der Nuggets. Als Bonus gab’s dann noch Jusuf Nurkic oben drauf, womit Denver tiefste und ausgeglichenste Big-Men-Rotation der NBA haben dürfte. Das kann in den Playoffs im Westen noch sehr wertvoll sein. Um diese beiden Spieler zu verpflichten musste man lediglich die Rechte an Doug McDermott abtreten, bei dem keiner so richtig weiß, wie gut er sich in der NBA einfinden wird. Außerdem hat man Danilo Gallinari einen sehr ähnlichen Spielertypen bereits in den eigenen Reihen, man hat also im Prinzip keinen Verlust hinnehmen müssen.

Die Verlierer
Abgesehen von den Teams, die keinen Pick dieses starken Drafts zur Verfügung hatten, gibt es auch einige Teams, die mir persönlich zu planlos bzw. zu risikoreich agiert haben:

Sacramento Kings
Nik Stauskas ist einer meiner Lieblingsspieler der vergangenen Collegesaison gewesen, weil es keinen verrückteren Anführer gab als ihn. Doch warum holt man Stauskas, wenn man zum einen mit Ben McLemore einen Spieler im Kader stehen hat, der sich in der Spielanlage zu fast 100% mit Stauskas deckt, und zum anderen schon genug Querköpfte und halbgare Leader (Cousins, Thomas, Gay) im Team gibt? Man könnte jetzt sagen, dass McLemore vermutlich getradet wird, aber wenn dafür dann mit Josh Smith ein weiterer angestrebter Wortführer ins Kingslager wechseln soll, frage ich mich doch, wie Nik Stauskas den Ball bekommen soll und ob er seine Wurfqualitäten überhaupt demonstrieren darf? Für mich ein unverständlicher Pick (zumindest Stand heute). Da hätte man eher auf Vonleh, Payton und Co. zurückgreifen sollen. 

Minnesota Timberwolves
Wie weiter oben angesprochen, finde ich die Wahl Zach LaVines an dieser Stelle verfrüht und ich denke die TWolves haben sich eine gute Chance durch die Lappen gehen lassen. Da hätte man mit James Young, Gary Harris oder auch Rodney Hood ähnlich viel Potential bei weit weniger Risiko und mehr augenblicklichen Input bekommen. Auch in der zweiten Runde hat sich David Kahn für Potential statt für Team Need oder Leistung entschieden. Glenn Robinson III. ist zwar zu so spätem Zeitpunkt fast schon ein Steal, doch das Team verfügt schon über genug athletische Small Forwards mit inkonstantem Schuss und zurückhaltender Spielweise. Insofern macht auch diese Wahl eher wenig Sinn. Da wäre ein Trade für Robinson vermutlich die bessere Option gewesen.

Toronto Raptors
Masai Ujiri hat in den vergangenen Monaten und Saisons seine Qualitäten ohne Frage unter Beweis gestellt und verdient etwas Vertrauen. Aber bei diesem Draft waren die beiden Picks zusammengenommen doch ein wenig zu mutig aus meiner Sicht. Bruno Caboclo kannten vor dem Draft wahrscheinlich die Wenigsten. Er scheint ein interessanter Spieler zu sein, wenn man sich allein die Körpermaße anschaut und die Aussagen des ESPN Experten Fran Fraschilla. Aber hätte man ihn unbedingt so früh draften müssen? Auch wenn wohl Teams wie die Suns Interesse an ihm hatten. Zudem hätte ich eher vermutet, dass Ujiri einen Deal einfädeln würde, um Lokalmatador Tyler Ennis nach Toronto zu lotsen. Das hätte in Anbetracht der offenen Kaderpositionen absolut Sinn gemacht.
In der zweiten Runde folgte dann mit DeAndre Daniels eine Wahl, bei der ich einigermaßen skeptisch bin. Ich habe DeAndre Daniels in den letzten drei Jahren sehr oft spielen sehen und auch seine Entwicklung mitbekommen und ich muss sagen: Ohne das abgelaufene NCAA Turnier wäre Daniels nicht gedraftet worden. Das waren die mit Abstand stärksten Spiele, der abgeliefert hat und davor war seine Entwicklung nicht sonderlich nennenswert. Da haben sich die Verantwortlichen vielleicht etwas blenden lassen und erhoffen sich nun womöglich zu viel. Glenn Robinson III. hätte ich an dieser Stelle vorgezogen. Aber letztendlich geht es hierbei um einen Zweitrundenpick, der wahrscheinlich ohnehin nicht viel Spielzeit sehen wird.

Die zwei Sonderfälle
Da ich die Geschehnisse bei den 76ers und Jazz sehr interessant fand, die Franchises allerdings nicht klar zu Gewinnern oder Verlieren zuordnen konnte, möchte ich ihnen noch ein paar Extrazeilen widmen. 

Philadelphia 76ers
Philly hatte extrem viele Picks in diesem starken Draft. Aber was konnten sie daraus machen? Auf den ersten Blick mögen viele Anhänger enttäuscht sein. Aber dazu besteht, zumindest vorerst, kein Anlass. Nach dem Ergebnis der Draft Lottery und der Verletzung von Joel Embiid war eigentlich klar, dass es ab dem dritten Pick entweder um Talent und Perspektive oder um sofortigen Erfolg geht. Die Sixers entschieden sich für letzteres und angelten sich mit Embiid und Saric zwei Investitionen in die Zukunft. Das gibt ihnen Zeit, ein Team aufzubauen und als solches zusammen zu wachsen. Gerade Nerlens Noel, Joel Embiid und MCW können davon nur profitieren. Auch die restlichen Picks nutzten die 76ers recht klug und sammelten sich einen talentierten Haufen verschiedenster Spielertypen, die nun in Ruhe beobachtet werden und je nach Bedarf gebunden werden können. Am interessantesten sind hierbei K.J. McDaniels und Jerami Grant.
Trotzdem möchte ich Philly nicht zu den Gewinnern zählen, weil einfach noch zu viel unklar und unvorhersehbar ist.

Utah Jazz
Die Jazz schienen klar auf Noah Vonleh festgelegt zu sein und waren dabei, sich ihren Frontcourt zusammenzubasteln. Stattdessen zementierten sie nun ihren Backcourt. Obwohl sie mit Trey Burke schon einen jungen Point Guard in ihren Reihen hatten, wählten sie Danté Exum. Das erscheint mir immer noch eine schwierige Kombination zu sein, weil beide einfach keinen konstanten Schuss ihr Eigen nennen und beide den Ball in den Händen haben wollen. Aber immerhin hat man es dadurch und mittels der Wahl von Rodney Hood geschafft, sich etwas unabhängiger von der Entscheidung Gordon Haywards zu machen. Zudem können beide Rookies einmal den Sprung ins Allstarteam packen. Des Weiteren könnte man nun neben Enes Kanter auch Alec Burks als Tauschobjekt für einen starken Frontcourt Partner für Derrick Favors anbieten. 

Die Draftentscheidungen der Jazz hatten also Vorteile und Nachteile und es hängt nun von der restlichen Offseason ab, welche dieser Seiten überwiegt.