20 Juni 2014

Axel Babst | 20. Juni, 2014   





Noch vor wenigen Tagen wurde ich gefragt, was für einen Sinn es hätte, als talentierter Spieler eine zweite Saison am College zu spielen und sich anschließend für den Draft anzumelden. Das sei doch eher kontraproduktiv, da der Spieler nun weder einen Abschluss hätte, noch großartig etwas für seinen Wert tun kann, da er nun ein Jahr älter (und damit tendenziell uninteressanter) ist und NBA Scouts so mehr Gelegenheit gäbe, Schwächen aufzudecken. Meine Erklärung stützte sich dabei u.a. auf eben jenen T.J. Warren, der als Paradebeispiel des Drafts für die Widerlegung dieser Bedenken herhalten kann. 

Warren kam im Sommer 2012 als Teil einer der stärksten Recruiting-Klassen des Jahrgangs an die NC State University. Mit großen Ambitionen startete das Team in die Saison, denn es war zweifelsohne eines der talentierteren der vergangenen Jahre. Auf dem Papier bestach das Team mit einer guten Kombination aus alten Hasen und motivierten Frischlingen. Warren konnte sich schnell einen Platz in der Starting Five ergattern und über weite Strecken überzeugen, da er seine Rolle im Team perfekt ausfüllte. Zugegebenermaßen war diese auch extrem dankbar, bestand sie doch letztendlich nur darin, als Slasher die Anspiele seiner Mitspieler zu verwerten. Insbesondere von den guten Augen Lorenzo Browns als Aufbauspieler und C.J. Leslies aus dem Lowpost profitierte Warren. Die Saison fand allerdings ein jähes Ende, und dementsprechend sank der Draft Wert aller Wolfpack-Spieler. 

Im Sommer folgte ein gewaltiger Umbruch. Vier Akteure aus der ersten Fünf kehrten nicht zurück (Howell, Leslie, Brown altersbedingt und Purvis wechselte nach Connecticut). Plötzlich war Warren das Alphatier im Wolfsrudel und alle Systeme wurden nun auf ihn ausgerichtet. Zwar litten seine Quoten darunter, doch abgesehen von der Dreierlinie waren all seine Werte immer noch mehr als passabel. Das Team glich mangelndes Talent mit gutem Teamspirit und einer klaren Hierarchie aus und konnte sich auf den letzten Drücker noch für das NCAA Tournament qualifizieren. Dort kam man zwar wie im Vorjahr nicht über die zweite (eigentlich erste) Runde hinaus, doch das Team wirkte wesentlich gefestigter und war nah an einem Upset dran.

Wieso war das Jahr nun so gewinnbringend für Warren War? Der Hauptgrund ist sicherlich, dass er bewiesen hat, dass das Scorergen in ihm schlummert und im richtigen System zum Leben erweckt werden kann. Er konnte den Status eines eindimensionalen Verwerters abstreifen (auch wenn darin sicherlich noch seine größte Qualität liegt) und in diesem Jahr auch durch Drives und selbsterarbeitete Würfe punkten. Außerdem präsentierte er eine Vielfalt an Abschlüssen in Form diverser Floater und Leaner, die nicht jeder Spieler so sicher trifft. Auch wenn ihm noch das nötige Ballhandling fehlt, um konstant seinen weg zum Korb zu gehen, findet Warren schon jetzt immer wieder trickreich Mittel und Wege um Boden gut zu machen und aussichtsreiche Wurfpositionen zu erreichen. 

Da er auch schwierige Würfe gegen den Mann mit einer gewissen Routine verwandelt, ist er immer ein Kandidat für einen entscheidenden Wurf in der Crunchtime. In der Regel hatte er in solch einer Spielphase eigentlich immer ein gutes Gefühl für das Spiel, weil er sein Team vorher meist mit einem kleinen Lauf überhaupt erst in diese Situation bringen konnte. Warren kann innerhalb kürzester Zeit heiß laufen und dann Punkte am Fließband erzielen. Eine weitere Stärke ist seine Entschlossenheit in seinen Aktionen. Egal ob beim Drive, beim Rebound oder in der Defense: Wenn Warren erst einmal sein Ziel anvisiert hat, ist er nicht zu stoppen, solange er es nicht erreicht hat oder vom Referee daran gehindert wird. Damit verleiht er auch seinen Mitspielern oftmals die Energie, von der eine Mannschaft zehrt.


Blickt man auf die Kehrseite der Medaille, findet man aber auch schnell offenkundige Schwächen. Eines der größten Probleme ist auch bei ihm die altbekannte Tweener Frage: Small Forward oder Power Forward? Für ersteres ist Warren zu langsam und nicht treffsicher genug aus der Distanz, für letzteres zu klein und auch von der Spielweise her absolut nicht darauf ausgelegt.

Obwohl der Sophomore eigentlich einen sehr athletischen Eindruck hinterlässt, hatte er in der Verteidigung speziell gegen explosivere Spieler seine Schwierigkeiten. Seine Geschwindigkeit in den seitlichen Bewegungen bedarf noch intensiver Trainingseinheiten. In der NCAA verlagerte er sich zu schnell darauf, den Ball stibitzen zu wollen, anstatt seinen Gegner einfach vor sich zu halten. Dadurch schadete er seinem Team gleich doppelt, denn entweder brachte er sich dadurch in Foulprobleme und die Offense des Wolfsrudels kam damit zum Erliegen, oder aber er ließ den Gegenspieler passieren und sorgte so für Verwirrung in der eigenen Teamverteidigung. Warren konnte sich glücklich schätzen, dass er gleich zwei Center im Team hatte, die einige seiner Fehler ausbügelten. In der Teamverteidigung offenbarte er hin und wieder Schwachstellen, da er sich zu oft am Ball orientierte und dadurch mit seinen eigenen Waffen geschlagen wurde (Backdoor-Cuts). Auch beim Rebound reagierte er häufig zu langsam und überraschend halbherzig im Vergleich zu seiner Arbeit am offensiven Brett. 

Vorne muss Warren wie bereits angedeutet, noch an seinem Ballhandling arbeiten, um bei seinen Drives noch effektiver zu werden. Außerdem muss sein Wurf sicherer und konstanter werden. Die offenen Dreier fallen zwar gut, doch auch da sehen seine Mechanics noch nicht gefestigt genug aus und variieren zu häufig. Allgemein kann man Warrens Wurf nicht wirklich lehrbuchhaft nennen. Ähnliches gilt für den Freiwurf, den er hochprozentiger machen muss, damit seine fantastischen Slasher-Qualitäten noch besser zum Tragen kommen und der Gegner nicht dazu verleitet wird, Warren einfach an die Linie zu schicken.

Aufgrund seiner ungewöhnlichen Abschlüsse und der Tweener-Problematik erinnert Warren an Shawn Marion. Auch das Offensivrebounding und die Treffsicherheit bzw. Wurfauswahl bei Distanzwürfen erinnern an den Ex-All-Star. Ein weiterer Kandidat, an den Warren mit seinen Anlagen und der unorthodoxen Art bei durchschlagender Effektivität erinnert, ist Paul Pierce. Ähnlich wie Pierce und Marion könnte auch Warren im richtigen System zum Allstar reifen und besitzt in diesem Jahrgang gewaltiges Stealpotential. Für ein Playoffteam ist er schon jetzt - und selbst wenn er sich spielerisch kaum weiter entwickeln sollte - wegen seiner Scorer- und Slasher-Qualitäten ein akzeptabler, ein guter Pick.

Prognose: Pick 15-20