12 Juni 2014

Axel Babst | 12. Juni, 2014   





Bald könnte für Nik Stauskas ein Kindheitstraum in Erfüllung gehen: Einmal im Leben gegen Vince Carter auf einem NBA Court zu spielen. Für den Kanadier war früh klar, dass er sich nicht dem nationalen Volkssport Eishockey, sondern dem Basketball zuwenden würde. Als Schlüsselerlebnisse nennt er persönlich immer zwei Ereignisse. Zum einen die Gründung der Toronto Raptors unmittelbar vor seiner Geburt und zum anderen ein Eins-gegen-Eins im Kindesalter gegen den damaligen Überflieger Vince Carter. Nach diesem prägenden Erlebnis blieb Stauskas der Sportart fest verbunden. Seine Treue zahlte sich früh aus, denn er holte mit Kanadas U16-Nationalteam 2009 die Bronzemedaille bei den Amerikameisterschaften. Als er dann in der Prep School auch noch einen rasanten Wachstumsschub erlebte und in seiner letzten Saison dort entscheidenden Anteil an der Meisterschaft in seinem Schulbezirk hatte, bekam er Stipendien von renommierten Universitäten angeboten.

Stauskas entschied sich für Michigan. Dies sollte er nicht bereuen. Bereits als Freshman gab ihm Coach Beilein bei den Wolverines ordentliche Spielanteile, da der Kanadier in dessen System wie die Faust aufs Auge passte, als Schütze, der seinen Mitspielern Trey Burke und Tim Hardaway Jr. Räume schuf. Als Starter auf der Zwei hatte Stauskas maßgeblichen Anteil am Einzug ins Final Four, auch wenn er dort dann er blass blieb. Im Folgejahr wurde er der Dreh- und Angelpunkt im Angriff der Wolverines und führte sein Team zum Big Ten Titel nach der regulären Saison und bis ins Elite-Eight des NCAA Tournaments. Wenig überraschend folgte anschließend die Anmeldung zum Draft.

Auf die Zettel vieler GMs hat sich der Kanadier mit litauischen Wurzeln hauptsächlich aufgrund seines herausragenden Wurfs gespielt. Egal ob aus dem Dribbling, als Spot-up oder in Transition, sein Wurf sieht technisch immer erstklassig aus und findet mit großer Regelmäßigkeit sein Ziel. Das verdankt er aber nicht nur seiner guten Technik, sondern auch seinem sehr ausgeprägten Selbstbewusstsein. Bezeichnend ist hierfür eine exemplarische Szene aus dem letzten Auswärtsspiel der Big Ten Saison gegen Illinois. Es sind noch wenige Sekunden bis zur Halbzeit zu spielen und Stauskas führt einen Einwurf direkt vor der Student Section aus. Die Studenten skandieren dabei lauthals „USA! USA!“ in Anspielung auf seine kanadische Herkunft. Stauskas blickt sich einmal kurz um, lächelt, bekommt Sekunden später den Ball deutlich hinter der Dreierlinie und versenkt den Wurf mit dem Buzzer. 

Neben seinem guten Wurf, konnte er in seinem zweiten Jahr zudem deutlich häufiger als Spielgestalter in Erscheinung treten. Besonders im Pick & Roll zu seiner starken rechten Hand ist er mittlerweile mehr als passabel. Beim Abschluss überrascht er hin und wieder mit solider Athletik, die man ihm auf den ersten Blick gar nicht unbedingt zutraut. Kommt die Hilfe aber früh und engagiert genug, ist er auch in der Lage, den freien Mitspieler zu bedienen. Er ist also deutlich mehr als „nur“ ein Scharfschütze und konnte sein Sophomore-Jahr gut nutzen, um an seiner Vielseitigkeit zu arbeiten und diese auch zum Besten zu geben.


Doch so sehr sich Stauskas offensiv auch verbessert hat, die Defense ist und bleibt für ihn ein Buch mit sieben Siegeln. Und zwar in allen Belangen. Am Perimeter fehlt ihm im One-on-One die notwendige laterale Schnelligkeit, um seinen Gegenspieler vor sich zu halten. Bei Post-Ups lässt er sich oft viel zu leicht herumschubsen. Ähnliches gilt auch beim Boxout, allerdings nur, wenn er daran denkt auszuboxen und nicht schon auf dem Weg zur gegnerischen Dreierlinie ist. In der Verteidigung gönnt sich Stauskas zu häufig körperliche und mentale Auszeiten, so dass er Rotationen verpennt oder seinen Gegenspieler in seinem Rücken unentdeckt davonschleichen lässt. Außerdem lässt er häufig das letzte Quäntchen Entschlossenheit vermissen, was unter anderem seine niedrigen Werte bei den Steals erklärt.

Aber auch offensiv ist noch nicht alles Gold, was glänzt. Besonders an seinem Ballhandling sollte er noch arbeiten, da er bisher sehr auf seine rechte Hand fixiert ist und seine Drives auch von Erfolg gekrönt sind, weil er häufig einen kleinen Vorsprung gegenüber seinem Verteidiger hat, da dieser sich meist erst noch über Blöcke, die für Stauskas gestellt wurden, herumkämpfen muss. Bislang verlässt sich der ehemalige Schützling von Coach Beilein dann auch zwangsläufig zu sehr auf seinen Wurf und nimmt lieber schwierige Stepbacks, anstatt den Weg bis zum Korb zu suchen. 

Fakt ist also, dass Stauskas jedem NBA Team auf Anhieb helfen kann, da er seinen Mitspielern mit seinem tödlichen Distanzwurf viele Räume eröffnet. Zudem besitzt er das Potential, auch als Spielgestalter und Combo-Guard in Erscheinung zu treten, wobei dort noch viel Training und Einiges an Erfahrung notwendig sein wird, bevor er das auch auf NBA-Niveau konstant abrufen kann. Trotzdem ist der Kanadier kein eindimensionaler Schütze wie Jimmer Fredette, ihm fehlen aber die Athletik und die Übersicht zum Beispiel eines Gordon Hayward. Daher ist aus meiner Sicht Mike Miller zu seiner Primetime ein mögliches Vorbild für Stauskas. Abgesehen von dessen Rebounding bringt er viele Qualitäten mit, die auch Miller einst auszeichneten, bevor ihn sein Körper im Stich ließ.

Prognose: 10. Pick