21 Juni 2014

Axel Babst | 21. Juni, 2014   





Die Backgroundstory von Elfrid Payton wird den Wenigsten bekannt vorkommen. Selbst sein Name lässt die Ohren der meisten NBA Fans nicht wirklich klingeln. Kein Wunder, bei der Entwicklung. Zunächst schien er seine Hoffnungen auf eine erfolgreiche Profikarriere noch vor dem Wechsel auf's College begraben zu können. Payton, der in der Highschool ein Jahr jünger war als die meisten seiner Mitschüler und am College einen ähnlichen Altersunterschied zu verkraften hatte, bekam kaum Aufmerksamkeit der Division I Colleges, da sie ihn allesamt für zu klein und zu schmächtig hielten. Nur die kleine, unbekannte University of Louisiana-Lafayette zeigte ernsthaftes Interesse. Payton entschied sich gezwungenermaßen für die Ragin' Cajuns. Dort profitierte er zwar von einem späten Wachstumsschub, der ihn mehr als zehn Zentimeter in die Höhe schiessen ließ, doch er wirkte gerade in seinem ersten Jahr dadurch umso zerbrechlicher. 

Nichtsdestotrotz boxte sich der Junge mit dem freundlichen Lächeln und der prächtigen Haartracht durch und konnte sich als Sophomore den Job als Spielmacher des Teams sichern. Gerade gegen die größeren Universitäten zu Beginn der Saison lieferte er überraschend gute Performances ab. Das blieb nicht unbemerkt, und nachdem sein Trainer reichlich Werbung bei USA U-19 Headcoach Billy Donovan betrieben hatte, wurde Payton im Sommer 2013 sogar zum Tryout der besten Nachwuchskräfte der USA für die anstehende Junioren-Weltmeisterschaft eingeladen. Dort überzeugte Payton die Coaches so sehr, dass er dann zur WM mitgenommen wurde. Dank des neugewonnenen Selbstbewusstseins und dem WM-Titel im Gepäck steigerte Payton in der Saison 2013/14 seine Leistungen nochmals und führte sein Team sogar ins NCAA Turnier.

Paytons große Stärke ist dabei seine aggressive Defensive. Mit seinen langen Armen, schnellen Beinen und seiner unnachgiebigen Spielweise kann er eine sehr unangenehme Klette sein. Gegen jemanden wie ihn möchte kein Aufbauspieler der Welt den Ball nach vorne bringen müssen. Durch seine Defense kann er seinem Team und vor allem sich selber immer wieder leichte Punkte garantieren. Seine zweite große Stärke ist im Angriff das Pick & Roll. Am College hatte er mit Shawn Long dort einen kongenialen Partner. Das Two-Man-Game der beiden erfolgte bereits auf sehr hohem Niveau, denn beide verstanden es, die Optionen, die die Defense anbietet, gnadenlos auszunutzen. Payton entwickelte dabei ein gutes Gespür dafür, wann er den Ball passen muss oder wann er lieber zum Korb zieht. Beides leitet er meistens sehr gut ein und legt sich die gegnerische Verteidigung dabei so zu recht, dass seine Mitspieler selten Probleme haben, nach einem Anspiel zu vollstrecken. 

Nicht nur beim Pick & Roll ist sein Zug zum Korb erste Sahne. Gerade in Fastbreak-Situationen ist Payton kaum zu stoppen und nutzt seine Athletik und seine Körperkontrolle gut aus, um bis zum Ring vorzustoßen. Dabei zeigte der quirlige Guard sein naturgegebenes Talent, Pfiffe magisch anzuziehen und den Gegner so geschickt in Foulprobleme zu bringen. Das noch unerschlossene Potential, das in Payton schlummert, ist enorm. Dafür, dass er bislang auf niedrigerem Niveau als andere Spieler seines Jahrgangs trainiert hat, ist er bereits sehr weit. In Kombination mit seinem jungen Alter und dem dafür schon ausgeprägten Erfahrungsschatz scheint bei Elfrid Payton noch kein Ende der Fahnenstange in Sicht zu sein.


Doch viele Bereiche im Spiel des 20-Jährigen sind noch intensiven Trainings bedürftig, bevor sie salonfähig sind. Die größte Schwachstelle ist Paytons Sprungwurf, auch wenn sich da schon Vieles zum Besseren gewendet hat. Als Freshman war sein Wurf derart mies, dass er sich nicht einmal traute, an der Dreierlinie überhaupt nur über einen Jumper nachzudenken. Ein Grund dafür wurde bald ausfindig gemacht: sein Sehvermögen. Das muss derart schlecht gewesen sein, dass er den Korb nie richtig anvisieren konnte, weil er ihn praktisch immer mindestens doppelt sah. Mittlerweile trägt der Youngster Kontaktlinsen und auch das intensive Wurftraining hat sich bezahlt gemacht. Seine Wurfform sieht wesentlich besser aus, auch wenn da immer noch viel Luft nach oben ist.

Neben seinem Wurf muss die Guard-Hoffnung noch viele Stunden im Kraftraum verbringen, um auch in der NBA weiterhin so konstant in die Zone vorstoßen zu können wie auf dem College. Hierbei gibt die Tatsache, dass Payton nach seinem Vater (einem Ex-Football Profi) zu kommen scheint, durchaus Anlass zur Hoffnung. Die letzte große Schwäche ist die Sorglosigkeit des Jünglings in vielen Situationen. Zu groß ist noch die Risikofreude in seinen Aktionen, womit er gerne mal das Momentum seines Teams killt, zu häufig trifft er noch die falsche Entscheidung im Setplay. Außerdem zieht der Energizer gerne mal planlos in Richtung Korb und spekuliert auf einen Foulpfiff, ohne eine Notlösung parat zu haben, falls dieser ausbleibt.

Elfrid Payton könnte sich als einer der größten Steals des diesjährigen NBA Drafts entpuppen. Kurzfristig ist er schon jetzt in der Lage, für Entlastung zu sorgen und gegnerische Aufbauspieler zu entnerven. Langfristig könnte er sich zu einem der besten Allrounder auf der Position des Point Guards entwickeln. In vielen Bereichen erinnert er an Gary Payton (und Rajon Rondo, der ebenfalls nach Gary Payton kommt), ein defensiver Wirbelwind mit ausgewogenem Spiel und zu Karrierebeginn suspektem Distanzwurf. Alle drei (Payton, Rondo, Payton) teilen sich zudem das gute Auge für den Mitspieler, aber auch die Vorliebe für riskante Pässe, die in gleichem Maße elektrisieren wie frustrieren können. Paytons weitere Entwicklung wird definitiv sehr interessant zu beobachten sein. Sein rasanter Aufstieg im Vorfeld dieses Drafts beweist aber eindrucksvoll, dass er zu den begehrtesten, weil talentiertesten NBA-Frischlingen 2014 zählt. 

Prognose: Top-10 Pick