06 Juni 2014

Axel Babst | 6. Juni, 2014   





Obwohl Zach LaVine einer der spektakulärsten Athleten seines Jahrgangs ist und Highlights am laufenden Fließband produziert, wurde ihm lange Zeit nicht die Aufmerksamkeit zuteil, die er nun genießt. Das hat mit Sicherheit mehrere Gründe. Zum einen ist da diese sagenumwobene Draftklasse 2014 zu nennen, nach der die GMs der NBA Clubs sich seit Jahren die Finger lecken und in deren Fokus Namen wie Wiggins, Parker und Co. stehen. Da hinter hat es natürlich jedes Talent schwer, sich in die Notizbücher der Scouts zu spielen. Zum anderen reduzierten ihn viele Betrachter auf einen athletischen Superfreak, der Probleme mit der robusteren Spielweise haben wird. Selbst als die College Saison dann startete und er einige gute Partien ablieferte, flog LaVine buchstäblich unter dem Radar der Scouts. Doch nachdem LaVine auch gegen hochkarätigere Gegner konstant seine Leistung abrief und mit sehr guten Quoten zu überzeugen wusste, wurden die Experten aufmerksam. Auch ihnen stach zunächst die überragende Athletik in die Augen, die ihn, gepaart mit einem guten Wurf, zu einem hoffnungsvollen Prospect machen. 


Zwar verließ ihn in der zweiten Saisonhälfte die Konstanz, die Anlagen aber, die ihn so interessant machten, hatten aber natürlich weiter Bestand und die Schwächephase wurde auf sein jugendliches Alter und den Mangel an Erfahrung zurück geführt. Erst mit schwachen Auftritten im Conference sowie NCAA Tournament (lediglich 11 Punkte in den letzten 5 Spielen), bekam sein Aufstieg einen Knick verpasst.

Angesichts der Statistiken und den Leistungen in seinen letzten NCAA-Spielen ist es für den geneigten NBA-Fan wahrscheinlich nur schwer zu verstehen, warum auf einmal so einen Hype um einen gerade 19-Jährigen gemacht wird. Doch unter anderem in seinem Alter liegt sein Wert. Wie immer hoffen die GMs, in LaVine einen Rohdiamanten gefunden zu haben, der in der D-League den nötigen Feinschliff bekommen soll. Seine Sprungkraft und seine Körperkontrolle sind atemberaubend und bewegen sich in den Sphären eines Russell Westbrooks oder Gerald Greens. Sein Wurf ist dazu sehr passabel und bereits jetzt eine ernstzunehmende Waffe, da er technisch schon sehr sauber ist. Viele sehen in ihm zudem das Potential, dass er einmal als Point Guard das Zepter im Angriff eines NBA-Teams schwingen wird. Dafür hätte er mit seinen 1,96m eine stattliche Größe und könnte ein Matchup-Albtraum werden. Da er diese Position bereits an der Highschool bekleidete und mit seinen 19 Jahren einer der jüngsten Spieler im Draft sein wird, ist diese Hoffnung sogar berechtigt. 

Doch reichen diese Hoffnungen, Konjunktive und Portion Showtime aus, um für ihn einen Lottery-Pick zu „opfern“? Da gehen die Meinungen sehr weit auseinander. Auch die Kritiker können durchaus berechtigte Zweifel an LaVine und seinem Potential anbringen. Besonders die Frage nach seiner richtigen Position erhitzt die Gemüter. Viele Experten bemängeln, dass er zwar an der Highschool den Ballvortrag übernahm, sich aber mit 2,5 Assists pro Spiel wahrlich nicht mit Ruhm bekleckerte, und anschließend am College so gut wie gar nicht das Leder über's Feld geschleppt hat. Auch in typische Situationen für einen Point Guard, wie z.B. das Pick & Roll, wurde er kaum gesteckt, und wenn doch, nutzte er dies meist, um einen eigenen Abschluss zu kreieren. Er bewies nur selten, dass er auch das Auge für den Mitspieler besitzt.


Sein Ballhandling ist definitiv auch noch ausbaufähig, speziell für die Anforderungen eines Playmakers. Überhaupt lässt sich nur sehr schwer beurteilen, wie gut die Grundausbildung war, die LaVine genoss. Der aus Seattle stammende Youngster konnte dies teilweise auch gar nicht demonstrieren, da er schlicht nicht in die Lage gebracht wurde, seine Fähigkeiten unter Beweis stellen zu müssen. Die Point Guard Frage ist da nur ein Bereich. Auch in der Defense konnte er wenig zeigen, da UCLA entweder eine sehr lasche Mannverteidigung spielte, die vor allem auf Steals spekulierte, oder sich in einer tiefen 2-3-Zone verschanzte. LaVines 0,9 Steals pro Spiel lesen sich zwar auf den ersten Blick sehr gut, doch gerade das Spekulieren in den Passwegen schönt diesen Wert ein wenig.

Es bleibt also abzuwarten, wohin die Reise geht für Zach LaVine. Boom or Bust? Das wird sich erst in ferner Zukunft zeigen. Fakt ist: Vom athletischen Potential her kann er es bereits jetzt mit jedem NBA Spieler mühelos aufnehmen. Die Frage ist nun: welches Team ist bereit, ihm Zeit zu geben und ihn wirklich als Spieler zu entwickeln? Wird er Schritt für Schritt aufgebaut und nicht verheizt? Gibt er sich damit zufrieden, zunächst in der D-League seine Materialtests an den Korbanlagen durchzuführen und á la Jeremy Lamb (dem er übrigens in Körperbau, Bewegungsablauf und Wurfform sehr ähnelt) im zweiten Jahr aufzublühen? Wenn diese Fragen letztendlich bejaht werden können und sein zukünftiges Team mit ihm Geduld hat, könnten wir in fünf Jahren einen weiteren explosiven Scorer begutachten, der für ordentliche Furore sorgt. Doch andersherum schlummert in ihm auch gewaltiges Bust-Potential, da er noch nicht bewiesen hat, dass er konstant auf hohem Niveau bestehen kann, und in seinem Game noch vieles geschliffen werden muss, bevor er in der NBA überhaupt als Rollenspieler bestehen kann.

Prognose: Pick 12-16