23 Juni 2014

Axel Babst | 23. Juni, 2014   





Als Kanadier hat man in den USA meistens einen schweren Stand und muss sich Anerkennung erst mit großer Mühe verdienen. Diese Erfahrung durfte auch Tyler Ennis machen, doch er löste die Herausforderung bravourös und galt für viele College-Experten als der Steal der letztjährigen Highschool-Klasse. Bereits im Sommer 2011 wagte der Guard den Sprung über die Grenze und spielte seine letzten beiden Jahre an einer Highschool in New Jersey. Dort konnte er zwar mit guten Statistiken aufwarten und sich ein Engagement bei Syracuse erspielen, doch die Skepsis blieb weiterhin groß. Selbst Orange-Coach Jim Boeheim zweifelte vor Saisonbeginn, ob Ennis wirklich in der Lage sein würde, die ihm zugedachte Rolle zufriedenstellend auszufüllen. 

Vor ihm lag die schwierige Aufgabe, eines der stärksten Teams in einer der stärksten Conferences direkt vom ersten Saisonspiel an anzuführen. Nach den Abgängen von Michael Carter-Williams und Brandon Triche klaffte ein riesiges Loch im Backcourt. Nur Trevor Cooney konnte auf den kleinen Positionen nennenswerte Einsatzzeiten in der Vergangenheit aufweisen. Doch Cooney ist ein sehr eindimensionaler Shooter, Ennis blieb der einzige richtige Point Guard im Kader. Umso riesiger war dann der Hype um seine Person als Syracuse, angetrieben von einem sensationell aufspielenden Ennis, mit 25 Siegen in Serie in die Saison startete. Das Ende lief mit vielen knappen und unglücklichen Niederlagen sowie dem frühen Ausscheiden im NCAA-Turnier gegen den Underdog Dayton denkbar schlecht, aber Ennis hatte seine Marke hinterlassen.

Was zeichnet den Kanadier eigentlich aus, dass plötzlich ein derartiger Hype um ihn entstehen konnte? Die Antwort: Clutchness, Leadership und Coolness. Spätestens mit seinem Kunstwurf zum Sieg bei den Pittsburgh Panthers aus gut zehn Metern Entfernung machte er sich einen Namen als Cruchtime Player. Doch bereits in vorherigen Partien behielt Ennis in den engen Schlussphasen immer die Nerven und war hauptverantwortlich für den ausgedehnten Siegeszug der Orange. Er besitzt die seltene Fähigkeit, den entscheidenden Wurf nehmen zu wollen und dann auch treffen zu können. Bedenkt man dann noch, wie jung Ennis ist, fasziniert dessen Kaltschnäuzigkeit umso mehr. 

Doch nicht nur in der entscheidenden Phase des Spiels gehörte er zu den wichtigsten Stützen des Teams. In der Regel ließ er das Spiel auf sich zukommen, forcierte nichts und war eher darauf bedacht, seine Mitspieler in Szene zu setzen. Daher konnte er sich voll und ganz mit dem Spielsystem der Orange identifizieren, das meistens darauf ausgelegt war, einen Schützen durch Offball-Screens freizuspielen oder einen guten Wurf aus dem klassischen Pick & Roll heraus zu kreieren. Für beide Varianten ist Ennis sehr gut ausgestattet, da er sowohl in der Lage ist, einen präzisen Pass in den Wurfrhythmus des freien Schützen zu spielen als auch die Defensive beim Pick & Roll zu lesen und die richtige Option auszuwählen. Gerade hier liegt Ennis‘ große Stärke, denn sein Entscheidungsverhalten ist schon exzellent und kann als Demotape für viele Point Guards benutzt werden. Auch in diesen Situationen besticht der Spielgestalter durch seine Abgeklärtheit und überstürzt nichts, sondern bewegt den Ball, wenn sich aus dem Pick & Roll nichts ergibt. Durch dieses clevere Verhalten kam auch seine sensationell gute Assist-Turnover-Rate (3.2 A/TO) zustande. 


Dass der Hype wieder abgeebbt ist und Ennis nicht (mehr) als Lottery-Pick gilt, liegt an den Schwächen in seinem Spiel, das natürlich noch keineswegs so ausgefeilt ist, wie es seine lässige Körpersprache vorgaukelt. Hauptkritikpunkt ist bei vielen NBA-Scouts die mangelnde Athletik. Er kann zwar überraschend schnell in Transition sein und hat einen guten ersten Schritt beim Pick & Roll, doch in Sachen Explosivität und Sprungkraft gehört er zum unteren Durchschnitt. Da vor allem der Zug zum Korb ein wichtiger Bestandteil seines Spiels ist, ergeben sich aus dem Wissen um seine mangelnden athletischen Fähigkeiten Zweifel daran, inwiefern er auch NBA, wo die Verteidigung viel besser steht, konstant zum Korb penetrieren kann. 

Damit verknüpft ist ein weiteres Fragezeichen: Sein Distanzwurf. Der sieht zwar technisch sehr sauber aus und auch die Quote (35% Dreier) liest sich gut, doch er wirkt noch nicht so konstant, wie er das auf dem nächsten Level sein sollte. Gerade wenn der Weg zum Korb versperrt wird, ist der Dreier für einen NBA-Guard überlebensnotwendig. Auch sein Arsenal an Abschlüssen in Korbnähe sollte Ennis so schnell wie möglich erweitern. Er war in der vergangenen Saison sehr oft mit ablaufender Uhr zum Improvisieren gezwungen, kam in der Regel auch fast immer zum Korb durch, doch dort lauerte meist ein Shotblocker oder Ennis spekulierte zu sehr auf das Foul. Man hatte oft das Gefühl, dass ihm hier ein standardisierter go-to Move fehlt, um mit mehr Selbstvertrauen den Abschluss zu finden. Letzter, wichtiger Kritikpunkt ist das Leistungsvermögen seiner Defensivarbeit, die aber immer wieder bei jedem von Boeheims Schützlingen geäußert wird, weil Syracuse traditionell eine 2-3 Matchup Zone spielt und keine Mann-Mann-Verteidigung. Ich persönlich denke Ennis, ist clever, lang (Spannweite) und Willens genug, seine Gegenspieler in der NBA vor sich halten zu können.

Tyler Ennis ist der typische Pass-First-Guard, der versucht seinen Rhythmus in einem Spiel zu finden, indem er seine Mitspieler in Szene setzt. Dies gelingt ihm meistens hervorragend. Sollte es dann am Ende eines Spiels knapp werden, kann er dank seiner Nerven aus Stahl das Spiel zugunsten seines Teams entscheiden. Ansonsten ähnelt Ennis sehr häufig Mike Conley von den Memphis Grizzlies. Conley hatte zu Beginn seiner Karriere ähnliche Stärken (schnelle Hände in der Defense, Leader eines erfolgreichen NCAA-Teams, schnell in der Transition, gute Fundamentals) und Schwächen (Abschluss in Zonennähe, Konstanz beim Distanzwurf) wie der Kanadier heute. Für Ennis wäre es ideal, wenn er bei einem Team landen würde, das ihm Minuten als Backup hinter einem Großen seiner Zunft garantiert und ihm so Zeit gibt, sich in der Liga zu akklimatisieren und seine Probleme auszumerzen. Dann kann aus dem noch sehr jungen Tyler Ennis eines Tages ein solider NBA-Starter werden.  

Prognose: Pick 18-22