25 Juni 2014

Axel Babst | 25. Juni, 2014   





Spiele der Indiana Hoosiers waren letzte Saison alles andere als Basketball für die Augen. Selbst die eingefleischtesten NCAA-Fans dürften sich viel zu oft dabei ertappt haben, wie sie das Ende des Spiels herbeisehnten. Daher konnte man schnell den talentierten Big Man im rot-weißen Dress übersehen, wäre da nicht die einhellige Expertenmeinung gewesen, dass dieser junge Kerl das Potential zu einem Top-10 Pick hat. Der Reihe nach. 

Noah Vonleh tauchte erstmals zu Beginn seiner Highschoolzeit auf den Ranglisten der bekannten Scoutingportale auf. Doch selbst danach und obwohl er früh sehr starke Statistiken auflegte, blieb er weitgehend unbekannt. Erst ein Wechsel nach New Hampton änderte seine Situation. Dieses Team genoss mehr Aufmerksamkeit unter College Scouts und ein Gamewinner über Nerlens Noel brachte Vonleh Bekanntheit ein. Schnell folgten Angebote mehrerer renommierter Universitäten, Vonleh entschied sich für Indiana. Auch die Einladungen zu den üblichen Events für die Talente des Landes (Jordan Brand Classic, McDonald’s All American Game) folgten. Entsprechend hoch waren die Erwartungen am Campus der Hoosiers. Den hatte gerade fast die komplette Starting Five verlassen. Nur der kleine, schusswütige Aufbau Yogi Ferrell und Sixth Man Will Sheehey blieben als nennenswerte Stammkräfte übrig. Vonleh war deshalb gesetzt, allerdings entwickelte sich zu keinem Zeitpunkt der Saison eine Teamchemie und die Saison fiel allen Beteiligten sehr schwer. Daher war auch die Nicht-Qualifikation für das NCAA Turnier sehr früh absehbar. Vonleh verkündete anschließend seine Anmeldung zum Draft.

Vonlehs Stärken sind wie sein Spiel sehr unterschiedlich. Zunächst einmal sticht seine äußere Erscheinung ins Auge. Er bringt Gardemaß und einen guten Körperbau für einen Power Forward mit. Seine Armspannweite und die Größe seiner Hände sind, in Relation zu seiner Körpergröße, absolut herausragend. Das macht ihn zu einem gefährlichen Shotblocker auf der einen Seite und umso schwieriger zu blocken auf der anderen Seite des Feldes. Doch auch beim Rebounding, Vonlehs großer Stärke, helfen ihm diese zusätzlichen Zentimeter, um sich den Abpraller zu sichern. Damit wird häufig seine Intensität unter den Brettern belohnt, wo er jedem Ball, der sich in seiner Reichweite befindet, vehement nachgeht. 

Auch in der Offensive zeigt Vonleh schon gute Ansätze. Sein Wurf ist technisch sehr sauber und für einen Spieler seiner Größe schon sehr sicher. Selbst Dreier fielen in der zweiten Saisonhälfte regelmäßig durch die Reuse. Neben seinem guten Wurf hat Vonleh auch schon einige grundlegende Postmoves in seinem Repertoire. Zwar fehlt ihm noch etwas die Kraft, um jedes Mal einzunetzen, doch er ist clever genug, Fouls zu ziehen und diese an der Linie zu bestrafen. Auch sein Ballhandling ist für einen Power Forward solide. Nach einem Faceup kann er mit schnellen und präzisen Dribbling den Weg zum Korb finden. In Korbnähe beweist er auch einen guten Touch und trifft einigermaßen freie Abschlüsse ziemlich hochprozentig. Auch sein Jumphook fällt mit beiden Händen gut. 

Außerdem deutete er immer wieder an, dass er auch das Zeug hat, als Spielmacher aus dem Post heraus zu agieren und cuttende Mitspieler zu finden. Leider war das Spacing der Hoosiers und der Basketball-IQ seiner Mitspieler häufig so schlecht, dass ihm in vielen Situationen einfach die Optionen fehlten. Bei einem besseren Team, wie etwa Kentucky oder Duke, wären seine Assist-Werte deutlich höher ausgefallen. Bedenkt man nun noch, dass Vonleh einer der jüngsten Spieler des Drafts ist und von seinen Coaches als ruhige, handzahme Hallenratte beschrieben wird, kann man sich vorstellen, wie hoch die Erwartungen an Vonleh sind - und dass er diese eines Tages auch durchaus erfüllen kann. 


Allerdings ist er noch sehr weit davon entfernt, ein NBA-Team auf das nächste Level zu hieven, geschweige denn als Anführer in die Playoffs zu tragen und zum Allstar gewählt zu werden. Ein großes Problem von Vonleh ist, dass er noch zu zurückhaltend auf dem Feld umherschleicht. Anstatt den Ball zu fordern, wie es viele der anderen Top-Prospect machen, wenn es für sein Team nicht gut läuft, überlässt er anderen die Verantwortung und taucht unter. Das mag zwar auch mit seiner Jugend zusammenhängen, ist aber auch immer eine Mentalitätsfrage und gerade in diesem Bereich kann es lange dauern, bevor ein Spieler den Schalter wirklich umlegt. 

Ein weiterer Aspekt, der da mit reinspielt, ist zudem, dass Vonleh im Moment auch noch nicht die Mittel besitzt, um konstant zu scoren. Oft macht sich seine fehlende Masse im Rumpfbereich bemerkbar, wenn es sich zu leicht herum schubsen lässt. Das kann er dann auch nicht mehr mit einer außergewöhnlich guten Fußarbeit ausgleichen. Im Gegenteil: das ist sogar eine weitere Schwäche seines Spiels, an der er unbedingt arbeiten muss.

In vielen Aktionen merkt man ihm auch die geringe Erfahrung an, denn er wird noch zu schnell zu hektisch in seinen Bewegungen oder versucht mit dem Kopf durch die Wand zu gehen. Oft registrierte er zwar, dass die Hilfe kam, konnte darauf aber nicht mehr angemessen reagieren und steuerte mitten in den zweiten Verteidiger hinein, was so gut immer einen Ballverlust zur Folge hatte. In diesen Momenten fehlt die nötige Explosivität, um den eigenen Verteidiger direkt schlagen zu können, ehe die Hilfe das bemerkt und zur Stelle sein kann. Das alles führt dazu, dass der 18-Jährige phasenweise lieber an der Dreierlinie herumlungert und auf den Dreier setzt, anstatt den Positionskampf unter dem Korb zu suchen.

Insgesamt zeigt Noah Vonleh bereits viele gute Ansätze, doch ob das reicht, um einen Platz unter den ersten fünf Picks zu rechtfertigen, wird sich in den kommenden Jahren zeigen müssen. Im Moment erinnert er sehr an Chris Bosh in seiner Rolle bei den Miami Heat. Man denkt, er könnte mehr aus sich machen, wenn er aggressiver und konstanter auftreten würde. Allerdings ist Boshs Wurf noch etliche Stufen über Vonlehs anzusiedeln, was Range und Konstanz angeht. Außerdem verfügt der Youngster noch nicht über die Athletik, die Agilität und die Körperkontrolle des Linkshänders des ehemaligen Champs - auch das ist normal, wenn man einen Frischling mit einem dekorierten, erfolgreichen Veteranen vergleicht. 

Die Jazz scheinen trotz aller Bedenken fest entschlossen zu sein, Vonleh mit ihrem fünften Pick auszuwählen, damit er mit Derrick Favors einen jungen und talentierten Frontcourt bildet. Sollten sie im letzten Moment doch noch von dieser Tendenz abweichen, schlagen wahrscheinlich die Lakers zu, um ihn als Teil eines lukrativen Trades weiter zu verschiffen.

Prognose: Pick 3-5