25 Juni 2014

Axel Babst | 25. Juni, 2014   


Marcus Smart hatte keine leichte Kindheit und Jugend. Auch wenn seine Familienverhältnisse noch recht stabil waren und er behütet aufwuchs, ließ sich die Gegend nicht so einfach ausblenden. Familie Smart wohnte in einem Problemviertel der Stadt Dallas. Marcus Smart musste bereits früh herbe Rückschläge hinnehmen. Zunächst starb sein Halbbruder, der für ihn ein Mentor war, nach langem Krebsleiden. Wenig später wurde sein älterer Bruder mit einer Überdosis ins Krankenhaus eingeliefert. Smart drohte nach diesen Nachrichten innerlich zu zerreißen und ließ seinen Aggressionen freien Lauf. Spätestens, als er mit einer Waffe bedroht wurde, erkannte er, dass es so nicht weitergehen konnte. Zwar verschwieg er diesen Zwischenfall zunächst, doch als seine Mutter davon erfuhr, beschloss sie sofort den Umzug in eine andere Gegend. Später ging Smart nach Stillwater zur Oklahoma State University, nachdem er für seine herausragenden Leistungen in der Highschool mehrfach ausgezeichnet und mit Vorschusslorbeeren überhäuft worden war. 

Am College konnte er die hohen Erwartungen dann sogar übertreffen und führte die Cowboys mit sehr starken Leistungen ins NCAA-Turnier. Dort schied OSU überraschend schon im allerersten Spiel aus. Das schien sehr an Smarts Ehrgeiz zu nagen, denn völlig überraschend gab er bekannt, dass er für sein Sophomore-Jahr zurückkehren werde. Dabei schien es ein offenes Geheimnis zu sein, dass Orlando großes Interesse an ihm hatte. Doch Smart konzentrierte sich lieber auf seine College Karriere und führte nebenbei die amerikanische U19-Auswahl als Kapitän zur Goldmedaille bei der Junioren-WM. 

Mit großen Erwartungen ging es für den bulligen Guard im College-Basketball weiter, statt in der NBA. Doch wieder verlief die Saison alles andere als optimal, da sich wichtige Spieler verletzten oder aus dem Team ausschieden und Smart selbst für drei Spiele gesperrt wurde. Erst nach einem furiosen Saisonfinale konnte OSU noch ein Platz im Teilnehmerfeld des Endturniers erlangen, wo sich die Mannen aus Oklahoma schon wieder im ersten Turnierspiel geschlagen geben mussten, auch wenn Smart eine sehr überzeugende Vorstellung ablieferte (Als erster Spieler knackte er die Grenze von 20 Punkten, 10 Rebounds, 5 Assists und 5 Steals in einem Spiel).

Die Liste der positiven Eigenschaften ist bei Marcus Smart länger als bei vielen anderen Top-Picks dieses Drafts. In vielen Belangen ist Smart vermutlich sogar Spitzenreiter. Als erstes fallen mir dazu die Stichworte Einsatz, Kampfbereitschaft und Siegeswillen ein. Es dürfte keinen größeren Wettkämpfer als Smart geben. Für den Sieg tut er alles. Das heißt aber nicht nur scoren, sondern auch Defense spielen, den Ball verteilen oder Rebounds einsammeln. Er ist bereit, jede erdenkliche Aufgabe zu übernehmen, solange es dem Team dienlich ist. 

Um derart vielseitig sein zu können, braucht es aber zwei Dinge, die Smart vereint: Talent und Physis. Galt der Texaner vor seiner Freshman-Saison noch als Kombo-Guard, hat er mittlerweile den Schritt zum lupenreinen Point Guard vollzogen. Er kann nun ein Team im Angriff dirigieren und das Tempo eines Spiels kontrollieren. Generell konnte er auch sein Entscheidungsverhalten verbessern. Was allerdings nicht heißen soll, dass er mit seiner Entwicklung am Ende angelangt ist. 

Sein großer Bonus ist natürlich sein Körper, der jetzt schon in der NBA zum Kreieren von Missmatches geeignet ist. Gerade gegen seine Gegner am College wirkte das Duell schon fast unfair, so körperlich überlegen war Smart. Nicht nur offensiv kann sich der 20-Jährige dadurch den Weg zum Korb freischaufeln. Auch beim Rebound sind seine ausgeprägten Muskelpakete immer wieder hilfreich, um den Abpraller auch gegen größere Centerspieler zu behaupten. Auch in der Defensive macht sich seine physische Dominanz bemerkbar. Mit seinem starken Rumpfbereich schafft er es im Eins-gegen-Eins oft, seinen Kontrahenten aus dem Gleichgewicht zu bringen und den Drive entscheidend zu stören. Zudem greift Smart gerne beherzt zu und klaut den Ball aus den Händen des Gegners. Neben seiner Physis spielt auch seine Mentalität dort hinten eine wichtige Rolle. Er kämpft um jeden Looseball und zeigt deutlich, wie sehr ihn seine Vergangenheit geprägt hat und wie ernst er auch die vermeintlich unwichtigeren Situationen eines Spiels nimmt. Mit dieser Intensität gehen nur die wenigsten Spieler auf so hohem Niveau zu Werke. Das macht ihn zum absoluten Vorbild. Zumal ihm auch akribischer Arbeitseifer nachgesagt wird.


Dieser ist aber auch teilweise bitter nötig und hat sich an einigen Baustellen leider noch nicht bezahlt gemacht. Der Hauptkritikpunkt ist nach wie vor der Wurf, besonders der Distanzwurf. Auch wenn Smart sich zu Saisonbeginn in besserer Form präsentierte und die Quoten höher waren als in der Vorsaison, schlichen im Verlauf der Spielzeit wieder die alten Fehler ein. Ein Problem ist hierbei, dass Smart sich zu sehr auf die Kraft seiner Oberarme verlässt und darunter die technische Sauberkeit beim Release leidet. Außerdem tendiert der Spielgestalter gerne dazu, sich beim Wurf aus dem Dribbling in eine Schieflage zu begeben, bei der seine linke Schulter zu früh nach außen abdreht und seine Beine auf der rechten Seite landen, um dies auszugleichen. Das führt dazu, dass die Resultate noch sehr stark variieren. 

Was zusätzlich seinen Quoten schadet, ist seine fragwürdige Wurfauswahl. Darunter fielen am College häufig Würfe aus sieben oder acht Metern, die ihr Ziel deutlich verfehlten. Manchmal zwingt Smart es schlicht zu sehr und nimmt auch Würfe gegen mehrere Verteidiger in der Zone, anstatt den Ball heraus zu passen. Gerade wenn er das Gefühl hat, er würde gerade richtig heißlaufen, gehen die Pferde mit ihm durch. Er lässt sich noch zu sehr von seinen Emotionen leiten. Aus solchen Aktionen heraus unterlaufen ihm auch noch zu viele unnötige Turnovers. Das muss er schnellstmöglich eindämmen, damit er seinem künftigen Team nicht schadet. 

Den hässlichen Zwischenfall mit dem Texas Tech Fan sollte abschliessend auch noch kurz Erwähnung finden, auch wenn mir diese Geschichte etwas zu sehr hochstilisiert wurde bzw. immer noch wird. Smart hatte einen Fan, der ihm Beleidigungen an den Kopf geworfen hatte, zurückgestoßen und wurde dafür drei Spiele gesperrt.

Marcus Smart erinnert mich in vielen Situationen an Baron Davis. Ähnlich wie Smart war Davis ein Kraftpaket, das die Massen elektrisieren und begeistern konnte. Beide teilen sich zudem eine gute Nase für Steals. Davis war auch, wie Smart, ein vielseitiger, wenn auch kein puristischer Aufbauspieler und galt auch am College als harter Arbeiter, da er nach intensiver Reha einen Kreuzbandriss überstand, ohne an Explosivität einbüßen zu müssen. Eine weitere Parallele, die ich zwischen den beiden sehe, ist auch ihre Erfolglosigkeit. Davis‘ Highlight war sicherlich die Serie mit den Warriors gegen Dirk Nowitzkis Dallas Mavericks. Viel mehr kann Davis nicht aufweisen. Leider fürchte ich, dass es Smart ähnlich gehen wird, denn auch wenn er sein Team in der abgelaufenen Spielzeit großartig im Schlussspurt anführte, scheint ihm auf der großen Bühne dieses gewisse Etwas für die ganz großen Triumphe zu fehlen.

Da die Magic bereits letztes Jahr großes Interesse an Smart bekundet haben, ist es nur wahrscheinlich, dass sie ihn dieses Jahr mit ihrem vierten Pick ziehen. Sollten sie sich wieder Erwarten für einen anderen Kandidaten entscheiden (z.B. Danté Exum), wären die Jazz auch ein möglicher Kandidat, wobei die wohl eher Richtung Vonleh tendieren. Ansonsten scheinen noch die Lakers Interesse zu haben. Spätestens die Sacramento Kings würden mit dem achten Pick zuschlagen müssen. Dort könnte Smart sogar der perfekte Partner für Cousins im System der Kings werden.

Prognose: 4. Pick (oder an #8 zu den Kings)