24 Juni 2014

Axel Babst | 24. Juni, 2014   





Vor etwa drei Jahren war der Name K.J. McDaniels den wenigsten College-Fans ein Begriff. Er wurde von den einschlägigen Recruiting-Portalen als mittelmäßig eingestuft. Das hing u.a. auch damit zusammen, dass er nicht den Weg wählte, um jeden Preis zu einer möglichst bekannten Highschool zu wechseln, sondern für eine christlich eingestellte Schule sein Trikot überstreifte. Auch am College schien sich erstmal nichts daran zu ändern, dass McDaniels eher unbeachtet blieb. Zwar wurde er regelmäßig eingesetzt, jedoch unterschied er sich auf den ersten Blick in keiner Weise vom typischen Rollenspieler eines College-Teams, der für ein paar Minuten Entlastung von der Bank bringt und mit guter Defense für gleichbleibende Intensität sorgen soll. 

Aber bereits in seiner zweiten Saison begann sich das Blatt zu wenden. Begünstigt durch die Abgänge aller Starter auf den drei kleinen Positionen rutschte McDaniels in die erste Fünf und konnte dort sofort überzeugen. In der Verteidigung wurde ihm häufig große Verantwortung übertragen und er bekam es fast immer mit dem Edelscorer des Gegners zu tun. In der vergangenen Saison erfolgte dann der endgültige Durchbruch. Als Allzweckwaffe übernahm er alle wichtigen Aufgaben des Teams und führte es bravourös durch die Spielzeit, in der Clemson mehr Siege einfuhr als es die meisten Experten prognostiziert hatten. Dass die guten Ergebnisse der Tigers insbesondere dem athletischen Flügelspieler zu verdanken waren, blieb nicht unbemerkt, und so sicherte er sich einen Platz im All ACC-Team und den Titel als bester Verteidiger der ACC. Nach dieser beachtlichen Entwicklung folgte die logische Anmeldung zum Draft.

Speziell seiner guten Defense wegen kann sich McDaniels berechtigte Hoffnungen machen, in der ersten Runde ausgewählt zu werden. Hinten darf er sich in allen Bereichen zur Elite des Jahrgangs zählen und weist damit eine einzigartige Vielseitigkeit und Vollkommenheit auf. Im One-on-One ist McDaniels nur sehr selten zu überwinden. Er verfügt über eine ausgezeichnete Beinarbeit, ist schnell bei lateralen Bewegungen, hat wahnsinnig lange Arme und einen kräftigen Rumpf. Dadurch kann er sowohl schnelle Guards vor sich halten und ihren Wurf erschweren, als auch kräftige Flügelspieler im Post-Up verteidigen. McDaniels nahm immer wieder die besten Angreifer des Kontrahenten komplett aus dem Spiel, stellenweise sogar herausragend gut. Selbst einem T.J. Warren, der zu den begnadetsten Scorern der NCAA zählte, bot er Paroli und forderte ihm alles ab. 

Neben seiner guten Verteidigung im direkten Duell mit einem Gegenspieler überzeugt der Ex-Tiger mit hohem Basketball IQ bei Rotationen. So kommen auch die sagenhaften 2,8 Blocks pro Spiel zustande. Auf der Weakside lauert er nur darauf, dass ein Gegner vermessen genug ist, einen halbgaren Wurf loszulassen, den McDaniels dann seinerseits in die dritte Reihe oder Richtung Mittellinie befördert, um den direkten Gegenangriff einzuleiten. Doch auch bei diesen Situationen unterscheidet er sich vom typischen Shotblocker, der jedes Mal springt, egal wie hoch die Chancen auf einen Block sind. Er versteht es, die Situation richtig einzuschätzen und im Falle einer geringen Erfolgswahrscheinlichkeit schnappt er sich den nächststehenden Angreifer, um ihn auszublocken und sich den Rebound zu sichern. 

Umso imposanter erscheinen bei diesen Energieleistungen in der Defense seine Statistiken im Angriff. Dort ist seine Herangehensweise ähnlich: Immer 100% geben. Dank seines schnellen ersten Schrittes und seiner guten Körperkontrolle zieht er unheimlich viele Fouls und bestraft diese mit einer hohen Treffsicherheit von der Almosen-Linie. Auch sein Mitteldistanzwurf fällt regelmäßig, sollte er sich nicht bis zum Korb durchschlagen können. Generell ist es schwer zu glauben, mit welcher Intensität McDaniels zu Werke geht und wie lange er diese ohne erkennbare Einbußen halten kann.


Leider gibt es im Spiel des „Kettenhundes“ ein großes Manko, das die Scouts zweifeln lässt: sein Distanzwurf. McDaniels könnte von seiner Spielweise her der perfekte 3-and-D Spieler sein, doch dafür fehlt einfach der erste, der „Three“-Teil. Seine Technik ist alles andere als gefestigt und es werden viele, viele Extraschichten notwendig sein, um die Mängel (z.B. fällt er bei jedem Wurf etwas nach links) auszumerzen. Um die Quote zu verbessern, würde es vorerst schon ausreichen, wenn er an seiner Schussauswahl arbeiten würde. Er nahm in Clemson sehr oft Würfe, die entweder gut verteidigt waren oder bei denen man merkte dass er sich eigentlich selbst nicht sicher war, ob er den Wurf tatsächlich nehmen sollte. Auch ein besseres Ballhandling würde ihm dabei helfen, seine große Stärke im Angriff - das Ziehen von Fouls - zu verfeinern. Im Moment versucht der Energizer noch zu viel mit der rechten Hand und der Brechstange zu erreichen.

Trotz dieser Macken ist McDaniels aus meiner Sicht einer der größten Steal-Kandidaten des Drafts. Man weiß genau, wo seine Stärken und Schwächen liegen, und trotzdem kann McDaniels vom ersten Tag an seinem Team helfen. Dass die Schwächen überwindbar sind, hat ein gewisser Kawhi Leonard in den letzten Jahren, Monaten und Wochen eindrucksvoll bewiesen. Denn auch der frisch gekürte Finals-MVP hatte zu Beginn ähnliche Probleme mit seinem Wurf und seinem Ballhandling, konnte beides jedoch so sehr verbessern, dass er nun als wichtigster Spieler die Larry-O’Brien-Trophy in die Höhe recken durfte. Nicht falsch verstehen: Ich sage nicht, dass K.J. McDaniels später einmal Finals-MVP wird. Aber beim richtigen Team und unter den richtigen Bedingungen kann er sich zu einer Kopie von Leonard mausern mit ähnlichen und teilweise sogar gleichen Fähigkeiten wie Gregg Popovichs Lieblingsschüler.

Prognose: Pick 25-30