23 Juni 2014

Axel Babst | 23. Juni, 2014   





Es gibt Spieler, die sind ihren Gegnern bereits in frühen Jahren so dermaßen physisch überlegen, dass die Buchstaben “NBA” auf die Stirn gestempelt zu sein scheinen. Genau diese Art von Hype wurde um Julius Randle seit seinen Highschooltagen gemacht. Die Scouts überschlugen sich beinahe vor Frohlocken als sie bemerkten, dass sich auch seine Skills weiterentwickelten und prophezeiten ihm eine große Zukunft. Wenn wundert’s bei drei Staatsmeisterschaften in vier Jahren mit teilweise wahnwitzig guten Statistiken (über 30 Punkte und 20 Rebounds im Schnitt in seinem finalen Jahr). Auch die Colleges lieferten sich einen unbarmherzigen Wettstreit um die Dienste dieser physischen Ausnahmeerscheinung. Randle ließ sich dennoch nicht drängen, was vielleicht auch ein geschickter Schachzug war, damit seine Entscheidung einen angemessenen Platz in den Medien finden konnte.

Wiggins, Parker und co. hatten sich schon lange entschieden und Randles Wahl schien die Machtverhältnisse noch einmal verschieben zu können. Schließlich gab er bekannt, künftig für Kentucky aufzulaufen. Damit gesellte er sich zur besten Recruiting-Klasse des Jahres, vielleicht sogar der Geschichte, und bildete mit den Harrison-Zwillingen und James Young ein wahnsinnig starkes Frischlingsquartett. Auch auf College Level schien Randles Physis seinesgleichen zu suchen und er dominierte nach Belieben. Auch in Schwächephasen war er fast immer Kentuckys wichtigster Spieler. Spätestens im Tournament war er dann nicht mehr wegzudenken und hauptverantwortlich dafür, dass Kentucky als Nummer acht der Setzliste bis ins Finale marschierte.

Wie bereits aus den ersten Zeilen zu entnehmen ist, dürfte Randles Körper schon jetzt mehr als 'NBA ready' sein. Das ist gut so, denn sein Erfolg baut sich darauf auf. Er ist ein Wühler, der jedes Mal, wenn er den Ball bekommt, so hart es geht das Brett attackiert, ohne Rücksicht auf Verluste. Auch gegen mehrere Spieler kann er dank seines kräftigen Oberkörpers und Rumpfbereichs hochprozentig abschließen. Wenn er nicht vollstreckt, ist er meistens nur durch ein hartes Foul oder seine eigene Unkontrolliertheit zu bremsen. Verfehlt sein Wurf sein Ziel, geht er ihm mit absoluter Entschlossenheit hinterher und sichert sich eine zweite oder sogar dritte Chance. Auch hierbei konnten ihn häufig nicht einmal zwei, teilweise sogar drei Gegenspieler stoppen. 

Ein weiterer Vorteil gegenüber vielen anderen jungen Big Men ist, dass Randle auch vom Highpost, vorzugsweise vom linken Ellbogen, für sich und seine Mitspieler kreieren kann. Gerade den zweiten Teil dieser Aussage kann man erst nach diesem Jahr unterschreiben. Das ist wahrscheinlich der Bereich, in dem er sich am meisten verbessert hat. Zu Beginn der Saison sah man relativ häufig, dass schwächere Teams versuchten, den Linkshänder Randle mittels einer Zonenverteidigung zu kontrollieren. Sobald er sein Dribbling begann, war er meistens schon mehreren Kontrahenten umringt, forcierte aber trotzdem seinen Wurf. Das ging nur stellenweise gut, und meistens auch nur aufgrund seiner körperlichen Dominanz. Im Tournament hingegen, als viele gegnerische Trainer ihren Jungs eingetrichtert hatten, sie sollten Randle zu solchen unbedachten Aktionen einladen, ging das zum Großteil nach hinten los. Denn der Texaner konnte nun viel besser einschätzen, ob, wann und auf wen er den Ball hinaus passen sollte, was in einer großen Anzahl extrem freier Würfe für seine Mitspieler mündete. Man könnte also ruhigen Gewissens behaupten, dass Randle der Hauptgrund für die Trendwende der Wildcats war, die zwischendurch bereits als zu jung und unreif kritisiert wurden.

Ein weiterer Pluspunkt ist seine Nervenstärke. In vielen brenzligen Situationen versuchten Teams, ihn an die Linie zu schicken, um das Spiel noch zu kippen. Doch der Youngster machte diese Hoffnungen meistens unbeeindruckt zunichte und traf hochprozentig. Insgesamt besteht bei seinem Wurf, nicht nur dem Freiwurf, die Möglichkeit, dass dieser irgendwann mal eine ernstzunehmende Waffe wird und er als sehr gefährlicher Stretch Vierer brillieren kann.



Doch auch wenn Randle das gewisse Etwas ausstrahlt, das man nur bei wenigen Talenten findet, muss er sich noch in vielen Belangen weiterentwickeln, bevor er sich in der NBA ähnlich stark präsentieren kann wie im Amateur-Bereich. Zwar ist er physisch schon sehr weit und er deutet auch immer wieder eine beachtliche Athletik an, doch im Moment ist er noch niemand, der über Ringniveau spielen kann. Das macht seine Würfe anfällig für Blocks. Dieser Effekt verstärkt sich noch, wenn sich die Verteidiger der Liga darauf eingestellt haben, dass er Linkshänder ist und in Korbnähe auch nur diese Hand nutzt. Seine rechte Hand scheint er im Gedränge unter dem Korb schlicht zu vergessen. Das ist umso erstaunlicher, weil er bei seinen Drives vom Highpost immer wieder auch über seine schwächere Hand zieht, und das häufig genauso gut wie mit links. 

Ein weiteres Problem bei seinen Abschlüssen ist die fehlende Körperkontrolle. Dort hat er dasselbe Problem, das auch Blake Griffin es hat: Er springt häufig nur von einem Bein ab und ist so angreifbarer bei Körperkontakt. Besonders verhängnisvoll ist das deswegen, weil Randles Lieblingsbewegung dadurch oft zunichte gemacht wird. Der 20-Jährige liebt es, vom Highpost aus zwei schnelle Dribblings mit der rechten Hand zu nehmen und sich dann per Spinmove auf die starke linke Hand zurückzubewegen. Doch beim Spinmove macht er häufig nur diesen einen Schritt, anstatt noch den zweiten verfügbaren Kontakt mitzunehmen. Dadurch ist er anfällig für Offensivfouls, denn er hat keine Chance, auf einen herannahenden Verteidiger zu reagieren. 

In der Defense kann man die Fußarbeit des Kraftpakets nicht einmal mit viel Wohlwollen als mittelmäßig bezeichnen. Ähnlich wie in der Offense fehlt ihm meistens ein weiterer Schritt, um einen Drive zu verhindern. Auch in der Post-Defense lässt er sich gerne austanzen. Hier muss er routinierter werden und aufhören, auf jeden Pump Fake hereinzufallen, zumal seine Chance auf einen Block mit seinen kurzen Armen ohnehin eher gering ist.

Alles in allem könnte Randle in der NBA von Beginn an gute Stats abliefern, gerade bei einem schlechten Team. Doch es wird einige Zeit in Anspruch nehmen, bevor er einem Team wirklich zu Erfolg verhelfen kann. Nicht nur darin ähnelt er Blake Griffin und Zach Randolph, aus denen Randle quasi eine Mixtur bildet. Ausgestattet mit einem ähnlichen Körperbau und einer ähnlichen Explosivität wie Griffin, teilt er sich auch dessen Mangel an Fundamentals (Stichwort einbeinige Absprünge und Postmoves). Dafür kann er noch ein ähnlich gutes Rebounding, besonders offensiv, wie Randolph für sich beanspruchen. Zudem haben beide den Vorteil, Linkshänder zu sein, auch wenn das für beide zu heißen scheint, dass man die rechte Hand beim Abschluss gar nicht erst beachten muss.

Das derzeit wahrscheinlichste Szenario ist wohl, dass Randle an 7. Stelle von den Lakers gedraftet wird. Utah scheint mittlerweile eher an Vonleh interessiert zu sein. Außerdem ähnelt Randle zu sehr Derrick Favors, an dem die Jazz offensichtlich festhalten wollen. Aufgrund der aktuellen Geschehnisse kann Randle vielleicht sogar aus der Top-10 fallen. Vor ein paar Tagen wurde bekannt, dass eine alte Fußverletzung aus seinem letzten Highschool Jahr nie richtig behandelt wurde und nun eventuell eine Operation notwendig sein könnte. Randle bekleckerte sich nicht gerade mit Ruhm, als er daraufhin den Journalisten, der dies zuerst veröffentlicht hatte, zu diskreditieren versuchte. Zumal er wenig später einräumte, dass die Option einer OP durchaus im Raum stehe. So etwas lässt GMs gerne mal zurückschrecken - auch wenn es das bei einem Spieler mit so viel Talent und Potential eigentlich nicht sollte.

Prognose: Pick 6-8