25 Juni 2014

Axel Babst | 25. Juni, 2014   





Die Vita von Joel Hans Embiid dürfte mittlerweile hinlänglich bekannt sein. Als 16-Jähriger wurde der Kameruner in einem Basketballcamp, das von Landsmann und NBA-Legionär Luc Mbah a Moute initiiert wurde, entdeckt. Bis dato hatte der schlaksige Teenager vorwiegend Fußball und Volleyball gespielt. Relativ zügig erfolgte jedoch der Wechsel in die USA an die Monteverde Academy in Florida. Dort lieferte er sich bald hitzige Duelle mit seinem Konkurrenten Dakari Johnson (mittlerweile Kentucky), konnte sich allerdings nicht durchsetzen und wechselte vor seinem letzten Highschool Jahr die Schule, um mehr Spielzeit zu erhalten. Der Plan ging auf, Embiid erhielt lukrative Stipendien der Universitäten aus Florida, Texas und Kansas, für die er sich bekanntermaßen dann auch entschied. 

An der Seite von Jahrhunderttalent Andrew Wiggins bildete der junge Kameruner eines der jüngsten und unerfahrensten Kansas-Teams der vergangenen Jahre. Erwartungsgemäß schwankend verlief die Saison mit vielen Höhen und Tiefen, was auch einem monströs schweren Spielplan mit extrem vielen guten Gegnern geschuldet war, wobei sich die Frischlinge zumeist erhobenen Hauptes aus der Affäre zogen und sogar in der Mehrzahl der Gipfeltreffen als Sieger vom Platz gingen. Schnell etablierte sich der Innenspieler als wichtiger Bestandteil des Teams. Allerdings wog sein Ausfall wegen einer Rückenverletzung gegen Ende der Saison umso schwerer. Weder am Conference- noch am NCAA- Turnier konnte Embiid teilnehmen. 

Was mich persönlich am meisten an Joel Embiid in der vergangenen Saison beeindruckte, war die Rasanz in seiner Entwicklung. Woche für Woche fügte er seinem Spiel eine neue Facette hinzu und wirkte reifer in seiner Anlage. Besonders im Lowpost wartete der Freshman immer wieder mit neuen Bewegungen auf, die den Beobachter erstaunen ließen. Da er selbst gerne Tapes von Hakeem Olajuwon studiert, wundert es wenig, dass im Laufe der Saison sogar Ansätze des „Dream Shakes“ zu sehen waren. Positiven Anklang muss auch sein guter Touch in Ringnähe finden. Egal ob mit links oder rechts, der Jumphook und der Korbleger fallen regelmäßig, obwohl man sich manchmal mehr Entschlossenheit in Form eines Dunks wünschen würde. 

Schaut man sich also die Geschwindigkeit in der Entwicklungs des Jayhawk in Kombination mit seiner geringen Praxiserfahrung an, kann man bereits erahnen, wie viel möglicherweise noch in ihm steckt, bis er das ideale Center-Alter erreicht hat. Ein weiteres Plus ist seine Uneigennützigkeit. Er bewies immer wieder eine gute Spielübersicht aus dem Post-Up heraus und war in der Lage, cuttende Mitspieler präzise zu bedienen, was angesichts seiner minimalen Erfahrung auch wieder außergewöhnlich ist.
Sein Wurf ist bereits solide und speziell für einen Center schon mehr als das, was Dwight Howard jemals zu Stande bekommen hat.

Neben seinen Qualitäten im offensiven Bereich macht sich in der Verteidigung vor allem seine Vergangenheit als Volleyballer immer wieder bemerkbar. Mit seiner Länge, Körpergröße und Spannweite verändert und blockt der Kameruner viele Würfe des Gegners und fungiert so als echter Anker einer Teamdefensive. Auch im Eins-gegen-Eins zeigte er gute Ansätze, einmal ein ordentlicher Postverteidiger zu werden. Bei einem anderen wichtigen Bestandteil der Defense ist er schon jetzt einer der besten seiner Zunft: dem Rebounding. Er ist mit einem guten Gespür für Abpraller ausgestattet, geht jedem Ball mit vollem Einsatz hinterher und hat gute Hände, sodass ihm der Spalding nur sehr selten durch die Finger rutscht, was eine wertvolle Big Man Qualität ist, die man nicht beibringen kann.  


Bis jetzt hört sich das alles nach einem sehr vielversprechenden jungen Kerl an, der schon in wenigen Jahren das Geschehen unter den NBA-Brettern dominieren wird. Wie meistens gibt es jedoch auch hier ein "aber". Und das ist Embiids Körper. Hält er der dauerhaften Belastung des NBA-Rhythmus' stand? Da darf man durchaus skeptisch sein. Plagten ihn während der Saison und während der Draft Combine noch Rückenprobleme, ist der Youngster nun nach einem Ermüdungsbruch des Fußes mehrere Monate außer Gefecht gesetzt. Embiids Körperbau ist auch nicht gerade optimal für den Positionskampf unter den Körben, da sein Körperschwerpunkt sehr hoch liegt, wodurch er instabil ist und relativ oft den Boden der Halle mit seinem Trikot sauberwischt. Zudem muss sein Rumpfbereich deutlich kräftiger werden, um Kontakt besser wegstecken zu können. Diesen letzten Punkt finde ich persönlich am schwerwiegendsten. Denn Embiids Spiel ist jetzt schon eher so ausgelegt, wie das eines älteren Centers. Er dominiert ein Spiel nicht aufgrund seiner athletischen Showeinlagen, sondern nutzt seine Länge und Skills. Um im Post aber dauerhaft bestehen zu können, braucht er genug Kraft und Gesundheit, um sich nicht herumschubsen zu lassen.

Weitere Kritikpunkte an Embiid sind sein bisher noch mangelhaft ausgeprägter Basketball-Sachverstand und, damit einher gehend, die vielen vermeidbaren Fehler, die ihm noch unterlaufen. Gerade durch dumme Fouls nimmt sich der Center gerne mal selbst aus dem Spiel. Das erklärt auch seine geringe Spielzeit in Kansas. Bill Self hätte ihn häufig gerne länger spielen lassen, aber durch kleine Fehler und verpennte Rotationen ließ der Fünfer seinem Coach keine andere Option, als ihn auf die Bank zu beordern.

Zudem fehlt Embiid die Toughness, um bereits jetzt schon (in gesundem Zustand, also nach überstandener Fuß-OP) einem NBA Team direkt helfen zu können. In den ersten Monaten müsste er sich wahrscheinlich darauf beschränken, Durchstecker und ähnliche Anspiele zu verwerten und hinten pro Spiel ein paar Würfe zu blocken. Um gegen die erfahrenen Postverteidiger etwas reißen zu können, werden noch Jahre ins Land streichen. Passend zur Problematik der mangelnden Bereitschaft und Qualität, sofort jedem Team helfen zu können, stellt sich auch die Frage, ob Embiid wirklich in jedes Spielsystem passt. Denn bei einem der wichtigsten Elemente im heutigen Basketball, dem Pick & Roll, offenbarte der Big Man noch sehr häufig Schwierigkeiten, was Timing, Präzision und Konzentration bei der Durchführung anging.

Die Frage, wie weit sein Wert durch die Verletzung gesunken ist, wird sicherlich eine der spannendsten des gesamten Draftabends werden. Selbst nach der Rückenverletzung galt er noch als recht sicherer Nummer eins Pick. Jetzt gibt es aber alle möglichen Szenarien, die von Platz 3 bis außerhalb der Top-10 quasi jede Option mit einschließen. Teams sollten sich lieber nicht zu sehr verschrecken lassen, denn immerhin ist keiner der potentiellen Youngster ein absoluter No-Brainer und immer mit einem gewissen Risiko verbunden. Außerdem ist Embiids Spielweise, wie ich bereits erwähnte, schon jetzt eher dem alterungsfreundlichen Stil zuzuordnen. Kann er im Post an Raffinesse und Kraft zulegen, wird er in einigen Jahren mit Sicherheit zu den besten Centern der Liga zählen. Ob verletzt oder gesund - Einen wie ihn kann man sich eigentlich nicht entgehen lassen.

Prognose: Pick 3-6