25 Juni 2014

Axel Babst | 25. Juni, 2014   





Viele junge Spieler müssen in den USA früh lernen, dass sie sehr schnell zum nächsten LeBron James hochstilisiert werden. Wer das nicht schafft, zerbricht meistens an den Erwartungshaltungen und dem medialen Druck. Wer es schafft, diesen Ruf bis zu seinem ersten NBA-Spiel einigermaßen intakt zu erhalten, beweist schon mal eine gewisse Nervenstärke und Reife. Zur zweiten Gruppe hoffnungsvoller Talente darf man Jabari Parker zählen. Einen großen Anteil an dieser Bodenhaftung hat Parkers Familie. Bereits im frühen Kindesalter ging Parkers Vater Sonny mit seinem Junior in die Hallen Chicagos und ließ seinen Sohn bei den Spielen seines Teams, das er als Coach betreute, zusehen. Schnell fing Jabari selbst an, auf den Korb zu werfen. Schon sehr bald reichte die Competition gegen Gleichaltrige nicht mehr aus und er spielte bei den Älteren mit. Das ging sogar soweit, dass er als Viertklässler bei den Achtklässlern mitspielen sollte, was aber nicht erlaubt war. Auch hier hatte ein Familienmitglied die Finger im Spiel, denn Jabaris älterer Bruder Christian lieferte sich gerne hitzige Duelle mit seinem kleineren Bruder. 

Parkers Talent blieb nicht unbemerkt, schon als Vorschüler wurde er intensiver rekrutiert als manch angehender College-Student. Den Zuschlag erhielt die Simeon Academy, an der Parker bei einem Besuch gegen den damaligen Spieler Derrick Rose antreten durfte. Diese Entscheidung sollte das junge Phänomen nicht bereuen. In vier Jahren dort heimste er mehr Titel und Auszeichnungen ein, als man an dieser Stelle aufzählen könnte. Für viele Beobachter galt er nach diesem Zeitraum als bester Highschool Spieler seit LeBron James. Kein Wunder also, dass die großen Colleges bei ihm anklopften und er seine Entscheidung vor laufenden Kameras bekannt gab. Am Ende durften sich die 'Cameron Crazies' in Durham/North Carolina auf den Youngster freuen. Unter Coach K lieferte Parker eine beängstigend konstante Freshman-Saison ab, die nur durch das überraschende Ausscheiden gegen Mercer im NCAA Turnier getrübt wurde.

Viele wichtige Schlagworte finden sich schon in den ersten Zeilen, doch das Hauptaugenmerk der Scouts und General Managers liegt sicherlich auf Parkers Offensive. Der ehemalige Blue Devil verfügt über das höchstentwickelte und variabelste Offensivspiel aller Hoffnungsträger dieses Draft-Jahrgangs. Er vereint dabei Scorergen, Cleverness sowie technische und taktische Versiertheit wie kein Zweiter. Der Forward weiß, in welchen Spots er sich aufhalten muss, um erfolgreich zu sein, und da er endlos viele dieser Spots besetzen kann, ist er wahnsinnig schwer zu verteidigen. Häufig beginnt er ein Spiel damit, dass er zunächst ein paar Sprungwürfe, wahlweise auch Dreier, trifft und so den Verteidiger dazu zwingt, näher an ihn heranzutreten. Doch auch dagegen weiß sich Parker zu wehren und nutzt das kleinste Übermaß an defensiver Aggressivität aus, um Fouls zu ziehen und an die Linie zu gehen. 

Dabei ist er nicht unbedingt darauf angewiesen, bis zum Korb durchzubrechen, sondern er kann auch den Pullup-Jumper mit hoher Regelmäßigkeit treffen. Versuchte ein Team mit einem kleineren Gegenspieler dem Shooting Star Einhalt zu gebieten, nutzte dieser das entweder durch ein Postup oder einen Wurf über den kleineren Verteidiger aus. Kam ein zweiter Gegenspieler zum Doppeln, bewies Teamspieler Parker meist das Auge für den freien Mitspieler. Selbst als Ballhandler im Pick & Roll wurde Parker von Coach K mehrmals pro Spiel eingesetzt, wo er eindrucksvoll zeigen konnte, wie weit seine Skills dort schon ausgereift sind. Sein Ballhandling und seine Spielübersicht sind für sein Alter und seine Position bereits Extraklasse. Auf College.Ebene war die Nummer 1 der Blue Devils also kaum zu bändigen. 

Neben seinen spielerischen Qualitäten zeigt er auch immer wieder, dass er weiß, wie er seinen Körper einsetzen muss, um sich beispielsweise Rebounds zu greifen. Hier besteht das Potential, dass er in der NBA regelmäßig Double Doubles auflegen wird, sobald er einmal ausgewachsen und körperlich ausgefüllt ist.


Trotzdem gibt es auch noch an Parker letzte Zweifel, die er noch ausräumen muss, um auch auf höherem Niveau zu den Besten seiner Zunft zu zählen. Das Stichwort lautet in diesem Zusammenhang "Defense" und damit zusammenhängend auch "Athletik." Auch wenn Parker schon für einige Highlights sorgen konnte, fehlt ihm in vielen Situationen die nötige Schnelligkeit und Explosivität, um vor seinem Gegenspieler zu bleiben. Auch beim Drive merkt man ihm das gerne an, denn wenn sein normalerweise guter erster Schritt nicht genügend Abstand zwischen ihm und dem Verteidiger schafft, wirken Drive und Abschluss bei ihm häufig angestrengt und gezwungen. Zudem scheint ihm regelmäßig die Puste auszugehen, wenn die letzte Auszeit schon eine Weile her ist. Dann gönnt er sich in der Verteidigung gerne mal eine Pause. Generell lässt er in der Defense die letzte Entschlossenheit vermissen und verdankt seine guten Statistiken recht häufig der geleisteten Vorarbeit seiner Mitspieler. Am College konnte Parker seine Geschwindigkeitsnachteile noch ganz gut kaschieren, weil er fast immer als Power Forward eingesetzt wurde und nicht so oft am Perimeter verteidigen musste. Doch in der NBA muss er sich darauf einstellen, dass er in diesem Bereich häufiger attackiert wird. Das bedeutet für ihn, dass er bis zum Beginn der neuen Saison an solchen Situationen arbeiten muss, damit sie ihm nicht gänzlich ungewohnt erscheinen.

Offensiv muss der 19-Jährige seine Vielseitigkeit noch konsequenter ausnutzen. Bislang tendiert er gerne dazu, sich zu sehr auf seinen hervorragenden Wurf zu verlassen. Er sollte noch häufiger den Weg zum Korb suchen und auch beim Abschluss konsequenter werden, und nicht auf halbem Wege für einen schwierigen Jumper abstoppen. Denn so gut diese Würfe am College auch fielen, gegen die größeren und kräftigeren Gegenspieler in der NBA wird Parkers Quote in diesem Bereich deutlich nach unten rutschen.

Auch Parker bleibt von der leidigen Tweener-Problematik nicht vollends verschont. Allerdings muss man hier relativierend einschieben, dass dies ein Spezialfall auf sehr hohem Niveau ist. Denn Parker hat genug Wurf- und Dribblerqualitäten für die Drei und genug Physis zum Rebounden und Scoren im Post für die Vier. Allerdings kann für ihn nur die Maßgabe sein, mindestens Abo-Allstar zu werden, und da könnten die (für die Vier) mangelnden Zentimeter sowie die (für den Flügel) mangelnde Athletik wieder zu Störfaktoren werden.

Ein Grund mehr für Parker, sich auch weiterhin an einem seiner Vorbilder Carmelo Anthony zu orientieren, der mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat und trotzdem mehrfacher Allstar und Topscorer der NBA ist/war. Generell ähneln sich die beiden sehr stark vom Spielertyp her, auch wenn Anthony etwas athletischer wirkt und Parker dafür etwas teamorientierter spielt. Sollten die Cavs ihren Pick behalten, wäre Parker nach Embiids Verletzung die logische Wahl. Allerdings weiß man nie, was einen aus Cleveland erwartet. Spätestens die Bucks an zweiter Stelle werden mit Sicherheitzuschlagen: Parker passt perfekt zum athletischen „Greek Freak“, stammt ganz aus der Nähe (Chicago) und kann diesem Team sofort helfen.

Prognose: 1. oder 2. Pick