16 Juni 2014

Axel Babst | 16. Juni, 2014   





Bereits letztes Jahr galt Gary Harris als sicherer Anwärter auf einen Lotterie-Pick, doch er entschied dagegen und blieb Tom Izzo und Michigan State ein weiteres Jahr treu. Der Faktor Izzo war bei der Entscheidung mit Sicherheit ein wesentlicher Grund, warum Harris diesen Schritt ging. Mit mehreren Auszeichnungen in der Tasche aus der Highschool kommend, wurde er von Izzo bereits im Freshman-Jahr in die Starting Five gesetzt und führte sein Team häufig im Scoring an, was eigentlich eher untypisch für die Spartans ist. Zwar hat Izzo per se nichts gegen Freshmen im Allgemeinen (wie manch anderer College-Coach), doch in seinem von Toughness geprägten Spielstil brauchen viele Spieler erst eine Weile, um sich zu akklimatisieren. Nicht Harris, der in seiner Highschool-Zeit auch sehr erfolgreich als Wide Receiver unterwegs war und wahrscheinlich daher abgehärteter ist als die meisten Baller seiner Statur und seines Alters. 

Dank starker Leistungen schaffte es Harris dann auch als erster Spartan seit fast 30 Jahren, den Titel als bester Freshman der Saison in der Big Ten zu ergattern. Doch seine Entscheidung, auch für die Sophomore Saison zu verweilen, sollte er keineswegs bereuen. Er konnte sich in vielen Belangen gegenüber dem Vorjahr verbessern und war insbesondere im NCAA Tournament wesentlich präsenter als zuvor. Während Harris 2013 beim Aus gegen Duke damals eher unterging, wehrte er sich dieses Mal mit Leibeskräften gegen den drohenden Upset durch den späteren Champ UConn und überzeugte mit 22 Punkten als einzige Stütze in der Offense.

Harris ist ein sehr interessanter Spielertyp, da er ziemlich selten ist. Er kann einem Spiel sowohl offensiv als auch defensiv seinen Stempel aufdrücken. Im Angriff  ist seine beste Waffe der Distanzwurf. Auch von der NBA-Linie dürfte Harris diesen einigermaßen sicher anbringen können. Um seiner Nummer 14 möglichst viele offene Würfe zu garantieren, ließ Izzo ihn häufig um eine Vielzahl von 'staggered screens' (versetzte Blöcke) laufen, bis der Verteidiger die Verfolgung entnervt aufgeben musste und Harris ungehindert abdrücken konnte. Insbesondere das Lesen der Defense in diesen Blocksituationen konnte Harris immens verbessern. Zwischen Curl, Flare und Pass zum Blocksteller entschied er sich wesentlich schneller und geschickter als noch in seiner ersten Saison. Außerdem konnte er durch seine erhöhte Geschwindigkeit bei der Entscheidungsfindung seinen Vorsprung gegenüber seines Gegenspielers auch besser ausnutzen, um bis zum Korb durchzuziehen und entweder direkt zu vollstrecken oder den Kontrahenten mit erfolgreichen Freiwürfen zu bestrafen. 

Auf der anderen Seite des Spielfelds agiert Harris mit hoher Intensität und hat sich bereits einen Ruf als Lockdown-Defender erarbeitet. Seine Schnelligkeit in Kombination mit seinen guten Instinkten, der guten Grundausbildung und dem nötigen Willen, in der Defense mindestens genau so viel Engagement zu zeigen wie vorne, prädestinieren ihn als hervorragenden Verteidiger. Harris macht sich zudem seine Cleverness zu Nutze und antizipiert viele Situationen schon vor dem Entstehen. Izzo betonte immer wieder, was für eine Freude es sei, mit Harris zu arbeiten, da er stets großen Lerneifer an den Tag lege und durch seine vielseitigen Anlagen das Potenzial besitze, einmal ein großartiger Spieler in der NBA zu werden. Zieht man bei der Betrachtung noch hinzu, dass Harris noch sehr jung ist (wird erst im September 20), klingt das durchaus plausibel. 


Doch Harris muss auch noch einiges tun, bevor er in der NBA Fuß fassen kann. Priorität sollte dabei das Schwitzen im Kraftraum haben. Harris ist definitiv zu schmächtig, um sich gegen NBA-Verteidiger so durchzusetzen, wie er es am College tat. Besonders wichtig ist für ihn zudem der Bereich Verletzungsprophylaxe, da er immer wieder mit kleinen Blessuren zu kämpfen hatte, die ihn zum Teil doch stark einschränkten. Die Anzahl dieser Wehwehchen könnte bei einem 82-Spiele-Kalender exponentiell ansteigen und ihn ernsthaft davon abhalten, jemals eine wichtige Rolle in einem NBA-Team einzunehmen. 

In direkter Verbindung dazu stehen auch zwei andere Facetten seines Spiels, die nachholbedürftig sind. Zum einen nimmt er zu viele Jumpshots, besonders die Anzahl der Dreier ist deutlich zu hoch, zum anderen muss er konstanter seinen Gegenspieler im  One-on-One schlagen. Nach meinem Gefühl war die Knöchelverletzung im Dezember ein Hauptgrund, warum Harris oft zu zögerlich bei seinen Aktionen war und sich lieber auf seinen Wurf verließ, anstatt zum Korb zu ziehen. In vielen Situationen schien ihm die nötige Explosivität zu fehlen, sodass er einfach nicht an seinem Gegenspieler vorbeikam. Davon ließ er sich zu schnell frustrieren und fing an, Würfe zu forcieren, worunter seine Quoten extrem litten. Da muss er lernen, souveräner zu agieren und gleichzeitig sein Arsenal im Eins gegen Eins verbessern, um sich gar nicht erst in diese Bredouille bringen zu lassen.

Will man Harris mit einem Spieler in der NBA vergleichen, so würde meine Wahl definitiv auf Arron Afflalo fallen. Beide waren am College potente Scorer, die ihre Stärken aber eher in der Defensive aufzuweisen hatten und ihre Gegenspieler regelmäßig zur Verzweiflung brachten. Wie Afflalo wird Harris sich in seinen ersten NBA Jahren wahrscheinlich zunächst als Verteidigungsspezialist und prototypischer 3-and-D-Spieler etablieren müssen und auf eine Chance hoffen, auch mal sein gesamtes Skillset in der Offensive demonstrieren zu dürfen. Wenn sein Körper ihn nicht im Stich lässt und er sich optimal entwickelt, schlummert in ihm sogar tief verstecktes Allstar-Potenzial. Doch bereits jetzt könnte er Playoff-Mannschaften als Rollenspieler enorm weiterhelfen.

Prognose: Pick 10-14