05 Juni 2014

Philipp Rück | 5. Juni, 2014    @Poohdini76ers





Andrew Wiggins' Name könnte prinzipiell im Duden aufgenommen werden als Synonym für „Athletik“ oder „Talent“. Die Athletik des Kanadiers ist seine größte Stärke. Sie ist nahezu lächerlich gut. Er ließ zwar die Draft Combine aus, aber es tauchte zeitgleich ein Bild auf, auf dem Wiggins zu sehen ist, wie er seine Vertikalität beweist.


Es breitete sich innerhalb kürzester Zeit zu einem Twitter-Flächenbrand aus, auf dem sein Sprung unzählige Male „gephotoshopped“ wurde. Zudem hat die ESPN-Rubrik „Sport Science“ ein zweiminütiges Video veröffentlicht, auf dem Wiggins' athletische Fähigkeiten in verschiedenen Bereichen illustriert wurde. Ein solch athletisches Talent gab es wohl schon lange nicht mehr – schlicht und ergreifend einfach nur gigantisch.

Der Vollständigkeit halber hier seine gemessenen Zahlen:
Vertical jump: 111,76 cm (!!!)
Größe mit Schuhen: 2,05m
Spannweite: 2,13m
Standing reach: 2,72m

Wiggins verfügt also für einen NBA-Wing über Gardemaß. Wenn er noch Muskeln und Gewicht drauf packt, wird er ein prototypischer NBA-Flügelspieler. Natürlich reicht Athletik heute nicht mehr aus, um als Top Pick über die Bühne zu gehen. Er paart sie mit einigen weiteren exzellenten Fähigkeiten. Seine Fußarbeit ist bereits hervorragend (offensiv & defensiv), wodurch sein Spin Move aussieht wie der einer Ballerina – extrem schnell und elegant. Wie in dem Sport-Science-Video zu sehen ist, besitzt Wiggins eine sagenhafte Schnelligkeit und einen fantastischen ersten Schritt. Gerade letzterer soll laut manchem Experten an Michael Jordans Antritt erinnern. Beeindruckend ist überdies, dass er trotz dieser unfassbaren Explosivität eine sehr gute Körperkontrolle hat. Er gerät fast nie aus dem Gleichgewicht, obwohl er lächerlich schnell ist und viele Drehungen um die eigene Achse durchführt. Darüber hinaus zeigte er bereits am College, dass er Freiwürfe ziehen kann. Einige seiner besten (Scoring-) Spiele waren jene, an denen er oft an die Linie ging.

Ein bislang noch sehr unterbewerteter Aspekt seines Spiels ist sein Jumper. Er wird leider noch zu unrecht als reiner menschlicher Flummi gesehen. Seine Jumper-Mechanics sehen exzellent aus, wodurch auch hier Potential für einen weit überdurchschnittlichen Jump-Shooter besteht. Er muss seine Bewegungen, v.a. aus dem Lauf und Dribbling, nur noch weiter verfeinern. Interessanterweise ist er aktuell ein besserer Sprungwerfer als Finisher am Ring (dazu später mehr).

Das aufregende an dem Jayhawk ist aber sein immenses Two-Way-Potential. Die NBA wird viel zu oft nur als Liga gesehen, in der Superstars über ihre offensiven Fähigkeiten definiert werden. Ein Basketballspiel besteht aber 50% Offensive und Defensive. Deshalb kann Wiggins vor allem hier im Vergleich zu Jabari Parker punkten. Natürlich hat Wiggins noch viel zu lernen und wahrscheinlich wird von seinen Fähigkeiten in der Verteidigung am Anfang noch nicht viel zu sehen sein (viele so junge Flügelspieler tun sich gerade defensiv sehr, sehr schwer zu Beginn), aber der mögliche Ausblick ist faszinierend. Seine oben schon angesprochene Beinarbeit hilft ihm auch defensiv. Dadurch kann er seine Geschwindigkeit lateral nutzen und so quasi vor jedem NCAA-Spieler bleiben. Gepaart mit seiner Athletik macht er es den Gegenspielern sehr schwer, über ihn hinweg zu werfen – gerade in Isolations wird Wiggins ein sehr guter Verteidiger werden. Seine immense Sprungkraft könnte (!) ihn zu einem wertvollen Helpdefender machen, der von der Weakside angeflogen kommt. Aber Athletik ist kein ausreichendes Kriterium hierfür, da dies anderen Cyborgs auch nicht gelungen ist (siehe auch Griffin, Blake).

Wiggins' Schnelligkeit und Wendigkeit wird ihm auch in zwei weiteren Bereichen helfen: erstens sollte es ihm sehr gut möglich sein, durch Screens zu navigieren. Er ist flott genug auf den Beinen, um vor dem Screener vorbeizulaufen und so mögliche Dribble Penetration zu verhindern. Zweitens ist es ihm auch zuzutrauen von „Point Guard“ bis „Small Forward“ alles zu verteidigen.


Trotz der genannten Stärken ist Wiggins noch weit davon entfernt, als der nächste LeBron James oder Kevin Durant zu gelten. In meinen Augen hat er ein „kleineres“ und ein schwerwiegendes Defizit, die darüber entscheiden, ob er ein Franchiseplayer/Superstar werden kann oder ob er eher ein solider NBA-Starter wird. Die kleinere Schwäche ist seine mangelnde Fähigkeit, am Ring effizient abzuschließen. Angesichts seiner Athletik überrascht es doch, dass Wiggins solche Probleme hat, höherprozentig in der Zone zu punkten. Ihm fehlen neben dem notwendigen Touch (einfach nicht genug „Gefühl“ bei Layups etc.) auch noch ein paar Moves (Finger Roll, Tear Drop, etc). Außerdem hat er große Probleme, den Spalding im Korb unterzubringen, wenn er links vom Korb abschließen muss. Außerdem mangelt es ihm bislang an einer intelligenten Schussauswahl. Er ist noch zu inkonstant darin, so oft wie möglich den Korb zu attackieren. Ein Spieler mit seinen körperlichen Voraussetzungen sollte ständig auf dem Weg auf die lackierte Fläche des Hartholzes sein und sich nicht zu sehr in seinen Jumper verlieben. Allerdings weiß man nicht, wie viel davon wirklich von Wiggins ausging oder doch dem System von Bill Self in Kansas geschuldet war.

Aber das, was Wiggins massiv vom Status „Superstar“ abhalten kann, ist sein stümperhaftes und miserables Ballhandling. Im Prinzip hat er schon Probleme, den Ball auf den Boden zu dribbeln. Seine Defizite hierbei sind so massiv, dass er oft genug gar nicht wusste, was er mit dem Leder in der Hand überhaupt anfangen soll. Sein oftmals letzter Ausweg, statt mit dem Ball ins Dribbling zu gehen, war sein Spinmove. Die Probleme im Ballhandling steigern sich natürlich exponentiell, wenn Wiggins „in traffic“ agiert. Bleibt das so, wird er in der NBA von guten Defendern und/oder Double-Teams vor fast nicht lösbare Probleme gestellt werden und relativ einfach zu verteidigen sein. Kann er dieses Defizit nicht beheben, wird er niemals ein Superstar. Je nach Grad der Weiterentwicklung der Ballhandling-Skills und seiner Defensive wären Spieler von DeMar DeRozan bis Paul George (oder eine offensiv potentere Version davon) passende NBA-Vergleiche.

Noch eine Randbemerkung: Wiggins schneidet bei Layne Vashros Spieler-Modell vergleichsweise schlecht ab. Begründet wird dies u.a. damit, dass er ein schlechtes Assist/TO-Verhältnis hat sowie eine niedrige Steal-Quote. Laut Vashro waren beide Kennzahlen in der Vergangenheit gute Prädiktoren, um NBA-Produktion und Entwicklung vorauszusagen. Ich will dem Modell selbstverständlich nicht die Güte absprechen, da es durchaus viele interessante Ansätze hat und viel Wahres liefert. Aber gerade im Fall Wiggins sollte man die College- und Trainer-Situation genauer reflektieren: Bill Selfs Offensiven in Kansas zeichnen sich dadurch aus, dass sie weder aufgebaut sind wie NBA-Offensiven, noch von der Genialität ihres besten Spielers profitieren sollen. Der Ball wird großzügig geteilt, die Pace ist relativ niedrig. Es geht bei Self nie darum, die Stats einzelner Spieler aufzublähen oder diese besonders glänzen zu lassen. Er ordnet alles dem Teamerfolg unter. Gerade Wiggins hatte oft nur den Auftrag, einen der zwei Big Men mit Entry-Pässen im Post zu füttern. Es ist keine kühne Behauptung, dass er in einem anderen System (zum Beispiel in Kentucky) bessere Zahlen (Assists!) hätte auflegen können.

Was die Steals angeht, sollten folgende Werte Aufschluss geben: Seit Bill Self 2004 das Programm in Kansas übernommen hat, waren die Jayhawks nur ein einziges Mal in den Top 100 der Steal-% vertreten. Self legt absoluten Wert darauf, nicht auf Steals zu spekulieren (in den USA würde man sagen: „gambling“). Wie soll also ein Spieler in der Steal-Statistik glänzen, wenn der Trainer und das Defensivsystem das massiv eindämmen? Der Erfolg über die Jahre gibt dem Trainer uneingeschränkt Recht.

Wie gesagt, nicht die Vashro-Zahlen sind ein möglicher Indikator dafür, dass Wiggins ein Bust gemessen an seiner Draft-Position werden kann, sondern sein Ballhandling und seine eher schwache Fähigkeit als Finisher. Verbessert er beides nicht, war ein dritter Pick rausgeworfenes Anlagegut. Bekommt er beides hin, könnte er eine leicht bessere Version von Paul George werden (von den LeBron-Vergleichen sollte man sich gleich verabschieden). Wiggins ist alles in allem ein Risikopick, da man mit ihm nicht den sicheren NBA-Star wählt, sondern vor allem die gigantische „Upside“. Sky is the limit.

Prognose: Top-3 Pick