24 Juni 2014

Axel Babst | 24. Juni, 2014   





Gleich zwei herbe Rückschläge musste Adreian Payne in diesem Frühjahr hinnehmen. Der erste war die überraschende Niederlage im Elite Eight gegen UConn. Damit wurde ihm neben Keith Appling die zweifelhafte Ehre zuteil, der erste Spieler in der langen Tom Izzo Ära zu werden, der während seiner College-Laufbahn unter Izzo nie das Final Four erreichen konnte. Weniger als zwei Wochen nach dem Aus folgte der zweite Schock: Lacey, das achtjährige Mädchen, das für Payne wie eine kleine Schwester war, starb an ihrer langwierigen Krebserkrankung. Doch so traurig diese beiden Ereignisse für ihn persönlich gewesen sein mögen, man kann daraus viele sehr positive Rückschlüsse auf Paynes (im heutigen College Basketball) einzigartigen Werdegang ziehen. 

Payne kam als talentierter, großer, athletischer Spieler ans College. Mehr nicht. In seiner Freshman Saison musste er sich erst an Izzos harte Schule gewöhnen und der geneigte Spartan-Fan war froh, wenn er wenigstens in der Defense durch seine Blocks einen kleinen Beitrag leisten konnte. Doch bereits im zweiten Jahr konnte er sich steigern und im Junior-Jahr profitierte er dann vom altersbedingten Abgang Draymond Greens. Nun konnte Payne mehr Zeit auf der Vier verbringen, wo er nun seine Athletik besser ausspielen konnte und plötzlich sogar den Dreier für sich entdeckte. In dieser Zeit lernte er besagte Lacey kennen und schöpfte daraus zusätzliche Motivation, noch härter an sich zu arbeiten. In der vergangenen Saison etablierte er sich dann als wichtigster Spieler der Spartans und war gar nicht mehr wegzudenken. Diese Entwicklung war eine willkommene Abwechslung nach den vielen One-and-Done Talenten und den alljährlichen Transferorgien der Studenten, die keinerlei Verbindung zu ihrer Uni und dem Umfeld aufbauen, sondern nur ihre Karriereplanung im Kopf haben.

Das Beispiel Adreian Payne macht aber deutlich, wie wichtig diese Faktoren für die Entwicklung sein können. So kann man den MSU-Athleten mittlerweile als Paradebeispiel eines Stretch-Vierers bezeichnen. Sein Dreier, besonders in der Transition, ist eine sehr ernstzunehmende Waffe. Nicht nur seinen Wurf konnte Payne verbessern, sondern auch sein Postup-Game. Er verfügt nun über ein solides Repertoire an effektiven Bewegungen, um sich in der Zone durchzusetzen. Gerade seinen Jumphook konnte der Senior über die Jahre deutlich verbessern. Abgerundet wird das Big Man Gesamtpaket in der Offensive mit seinem starken Drive zum Korb, bei dem er inzwischen gelernt hat, sein neugewonnenes Ballhandling und seine ohnehin schon vorhandene Athletik gezielter einzusetzen. 

In der Defensive fällt Payne immer wieder als spektakulärer Shotblocker auf und kann auf diese Weise seinem Team in der Tat sehr gut helfen. Generell haben sich sein Verhalten in der Team-Defense und bei der Pick & Roll Verteidigung zusehends gebessert. Außerdem muss seine hervorragende Einstellung gepriesen werden. Die gezeigten Fortschritte kommen nicht von ungefähr und auch sein Reifeprozess abseits des Feldes lässt auf einen großartigen Charakter schließen. Dieser Aspekt sollte nicht vernachlässigt werden. Schließlich sind die NBA-Coaches immer auch auf der Suche nach reifen glue guys für ihr Team - echten Profis eben, die keine Kopfschmerzen verursachen.


Trotzdem gibt es natürlich noch ein paar Fragezeichen hinter seinem Namen. Ein Problem ist sein für einen Rookie fortgeschrittenes Alter (bereits 23) und die damit verbundene Frage, wie viel Entwicklungspotential noch in ihm schlummert. Zumal er mit Tom Izzo einen der besten Trainer in Sachen Big Man Ausbildung hatte. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass er in einem NBA Team landet, das einen ähnlich guten Trainer zur Verfügung hat? Und obwohl Payne eine gute Schule genoss, leistet er sich teilweise Fehler, die doch Stirnrunzeln verursachen. Viele dieser Fehler sind Folgen mangelnder Konzentration. Häufig verpennt Payne in der Verteidigung Rotationen oder verliert seinen Gegenspieler aus den Augen. 

In der Offensive verpasst er das richtige Timing beim Blockstellen und gibt damit der Defense wieder Gelegenheit, in Position zu kommen. Ein Teil dieser Unkonzentriertheiten ist mit Sicherheit seiner raschen Erschöpfung geschuldet, womit ich auch schon beim letzten Fragezeichen angekommen wäre: Payne hat das Pech, dass seine Lungen in Relation zu seiner Körpergröße sehr klein sind und er deswegen schneller ermüdet und um Atem ringt als andere Big Men. Am College konnte dieser Umstand noch ganz gut kaschiert werden, da es im 4-Minuten-Takt TV-Timeouts gibt. Der 23-Jährige konnte daher trotz seiner Schwierigkeiten regelmäßig über 30 Minuten spielen. In der NBA wird ihm das aber kaum möglich sein, da die Unterbrechungen seltener passieren und die Spielgeschwindigkeit höher ist.

Insgesamt bietet Payne ein grundsolides Paket und kann bereits schon jetzt dem einen oder anderen NBA-Team wichtige Entlastung von der Bank geben. Auch mit seiner Persönlichkeit wird er vielen Teams als glue guy wichtige Impulse geben können und hat dadurch einen Vorteil gegenüber seinen Rookie-Konkurrenten auf den großen Positionen. Leider lassen sein Alter und sein Konditionsproblem seinen Draftwert gewaltig sinken. In seiner Spielweise ähnelt Payne Taj Gibson von den Chicago Bulls. Beide sind athletische Power Forwards, die in einem „hohen“ Alter in die NBA kamen. Gibson hat zwar keine gesundheitlichen Probleme, dafür kann der Vertreter der diesjährigen Rookie-Klasse mit einem besseren Distanzwurf aufwarten... eine in der heutigen und zukünftigen Basketball Association immens wertvolle Waffe auf Groß. Gibson hat seine NBA-Nische bekanntlich gefunden, und auch Payne wird das schon sehr bald schaffen.

Prognose: Pick 14-16