22 Juni 2014

Axel Babst | 22. Juni, 2014   





Im Schatten der großen Namen Parker, Wiggins und Embiid ist es beileibe nicht leicht, sich als junges Talent im Gespräch zu halten. Aaron Gordon machte dies dennoch nichts aus und als Belohnung für seine entspannte, aber gleichzeitig auch ehrgeizige Art und Weise winkt nun eine großartige NBA Karriere. Bereits während seiner Highschool Zeit in Kalifornien machte Gordon auf sich aufmerksam und faszinierte Scouts mit seiner Athletik und Vielseitigkeit. Außerdem führte er seine Mannschaft zu zwei Titeln in Folge. Als Junior wurde ihm die Ehre zuteil, zu Kaliforniens 'Mr. Basketball' gewählt zu werden. In diesem Alter, also als Junior, schafften dies zuletzt Tyson Chandler und Jason Kidd. Im letzten Highschool-Jahr legte Gordon dann fabelhafte Zahlen auf, die seine Vielseitigkeit unterstrichen. Dass sich Gordon vor Stipendien der großen Unis nicht retten konnte, war nur die logische Folge.

Am intensivsten und überzeugendsten buhlte Sean Miller, und bekamen die Arizona Wildcats für 2013-14 den Zuschlag. Dieses Programm hatte unter Coach Miller in den vorherigen zwei Jahren einen gewaltigen Aufschwung erlebt und da das Grundgerüst der Vorsaison erhalten blieb, traf der neuste Jungspund auf eine ambitionierte Truppe. Lange Zeit überzeugte Gordon als wichtiger Bestandteil einer der besten Teamverteidigungen der USA. Doch als sich mit Brandon Ashley sein Frontcourt-Partner verletzte, war der Freshman gezwungen, mehr in die Rolle des Scorers und Spielgestalters zu schlüpfen als je zuvor. Dafür brauchte er etwas Eingewöhnungszeit, doch pünktlich zum Beginn des NCAA-Turniers hatte er sich mit der neuen Rolle arrangiert. Mit sehr starken Leistungen führte er seine Wildcats zusammen mit Nick Johnson in das Elite Eight und stemmte sich nach Leibeskräften gegen das Ausscheiden gegen die erfahrenen Wisconsin Badgers - vergeblich.

Aaron Gordon ist ein absoluter Modellathlet und passt damit perfekt in die NBA. Neben seinen guten Körpermaßen und seinem muskelbepackten Körper reißen insbesondere seine Sprungkraft, Eleganz und Körperkontrolle die Zuschauer regelmäßig aus den Sitzen. Gordon ist ein dankbarer Verwerter von Lob und Alley-Oop-Anspielen und kann dort auch auf Körperkontakt problemlos reagieren und mit Foul vollstrecken. Auch in der NBA wird er für zahlreiche Postermotive sorgen. Doch nicht nur ein Dunk wird bei ihm zum Spektakel. Selbst die Art, wie er zum Rebound geht und ihn aus der Luft pflückt, kann den fachkundigen Beobachter mit der Zunge schnalzen lassen. 

Dabei ist Gordon viel mehr als nur eine Highlightmaschine. Er verkörpert Skills und Athletik wie kaum ein Anderer in diesem Draft. Gordon besitzt gute Grundvoraussetzungen dafür, irgendwann als Point Forward das Spiel eines ambitionierten Teams aufzuziehen. Sein Ballhandling ist bereits jetzt hervorragend, auch wenn die linke Hand noch etwas Schulung vertragen kann. Er besitzt eine gute Spielübersicht und einen guten Instinkt für den richtigen Pass, sodass er besonders in Transition ein sehr gefährlicher Spieler beim Ballvortrag ist.

Selten und beeindruckend zugleich: Gordon ist, neben all seinen Offensivqualitäten, auch einer der besten Verteidiger seines Jahrgangs. Dabei helfen ihm nicht nur seine Athletik, sondern auch seine guten Fundamentals sowie seine exzellente Einstellung. Er kann vom Shooting Guard bis zum Power Forward jede Position effektiv verteidigen, in Extremfällen kann er auch als Kettenhund für den Aufbauspieler aushelfen, wobei ihm hier natürlich ein bisschen die Schnelligkeit und die Erfahrung fehlen, um das konstant bewerkstelligen zu können - vor allem auf NBA-Niveau.

Führt man sich vor Augen führen, dass Gordon gerade einmal 18 (!) Jahre jung ist und erst kurz vor Start der neuen NBA-Saison 19 wird, sieht man deutlich: Der Highflyer hat noch massig Zeit, um an seinem vielseitigen Skillset zu feilen und seine Stärken nach und nach heraus zu arbeiten, was seinen Wert rasant in die Höhe katapultiert.


Diese Zeit wird sich der Youngster in einigen Belangen auch dringend nehmen müssen. Zu allererst sollte Gordon mit seinem neuen Team klären, auf welcher Position es ihn einzusetzen gedenkt. Auch der Kalifornier hat mit der Tweener-Problematik zu kämpfen. Viele sehen ihn als Power Forward, weil sein Wurf für den Perimeter viel zu inkonstant ist. Dafür spricht zwar speziell seine Freiwurfquote, die unter aller Kanone ist, doch wie man immer wieder zu hören bekommt, soll das bei Gordon schlicht an der Nervosität liegen. Im Training schießt er angeblich deutlich über 70 Prozent. Sein Freiwurf und sein Dreier sehen technisch gar nicht schlecht aus, so dass durchaus die Chance besteht, dass er in einigen Jahren ein solider Schütze wird. 

Ich persönlich sehe den Youngster eher auf der Drei, denn alles andere würde nur seine Vielseitigkeit unterbinden. Er hat bereits angedeutet, dass er eine gute Übersicht besitzt und als Spielmacher in Erscheinung treten kann. Außerdem fehlen ihm für die Position des Power Forwards noch Kraft im Rumpfbereich und ein Standardrepertoire an Postbewegungen. Ein weiterer Bereich, der trotz guter Zahlen noch Verbesserungspotential aufweist, ist das Rebounding. Dort verlässt sich 2,06m große Hüpfer noch zu sehr auf seine Athletik, anstatt seinen Gegenspieler im Auge zu behalten und gesund auszublocken. Dadurch gehen ihm viele einfache Abpraller durch die Lappen.

Offensiv gilt es für Gordon, an seinem Touch in Ringnähe zu arbeiten. Dort lässt er noch zu viele vermeintlich leichte Dinger liegen. Besonders in der Zonenmitte muss sich Gordon einen standardisierten Abschluss aneignen, da er hier häufig zögerlich wirkt und dann meistens nur halbherzige Aktionen dabei herausspringen.

Auch wenn der Vergleich auf den ersten Blick gewaltig hinken mag, ist Gordon für mich eine größere Version von Andre Iguodala. Auch Iguodala kam als herausragender Athlet mit einem gut ausgeprägten Spielgefühl in die NBA und erarbeitete sich nach und nach den Ruf als defensiver Stopper und Ballverteiler. Auch seine Wurfqualitäten konnte Iggy über die Jahre steigern. Ähnliches erhoffen sich viele GMs auch bei Gordon. Einen sehr imposanten Eindruck scheint er auf die Vereinsführung der Celtics gemacht zu haben, denn viele Experten scheinen sich relativ sicher zu sein, dass Gordon als 6. Pick über die Ladentheke gehen wird. 

Wenn sich die Celtics doch dagegen entscheiden sollten, kämen auch die Lakers als weiterer heißer Kandidat in Frage. Gordon kommt aus der Umgebung, braucht den Ball nicht unbedingt, um effektiv zu sein (also ein perfekter Mitspieler für Kobe) und kann sich im Schatten von Bryant in Ruhe entwickeln. Mit seinem Schattendasein dürfte Gordon mittlerweile gelernt haben umzugehen. Noch viel zu selten findet sich sein Name in den Diskussionen um den möglicherweise besten Spieler dieses Draftjahrgangs. Aber ich bin zuversichtlich, dass Aaron Gordon vielen NBA-Fans in einigen Jahren ein Begriff sein wird.

Prognose: Pick 6 bis 10