26 Juni 2014

Philipp Rück | 26. Juni, 2014   






Okay, okay, die Basketball Welt dreht gerade durch. Das liegt nicht an der March Madness, auch nicht an den NBA-Playoffs (oder den langweiligen NBA-Finals). Die Zeit, wenn Fans bescheuerte Trade-Ideen in den Äther schicken und über 18-jährige Jungspunde hitzige Diskussionen führen, kann nur eines bedeuten: NBA-DRAFT! 

Für Fans der Kellerkinder ist die reguläre Saison eher mit Schmerz und Hände-über-den-Kopf-zusammenschlagen verbunden. Auch in Philly gab es bis auf das ansehnliche und sich stetig verbessernde Spiel des Rookies Michael-Carter Williams nichts wirklich ästhetisch schönes, eher im GegenteilEs wird also höchste Zeit sich, die kommenden Draftees genauer anzuschauen und zu evaluieren, welcher Pick für Philly realistisch ist und wer sportlich überhaupt passt.


In der Lottery am 20. Mai wurde das mieseste Front Office der Liga mal wieder belohnt. Ziemlich ironisch, dass sich die Kritiker das ganze Jahr nur über die „Tanker“ das Maul zerrissen haben, aber dann die Franchise mit dem First Pick beschenkt wird, die quasi schon seit ich Basketball schaue schlecht arbeitet. Die Cavs dürfen also am 26. Juni als erstes picken, danach folgen die Bucks aus Milwaukee. Sam Hinkie & co. aus der Stadt der brüderlichen Liebe haben das dritte Wahlrecht. Nach meiner objektiven Beurteilung sollten die Sixers ihre Wahl nach diesem Big Board durchführen:

Andrew Wiggins (19 Jahre, Kansas)

Andrew Wiggins' Name könnte prinzipiell im Duden aufgenommen werden als Synonym für „Athletik“ oder „Talent“. Die Athletik des Kanadiers ist seine größte Stärke. Sie ist nahezu lächerlich gut…

Wiggins ist talentierter als alle anderen Spieler in diesem Draft, mit Ausnahme von Embiid (dazu später mehr). Für Teams, die wie Philly auch in den kommenden zwei Jahren die Playoffs weder erreichen müssen noch wollen, ist ein Spieler, der noch viel Entwicklungsarbeit vor sich hat, genau richtig. Im Gegensatz dazu würde Parker dem Team direkt mehr helfen, er wäre die sichere „Nummer“. Aber die 76ers haben Zeit. Diese investiert man lieber in den talentierteren Wiggins. Mit Wiggins würde man sich ein wenig Unsicherheit einberufen, aber dafür auch die besten Aussichten. Sein Two-Way-Potential und seine Athletik geben ihm gegenüber Parker trotz dessen offensiven Skillsets einen klaren Vorsprung.

Dante Exum (18 Jahre, Australien)

Ein weiterer Spieler, der das Label „Risiko-Pick“ übergestülpt bekäme, ist Dante Exum. Das große Problem bei der Bewertung des jungen Australiers ist seine nicht-vorhandene College-Karriere. Obwohl sich das Scouting der internationalen Spieler natürlich auch verbessert hat über die vergangenen Jahre, so fällt es immer noch schwierig, deren Leistungen einzuordnen. Wie vergleicht man Exum denn objektiv mit den Jungs, die am College waren, wenn die Konkurrenz so verschieden ist? Welche Leistung hätte Exum gezeigt, wenn er auf einem höheren basketballerischen Niveau hätte spielen müssen?

Man sollte also etwas weniger auf Zahlen achten und stattdessen mehr auf die Skills des Spielers. Ähnlich wie der geschätzte Kollege Derek Bodner bin ich ein großer Fan von Exums Skills. Bodner glaubt, dass er in ein paar Jahren der explosivste und beste Scorer dieses Draftjahrgangs sein könnte (ja, auch besser als Parker). Exum hat einen unnachahmlichen Drive und ist ein begnadeter Slasher, wodurch er auch in der NBA vor allem nach Drives viele Punkte erzielen könnte. Er erinnert dahingehend ein wenig an Derrick Rose, auch wenn er nicht über dessen Athletik verfügt. Diese ist bei ihm dennoch weit überdurchschnittlich, da er sehr schnell und sein erster Schritt so explosiv ist. Da er zusätzlich über eine fantastische Körperkontrolle verfügt, kann er auch gut mit Kontakt oder durch Gewühl in der Zone effizient am Korb abschließen.

Was ihm beim Punkten sehr gut in die Karten spielt, ist seine Größe von 1,98m und seine gigantische Spannweite von 2,06m. Mit dieser riesigen Länge hätte er gegen die meisten NBA-Point Guards eklatante Mismatches. Diese physischen Tools (Länge, Schnelligkeit) machen ihn auch zum potentiellen Lockdown-Defender in der NBA gegen andere Playmaker und kleinere Wings. Sein immenses Two-Way-Potential lässt ihn insbesondere im Vergleich mit Jabari Parker extrem verführerisch aussehen. Sein Ballhandling und Playmaking sind auf einem sehr guten Niveau, wenn auch noch Luft nach oben besteht.

Seine größte und fast einzige Schwäche ist sein Shooting. Sein Wurf ist weder stabil, noch sieht er sauber aus. Seine Basics wirken etwas unrund und insbesondere der für Point Guards so wichtige Pull-up-Jumper ist katastrophal. Sowohl seine Dreier- als auch seine Freiwurfquoten waren in den vergangenen Jahren schlicht viel zu niedrig. Auch bei ihm gilt dasselbe wie bei so vielen anderen Guards: wenn man keinen Wurf hat, den der Gegner respektieren muss, dann bringen einem die Athletik und der Drive nichts, weil die Verteidigung immer sehr weit absinken kann. Hier muss das zukünftige Team die größte Arbeit investieren. Die Wurfform ist aber keineswegs „kaputt“ (wie z.B. bei Noel) und lässt sich auf Dauer mit Sicherheit beheben. Die Tatsache, dass er so überaus jung ist, schürt Hoffnung, dass sein Wurf definitiv NBA-Niveau erreichen kann.


Viele werden jetzt fragen: „Moment, Philly hat auf der Eins doch schon Carter-Williams, was wollen die mit noch einem?“. Berechtigte Frage, die aber leicht beantwortet werden kann: Man kann sie ohne Weiteres zusammen spielen lassen. Beide haben eine sehr ähnliche Körperlänge und könnten defensiv jedes andere Guard-Duo mit ihrer Physis terrorisieren. Offensiv komplementieren sie sich auch recht gut: MCW als primärer Ballhandler und Playmaker, Exum als sekundärer Ballverteiler und Off-Guard, der ständig zum Korb „slasht“. Außerdem soll Exum laut Bodner zumindest als Spot-up-Schütze, auch von Downtown, relativ zuverlässig sein. Ich muss zugeben, dass ich von der Idee, MCW und Exum im Backcourt zu paaren, regelrecht fasziniert bin. Übrigens: der aktuelle Sixers-Coach Brett Brown ist auch Australier und war damals Trainer des Nationalteams, als der 15-jährige Exum debütierte.
Zweitens: Ein Trade von Carter-Williams wird, je näher wir dem Draft kommen, gerüchteweise immer wahrscheinlicher. 

Das Star-Potential ist bei Dante Exum viel zu groß, als das man ihn mit dem dritten Pick übergehen könnte. Wegen seines defensiven Potentials steht er in meinem Big Board vor Parker.

Jabari Parker (19 Jahre, Duke)

Wie oben bereits kurz angeschnitten ist Jabari Parker von allen Top Prospects der fertigste und reifste und kann vermutlich vom ersten Tag  an seinem neuen Team helfen. Der Duke-Alumni ist ein begnadeter Scorer, der nicht einfach nur punktet, sondern der weiß, wie er punktet. Er hat ein ausgereiftes Scoring-Arsenal, sowohl per Wurf (mit Range bis zum Dreier), als auch per Drive. Selbst im Post zeigte er filigrane Moves. Parker wird auch in der NBA ein effizienter 20+ Punkte Scorer sein. Überdies beeindruckend ist, dass er aber bereits in seinem Alter weitere „reife“ Fähigkeiten aufweisen kann: Sein Rebounding ist für einen Wing exzellent, seine offensive Fußarbeit überzeugt und Parker ist ein sehr viel besserer Ballverteiler und -Handler als bislang angenommen. Carmelo Anthony, der beliebteste Vergleich Parkers, war in diesem Alter ein nicht annähernd so guter Passer wie es Jabari ist.

Was mich bei Parker aber stört und der Hauptgrund für seinen dritten Platz ist, ist sein nicht vorhandenes defensives Potential. Er wird wohl niemals ein guter Verteidiger, geschweige denn ein Lockdown-Defender werden. Wer seine Spiele bei Duke gesehen hat, weiß, dass es ihm nicht nur an defensiven Basics fehlt, sondern auch seine körperlichen Voraussetzungen sind sehr ungünstig: wenig laterale Schnelligkeit, kaum Wendigkeit. Damit einhergehend ergibt sich auch die zweite Schwäche Parkers: die Athletik. Die athletische Limitation begrenzt auch sein Talentlevel. Zwar wird auch Parker sich noch weiterentwickeln können, aber der Sprung wird mitnichten so groß sein, wie er bei Exum und Wiggins sein könnte.

Drittens: Parker soll in der Offseason über 20 Pfund zugenommen haben. In einer Liga, in der die Stars sich gerade in der Offseason in jedem Sommer verbessern und den konditionellen Grundstein für die kommende Saison legen, legt sich Parker auf die faule Haut und nimmt so viel zu? Noch bevor er überhaupt in der Liga angekommen ist? In meinen Augen sind das schlechte Voraussetzungen; oder zumindest schlechtere als bei meiner #1 und #2.

Aus dem Big Board heraus gefallen: Joel Embiid (Kansas, 20 Jahre)

Bis zur Hiobsbotschaft seiner Verletzung war Embiid hier auf Position zwei. Nach der Bekanntwerden seiner schlimmen Verletzung hoffe ich, dass die Sixers mit dem dritten Pick nicht nach Embiid greifen. Warum? Schön, dass ihr fragt: Der gebürtige Kameruner hat seinen zweiten Ermüdungsbruch innerhalb kürzester Zeit an den für Big Men problematischsten Stellen (Rücken und Fuß). Isoliert betrachtet sind Ermüdungsbrüche noch lange kein Grund, um in Panik auszubrechen. 

Aber: Der Junge spielt erst seit drei Jahren in professionellen Strukturen Basketball und muss jetzt schon der höheren Belastung in Form von kurz aufeinander folgenden Ermüdungsbrüchen Tribut zollen? Wie wird das erst sein, wenn er in einer 82-Spiele-Saison steht? Darüber hinaus weisen solche Verletzungen darauf hin, dass eine gewisse Fragilität des Bewegungsapparats vorliegt. Die Tatsache, dass die Verletzungen zeitlich so nahe beieinander liegen, potenziert diese Gefahr nur noch. Zu guter Letzt sei noch darauf hingewiesen, dass der gebrochene Knochen in Embiids Fuß kein unbekannter ist: navicular bone – Os naviculare, zu deutsch „Kahnbein“ genannt. Einige Beispiele in der Vergangenheit (Yao Ming, Brook Lopez) haben gezeigt, dass eine Verletzung dieses Knochens dauerhaft Probleme machen kann. Oder anders gesagt: Die Tatsache, dass der Knochen ohne akuten Unfall gebrochen ist, könnte (!!) auf eine grundlegende Schwäche des Gewebes hindeuten. Selbst wenn er sich also wieder komplett regeneriert, warum sollte dies in Zukunft nicht genauso leicht wieder passieren?

Mir tut es sehr leid, was Embiid widerfahren ist und ich hoffe, sein Traum erfüllt sich noch. Aber mit dem dritten Pick (wird man so tief in naher Zukunft wieder draften können?) sind mit die beschriebenen Risiken seiner Verpflichtung eindeutig zu hoch.