05 Mai 2014

Seb Dumitru, Pascal Gietler  | 5. Mai, 2014    @nbachefkoch  @PascalCTB




Playoffs, Baby! Nach einem elend langen Vorgeplänkel geht es ab diesem Samstag endlich ans Eingemachte. Verabschiedet euch also von euren Liebsten, legt alle Planungen und sozialen Verpflichtungen vorerst auf Eis und deckt euch mit reichlich Proviant ein, denn in den nächsten knapp acht Wochen gibt's nur Basketball - auch hier bei NBACHEF. Wir haben uns die vier Conference-Semifinals angeschaut und für euch vier Zweitrunden-Speisepläne zusammen gestellt. Bon Appetit!


So ziemlich alle, die vor den Playoffs Prognosen aufstellten, hatten die Indiana Pacers in ihrer Erstrundenserie gegen Atlanta für den großen Favoriten, die Washington Wizards hingegen als klaren Underdog gegen Chicago projiziert. Zwei Wochen später stehen beide Eastern Conference Klubs im Ost-Semifinale, aber der Weg hierher hätte für beide unerwarteter kaum sein können.

Washington schockte die Bulls und klaute nicht nur drei Siege auf fremdem Parkett im United Center, sondern auch die Serie mit Leichtigkeit. Die beiden Youngster John Wall und Bradley Beal erzielten in ihrer ersten Playoff-Action überhaupt zusammen 38.6 Punkte und 11 Assists im Schnitt. Die eigentlich so gefürchtete Bulls-Defensive kam nie hinterher, weil neben den beiden Backcourt-Partnern auch die restlichen 60% der Starting Five exzellent aufspielten. Washington war das toughere, abgezocktere und bessere Team. Dass der 'Gentlemen's Sweep' der Wizards die zweitschnellste Erstrundenserie in diesen bisher wilden Playoffs war, unterstrich den Überraschungseffekt des Hauptstadt-Teams nur zusätzlich.

Währenddessen mühten sich die Pacers gegen Atlanta nicht nur, sondern mussten schon viel früher als erwartet gleich mehrere 'elimination games' überstehen. Atlantas dauer-Dreier-ballerndes Smallball-System testete Indiana bis direkt vor den Störgrenzpegel, ehe ein überragender Paul George und der stets verlässliche David West das schwankende Boot stabilisierten. Frank Vogels widerwillige Anpassungen in Spiel sechs und sieben retteten die Saison der Pacers, die sich am Ende wieder auf das verlassen konnten, was sie überhaupt erst in die Contender-Konversation hinein gehievt hatte: Defense.

Atlantas Angriffsbemühungen wurden in den letzten beiden Partien völlig erstickt (nur 80 und 88 Punkte) - ein Abziehbild der beiden Pacers-Siege gegen Washington während der regulären Saison, als Hibbert & co. nur 73 und 66 Punkte zuließen. Das letzte Duell dominierten die Wizards vom Start bis zum Finish (91-78). Wer übersteht die zweite Runde und zieht ins Conference Finale ein - das lange Zeit beste Team oder dasjenige in der aktuell besseren Verfassung?


Warum die Pacers gewinnen:
Haben die Indiana Pacers all ihre Mätzchen auskuriert, all ihre mentalen Wehwehchen überstanden und alle teaminternen Differenzen bereinigt, jetzt, da sie das "Problem Atlanta" gelöst und den Sprung ins Semifinale geschafft haben? Auf keinen Fall. Aber obwohl es en vogue ist, dieses Team und seine Aussichten angesichts seiner chronischen Krankheiten und nur 14 Siegen aus den letzten 30 Partien immer weiter nach unten zu korrigieren, scheint Indiana kollektiv in die andere Richtung zu drängen: raus aus dem Loch und nach oben, nach vorne.

Paul George ist eine der dominantesten Persönlichkeiten in diesen Playoffs bisher: der All-Star Wing legte gegen Atlanta 23.9 Punkte, 10.7 Rebounds, 4.6 Assists und 2.4 Steals auf, während er offensiv die Scoring-Last schulterte und hinten den besten Angreifer der Hawks, Jeff Teague, letzten Endes komplett abmeldete, nachdem Frank Vogel den Switch weg von Hill und hin zu George wagte. Georges Werte gegen Washington während der regulären Saison sind schwächer (16.7 PPG) - auch weil die Wizards mit Trevor Ariza einen fähigen Wing-Verteidiger aufbieten können. Wer aber glaubt, dass Ariza einen der besten Two-Way Spieler der Liga neutralisieren oder sogar abgleichen kann, hat Georges Aufstieg versäumt.



Mit George und David West verfügt dieses Team über zwei go to guys in der Offensive, die das Spiel verlangsamen, initiieren und vor allem in der Crunchtime meist die richtige Entscheidung treffen. Wests Leistungen (24/11 in Spiel sechs) waren es, die neben George das Überleben und später den Sieg gegen die Hawks ermöglichten. Dazu scheint Lance Stephenson endlich begriffen zu haben, was die Playoff-Stunde geschlagen hat. Der enigmatische Energizer legte gegen Atlanta in den beiden 'win or go home' Spielen 40 Punkte (15-25 FG) und 23 Rebounds auf - ein Zeichen dafür, dass er der Drucksituation großer Momente gewachsen ist, sie vielleicht sogar herbei sehnt. Wenn Stephenson so auftritt wie am Wochenende, haben die Pacers genug positive Chaos-Elemente in der Lineup, um jedes Spiel und jede Serie zu gewinnen.

Um sich nun auch der Wizards zu entledigen, muss vor allem Roy Hibbert so agieren, wie er das in Spiel sieben gegen die Hawks tat: schnell und bestimmt in der Offensive, die Zone verankernd, und mental involviert. Von den kollektiven Adrenalinschüben in der Defense zehrt dann das gesamte Team. Zum Glück für die Pacers kommt ihnen Washingtons Spielweise zugute. Weder Marcin Gortat noch Nenê sind als Stretch-Bigs geeignet, so dass die Pacers im Gegensatz zu Runde eins "zu Hause" bleiben und die Mitte so dicht machen können, wie sie das gewohnt sind. Erwartet also ähnlich gute Verteidigungsarbeit vom besten Defensivteam dieser Playoffs (DRtg 98.2) wie schon in der regulären Saison, als Indiana Washington bei 72 PPG und unterirdischen 36.9% FG hielt. Eine Taktik, die Vogel & co. durchaus wieder auspacken könnten: John Wall wie schon während der Saison (nur 13.7 PPG bei 34% FG) mit abwechselnden Looks (mal Hill, mal George) zum Scoren drängen, anstatt ihn mit seiner Schnelligkeit Löcher reissen und für seine Mitspieler kreieren zu lassen.

Die jüngeren Wizards werden Indiana testen. Sie spielen hart, aggressiv und glauben fest daran, dass sie ein Anrecht auf das Conference Finale haben. Die Pacers aber haben spätestens nach dem Schreck gegen Atlanta einen Teil ihrer Identität wieder gefunden. Die Antennen sind geschärft, und ein ähnlich uninspirierter Start wie in Runde eins wird nicht mehr vorkommen. Washingtons Spielweise und die Physis, mit der Typen wie Gortat und Nenê zu Werke gehen, werden endgültig aufwecken und die letzten Reserven der 'Smashmouth Pacers' mobilisieren. Der nie zu verachtende Heimvorteil kippt die Serie am Ende zugunsten des Top-Teams im Osten. Washingtons letzter Sieg in Indiana liegt jetzt mehr als sieben Jahre zurück. Das muss nicht so bleiben, erschwert die Mission der Wizards aber empfindlich.

Warum die Wizards gewinnen:
Die Indiana Pacers haben uns über weite Teile der Saison mit einer grandiosen Defensiv-Arbeit überzeugt. An vielen Leuten ist jedoch vorbei gegangen, dass auch die Wizards in der Verteidigung eine recht ansprechende Leistung abgeliefert haben. John Wall hat in der Defensive ein Schritt nach Vorne gemacht, das Big Men-Duo aus Gortat und Nene war über weite Strecken grundsolide und mit Trevor Ariza haben die Wizards einen der besten  Flügelverteidiger der Liga unter Vertrag. Wenn also eine Top Ten-Defensive (#7; DefRtg 101,2) auf eine unterdurchschnittliche Offensive trifft, dürfte das ein oder andere Spiel in der Defensive entschieden werden. Gerade Trevor Ariza wird Paul George vor eine große Herausforderung stellen. In der Regular Season traf George gegen die Wizards lediglich 37,3 % aus dem Feld und scorte 16,6 Punkte. 


Die Washington Wizards haben uns gegen die Chicago Bulls gezeigt, dass sie auch Offensiv auf eine gute Defensive reagieren können. Die Bulls verteidigen das Pick & Roll bekanntlich gerne mit „ICE“, man lässt den Gegner also gerne aus der Mitteldistanz abdrücken. Die Wizards haben diese Einladung gerne angenommen und besonders Nene war mit 51,3% aus der Mitteldistanz Coach Thibodeaus schlimmster Albtraum. Wenn man jetzt allerdings davon ausgeht, dass die Wizards nur aus der Mitteldistanz treffen können liegt man falsch. Washington ist in der Offensive sehr vielseitig. John Wall hat dank seiner Schnelligkeit einen unglaublichen Drive, Ariza trifft aktuell 48,1% von der Dreierlinie und Bradley Beal stellt mit seinen 45% von Downtown ebenfalls eine enorme Bedrohung da. Die Wizards können also ihre Offensive ein Stück weit an den Gegner anpassen.

John Wall wird wohl auch in der Serie gegen die Pacers weniger als Scorer auftreten, aber dafür den ein oder anderen Drive ansetzen um den Ball dann, kurz bevor er vor Hibbert steht, in die Ecken zu den Scharfschützen Beal und Ariza spielen. Von der Bank werden die Oldies Drew Gooden und Al Harrington sicherlich auch sicherlich ein paar Minuten von Coach Randy Wittmann bekommen. Beide Big Men sind für einen Dreier gut, und dass Indiana damit Probleme hat, konnte man in der Serie gegen die Atlanta Hawks eindrucksvoll beobachten.