14 Mai 2014

nbachefsquad | 14. Mai, 2014    @nbachefkoch






Playoffs, Baby! Die echte Saison ist endlich unterwegs. Bei so viel irrsinniger Action auf einmal würde es kaum Sinn machen, traditionell zu berichten und das Chaos-Element dieser Wochen zu vernachlässigen. Kein Grund zur Sorge: die nbachefsquad ist zur Stelle wie Russell Westbrook in Crunchtime und versorgt euch täglich mit den feinsten Petitsbouches zur NBA-Postseason.



Seb Dumitru: Manchmal reicht es in der NBA einfach aus, "es" mehr zu wollen als dein Gegenüber. Die Pacers fühlten sich nach drei Siegen in Folge wiedergeboren, strotzten vor Selbstgefälligkeit. Ein Closeout-Sieg vor heimischem Publikum in Spiel fünf war nur noch reine Formsache, dachten sie, jetzt da alles wieder in geregelteren Bahnen verlief. Washington stand mit dem Rücken zur Wand, nur 48 Minuten vom sommerlichen Angelurlaub entfernt, obwohl sie mitnichten das schlechtere Team in dieser Serie waren, nur lediglich zu unvorsichtig und vom Moment überwältigt in den Partien zwei und vier.

Dass ein verzweifelter Rollenspieler zu einer Mischung aus Hakeem Olajuwon und Box-Olympiasieger mutierte, war die eigentliche Story dieses geschichtsträchtigen 102-79 Auswärtssieges der Wizards. Wie einst sein eigener Vater Janusz Gortat 1976 in Montreal verteilte Marcin von der ersten Sekunde an Haken und Hiebe, wie Olajuwon machte er den kompletten Bereich unter beiden Brettern zu seinem eigenen Sandkasten. "Marcin the Dream" akkumulierte 31 Punkte bei 13 von 15 aus dem Feld in nur drei Vierteln Spielzeit und inspirierte damit seine Teamkollegen wie John Wall, der endlich aufwachte und das beste Spiel dieser Serie zeigte (27 Punkte, 5 Assists). Gortats 16 Rebounds beim Zeitpunkt seiner Auswechslung waren mehr als das gesamte (!) Pacers-Team zu jenem Zeitpunkt zusammen genommen. Gortat erzielte mehr Punkte in drei Vierteln als in den vorhergehenden drei Partien addiert. So was nennt man dann wohl 'in the zone'.

Washingtons historischer 62-23 Vorteil an den Brettern war eine spannende Nebenstory, ebenso wie die Tatsache, dass Indiana auf einmal wieder in die Rolle des vom Moment überforderten Dilettanten schlüpfte und statt mehreren Tagen Pause vor dem eigentlich schon gebuchten Conference Finale gegen Miami nun nachsitzen und sogar noch bangen muss, während all die für überwunden geglaubten Zweifel wieder ihren Weg in den Kopf zurück finden. Ein paar wuchtige Hiebe des polnischen Hammers reichten aus, um die Pacers direkt wieder ins Delirium zurück zu knüppeln.





Sebastian Seidel: Nicht wenige fanden, dass Lance Stephenson dieses Jahr in den Allstar-Kader im Osten gehören musste. Stattdessen nominierten die Coaches mit Joe Johnson einen älteren Spieler, dessen Leistungen seit Jahren zurückgehen und dessen Ehrung man zu jenem Zeitpunkt auch statistisch kaum rechtfertigen konnte. Da Stephenson ein Spieler ist, der sowohl ein Auge für seine Mitspieler hat, aber auch athletisch genug ist um auch als kleinerer Spieler Rebounds zu holen, ist er immer ein Kandidat für ein Triple-Double und verbuchte in der abgelaufenen Saison gleich fünf davon - mehr als jeder andere Spieler in der NBA.

Doch was ist von dem fast All-Star Lance Stephenson geblieben? Neun Punkte, drei Assists und kein Rebound in Spiel fünf sprechen ihre eindeutige Sprache. Die Pacers brauchen sowohl dringend wieder dieses verrücktes Element in der Offensive, das Lance Stephenson eigentlich immer gebracht hat, denn 79 Punkte und nur 39% aus dem Feld als Team sprechen auch hier eine deutliche Sprache. Wenn wie in Spiel fünf weder Paul George noch Lance Stephenson abliefern, sind die Pacers in der Offensive einfach zu harmlos. Kein anderer schafft es, mal Freiräume für andere Spieler zu schaffen. Ein anderer wichtiger Faktor sind die Rebounds: sage und schreibe 39 Rebounds mehr holten sich die Wizards in Spiel fünf, darunter 18 am offensiven Brett. Sowohl Roy Hibbert als auch David West sind nicht die Jungs, die aggressiv zum Rebound gehen, aber sie machen einen sehr guten Job darin, ihre Gegenspieler auszuboxen. Hier sind George und Stephenson, die gestern zusammen nur einen Rebound holten, gefragt, denn in der regulären Saison holten sie im Schnitt 14 Rebounds pro Spiel.

Lance Stephenson konnte den Spielen in den Playoffs bisher nur sehr selten seinen Stempel aufdrücken. Interessant zu sehen ist aber, dass in allen fünf Spielen, in denen Stephenson 5 Assists oder mehr auflegte, die Pacers auch gewannen. Insgesamt lässt sich sagen: Wenn Stephenson aggressiv zum Korb geht und seine Mitspieler findet, funktioniert auch die Offensive der Pacers auf zumindest durchschnittlichem Niveau. Wenn nicht, spielen die Pacers in der Offensive Basketball-Mikado nach dem Motto: Wer sich zuerst bewegt, verliert. Es dürfte klar sein, zu welcher Pacers-Kategorie Spiel fünf zählte.



Seb Dumitru: Das Ende von Spiel fünf in dieser verrücktesten aller Serien war sogar noch atemberaubender als das von Spiel vier, in dem die Thunder in Los Angeles bekanntlich den Sieg noch aus der Hand schmissen als hätten sie solch billig und leicht erarbeitete Ws gar nicht nötig. Was in all dem Chaos, den unzähligen Fehlentscheidungen und einer der größten Implosionen der Playoff-Geschichte (zumindest der von Chris Paul) völlig unterging, war die überirdische Leistung von Russell Westbrook. Kein anderer Spieler in der heutigen NBA muss häufiger Kritik von den falschen Leuten für die falschen Dinge einstecken als Russ. Jeder und seine Mama haben ganz bestimmte Vorstellungen davon, wie Westbrook spielen sollte, wie seine Karriere verlaufen muss und wie er seine Rolle als Basketballspieler zu interpretieren hat. Er wird in die starren Käfige des kleinen Geistes gesteckt und pausenlos für all die Dinge kasteit, die er nicht erfüllen kann oder nicht erfüllen will. Schafft man es aber, den ganzen Lärm und die Nonstop-Klugscheisserei auszublenden, wird man nicht umhin kommen, in Westbrook das zu sehen, was er schon seit Jahren ist - erst recht in diesen Playoffs: einer der vier oder fünf 'most unstoppable' Spieler der Welt. Mit anderen Worten: ein MVP-Kaliber.


Gestern hielt Westbrook mit seiner penetranten Attacke-Mentalität die Thunder nicht zum ersten Mal über Wasser, wenn der amtierende MVP Probleme hat. Das ist kein Seitenhieb gegen Kevin Durant, denn auch der beste Spieler dieser Saison hat hier und da mal Abende, an denen kaum etwas geht. Und genau hier kam/kommt/wird immer wieder kommen Westbrook ins Spiel. Der Chaosmeister der Zeremonie erzielte 23 seiner 38 Punkte im zweiten Spielabschnitt, davon 14 in einem virtuosen Solo von einem dritten Viertel. Obendrein gab's drei eiskalt servierte Freiwürfe zum Endstand nach dem Phantomfoul von Paul beim Dreier. Thunder win! "Wie" fragt ab dem Conference Finale kein Schwein mehr.

Westbrook schraubte seine Durchschnittswerte in dieser Postseason auf 27 Punkte, 8 Rebounds und 8 Assists pro Partie. Der einzige Spieler, der jemals ähnliche Zahlen über komplette Playoffs auflegte, ist Oscar Robertson. Westbrook und Robertson. Robertson und Westbrook. Derweil streitet man sich da draussen immer noch darüber, ob er den oder den Wurf hätte nehmen sollen oder ob er hier und da lieber mal den Ball hätte passen sollen. Falscher Ansatz. Das Leben ist Chaos. Basketball ist Chaos. Russell Westbrook ist Chaos. Und damit der Lebenssaft, der dieses Basketballteam seit Jahren antreibt. Nonstop, in guten wie in schlechten Tagen, und gegen jeden Widerstand - auch wenn das Ding wie gestern eigentlich schon gelaufen ist. Wer das immer noch nicht begriffen hat, sollte sich lieber wieder anderen Sportarten widmen.





Hauke Büssing: „Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht!“ – Doch so fragwürdig einige Pfiffe gegen Ende dieser Partie auch waren, sie erzählen nur die halbe Geschichte. Die Clippers schenkten das fünfte Spiel nämlich genauso in Eigenregie weg wie die Thunder vor zwei Tagen Spiel 4 abgaben. Bitter und unnötig: Denn obwohl in den entscheidenden Sekunden dieses engen Playoff-Spiels gleich drei deftige Fehlentscheidungen gegen Los Angeles fielen, verloren die Engelsstädter die Begegnung doch einige Minuten früher.

Am Ende des vierten Viertels, drei Minuten vor Schluss, stand es nämlich noch 101-88 für LA. Bei 49,2 Sekunden verbleibenden Spielzeit immerhin noch 104-97. Die Clippers brachen ein - und dann brach die Hölle los. Der Donner rollte über den sichergeglaubten Sieg hinweg. Durants Dreier und Layup, Westbrooks Steal und Freiwürfe, Chris Pauls Turnover und Foul, und das Ding war gegessen.

Die Moral, wie immer: Don’t Foul A Jump Shooter! Doch war das hier wirklich ein Foul? Die tiefergehende Weisheit, die wir aus dieser Begegnung ziehen können, ist eine andere. Denn letztlich ist es doch folgendermaßen: Die Spieler – und nur die Spieler – sollen die Partie entscheiden. Nicht die Fans. Nicht das Wetter. Und nicht die Schiedsrichter. Niemand zahlt Eintritt, um einen Mann in eine Trillerpfeife blasen zu hören. Zumindest nicht in der NBA.




• Miami Heat - Brooklyn Nets, Gm. 5 (Stand: 3-1)
• San Antonio Spurs - Portland Trail Blazers, Gm. 5 (Stand: 3-1)