29 Mai 2014

nbachefsquad | 29. Mai, 2014    @nbachefkoch





Playoffs, Baby! Die echte Saison ist endlich unterwegs. Bei so viel irrsinniger Action auf einmal würde es kaum Sinn machen, traditionell zu berichten und das Chaos-Element dieser Wochen zu vernachlässigen. Kein Grund zur Sorge: die nbachefsquad ist zur Stelle wie Paul George in Crunchtime und versorgt euch täglich mit den feinsten Petitsbouches zur NBA-Postseason.



Seb Dumitru: Erlaubt mir, kurz in die Vergangenheit zu schwenken und eine frühere Version von mir selbst zu zitieren. Ich schrieb 2012, über Paul George:

"Gibt es irgend etwas, das dieser Typ nicht gut kann? Werfen, rebounden, scoren, verteidigen, durch die Lüfte segeln... das Repertoire von Highflyer Paul George ist unermesslich. Und dabei erst oberflächlich angezapft, weil der lange Flügelspieler gerade einmal 22 Jahre alt ist und in der Pacers-Offensive nur selten so richtig glänzen kann. Wer ihn aber spielen sieht, erkennt schnell, dass hier im Stillen ein Superstar heran reift."

Viele empörten sich damals, und je häufiger ich in den Folgemonaten und Jahren George und Superstar in einem Satz verwendete, je präsenter der Youngster bei Award-Vergaben und All-Star Nominierungen wurde, je mehr Spielanteile ihm Frank Vogel in Indiana erteilte, desto vehementer formierte sich offensichtlich die "George ist kein Superstar" Opposition. Warum eigentlich?

Die NBA hat mehr als drei Superstars. Durant, LeBron, Kobe... sie operieren in ganz anderen Sphären als die Pauls, Currys oder Nowitzkis dieser Welt. Sie sind mehr als Superstars, sie transzendieren den Sport. Die 15 besten Spieler der Welt aber, die sind doch genau das: Superstars. Die Nuancierungen zwischen, sagen wir mal, dem "siebtbesten" und "zwölftbesten" Profi, die sind subjektiv, schwammig und auch völlig irrelevant. Fakt ist: nur einige wenige, auserlesene Akteure, können in einem alles entscheidenden Elimination-Game das abliefern, was George gestern auf's Parkett legte. Die 31 Zähler in Halbzeit zwei? Superstar-Material. Die "ich schultere meine Mannschaft, und wenn wir untergehen, dann bin ich eben der Bock" Denke? Superstar-Material. Ich will euch nicht damit langweilen, dass George ein First oder Second Team All-NBAer ist. Oder als Einziger in diesen Playoffs mindestens 20 Punkte, 7 Rebounds und 2 Steals pro Abend abliefert. Oder der beste, weil konstant auf höchstem Level operierende Two-Way Spieler der Liga ist. Wem die Leistung gestern nicht ausgereicht hat, um ein für alle Mal klarzustellen, dass und warum der 24-Jährige zu den Ausnahmespielern unserer Generation zählt, der sollte dringend seine Maßstäbe re-evaluieren. Eins macht mir aber Hoffnung: niemand muss dumm sterben... auch oder gerade nicht als NBA-Fan.




Pascal Gietler: Lance "Born Ready" Stephenson und LeBron James werden sich wohl erst in ein paar Jahren wieder "neutral" gegenüberstehen können. Die Sticheleien und Aktionen abseits des Basketballs häufen sich an und sind für den unbeteiligten Fan bisweilen sehr unterhaltsam.

Der Shooting Guard von den Indiana Pacers entwickelte sich in den vergangenen Wochen zu einem neuen "Social Media"-Phänomen, sein Flop in Spiel 2 ist schon beinahe Kult geworden und fleißige Photoshopper toben sich an dieser Szene so richtig aus. Seine Leistungen als Provokateur/Motivator und Comedian mögen zwar gut sein, doch auf dem Platz erwischt "Born Ready" auch mal gebrauchte Tage. Auf seine "Trash Talk"-Aktion vor Spiel 4 folgte ein durchwachsener Auftritt in Miami: 9 Punkte, 5 Fouls, Niederlage für sein Team. 

Obwohl er seine bisherigen Aktionen angeblich "bereut", ließ er es sich gestern nicht nehmen, noch mal Einen drauf zu setzen. In Spiel 4 hatte er über weite Strecken Probleme mit Miamis Defensive und schwache Quoten aufgelegt, doch er war stets präsent und aggressiv, egal ob im "Mini-Huddle der Heat", beim Jubeln in der Offensive oder bei seinen Attacken auf den ballführenden Spieler! Lance ist alles andere als untergetaucht und besonders LeBrons fünftes Foul an "Born Ready" war ein Schlüsselmoment, denn der entthronte MVP musste danach Platz auf der Bank nehmen und kam nicht so schnell zurück. Die Indiana Pacers konnten ihr persönliches Endspiel zwar gewinnen, die Frage ist nur: Wie sehr hat "Born Ready" Dwyane Wade und LeBron James für Spiel 6 motiviert?




Tiago Pereira: Wir befinden uns im Jahre 1990, der 5. September um genau zu sein, irgendwo in den verwinkelten Gassen Brooklyns, in einer Tiefgarage ertönt ein Lachen. Ein schrilles Lachen, welches durch Mark und Knochen geht. Eine leise Brise streift das Ohr des Professors. Es lebt! Gekocht in einem Kessel aus Farmer Gold, geboren aus einem einzelnen Jordan Schuh, gebraut in J.R. Smiths feinsten Belaire Rosé, erblickte Lance Stephenson das Licht der Welt!

Um die sagenumwobene Geburt von 'Born Ready' ranken sich viele Mythen und Geschichten. Der Junge aus der Großstadt, der hinauszog auf die weiten Basketballfelder des Landes. Ein Benjamin Button der Neuzeit, der mit seinem Spiel einen ganzen Staat in den basketballerischen Ausnahmezustand brachte, ist die mediale Gallionsfigur der Indiana Pacers. Seine Kommentare werden Wort für Wort auf die Goldwaage gelegt, nur um sich später auf dem hölzernen Parkett als heiße Luft zu erweisen. Die Playoffs haben Lance nicht von seiner schönsten Seite gezeigt. Mehr denn je scheint es, dass die mentale Platzhaltermasse seines Oberstübchens eckiger läuft als ein chinesisches Uhrwerk. Dabei sollte New Yorks Finest den Gold Swagger zurück in den Blue Collar Staat zurückbringen. 

Doch Lance Stephenson wäre nicht Lance Stephenson, wenn ihn die Medien und der Trubel um seine Person ablenken würden. Zwar sitzen ihm Frank Vogel und seine Mutter im Ohr mit den Worten „Halt dich zurück Lance Junior!“, doch Stephenson schenkt dem Rauschen nur die Aufmerksamkeit seines Anrufbeantworters. Er ist der 8th Grader, er ist Born Ready und er wird, nachdem er  LeBron James zu Fall gebracht hat, der rechtmäßige Herrscher der NBA werden. 

Helden werden in der Not geboren und die Pacers sind mal wieder in höchster Not. 3-1 liegen die Farmjungen gegen die Hochgeborenen aus Miami zurück. Doch in Indianapolis bleiben sie cool, wie das Bier mit dem blauen Bergen. Klaustrophob ist keiner im Kornstaat, denn das Kuscheln mit dem Rücken zur Wand hat Tradition in Indianapolis. Die Pacers leben weiter und in Indiana pfeift ein einzelner Mann das Lied vom Tod.





Anno Haak: Wir sind alle Kinder der Michael-Jordan-Ära. Selbst Nachgeborene wissen, dass ein echter Superstar und MVP Spiele im Alleingang gewinnt oder zumindest den letzten Wurf nimmt. Wenn das Geld auf dem Tisch liegt, checkt man nicht. Man choked nicht. Man passt nicht. Man nimmt den Wurf. Den guten, den schlechten, egal. Eher lässt man sich Egoismus vorwerfen als Versagen. LeBron James ist anders. James hat das Basketballlehrbuch gelesen. Aber als das GOAT-Lehrbuch dran war, hatte er Masern. Man kann zwei Ringfinger in die Höhe halten und brüllen „Haters gonna hate!“

Man kann „Paxson“ oder „Kerr“ flüstern. Man kann den semi-intellektuellen Weg gehen und sagen: „LBJ ist mehr Magic als MJ!“ Vielleicht erlaubt man sich den Hinweis auf eine off-night (2-10 in Q4, (auch) dank Foulproblemen Karriere-Minuswerte in fast allen relevanten Kategorien), die den Ball in die Ecke auf Chris Bosh im Kontext des Abends zu einem smarten Play macht. Und man kann vom Ergebnis her argumentieren und darauf verweisen, dass es dasselbe Play war, das James und Bosh zu siamesischen Helden von Spiel 4 der Nets-Serie gemacht hat. Dass der Unterschied nur im Klingeln des Rings statt dem Rascheln des Nylon besteht.


Man hört sich alle Argumente an. Und sagt dann „Jordan!“. Superstars machen Superstar-Plays. Das Superstar-Play 10 Sekunden vor Schluss in einem Clincher-Game mit zwei Punkten Rückstand wäre der Wurf gewesen. Der eigene. Kommt mir nicht mit dem Nerd-Kram, dass der Eckendreier der effizienteste Wurf ist. Der Vierfach-MVP steht einen Schritt vom Ring entfernt. Trefferquote in den Playoffs an dieser Stelle: 79%! Nicht mal Ray Allen trifft 4 von 5 Dreiern. Stopf' ihn über Hibbert, mach' den Pumpfake und geh an die Linie. Mach irgendwas, aber mach es selbst! Klar war das Spacing mies (Allen, Bosh und Lewis stehen sich auf den Füßen). Klar war der Wurf trotzdem recht gut und kann fallen. Klar kann Bosh den Extrapass auf Jesus/Judas spielen. Aber Abhängigkeit ist der Preis, wenn man sein Schicksal in anderer Leute Hände legt. Superstars machen das nicht. Superstars machen das selbst!

Superstar-Plays macht in Spiel fünf Paul George. Die meisten Würfe sind ein Graus für Puristen. Contested, schwierig, bisweilen kaum Balance. Der Advanced-Statistiker und der old-school-Ballteiler pflanzen im Duett die Gesichtspalme. Zehn Schüsse in 12 Minuten, acht sind drin. Wer trifft, hat Recht. Wer im vierten Viertel Recht hat, ist ein Superstar. So wird der King zur Prinzenrolle in Spiel fünf. So ist das eben, seit diesem gewissen Michael Jordan.



Chris Schmidt: Wenn der beste Spieler eines Teams in einem wichtigen Playoff-Spiel nur die Hälfte der Spielzeit auf dem Parkett steht, handelt es sich entweder um eine ernsthafte Verletzung oder um echtes Foultrouble. Letzteres betraf Lebron James gestern in Spiel 5 der Eastern Conference Finals. In seinen ersten 13 Minuten auf dem Court sammelte er fünf Fouls. Dass die Heat am Ende trotzdem nur mit drei Zählern verloren, lag nicht etwa an einer Monster-Performance von Chris Bosh, sondern an schwachen Pacers…

James verbrachte den größten Teil der ersten Halbzeit nägelkauend auf der Bank. Nur einer seiner fünf Wurfversuche fand bis dato sein Ziel. Wer aber erwartet hatte, dass die Heat ohne James einbrechen, hatte die Rechnung ohne Rashard Lewis gemacht. Der Foward netzte gleich sechs Dreier ein (18 Punkte) und war auch maßgeblich daran beteiligt, dass Miami in der ersten Halbzeit ohne „LBJ“ auf dem Parkett um 13 Zähler besser war als die Pacers (mit LeBron: minus-4). Doch die Pechsträhne des Mannes mit der Nummer Sechs war noch nicht beendet. Zwei weitere Calls gegen ihn, teilweise sehr fragwürdig, schickten ihn prompt wieder zurück auf die Bank.

Und Paul George? Der lieferte fleißig ab, wie es sich für einen Leader gehört. Am Ende standen 37 Punkte, sechs Rebounds und sechs Steals auf seinem Konto. Von den 33 Zählern, die die Pacers im letzten Viertel erzielten, machte George alleine 21. So konnten sich die Pacers die Heat noch so gerade vom Leib halten. Denn LeBron war im vierten Abschnitt auch wieder mit von der Partie. So konnten die Heat die Partie zwischenzeitlich wieder ausgleichen und hatten am Ende mit einem Bosh-Dreier sogar die Chance auf den Sieg. Dieser verwarf aber, so dass die Negativ-Serie von „LBJ“ bestehen blieb: Erzielt James in den Playoffs 15 Punkte oder weniger, konnte sein Team noch nie gewinnen (0-9 All-Time). Weiterer Negativrekord: James war gestern als Scorer oder Vorbereiter nur an 21 Prozent (19 von 90) aller Heat-Punkte beteiligt. So einen kleinen Anteil hatte LeBron noch nie an einem Postseason-Spiel seiner Mannschaft.

Und trotzdem: Sorgen machen bei den Heat? Auf keinen Fall. Selbst mit einem völlig ineffektiven LeBron James schaffte es der amtierende Champion fast noch, in Indiana zu gewinnen. James wird jetzt wohl umso stärker zurückzukommen und den eigenen Fans eine Show bieten, damit Spiel 6 das letzte Eastern Conference Final-Game bleibt. 



• San Antonio Spurs - Oklahoma City Thunder, Gm. 5 (Stand: 2-2)
• Miami Heat - Indiana Pacers, Gm. 6 (Stand: 3-2)