27 Mai 2014

nbachefsquad | 27. Mai, 2014    @nbachefkoch





Playoffs, Baby! Die echte Saison ist endlich unterwegs. Bei so viel irrsinniger Action auf einmal würde es kaum Sinn machen, traditionell zu berichten und das Chaos-Element dieser Wochen zu vernachlässigen. Kein Grund zur Sorge: die nbachefsquad ist zur Stelle wie Chris Bosh und versorgt euch täglich mit den feinsten Petitsbouches zur NBA-Postseason.



Pascal Gietler: "Haters gonna Hate", das war schon immer so. Hast du Erfolg, wirst aber von vielen nicht gemocht, dann werden sie dir den Erfolg keinesfalls anerkennen. Deutlich wird dieses Phänomen besonders im Sport.

LeBron James ist mit seinen Miami Heat auf einem historischen Feldzug durch die Liga. Bisher haben es lediglich zwei Mannschaften jemals geschafft, vier Mal in Folge in die NBA-Finals einzuziehen. Diese Mannschaften waren keine geringeren als die Los Angeles Lakers und die Boston Celtics. Auf dem Weg in die Finals beansprucht James jetzt auch noch einen weiteren persönlichen Rekord für sich: er legte in Spiel 4 gegen die Indiana Pacers bereits zum 74. Mal in seiner Karriere mindestens 25 Punkte, mindestens 5 Rebounds und mindestens 5 Assists auf - Rekord! Bisher hielt ein gewisser Michael Jordan diesen Rekord (73 Spiele) und das ist Grund genug für alle "Anti-Heatles", auf die Barrikaden zu gehen: "Jordan hat's Zwischendurch mit Baseball versucht!", "Jordan hat noch im College gespielt, bevor er in die NBA kam!", "Zu Jordans Zeit war die erste Playoff-Runde noch eine Best-Of-Five-Runde!" und ähnliche Kommentare verbreiten sich in den sozialen Medien wie ein Lauffeuer. Zwar haben diese Kommentare ihre Berechtigung, denn schließlich verbirgt sich hinter diesen Aussagen viel Wahrheit, doch es ist immer wieder faszinierend zu sehen, dass gewisse Individuen es einfach konsequent ablehnen, sportliche Größe anzuerkennen.

LeBron James werden diese Kommentare heutzutage nicht mehr stören, immerhin stehen die Heat seit Montag mit einem Bein in den Finals. James konnte ein beeindruckendes Spiel zeigen (32 Punkte, 10 Rebounds, 5 Assists) und generell lassen sich seine bisherigen Leistungen in den Playoffs sehr, sehr gut ansehen. Das Ganze "Gehate" bringt also de facto nichts, außer ein paar "Daumen hoch" bei Facebook....Naja, wem's das wert ist...




Anno Haak: Ihr könnt Boxscores lesen. Ihr könnt Spiele sehen. Ihr habt mitbekommen, dass Chris Bosh wieder da ist. Ihr habt Euch gewundert, dass Rashard Lewis anno 2014 in Conference Finals startet. Ihr habt gesehen, dass Roy Hibbert seine Erstrundenform „wiedergefunden“ hat. Ihr wisst vermutlich auch nicht, in wessen Kopf Lance Stephenson gerade ist. Vielleicht sollte er einfach in seinem bleiben. Würde den Pacers vermutlich helfen. "If you can’t walk the walk, don’t talk the talk!"

Stephenson, der sich nach seinem Brandon-Jennings-Gedächtnis-Trashtalk-Anfall mit drei einfach nur beknackten Fouls selbst aus Spiel 4 nimmt, ist nur die Symbolfigur. Ich fange jetzt nicht wieder mit Granger an. Oder mit dem Andrew-Bynum-Fluch. Oder mit Schmuddelgeschichten um Paul George. Aber dieses Team, dessen Uniformen endlich die Farbe belegter Seelen haben statt des komischen Dotter-Gold-Gemischs, hat etwas Mehltauiges. Klar ist Miami das beste Team der Liga. Natürlich kamen diese Playoffs irgendwie zum falschen Zeitpunkt für Indiana.

Aber: die Pacers ackern ein Jahr für den Heimvorteil, verprassen ihn in Game 2 und lassen sich nahezu willenlos überrollen, als sie in Spiel 4 die wohl letzte Chance haben, sich Home Court Advantage wiederzuholen. Machen „beat the Heat“ zum Hoosier’schen Glaubenbekenntnis und verlieren „wire to wire“ zum eins zu drei. Wo ist die Dringlichkeit? Wo ist die Körpersprache? Wo ist George‘s Führungsqualität? Und wo um Gottes Willen, wo ist Roy Hibbert? Die Heat haben keine Waffen gegen ihn? Wozu auch? Der Roy-Hibbert-Antikörper ist Roy Hibbert selbst. Oder sein Kopf. Vielleicht sitzt da Lance Stephenson drin.

Diese von Hirnfürzen durchzogene, hilflose Gleichgültigkeit, die immer etwas von Kindern hat, die sich Fuß aufstampfend darüber beklagen, dass sie im Regen nass werden, macht einen als neutralen Beobachter, der sich spannende ECF wünscht, rasend. Vogel’s T zu Ende des dritten Viertels ist einfach Realsatire. Haslem’s Null-Kontakt-Verteidigung bringt den Coach auf die Palme!? Dafür nimmt man das technische mit? Hibberts Frustfoul gegen Allen wenige Minuten später ist von ähnlicher „Qualität“. Wie Halbstarke, die Laternen austreten, die schon Wackelkontakte haben. Und mittenmang David West, mit der resignativen Haltung eines Waldorflehrers unter Kleinkriminellen. Als die Anzüge angezogen sind, erzählt Paul G. was von Freiwürfen, die den Unterschied ausgemacht hätten. „Ansonsten waren wir auf Augenhöhe!“ Pointe? Fehlt. Ich könnte jetzt…Gehirnerschütterung... oder noch ein „Stephenson im Kopf…“-Witz? Der wäre zu einfach.

Bevor ich im Skip Bayless-Modus lande: hier schreibt kein Pacers-Fanboy, kein Heat-Hater, einfach ein Freund des orangenen Leders, dem es nicht in die Birne will, dass ein Team anscheinend von der eigenen Stärke (oder von was eigentlich) überwältigt wurde und gar nicht zu begreifen scheint, welche Chance es da gerade liegen lässt. Aber vielleicht ist es besser so. Spurs/Thunder gegen diese Pacers in den Finals? Da ist ja Boxscores lesen spannender…




Wolfgang Stöckl: Kennt ihr das, ihr sitzt bei gerade bei eurem Hausarzt und wollt ihm diesen hässlichen Ausschlag zeigen und er meint nur, dass ihr bei ihm falsch seid, weil er euch nicht helfen kann? Nein? Die Pacers kennen das. Dr. Hibbert versucht schon die ganzen Playoffs über, seinem Patienten Vogel klar zu machen, dass er Small-Ball nicht heilen, behandeln, ja nicht einmal lindern kann. Aber Patient Vogel kommt immer wieder in der Hoffnung, dass Dr. Hibbert vielleicht umgeschult oder sein Wissen erweitert hat. Weil Dr. Hibbert ein gutes Herz hat und sich an seinen hippokratischen Eid gebunden fühlt, versucht er seinem Patienten trotzdem zu helfen - mit bescheidenem Ergebnis.

In den letzten drei Partien, allesamt Siege, haben die Heat ein Offensivrating von 117 und ein Defensivrating von 94 erspielt, wenn Hibbert auf dem Parkett steht. Es kommt noch schlimmer: Miami ist sogar stärker als die Pacers beim Rebound, wenn Hibbert auf dem Feld ist. Noch einmal, langsam zum Mitschreiben: DIE-HEAT-SIND-BEIM-REBOUND-BESSER-ALS-DIE-PACERS-WENN-DEREN-2,20M-CENTER-AUF-DEM-FELD-STEHT. FG%, eFG%, TS%, sie alle sind auch klar besser, wenn Hibbert auf dem Platz ist. Wie schon in Runde eins haben die Pacers mit Hibbert große Schwierigkeiten, wenn ein Team klein und mit einem Stretch-Fünfer spielt. Hibberts Fähigkeiten den Korb zu bewachen, kommen dann überhaupt nicht zum Tragen. Am Perimeter ist er einfach nicht zu Hause. Hier verteidigt er tapsig, langsam und ungelenk, seine mangelnder Speed reißt immer wieder riesige Löcher in die Defensive der Pacers.


Gegen die Taktik der Heat gibt es nur zwei Mittel: Entweder Indiana nimmt die defensiven Probleme in Kauf, dann muss es aber offensiv in der Zone kontern. Dort müssten West und Hibbert absolut dominieren, Fouls ziehen, an die Linie gehen, hochprozentig abschließen. West kann das, Hibbert kann das ebenfalls, das hat er schon häufig bewiesen. Aber: das Aufbau- und Passspiel der Pacers ist zu behäbig und ungenau, um den Ball konstant an den richtigen Platz im Post oder in der Zone zu bringen. Ohne Druck innen werden die Pacers Erik Spoelstra kaum dazu bringen, Andersen oder Haslem mehr Spielzeit zu geben. 

Die zweite Möglichkeit ist, dass Indiana ebenfalls klein spielt. In diesem Fall würde West auf Center ausweichen. Toll wäre dann natürlich noch ein brauchbarer Flügelspieler von der Bank. So einen hatte Indy zwar mal, aaaaber… lassen wir das. Mangels Alternativen spielt Indiana mit Scola/West auf PF/C. Das ist zwar auch nicht optimal, aber schlechter als mit Hibbert in Spiel vier kann es kaum laufen. Hibbert sollte nur noch zum Einsatz kommen, wenn Andersen oder Haslem auf dem Feld stehen. Ob diese einfach Taktik reicht, um gegen die Heat noch ein Spiel zu gewinnen? Möglicherweise nicht, aber wie bisher kann es aus Sicht der Pacers auch nicht weitergehen.


Nachtrag: Am Beispiel Hibbert oder auch an Kendrick Perkins bei OKC sieht man sehr gut, dass die großen unbeweglichen Defensivspezialisten auf der Centerposition langsam aber sicher vollkommen aus der Mode gekommen sind. Zumindest die Zeit der großen, zweistelligen Millionen-Verträge dürfte für diese Spieler endgültig vorbei sein. Der heutige Center muss entweder offensiv brillieren (z.B. Al Jefferson), oder ein beweglicher, nach Möglichkeit athletischer  Defensivspezialist sein, der ein Pick & Roll eindämmen, schnell rotieren und am Perimeter auch kleinere Spieler bei einem Switch solide verteidigen kann. Leute wie Deandre Jordan, Anthony Davis, Larry Sanders (falls er sein Hirn wieder findet) oder Prototypen wie Kevin Garnett und Tyson Chandler. Center wie Hibbert werden in Zukunft wohl nur noch gefragt sein, wenn es die Aufstellung des Gegners zulässt.


Sebastian Seidel: Die Pacers haben enorme Größenvorteile unter den Körben, denn weder Chris Bosh noch Shane Battier können mit Roy Hibbert und David West in Sachen Größe und Masse mithalten. Diesen Vorteil spielten die Pacers in Spiel 1 sehr gut aus, der Ball ging immer wieder tief in die Zone zu West und Hibbert, die so gemeinsam 38 Punkte erzielten. Auch im Rebounding waren sie den Heat deutlich überlegen.

Doch nach Spiel 1 wichen die Pacers aus unerklärlichen Gründen von ihrer Taktik ab. In den nächsten Spielen erzielten Hibbert und West gemeinsam nur noch 22, 29 und 20 Punkte. Auch im Rebounding zeigten die Pacers keine Überlegenheit mehr, obwohl die Heat eines der schlechtesten Rebounding-Teams der Liga sind und in der regulären Saison nur 47.8% aller verfügbaren Rebounds (Rang 27) griffen.

Auch aus Chris Andersens Ausfall in Spiel 4 konnten die Pacers keinen Profit schlagen. Hibbert bekam offensiv nur sehr selten den Ball, und wenn, dann brachte er nichts zustande. Auf der anderen Seite traf Chris Bosh seine Dreier und zog Hibbert damit weit aus der eigenen Zone, was viel Platz für die Drives von LeBron James und Dwyane Wade schaffte. Dass der bisher so starke Dwyane Wade einen schlechten Tag erwischte, konnten die Heat locker verkraften. 

Die historisch gute Pacers-Defense greift bisher nicht, hielt die Heat nur einmal unter 95 Punkten. Die Zone ist trotz der vielen Minuten von Chris Andersen und Udonis Haslem lange nicht so gut geschützt, wie man es von den Pacers gewohnt ist. Sowohl Paul George als auch Lance Stephenson haben bisher überhaupt kein Gegenmittel für LeBron James und Dwyane Wade gefunden: beide schießen über 55% aus dem Feld und scoren weit über 20 Punkte pro Spiel.

Wenn die Pacers noch einmal zurück in die Serie kommen möchten, muss Roy Hibbert an beiden Enden des Feldes dominieren. Am offensiven Ende und an den Brettern können sich die Pacers eine erneute 0 Punkte und 5 Rebounds Performance von Hibbert nicht mehr leisten. Am defensiven Ende würde ein Hibbert, der den Ring wieder besser beschützt, sicherlich vieles einfacher machen für Indiana. Einen LeBron James und einen Dwyane Wade kann man nur im Teamverbund adäquat verteidigen, und die Gewissheit, einen Roy Hibbert hinter sich zu haben, würde für George und Stephenson - und das bilanzbeste Team der Eastern Conference - deutlich einfacher machen.


• Indiana Pacers - Miami Heat, Gm. 5 (Stand: 3-1)
• San Antonio Spurs - Oklahoma City Thunder, Gm. 5 (Stand: 2-2)