25 Mai 2014

nbachefsquad | 26. Mai, 2014    @nbachefkoch





Playoffs, Baby! Die echte Saison ist endlich unterwegs. Bei so viel irrsinniger Action auf einmal würde es kaum Sinn machen, traditionell zu berichten und das Chaos-Element dieser Wochen zu vernachlässigen. Kein Grund zur Sorge: die nbachefsquad ist zur Stelle wie Ray Allen in Crunchtime und versorgt euch täglich mit den feinsten Petitsbouches zur NBA-Postseason.



Tiago Pereira: Jesus S. fängt den Spalding in der linken Ecke. Die Zehen sind gespitzt und hinter der Dreierlinie, als er zum Sprungwurf hochsteigt. Fanfaren und ein Streichorchester begleiten den schönsten Bewegungsablauf jenseits Palm Springs. Zeitlose Kunst einer Perfektion, die durch Jahrzehnte langes Training und einsamen Nächten in Sporthallen erneut ihre Schönheit auf der größten Bühne der Welt demonstriert. Die Mona Lisa gehört in den Louvre, Ray Allens Jumpshot auf das Holzparkett der NBA!


Alles ist eine Routine: das Aufsteigen in die Luft, das Abklappen des Handgelenkes, der vorbeifliegenden Verteidiger und das Rascheln des Nylons. Hilflos muss der heranstürmende Hibbert es mit ansehen, wie die Vollendung der Perfektion aussieht. Bang! Ray Allen Finger signalisieren es, der Dreier sitz. Frank Vogel wirft das Handtuch, Auszeit Indiana! 

Erneut wurde Jesus S. zum Erlöser, denn Allen sicherte mit seinen 13 Punkten im vierten Viertel dem Meister den verdienten Arbeitssieg in Spiel drei. Feierlich eilt Allen von Chest Bump zu Chest Bump und am Mittelkreis lässt King James seinen Emotionen freien Lauf. Ein animalisches Brüllen entfährt dem König, als wolle er die Pacers noch vor Abpfiff aus seiner Arena verscheuchen.

Selten sah man King James derartig emotional, doch heute war auch nicht irgendein ein Sieg – heute wurde Geschichte geschrieben! Die Heat holen sich dank ihrer Big Three James, Wade und Allen den zweiten Sieg in den Eastern Conference Finals. Ein Sieg, der mit wenig Finesse, dafür aber mit einer Menge Herz gewonnen wurde. Viel wurde die letzten Tage über den Willen der Heat gesprochen, darüber, ob sie den Threepeat  überhaupt noch so richtig wollten nach zwei gewonnen Meisterschaften. Fürs erste setzte die Männer von Erik Spoelstra ein klares Zeichen, das zur Brandmarke für alle Zweifler wurde: Die Champs sind zurück!




Anno Haak: Eric Spoelstra darf nicht vergessen, seinen Körper der Wissenschaft zu spenden. Dass er mit gesunder Gesichtsfarbe dabei zuguckt, wie seine Mannschaft Spiel für Spiel vorsätzlich Richtung Abgrund stolziert, sich einmal vorbeugt, um sich dann nach hinten zu werfen, ist medizinisch nicht zu erklären. Auch in Spiel drei dieser Serie brauchen die Heat anscheinend wieder das innere Absperrband. Defensiv ist der Auftakt nicht mal unbrauchbar (am Ende sind 42 der 65 Indiana-FGAs 'contested'). Am fremden Ende des Feldes aber bastelt der Meister einen Basketball gewordenen Blutdrucksteigerer zusammen. Nach acht Minuten haben die Heat satte vier Punkte auf das Scoreboard genagelt, zwei ihrer neun Versuche aus dem Feld getroffen und sechs Mal den Ball weggeworfen. Der Zwischenstand: 17-4 (!) Pacers.

Spos Ruhepuls liegt anscheinend irgendwo innerhalb der „Jan-Ulrich-nüchtern“-Skala. Zunächst wird der offensiv zu Beginn erneut indisponierte Chalmers (3 TO in den ersten sechs Minuten) auf der Bank geparkt. Dann sucht der Trainer stoisch das Roster nach merkwürdig aussehenden Lineups ab (phasenweise „darf“ Rashard Lewis David West verteidigen. Rashard! Lewis!). Als Frank Vogel so verwirrt ist, dass er den High Post für einen bekifften Briefträger hält, sind seit der 17-4 Führung zum Auftakt zwanzig Nettospielminuten vergangen. James rammt den 1-gegen-0 Tomahawk durch die Reuse. Zum ersten Mal führt Miami. Wer jetzt noch an Indiana glaubt, glaubt auch an LeBron James‘ Heimkehr im nächsten Sommer. Aber der Reihe nach.


Der zweite Abschnitt beginnt. Ein albernes, mehrminütiges Isolations-Kasperltheater von Stephenson involviert auch den am Grund des selbstgebuddelten Lochs sitzenden Ex-MVP mental. Das erste Viertel hatte mit 14 Heat-Punkten bei 37% FG geendet. Als wäre alles nur eine Frage des Willens, netzt der Meister 20 seiner nächsten 30 Würfe. Im zweiten Viertel hält Indiana noch wacker gegen. Viertel Nummer drei ist ein Abriss. Elf ihrer 15 Versuche aus dem Feld versenken die Heat. Defensiv liegen die Fall(en)stricke. Mit acht Punkten Vorsprung cruisen die Heat ins letzte Viertel.

Indiana zeigt Herz, bleibt dran. George und Watson holen die South Beach Crowd mit zwei Dreiern zurück in den Sitz. Dann ist Zeit für „Mein Gott, Walter!“ Nichts geht über Joel Hans Embiid. Aber WALTER Ray Allen? Haken wie auf Mike Krügers Nase um den Pindown. Bang! Retroactive zum ersten, zum zweiten, zum dritten. Vier Dreier bei ebenso vielen Versuchen später steht Miami zu 76% in den Finals. Dass David West die foulbelasteten George und Hill bei der Verteidigung gegen Allen vertreten muss, schadet der Basketball-Bergpredigt naturgemäß nicht. Ein 30-Punkte-Turnaround gegen die beste Verteidigung diesseits der chinesischen Mauer ist perfekt.

Apropos 30: Spoelstras Gesichtsfarbe lässt auf gleichbleibenden Ruhepuls schließen. Gesund wie Dwyane Wades Knie. Auf die Nachfrage nach dem Spiel, ob er sich besser fühle als zur gleichen Zeit in der letzten Saison, antwortet Nummer 3 nur: „Yes!“ Ein Wort, das den bisherigen Unterschied zur engen Serie im vergangenen Jahr markiert.



Jan Wiesinger: Die "Miami Twice" LeBron James (26 Punkte bei 9-14 FG, davon 12 im dritten Viertel) und Dwyane Wade (23 Pts bei 9-16 FG) liefern in Hälfte zwei erneut eine Galavorstellung ab und übernehmen das Spiel. Defensiv erhöht Miami ebenfalls den Druck und nimmt die gegnerischen Spieler teilweise schon vor der Mittellinie auf. Die Pacers bleiben dennoch lange im Geschehen, ehe 'Flash' und 'King James' im letzten Abschnitt Unterstützung von Altmeister Ray Allen bekommen (16 Punkte, 4-4 Dreier) und die zunächst berechtigten Hoffnungen der Pacers auf einen Auswärtssieg vernichten wie einst Burt Gummer die Tremors in "Angriff der Raketenwürmer." Indianas Riesenwurm Roy Hibbert begann im ersten Viertel mit 10 Punkten furious, hatte dann aber wohl einen erneuten Bynum-Flashback und beendete das Spiel mit 16 Punkten und nur 2 Rebounds.

Trotz des Sieges in Spiel drei wird deutlich, wo die Probleme der Heat in dieser Serie liegen: Chris Bosh. In der letztjährigen Serie gegen die Pacers schon sehr schwach (11 PPG, 4,3 RPG bei 37,7% FG), ist seine bisherige Vorstellung in diesen Conference Finals schlichtweg unterirdisch (9 PPG, 4 RPG, 37%). Bosh liefert offensiv zwar das für die Heat-Offensive so wichtige Floor-Spacing, ist defensiv aber gegen Schwergewichtler wie Hibbert oder West maßlos überfordert. Sogar Luis Scola ließ Bosh in Spiel drei wie ein Lübecker Hütchen aussehen.

Mit Bosh auf dem Feld sind die Heat in dieser Serie minus-28. Auch wenn die Aussagekraft der plus/minus Statistiken mit Vorsicht zu genießen ist (Rashard Lewis lag in Spiel drei bei plus-21), so ist sie dennoch ein Indikator für die schwache Leistung des nominellen Centers, der in den ersten beiden Playoff-Runden noch stark aufgespielt hatte. Miami braucht Chris Bosh in dieser Serie, auch wenn die Form der Pacers und das Gesamtniveau dieser Conference Finals bisher noch deutlich unterhalb der letztjährigen Ausgabe anzusiedeln sind. Von Spielern wie Ray Allen oder Norris Cole darf man keine konstant herausragenden Leistungen über sechs oder sieben Spiele erwarten. Von einem All-Star wie Bosh hingegen schon. Miami braucht dauerhaft mehr als "Twice plus eins".




Sebastian Seidel: Was ist los mit Mario Chalmers? Der Point Guard der Miami Heat scheint noch nicht in seinen Playoff-Modus gefunden zu haben. Während sein Backup Norris Cole momentan im richtigen Moment aufdreht und ihm auch Minuten streitig macht (Spiel 3: Cole 33 Minuten Spielzeit, Chalmers nur 14), legt Chalmers in der Serie gegen die Pacers gerade einmal sechs Punkte und drei Assists im Schnitt auf. Dabei zeigte Chalmers in der regulären Saison durchaus neue Facetten in seinem Spiel. Begünstigt durch die vielen verpassten Spiele von Dwyane Wade übernahm er öfters auch mal das Ballhandling, machte seine Sache gut und stellte sein Career-High bei den Assists ein, das schon viele Jahre alt ist. In vielen Partien zeigte er, dass er eben nicht nur ein reiner Spot-Up-Schütze ist, sondern durchaus auch mal zum Korb ziehen kann.

Doch seit Beginn der Playoffs und der dadurch für Chalmers wieder kleiner gewordenen Rolle scheint er wie ausgewechselt, dabei ist Chalmers eigentlich ein Mann für die großen Momente. Dies beginnt mit seinem Clutch-Dreier im NCAA-Finale für Kansas und führt weiter über einen wichtigen Dreier in den Finals 2011 gegen Dallas oder seiner 25 Punkte Performance in Spiel 4 der Finals 2012.

Um in den Finals bestehen zu können, braucht Miami einen guten Mario Chalmers. Bisher reicht noch die dominierende Performance von Dwyane Wade und LeBron James, die zusammen 52% der Heat-Punkte erzielen. Doch wie sehr San Antonio Mannschaften dominieren kann, die sich zu sehr auf ihre besten beiden Spieler verlassen müssen, ist gerade in den Western Conference Finals zu bestaunen. Vor allem Mario Chalmers und Chris Bosh sind hier gefragt und müssen wieder auf ihrem Top-Level agieren, damit die Heat den Threepeat perfekt machen können.



Wolfgang Stöckl: Fünf Auswärtssiege in Folge, 15 Punkte Führung im zweiten Viertel, alles egal, denn nichts kann den amtierenden Meister aus der Ruhe bringen. Irgendwie schafft es Miami immer, im Spiel zu bleiben. Im vierten Viertel gibt es dann immer einen Spieler, der abliefert. Auch in Spiel drei gegen die Pacers. Miami startete äußerst gemächlich ins Spiel, man hatte nicht so recht das Gefühl, dass sie sich in den Conference Finals befinden, das sah eher nach Preseason aus. Permanent wurden die Bälle weggeschmissen und vorne fiel auch wenig. Anfangs konnten die Pacers das noch nutzen und eine 15-Punkte-Führung heraus arbeiten. Warum? Weil sie genauso spielten, wie sie das tun müssen, um eine Chance zu haben: Immer wieder fand der Ball West, Hibbert und sogar Scola in oder in der Nähe der Zone, Indiana nutzte seine körperlichen Vorteile aus.

Je länger das Spiel andauerte, desto seltener fanden die Pacers ihre Bigs in der Zone. Miamis Defensive rotierte immer schneller und konnte vermehrt Ballverluste erzwingen beim Versuch der Pacers, den Ball nach innen zu bringen. Gerade hier fällt immer wieder auf, wie gut den Pacers ein Spielmacher zu Gesicht stehen würde. George Hill kann es nicht wirklich, Stephenson kann zwar hier und da Offensive kreieren, aber auch nicht konstant.

Im Normalfall hätten die Pacers mit mindestens zehn Punkten Führung in die Halbzeit gehen müssen. Dass es nur vier waren hatten sie ihrer wieder ziemlich unproduktiven Offensive zu "verdanken." Gegen Teams wie Washington oder Atlanta kam Indiana damit noch durch, aber nicht gegen den Meister. Der schaltete in Halbzeit zwei im Angriff mal eben zwei Gänge nach oben. Spacing, Ball-Movement, 3-Punkte-Würfe, vieles funktionierte wieder wie auf Knopfdruck. Die Heat schossen in Halbzeit zwei über 60% aus dem Feld und trafen sieben ihrer elf Dreier. Wenn eine der besten Offensiven der Liga ihren Rhythmus findet, kann selbst eine Defensive wie die der Pacers wenig ausrichten.


Vor Spiel vier haben die Pacers jetzt richtig Druck. Einen 1-3 Rückstand werden sie sicherlich nicht mehr aufholen können. Was also muss besser werden bei den Pacers?

- Das Passpiel. Der Ball kommt nicht oder zu spät zu den richtigen Leuten, die Uhr tickt und
tickt und wenig bis gar nichts passiert. Am Ende steht ein schlechter Wurf oder - noch schlimmer - ein
Ballverlust (17 Turnovers in Spiel 3)

- Die Reboundarbeit. Die Pacers müssen ihre körperlichen Vorteile ausspielen. Das heißt nicht nur im Post, sondern auch an den Brettern. In Spiel 3 war die Bilanz bei den Rebounds ausgeglichen, das kann nicht passieren, darf nicht passieren gegen das schwächste Rebounding-Team der Liga

- Die Bank-Performance. Alleine Ray Allen brachte den Heat mehr als die komplette Bank der Pacers. Dazu noch der stark aufspielende Norris Cole und Chris Andersen, und die Bank der Pacers wird regelrecht zertrümmert. Bei den Startern können die Pacers locker mithalten, bei den Ersatzspielern allerdings nicht. Dass Vogel mittlerweile sogar auf Rasual Butler zurückgreift, sagt schon alles. Keine Bank Performance – keine Siege.

- George & Stephenson. In Spiel 1 sah man den Paul George aus der ersten Saisonhälfte, in Spiel 2 & 3 den aus der zweiten. Indiana kann nur gewinnen, wenn er stark spielt. Die Gehirnerschütterung nach Wades Knie an den Hinterkopf ist offensichtlich ein Faktor. Stephenson macht sehr viel auf dem Platz, ist einer von Indianas Besten. Wann immer Miami ihn mit Cole verteidigt, muss er das viel kaltblütiger auszunutzen. 


• Miami Heat - Indiana Pacers, Gm. 4 (Stand: 2-1)
• Oklahoma City Thunder - San Antonio Spurs, Gm. 4 (Stand: 1-2)