10 April 2014

Pascal Gietler | 10. April, 2014   






Die Utah Jazz sind in dieser Saison nicht gerade für erfolgreichen und guten Basketball bekannt. Dieses potentielle Problem zeichnete sich bereits in der vergangenen Free Agency ab, als der Klub beschloss, Al Jefferson und Paul Millsap nach Charlotte beziehungsweise Atlanta ziehen zu lassen. Die Jazz entschieden sich also bewusst dazu, mit Enes Kanter und Derrick Favors zwei hoch gepickte und sehr junge Big Men Utahs neuen Frontcourt bilden zu lassen. In der vergangenen Saison durften die Beiden schon des Öfteren nebeneinander auf dem Parkett stehen und waren für viele Beobachter und Advanced Stats-Gurus eine äußerst vielversprechende Kombination.

Die Advanced Stats-Lüge
Kanter und Favors waren in der Spielzeit 2012/13 das Back-Up-Duo von Millsap und Jefferson. Beide kamen in nahezu allen Partien von der Bank und konnten sich in ihrer gemeinsamen Zeit einen äußerst guten Wert in den Advanced Stats erspielen. Mit einem Defensivrating von 98,3 waren die Jazz mit den Beiden in der Line-Up statistisch herausragend - lediglich die Indiana Pacers und die Memphis Grizzlies hatten in der letzten Spielzeit insgesamt ein besseres Defensivrating. Diese überragende Zahl erarbeiteten sich die Beiden allerdings meistens gegen die zweite Garde des Gegners. Ein Nazr Mohammed ist eben kein Brook Lopez und ein Quincy Acy ist kein Blake Griffin.

In dieser Saison war das Duo Kanter/Favors defensiv sehr viel häufiger gefordert und scheiterte bisher kläglich. Als potenzieller Defensivanker einer Franchise ist ein Rating der Teamdefensive von 108,6 mit Kanter und Favors auf dem Parkett viel zu schlecht. Das Duo lässt in dieser Saison seine gute Mobilität und das solide Rebounding aus der letzten Saison komplett vermissen. Die beiden Big Men ergänzen sich auf dem Papier zwar gut, wirken aber in der Realität zusammen ziemlich überfordert. 


Weder Kanter noch Favors sind klassische Ringbeschützer, und weder Kanter noch Favors sind echte Seven Footer. Beide haben bei Post-Ups des Gegners enorme Probleme, dagegen zu halten. Besonders Favors konnte bisher seine Größe von 2,08 m nicht mit seiner definitiv vorhandenen Athletik kompensieren. Regelmäßig nutzen echte Center ihre physische Überlegenheit in der Zone aus und werfen mit Leichtigkeit über ihn hinweg. Nichtsdestotrotz hat Favors in der Defensive einen Schritt nach vorne gemacht. Seine Schnelligkeit, Athletik und besser werdende Antizipation machen es ihm möglich, den Spot-Up-Wurf seines Gegners bestmöglich herauszufordern.

An dieser Stelle ergänzen sich Favors und Kanter auf dem Papier ziemlich gut, denn Kanter hat bei Spot-Ups seine Probleme. Auch bei der relativ guten Pick & Roll Verteidigung von Favors kann Kanter nicht mit dessen Werten mithalten. Im Grunde sollte man nicht alleine Kanter und Favors dafür verantwortlich machen, dass die Jazz die wohl mieseste Verteidigung der Liga haben, aber ihre guten Zahlen aus der Vorsaison zeigen einem, dass nicht alles Gold ist, was an der Spitze der Advanced Stat-Kategorien glänzt.

Im Vorjahr wirkte es auch über weite Strecken so, als würden sich Kanter und Favors in- und auswendig kennen. Das Zusammenspiel war wirklich gut anzusehen und umso erstaunlicher war es für den Beobachter, dass sich Coach Corbin dazu entschloss, Enes Kanter nach durchwachsenem Saisonstart auf die Bank zu verfrachten, um Marvin Williams neben Derrick Favors starten zu lassen. Diese personelle Entscheidung hat sich vielen Leuten nicht ganz erschlossen, vor allem, da man aus perspektivischen Gründen am Salt Lake ohnehin nicht sonderlich daran interessiert gewesen sein konnte, viele Spiele zu gewinnen. Wieso Corbin dem „Jugend forscht“-Programm so früh den Wind aus den Segeln genommen hat, weiß womöglich nur Corbin selbst.

Mit Pauken und Trompeten

Eigentlich ging man davon aus, dass das Duo Kanter-Favors mit Pauken und Trompeten in die gegnerische Hälfte einmarschieren würde und offensiv in vielerlei Situationen für Gefahr sorgen könnte. Auch hier scheinen die Beiden optimal zu einander zu passen - zumindest auf dem Papier. Jeder scheint die Schwächen des anderen zu kompensieren. Während Favors sehr gut im Pick & Roll agiert (Trefferquote von 60,7% als Roll-Man) und durch seine überdurchschnittliche Athletik effizient am Ring finishen kann (61,1% FG in der Zone), macht Kanter mit einem ordentlichen Wurf das Feld etwas breiter (40% aus der Mitteldistanz) und kann seinen massiven Körper beim Aufposten besser nutzen als Favors.

Die Realität sieht jedoch nicht so gut aus, wie es das Papier vermuten lässt. Während Favors auch in der Offensive Fortschritte gemacht, sieht man beim Türken keinen wirklichen Fortschritt.

Kanters ordentliche Quoten gehen eher nach unten und aktuell ist sein Mitteldistanzwurf (trifft in den letzten zwei Monaten nur noch rund 20% aus einer Distanz von 4,8 Metern und mehr) keine große Gefahr mehr für das gegnerische Team.

Auch Favors sollte sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen. Jemand mit seiner Athletik sollte trotzdem noch ein, zwei zusätzliche Postmoves erlernen, um ein Gegengewicht zu besitzen.

Es macht jedoch den Anschein, dass Favors sein Spiel im Großen und Ganzen bereits gefunden hat und ihm lediglich noch der berühmte Feinschliff fehlt, um ein guter NBA-Starter und möglicherweise schon bald sogar ein Kandidat für eine 20/10-Saison zu werden.


Kanter hingegen muss in der Offseason dringend mit Big Man Coach Karl Malone an seinem Postgame und dem Pick & Roll arbeiten. In beiden Belangen sind die Qualitäten von Kanter noch nicht ausreichend, um in der besten Basketballliga der Welt langfristig bestehen zu können. Es würde womöglich auch helfen, wenn beide Youngster so viel wie möglich miteinander arbeiten würden, denn ein Offensivrating von 96,2 ist für ein solch talentiertes Frontcourt-Duo eigentlich viel zu wenig. Es liegt jetzt an der Disziplin der beiden und ein Stück weit auch am Staff der Jazz, den Offensivoutput und diese Zahl mit der Zeit anzuheben.

Wann wird die Theorie zur Praxis?
 
Auch wenn auf dem Papier alles gut aussieht und man in Utah nun mal mit der Tatsache leben muss, dass man sich im Sommer für Kanter und Favors entschieden hat, so hat das Duo in der nächsten Saison einiges zu beweisen. Kaum ein Big Man Duo reboundet schlechter, kaum ein Big Man Duo ist in der Defensive so überfordert. Das Alter der beiden Protagonisten dürfte für viele Utah Jazz Fans der hellste Hoffnungsschimmer sein. Kanter (21 Jahre) und Favors (22) haben ihr bestes Basketballalter noch längst nicht erreicht. Wenn beide miteinander und nebeneinander wachsen, dürfte dieser Frontcourt der wichtigste Bestandteil im Rebuild der Utah Jazz werden.