24 April 2014

Chris Schmidt | 24. April, 2014    @ChrisSchmidt27





Wer kennt sie nicht? Sobald während eines NBA-Spiels im amerikanischen Fernsehen die Werbung läuft, schaltet der NBA League Pass seine ganz eigene Werbung ein. Neben den Highlights der Woche, sehen wir auch immer wieder unterschiedliche NBA-Stars, die erklären, was denn für sie „BIG“ sei. Wenn Carmelo Anthony auf dem Stuhl Platz nimmt, erklärt er den besonderen Druck, den man hat, wenn man in New York spielt. Genau den Druck, dem viele Spieler, aber auch Head Coach Mike Woodson in dieser Saison nicht Stand gehalten haben…

„The expectations are sky-high“
So ließ sich die Situation auch vor dieser Saison beschreiben. Nachdem man in der Spielzeit 2012/13 als Zweiter im Osten die Regular Season beendet hatte und in den Playoffs erst in der zweiten Runde an den Indiana Pacers gescheitert war, erwarteten die Fans im Sommer in New York den nächsten Schritt. Endlich hatte man wieder ein Team, welches den langen Weg in die Finals schaffen könnte - so glaubte man. Lediglich die Veteranen Jason Kidd, Kurt Thomas und Rasheed Wallace verließen das Team in den wohlverdienten Ruhestand. Außerdem konnte Head Coach Mike Woodson nicht mehr auf Dreierspezialist Chris Copeland zurückgreifen, den es nach Indiana zog.

Diesen Mangel auf den großen Positionen wollte General Manager Glen Grunwald gleich mit Andrea Bargnani kompensieren, der via Trade aus Toronto kam. Der ehemalige Nummer-1-Pick, der sieben glücklose Jahre in Kanada hinter sich hatte, sollte eine weitere Wurfoption von hinter der Dreipunktlinie bilden, wo die Knicks 2012/13 noch ligaführende 10.9 Dreier pro Spiel einnetzten. Denn das Spielsystem von Woodson in der vorherigen Saison war simpel: den Ball hielt zumeist Carmelo Anthony in den Händen und der Rest verteilte sich um die schwarze Halbkreislinie, ab der die Würfe drei Punkte zählen. Nur ein Grund, warum die Knicks 2012/13 auf Rang 30 in Sachen „Assists“ abschlossen.

Zur neuen Saison sollte alles anders werden. Weniger Iso-Ball, noch mehr Teambasketball. Dazu wurde auch die erste Fünf verändert. Statt Smallball mit Melo auf der Vier setzte Woodson nun auf Neuzugang Andrea Bargnani neben Tyson Chandler. Anthony rückte wieder auf die Small Foward-Position. Doch das Experiment ging komplett schief. Bargnani traf nur 27,8 Prozent seiner Dreipunktwürfe und wurde in der New Yorker Arena schneller ausgebuht, als er „Madison Square Garden“ aussprechen konnte. Defensiv brachen die Knicks mit Bargnani in der Lineup komplett zusammen, besonders als man im November und Dezember 20 Spiele auf Defensivanker Tyson Chandler verzichten musste. In dieser Zeitspanne mussten die Knickerbockers 106.8 Punkte pro 100 Angriffe bei 47.1% Feldwurfquote des Gegners hinnehmen. Nur die Tank-Teams aus Philadelphia und Utah sowie Brooklyn, das sich noch in der Findungsphase befand, waren mieser.

Am eklatantesten offenbarten sich die defensiven Schwächen bei der Verteidigung des Pick&Roll’s. Egal ob der Ballhandler (44,2%) oder der Screener (58%!), die Knicks ließen beide sehr hochprozentig abschließen und rangierten in beiden Kategorien auf dem letzten Platz. Ebenfalls Schwierigkeiten bereitete das Verteidigen von Cuts, wo sie im Schnitt 1,26 Punkte pro Possession zuließen. Bei einer solchen Defense sind 45 Niederlagen quasi folgerichtig. Dass dies am Ende fast noch für die Playoffs gereicht hätte, lag natürlich mehr an der ganz schwachen Eastern Conference als an den New Yorkern selbst. Das man gegen eben diese Conference sogar noch 52 seiner 82 Spiele bestreiten konnte und es trotzdem nichts mit der Postseason wurde, sagt eigentlich schon alles über dieses Team.



„When you win a basketball game in New York…“
Dieser Fall trat in dieser Spielzeit nur 19 von möglichen 41 Mal ein, weshalb Head Coach Mike Woodson am Montag dann auch sein Büro räumen musste. In 188 Spielen mit den Knickerbockers kam Woodson auf 109 Siege. Doch nach der Ankunft des neuen „President of Basketball Operations“, Phil Jackson, waren seine Tage gezählt. „But the time has come for change throughout the franchise as we start the journey to assess and build this team for next season and beyond”, begründete Jackson den Rauswurf des kompletten Trainerstabes. Nun wird erwartet, dass ein alter Bekannter von Phil Jackson das Amt in New York übernimmt. Steve Kerr und Derek Fisher sind nur zwei Namen, die momentan in den Medien kursieren. Es wird auf jeden Fall jemand gesucht, der mit der Triangle Offense vertraut ist, die Jackson über so viele Jahre zelebrierte.

Nach all diesen Neuerungen steht den Knicks aber trotzdem alles andere als eine rosige Zukunft bevor. Das Wort „Rebuild“ schwirrt immer noch über dem Big Apple wie eine lästige Fliege. Einen Rebuild, den man sich eigentlich gar nicht leisten kann. Carmelo Anthony wird im Sommer Free Agent und dazu noch 30 Jahre alt. Zwei Tatsachen, die den Knicks-Fans Sorgen bereiten müssen. Melo will einen letzten Max-Contract herauskitzeln und in dieser Zeit dann auch bei einem Contender spielen. Ein Rebuild mit einem 30-jährigen Superstar, der unbedingt noch einen Titel gewinnen will, funktioniert nicht. Rebuild funktioniert auch meistens dann nicht, wenn kein Cap Space und keine Draft Picks vorhanden sind. Im Sommer 2014 erfüllen die 'Bockers gleich beide Kriterien.

Ihr 2014er Erstrundenpick wurde 2011 im Melo-Trade nach Denver transferiert (dasselbe gilt auch für den 2016er First Rounder). Somit besitzen sie im sehr stark besetzten Draft keinen Pick und müssen weiter auf ihre alten Kräfte bauen. Diese Schlussfolgerung kann man auch aus den aktuellen Vertragssituationen ziehen, da die Knicks in 2014/15 nach jetzigem Stand sicher etwa 68 Millionen Dollar zahlen müssen. Dazu kommt noch das Salär von Anthony, welches bei einem Max-Contract etwa bei 25 Millionen Dollar liegen dürfte. 

Zwar erklärte sich Melo dazu bereit, auf Geld zu verzichten, allerdings bliebe trotzdem kaum Platz mehr unter dem Cap, um noch wirklich namhafte Spieler nach New York zu locken. So steht wohl erstmal ein weiteres Jahr ohne wirkliche Identität an. Die Playoffs müssen mit dem Kader das Ziel sein, von einem Contender zu sprechen, wäre aber weit übertrieben. Erst im Sommer 2015 können entscheidende Moves gemacht werden. Ein Erstrundenpick und viel Cap Space (Stoudemires, Bargnanis, Chandlers Verträge laufen aus) ermöglichen dies. So muss der Fokus darauf liegen, 2015 einen weiteren dicken Free Agent-Fisch an Land zu ziehen. Das würde dann nicht nur endlich wieder mehr Siege bringen, sondern hätte auch Auswirkungen auf Carmelos Zukunft, denn…

„…there is no better place in the world“
Bist du dir da sicher, Melo? Wir nehmen dich beim Wort. Denn in diesem Sommer wird es wohl noch so einige Teams geben, die dich vom Gegenteil überzeugen wollen. 

Chicago gilt weiterhin als einer der Frontrunner auf den Syracuse-Absolventen. Immerhin sucht der, nach eigener Aussage, nicht das große Geld, sondern die besten Chancen, um in den nächsten Jahren einen Titel zu gewinnen. Mit einem fitten Derrick Rose und einem Joakim Noah unter dem Korb sollte dies besser funktionieren als bei einem Team mit einer ungewissen Zukunft. So dürfte ihn wohl auch die Tatsache nicht stören, dass er bei jeder anderen Franchise „nur“ 95 Millionen Dollar in etwa vier Jahren verdienen würde, während er in New York City in fünf Spielzeiten 130 Millionen Dollar in den Rachen geworfen bekäme.

„Wenn nicht jetzt, wann dann?“, lautet die Devise. Die Knicks müssen ihn im Sommer davon überzeugen, dass mit Phil Jackson, dem neuen Headcoach und der Triangle Offense auch der Erfolg zurück zu den Blau-Orangenen kommt. Und dass sie sich 2015 von Altlasten wie Stoudemire oder Bargnani befreien werden, um ihm einen Co-Star zur Seite zu stellen. Kevin Love, Rajon Rondo, LaMarcus Aldridge oder Goran Dragic wären nur ein paar Spieler, die im Sommer 2015 auf dem Markt sind und somit Ziele des New Yorker Front Office sein könnten. Den „Zen Master“ im FO zu haben, verleiht der Franchise natürlich eine zusätzliche Anziehungskraft, die sie bei der Jagd auf diese Stars auch benötigt. 

Vertraut Melo dem Management und gibt den Knicks noch ein Jahr Zeit, damit die ihm dann endlich einen Contender zusammenstellen? Oder will er nicht mehr länger warten und sofort auf Titeljagd gehen? Knicks-Fans müssen realisieren, dass es nur eine Werbung ist und Melo vielleicht schon bald in einem ganz anderen Jersey auf dem kleinen Hocker sitzen könnte und erzählen würde, wo er denn am liebsten seine Spiele gewinnt.