19 April 2014

Roman Schmidt | 19. April, 2014    @sch_rom




Playoffs, Baby! Nach einem elend langen Vorgeplänkel geht es ab diesem Samstag endlich ans Eingemachte. Verabschiedet euch also von euren Liebsten, legt alle Planungen und sozialen Verpflichtungen vorerst auf Eis und deckt euch mit reichlich Proviant ein, denn in den nächsten knapp acht Wochen gibt's nur Basketball - auch hier bei NBACHEF. Wir haben uns die acht Erstrunden-Serien angeschaut und für euch acht Erstrunden-Speisepläne zusammen gestellt. Bon Appetit!


John Wall hat es geschafft. Es hat fast vier Jahre und die schlechteste Eastern Conference seit langem gebraucht, nun ist er mit seinen Washington Wizards in den Playoffs. Seit 2008 kommt in der US-Hauptstadt nur Playoff-Feeling auf, wenn der amtierende Champion das weiße Haus besucht. Ironischerweise hat nun das Lieblingsteam des Präsidenten, die Chicago Bulls, die Ehre, das Ende dieser Durststrecke live mitzuerleben und wird sein Bestmöglichstes geben, den Wizards-Aufenthalt auf diesem ungewohnten Terrain so kurz wie möglich zu gestalten. Was kann Washington dem entgegen werfen?

Die Wizards haben dort weitergemacht, wo sie letzte Season aufgehört haben, nämlich mit einer Defense-first Mentalität und einer Offense, die sich auf Slice & Kick und starke Dreierschützen spezialisiert hat. Ihre Defense ist weitgehend unterschätzt (Top 10 in Points allowed) und bereits hier kann man sich wundern, wie dieses Team im Osten nur den 6. Rang (44-38) belegen konnte. Sie haben außerdem während der Season mit Prof. Andre Miller und Drew Gooden (einige werden sich vielleicht noch an seine Zeit im Bulls-Jersey erinnern, mein Gott wir werden alt) zwei produktive Rotationsspieler für ihre schwache Bank aus dem Nichts zaubern können. Ihre Bilanz der letzten 10 Spiele ist 7-3, unter anderem mit einem Sieg gegen Miami. Auffällig ist, dass die Wizards in den vielen Power Rankings des Internets in 90% der Fälle nie die Plätze 10-20 verlassen haben - sie waren also immer mittelmäßig.

Die Regular-Season-Fahrt der Bulls hingegen glich einer Achterbahn. Wie viele Teams sind in der Vergangenheit von „Die spielen um den Titel mit“ über „Verdammt, das wird dieses Jahr nichts.“ zu „Okay, sie tanken.“ nach „Was für eine Season, die können jedem im Osten ärgern.“ gefahren? Um diese Absurdität von Saison auf die Spitze zu treiben, haben die Chicago Bulls seit dem Luol Deng Trade auch noch die beste Bilanz des Ostens (34-16). Geholfen hat ein starker Endspurt über die letzten 10 Spiele (8-2), der zwar nur zwei Teams über .500 aufwies, allerdings gleichzeitig eine 96-78 Klatsche für die Wizards enthielt (in Washington). Chicagos Defense ist, wie inzwischen gewohnt, elitär und rangiert auf Platz 2 bei den kassierten Punkten. Die Wizards sind hungrig und die Bulls sind wütend und schlagfreudig wie eh und je. Lasset die Spiele also beginnen.


• Season Series: 2-1 Wizards
• Während die Wizards in den ersten beiden Spielen jeweils 50% und 52% aus dem Feld trafen, reichte es im dritten Spiel nur noch für 39,5%
• Die Wizards treffen von ihren 20,8 Dreiern pro Spiel sehr gute 38% (Top-5 in der Liga, gleichauf mit Golden State), während nur zwei Teams weniger versuchte Dreier pro Spiel zulassen als Chicago (18,7), ebenfalls Top-10 Wert
• Wall trifft in dieser Season 50% seiner Würfe mit 20,7 Pkt und 8 Ast pro Spiel gegen Chicago. Die Bulls Defense bekam ihn nie richtig zu fassen
• Die Pace der Serie wird laaaaaaaaaangsam. Es treffen Platz 18 (Wizards) und 29 (ratet mal) aufeinander
Joakim Noah ist nach Wilt Chamberlain, Bill Russell und Kareem Abdul-Jabbar der vierte Center, der 12 Pkt, 11 Reb und 5 Ast pro Spiel erzielt hat. Wer diesen Fakt verrückt findet, ist nicht bereit für den nächsten Absatz
• Noah hat in der gesamten Liga die meisten Assists im vierten Viertel (123). Mit gutem Abstand zu CP3 (91), Stephen Curry (95), John Wall (109),…
• Outside Shooting ist das wichtigste Element der Wizards Offense und Wall trägt einen großen Teil dazu bei. Die Wizards sind das einzige Team mit vier Spielern, die jeweils mindestens 100 Dreier getroffen haben (Ariza, Beal, Webbster, Wall). Kein Team nimmt mehr Corner-Dreier pro Spiel, was von der neuen Schule als einer der besten Würfe im Spiel gesehen wird. Allein Ariza traf 81 dieser Dreier, von denen John Wall satte 55 assistiert hat. Die beiden sind das ligabeste Corner-Three-Duo, mit Abstand. Allgemein hat Wall in diesem Jahr 247 Dreier vorbereitet, 51 mehr als der nächstbeste NBA-Akteur.
Tom Thibodeaus defensive ICE-Taktik provoziert Würfe aus der Mitteldistanz, den die neue Schule als den schlechtesten Wurf im Basketball ansieht. Nur die Pacers erzwingen mehr Midrange Shots als die Bulls (von denen nur 37,8% fallen, Top-5 Wert), seit dem Deng-Trade stehen die Bulls sogar an erster Stelle in dieser Kategorie.
• Die Gegner der Brooklyn Nets verursachen in jedem sechsten Angriff (6.25) einen Turnover. Nur die Miami Heat verursachen mehr Chaos im gegnerischen Spielaufbau


Warum die Bulls gewinnen:
Um die Statistik der Midrange Shots aufzugreifen: Was die Wizards Offense von wahrer Größe abhält, ist der Berg an Midrange-Backsteinen, die sie Spiel für Spiel stapeln (ligaweit die meisten Midrange Shots). Sie haben in diesem Jahr mehr dieser Würfe genommen als in der Restricted Area und treffen dabei nur 38,1%. Das macht die Wizards-Offense sehr anfällig für die Ice-Ice-Bulls, und wir können uns darauf einstellen, dass die Wizards mehr Würfe aus der Mitteldistanz nehmen werden, als unsere Augen ertragen können.

Die Wizards haben offensichtlich ihre Probleme in der Halfcourt Offense und genau in diesem Halfcourt Game glänzen die Bulls wie wenig andere Teams. Sie verstehen es perfekt, die Luft aus den Sets des Gegners zu saugen und diesen zu schlechten Würfen zu motivieren. Die Defense der Bulls wird den Wizards in diesem Matchup keinen Gefallen tun. Außerdem könnte das Coach-Matchup Thibodeau vs. Randy Wittman kaum unausgeglichener sein. Wittman glänzt zuweilen mit der schlechtesten Bilanz aller Zeiten für einen Coach mit über 400 Spielen. Thibodeau hat in vier Saisons mehr Siege (205) als Wittman in acht (191). Yikes.

Dass Wall ein Problem ist, wird jedem in Chicago klar sein, doch Kirk Hinrich hat nicht erst letztes Jahr gegen D-Will in den Playoffs gezeigt, dass er gegnerische Point Guards zur Weißglut treiben kann, wenn er einen Gang höher schaltet. Außerdem bleibt zu hoffen, dass Kirk nach seiner Wizards-Vergangenheit noch eine Rechnung mit seinem alten Klub offen hat. Dass Wall während der Saison so gut gegen die Bulls getroffen hat, ist in der Postseason vergessen; Chicago wird nicht ihn, sondern Leute wie Trevor Ariza und Bradley Beal zwingen, sie zu schlagen.

Achja, und die Bulls gewinnen schlicht und ergreifend, weil sie den besten All-Around-Center der Liga in den Reihen haben. Marcin Gortat ist definitiv ein unterschätzter Center, doch er wird sich an Noah die Zähne ausbeißen. Außerdem hat er den Ruf, gegen harte Interior Defense abzutauchen. Viel härter als Noah und Taj Gibson wird es nicht mehr. Gortats Frontcourt Partner, Nene, ist noch nicht lange von einer sechswöchigen Auszeit zurück und hat noch nicht seine alte Explosivität zurück erlangt. Ich gebe mal kurz ab an Yannick Noah: Haben die Wizards eine Chance gegen die Bulls?















Vielen Dank, Monsieur Noah. Zurück zur Preview.

Warum die Wizards gewinnen:
John Wall ist zu schnell. Es gibt in der Liga nur eine Hand voll Spieler, die mit ihm mithalten können. Ohne Derrick Rose haben die Bulls keinen, nicht einmal ansatzweise. Wer auch immer bei den Wizards einen Defensivrebound pflückt, wird sofort Wall suchen und ihn auf die Reise schicken. Wenn er Fahrt aufnimmt, kann Chicago nichts mehr gegen ihn ausrichten und wird gezwungenermaßen in Foultrouble geraten. Seine Geschwindigkeit im Halfcourt ist ebenfalls kaum zu verteidigen, und sollte Wall per Pick & Roll in die Zone ziehen können, wird den Bulls Schlimmes blühen, genau wie den vielen anderen Opfern der 'Wizards Hawk Roll'.


Auch wenn sie es nicht zugeben werden, schielen die Wizards auch ein wenig auf Noahs Gesundheit. Der Big Man war dieses Jahr erstaunlich lange unverletzt (80 Spiele im Vergleich zu 66 letztes Jahr), obwohl er mit Plantar Fasciitis an einer Angelegenheit leidet, die bei zu hoher Belastung wieder aufbricht. Er spielt kaum weniger als letztes Jahr (35,3 zu 36,8 Minuten pro Spiel) und es ist nicht unwahrscheinlich, dass Noahs Fuß ihm in Zukunft wieder Probleme bereiten wird. Sollte das passieren, hindert die Wizards nichts mehr am Erreichen der 2. Runde.

Mit Nene haben sie außerdem genau die Art des physischen Forwards in den Reihen, der Noah und Gibson (Carlos Boozer mal ganz außen vor gelassen) Schwierigkeiten bereitet. Wenn er sich von seiner Verletzung erholt hat, kann er den Bulls mit seiner Länge (größer als jeder Bulls-Power-Forward) Probleme bereiten. Letzten Endes ist es jedoch einfache Mathematik: Können die Bulls John Wall nicht vor sich halten, haben die Wizards alle Karten in der Hand und das Upset schon halb in der Tasche.