07 April 2014

Axel Babst | 7. April, 2014   






Was einen Anfang hat, muss auch ein Ende haben, und das NCAA Basketball-Turnier der Männer stellt da keine Ausnahme. Niemand hatte auf UConn und Kentucky im Finale getippt, aber hier sind wir nun: Siebter gegen Achter, Huskies gegen Wildcats, Storrs gegen Lexington, Rookie-Coach gegen alten Haudegen, Upperclassmen gegen Freshmen, Kontinuität gegen One-and-Done. Wer reckt heute die Trophäe in Arlingtons Nachthimmel?


UConn Huskies (#7)

Halbfinale
Connecticut - Florida (63-53)
Einen Traumstart erwischten die favorisierten Florida Gators im ersten Halbfinale. Bereits nach wenigen Minuten lagen sie mit 16:4 in Front. Alle Zahnräder griffen ineinander. Streaky Shooter Michael Frazier traf seinen ersten Dreier, Patric Young wurde unter dem Korb angespielt und dieser konnte dort seine physische Überlegenheit ausspielen. Insgesamt agierten die Gators als Team. Ein Indiz dafür war z.B. die Tatsache, dass die ersten fünf Feldkörbe von fünf verschiedenen Spielern erzielt wurden. Aber auch die Defense zog den Huskies früh den Zahn. Shabazz Napier wurde zunächst komplett aus dem Spiel genommen. Die Presse, sowie wechselnde Verteidiger waren ihm in der Anfangsphase sichtlich suspekt, sodass er erst nach gut sechs Minuten zu seinem ersten Wurfversuch überhaupt kam. Insbesondere Scottie Wilbekin verteidigte exzellent und ließ Napier nicht zur Entfaltung kommen.

Doch als Wilbekin die erste längere Pause bekam, geriet das Spiel des Teams von Billy Donovan ins Stocken. Napier hatte, nun von Frazier verteidigt, mehr Freiräume und nutzte diese prompt, indem er mit seinen Penetrationen Lücken in die Verteidigung des Favoriten riss und in DeAndre Daniels und Ryan Boatright Abnehmer fand. Diese versenkten ihre Würfe plötzlich hochprozentig und binnen kürzester Zeit war UConn wieder auf Tuchfühlung.

Zwar schaffte es Billy Donovan nach Auszeiten immer wieder die Ordnung im Spiel seiner Mannschaft neu herzustellen und setzte viele verschiedene taktische Mittel (Switchen beim Pick & Roll, aggressive Presse) ein, um Napier nicht das Punkten zu ermöglichen und zu ermüden, doch die sich häufenden Erfolgserlebnisse im Angriff gaben dem Huskies-Guard neue Energie.

Kurz vor dem Seitenwechsel unterlief Donovan aus meiner Sicht ein Fehler: Er wechselte zu einer 2-3-Zone. Dadurch boten sich mehr Räume für UConns Rollenspieler wie Niels Giffey, die die auch sofort zu nutzen wussten. Symbolisch hierfür war der erste Führungswechsel durch ein And-one von Giffey, nachdem dieser sich im Rücken der Verteidigung davongeschlichen hatte. Zur Halbzeit führte UConn mit drei Punkten (25:22).

In die zweite Halbzeit startete nun der Underdog besser. Angeführt von Napier als Dirigent der Offense konnte sich UConn zwischenzeitlich sogar auf 31-22 absetzen. Die Offensive des Champs der Jahre 2006 & 2007 wirkte hingegen uninspiriert und ideenlos. Speziell mit Hill auf der Eins hatte die UConn Defense leichtes Spiel und konnte einfach die Zone verbarrikadieren, sodass Casey Prather über endlos viele Blöcke geschickt wurde, um überhaupt eine Möglichkeit zum Korb zu eröffnen. Doch UConns Coach Kevin Ollie hatte sein Team darauf gut vorbereitet. Die Offense des Titelfavoriten biss sich die Zähne aus, was zu vielen erzwungenen Aktionen führte, die wiederum in vielen einfachen Fastbreak Punkten für Boatright & Co. resultierten.

Billy Donovan ließ nichts unversucht und probierte mit einer großen Aufstellung und einer aggressiven 1-3-1-Zone Ballverluste zu forcieren, doch Napier legte sich die Defense so zu Recht, wie er sie haben wollte. Florida konnte sich zwar immer wieder heran kämpfen, doch nie das Spiel komplett drehen, denn in kritischen Phasen hatte Napier immer die passende Antwort im Petto. Einzig Patric Young stemmte sich mit Leibeskräften gegen die drohende Niederlage, aber die Offensivbemühungen seines Teams waren insgesamt zu harmlos und berechenbar. UConn spielte sehr gute Scouting Report Defense und ließ den Gators-Schützen keinen Raum zum Atmen, während die Non-Shooter komplett unbeachtet blieben und so gut wie gar nichts beitrugen. Alles in allem siegte Connecticut hochverdient und überraschend deutlich mit 63-53.



Kentucky Wildcats (#8)

Halbfinale:
Kentucky - Wisconsin (74-73)
Das Spiel begann auf beiden Seiten mit spürbarer Anspannung. Viele Angriffe wirkten hektisch. Das lag insbesondere daran, dass beide Aufbauspieler in den ersten Angriffssequenzen viele schlechte Entscheidungen trafen. Traevon Jackson nahm in den Anfangsminuten viele verfrühte Würfe und verpasste es, seine Mitspieler miteinzubeziehen. Sein Pendant auf Wildcats-Seite, Andrew Harrison, verursachte hingegen zu viele Ballverluste und ließ sich zu vielen unkontrollierten Aktionen hinreißen. Einzig James Young konnte seine Scoring- und Wurfqualitäten unter Beweis stellen, sodass er sieben der ersten neun Punkte für Kentucky erzielte.

Bereits in diesen ersten Minuten bis zur ersten Timeout konnte man erste Trends und den Gameplan beider Teams erkennen. Kentuckys Devise war demnach wenig überraschend und bestand darin, mit Volldampf zum Korb zu ziehen. In der Defense wurde schnell erkennbar, dass Coach Calipari Wisconsins Big Man Frank Kaminsky im Post doppeln wollte. Bo Ryan auf der Gegenseite wollte den Entry Pass in den Post gar nicht erst zulassen und trichterte seinen Postverteidigern ein, sich um ihren Gegenspieler herumzuschlängeln und den Pass abzufangen. Das funktionierte in der ersten Halbzeit auch ein paar Mal sehr gut.

Den ersten erkennbaren Vorsprung konnte sich Wisconsin erspielen. Angetrieben von einem gut aufgelegten Ben Brust setzten sich die Badgers innerhalb kürzester Zeit auf 17:9 ab. Sinnbildlich für diesen kleinen Zwischenspurt waren zwei Szenen, in denen sich mehrere blau gekleidete Spieler gegenseitig auf den Füßen standen und von einem einzelnen Wisconsin Spieler überrumpelt werden konnten, was zu zwei Brust-Dreiern führte. Kentucky fing sich jedoch schnell wieder und ließ sich nicht abschütteln. Die Cats attackierten weiter hart den Korb und zogen dadurch viele Fouls. Ein möglicher Wendepunkt schien Mitte der ersten Halbzeit eingetreten zu sein, als Trae Jackson mit zwei persönlichen Fouls auf der Bank Platz nehmen musste. Doch sein Vertreter Bronson Koenig erfüllte die Rolle des Spielmachers hervorragend und verhinderte, dass bei Wisconsin ein Bruch ins Spiel kam.

In den letzten Minuten der ersten Hälfte steigerten beide Teams ihre Offensivleistung. Beide Teams erkannte die Schwächen der gegnerischen Pick & Roll Verteidigung und nutzten sie aus. Bei Kentucky führte dies zu Lobanspielen auf die Big Men, bei Wisconsin konnten immer wieder Mismatches kreiert werden, die dann der ballführende Spieler verwerten konnte. Außerdem brachten die Dachse den Ball nun häufiger zu Kaminsky, der ein gutes Auge für seine Mitspieler bewies und viele freie Dreier ermöglichte. Wisconsin führte recht komfortabel, bis Bo Ryan ein Coaching-Fehler unterlief, zumindest aus meiner Sicht, da er mit einer sehr schwachen Lineup, die so quasi nie auf dem Spielfeld gestanden hatte, dafür sorgte, dass das Momentum zugunsten der Wildcats kippte. Dementsprechend ging der Two-Seed mit lediglich vier Punkten Abstand in die Pause (40-36).

Auch die zweite Hälfte begann aus Sicht der Ryan-Truppe verheißungsvoll, dank eines Dreiers von Sam Dekker. Wutentbrannt nahm John Calipari eine Auszeit und rief seine Schützlinge zur Raison. Die deutlichen Worte schienen bei den Freshmen angekommen zu sein, denn es folgte ein 15-0 Lauf. Besonderen Anteil daran hatten James Young, der in einem Angriff vier Punkte erzielte (verwandelte einen Wurf mit Foul, sicherte anschließend den Rebound beim vergebenen Freiwurf und schloss direkt wieder ab), Dakari Johnson, der unter den Körben eine Macht war und von Wisconsin nicht im Zaun gehalten werden konnte, und Alex Poythress, der wieder einmal seine Qualitäten in Ringnähe unter Beweis stellte. Insgesamt wirkte Kentucky jetzt wesentlich wacher, ging den eigenen Würfen hinterher und dominierte zusehends mit einer aggressiven Spielweise. Wisconsin agierte sehr fahrig und nahm viele untypische, weil überhastete Würfe. Schließlich lieferte ein weiterer Bankspieler die wichtigen Impulse für das Big Ten Team, um den Lauf zu stoppen: Duje Dukan. Mit fünf aufeinanderfolgenden Punkten gab er seinem Team neues Selbstbewusstsein. Zudem stellte Ryan in der Folge seine Offense um und wechselte von der berühmten Swing Offense zur Horns Offense, die mehrere Optionen bot, aus denen sein Spieler viele gute Würfe wählten.

Das Spiel war auf der Messers Schneide angelangt. Bis zur Schlussminute konnte keine Mannschaft mehr einen Lauf starten, und beide Teams lieferten sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Beim Stand von 71-71 ging es in die Schlussminute. Traevon Jackson nutzte seinen Erfahrungsbonus gegenüber Andrew Harrison, der bereits vorher eine schlechte Entscheidung traf und einen Distanzwurf nahm, anstatt zum Korb zu ziehen. Jackson beförderte den Freshman mit einer Wurftäuschung in die Luft und zog clever das Foul. Von den drei fälligen Freiwürfen konnte Jackson allerdings nur zwei verwandeln (das war der erste und einzige Fehlversuch Wisconsins an der Linie). Im Gegenangriff entschied sich Calipari vollkommen überraschend dagegen, eine Auszeit zu nehmen. Andrew Harrison zog zum Korb, sprang in die Luft und beging deswegen fast einen Schrittfehler. Erst im letzten Moment fand er noch einen Abnehmer. Auf Umwegen landete der Ball schließlich bei Aaron Harrison auf dessen Lieblingsposition auf dem linken Flügel, von wo aus Harrison aus gut acht Metern den Gamewinner einnetzte.

Das Finale

PG
Shabazz Napier vs. Andrew Harrison
Napier hat wesentlich mehr Erfahrung, ist in der Form seines Lebens und der wesentlich ausgewogenere Spieler. Er lenkt die Geschicke seines Teams sehr gut und versteht es mittlerweile auch, seinen Farben dann Erfolg zu bescheren, wenn er nicht in der Lage ist, selber zu punkten, sondern seine Mitspieler in Szene setzen muss. Trotzdem wird es interessant sein, wie sehr ihn Harrisons Größe und Physis in seiner Leistung beinträchtigen können. Harrison muss weiter aggressiv zum Korb ziehen, um Fouls zu schinden, darf dabei aber nicht die Kontrolle verlieren.

SG
Ryan Boatright vs. Aaron Harrison
Boatright hat einen kleinen Erfahrungsbonus und ist wesentlich schneller auf den Beinen. Dafür unterscheidet sich sein Entscheidungsverhalten immer noch kaum von dem eines Freshman. Zudem muss er Mittel finden, Harrison den Wurf so gut es geht zu erschweren, denn aufgrund des deutlichen Größennachteils kann Harrison eigentlich jedes Mal über Boatright drüber werfen.

SF
Niels Giffey vs. James Young
Der Deutsche hat ein höheres Spielverständnis, wesentlich mehr Erfahrung und ist der bessere Allroundspieler. Young besitzt zwar einen guten Wurf, darf sich aber nicht zu sehr darauf verlassen, zumal Giffey etwas größer ist, was für Young eine ungewohnte Situation sein dürfte. Young kann mit seiner Gefährlichkeit jenseits der Dreierlinie aber zumindest dafür sorgen, dass Giffey weniger Hilfen geben kann.

PF
DeAndre Daniels vs. Julius Randle
Setzt Daniels seine Leistungsexplosion fort, wird Randle große Schwierigkeiten haben, den guten Schützen zu verteidigen. Gerade dadurch, dass Daniels gerne mal an der Dreierlinie herumlungert, kann Randle nicht so konsequent zum Rebound gehen wie sonst. Auf der Gegenseite muss Daniels aber sauber verteidigen und darf nicht in Foulprobleme geraten. Hier kommt es auf die Teamdefense der Huskies an, den physischen Randle möglichst früh zu stoppen und vom Offensivrebound abzuhalten.

C
Philip Nolan vs. Dakari Johnson
Nolan ist etwas beweglicher und der bessere Verteidiger. Johnson spielt aber bislang ein starkes Turnier und ist, wenn er denn Ball unter dem Korb erhält, nur sehr schwer zu verteidigen. Gerade weil Nolan einiges an Masse abgibt, sollten die Huskies bereits den Entry Pass nach Möglichkeit verhindern.

Reserve
Amida Brimah, Lasan Kromah, Terrence Samuel vs. Alex Poythress, Marcus Lee, Jarred Polson
Die Reservisten zeichnen sich in erster Linie dadurch aus, dass sie sehr athletisch sind und für neue Energie sorgen sollen. Besonders die Verteidigung fällt unter ihr Spezialgebiet. UConn hat ein leichtes Plus, was die Erfahrung angeht, Kentucky ist dafür tiefer und qualitativ hochwertiger besetzt. X-Faktoren sind für mich die Freshmen der Huskies. Wenn Brimah keine dummen Fouls begeht und auch seine Fehlerquote in der Offense minimiert und Samuel weiterhin furchtlos, aber kontrolliert seinen Stiefel runterspielt, hat UConn gute Chancen, das Bankduell für sich zu entscheiden.

Die Coaches 
Kevin Ollie vs. John Calipari
Ollie versteht seine Spieler sehr gut und kennt ihre Vorlieben. Er bereitet sein Team sehr akribisch auf den Gegner vor und schüttelt immer wieder Asse aus dem Ärmel, um den Mangel an Talent gegenüber dem Kontrahenten zu neutralisieren. Zudem ist er ein Energiebündel an der Seitenlinie und feuert seine Spieler an. Calipari hingegen hat ein deutliches Plus an Erfahrung und weiß, wann er eine Auszeit nehmen muss, um das Spiel in die richtigen Bahnen zu lenken. Allerdings muss er die mangelnde Konzentration seines Teams zu Beginn von Halbzeiten in irgendeiner Weise abstellen. Bisher konnten sie zwar immer noch den Kopf aus der Schlinge ziehen, aber Calipari muss dafür immer wertvolle Auszeiten opfern. Diese Taktik dürfte im Finale nicht erneut aufgehen.

Prognose
Mein Gefühl sagt mir, dass Kentucky sich das Ding nicht mehr nehmen lassen wird. Sie wollten ihre Kritiker Lügen strafen und haben dies in eindrucksvoller Manier geschafft. Nun wollen sie die Reise abschließen und die Championship gewinnen. Sie sind das talentiertere, tiefere, körperlich überlegene Team. Trotzdem sollte man UConn nicht abschreiben und aus deutscher Sicht sollte man auf keinen Fall den Kopf in den Sand stecken. Die Huskies sind deutlich erfahrener und im College Basketball gibt die Erfahrung normalerweise den entscheidenden Ausschlag. Der alle überragende Napier kann sein Team auf verschiedene Weisen schultern und zum Sieg führen und will seine Karriere mit einem zweiten Titel krönen. Sollten die Huskies bis Mitte der zweiten Halbzeit unbeschadet im Rennen bleiben (sprich: kein Leistungsträger in Foulproblemen und das Team vorne oder in Schlagdistanz), traue ich ihnen den Sieg zu.