14 April 2014

Rainer Ludwig | 14. April, 2014    @Sly_S04






Julius Erving hatte bereits eine ABA-Meisterschaft gewonnen. "Dr. J" galt als Zuschauermagnet, Ikone, Phänomen und bester Basketballer auf diesem Planeten. Doch im Jahr 1975/76 sollte er sich für sämtliche Basketball-Romantiker mit der vielleicht besten Saison aller Zeiten endgültig unsterblich machen.

Vor jener Saison gab es immer noch die Skeptiker. Erving habe seinen ersten ABA-Titel nur aufgrund der Mitgliedschaft in einem Team aus lauter All-Stars gewonnen, hieß es. Mit Mitspielern wie George Gervin sei es nicht allzu schwer, eine Meisterschaft zu gewinnen, hieß es damals unisono bei den treuen Fans, die lieber in die ABA-Hallen marschierten, statt sich mit dem schwachen NBA-Produkt jener Zeit zufrieden zu geben. Spektakulär und fesselnd sei er ja, dieser Julius Erving, ob er aber eine Mannschaft ohne echten Star zum Titel führen könnte, wagten viele zu bezweifeln.

Genau mit dieser Ausgangslage gingen die New York Nets in die Spielzeit '75/76. Nach dem Ausscheiden in den Playoffs ein Jahr zuvor hatte man in New York ernsthafte Konsequenzen gezogen und den halben Kader kernsaniert. Mit Larry Kenon und Billy Paultz mussten zwei Schlüsselspieler des einst elitären Frontcourts die Mannschaft verlassen. Auch Back-Up Point Guard Mike Gale zog es weg zu neuen Ufern. Im Sommer 1975 kam bei einem Flugzeugabsturz auch noch der Back-Up von Erving, Wendell Ladner, ums Leben. Diese vier Akteure hatten als Mikrowellen im Meisterschaftsjahr immer wieder entscheidend für Energie von der Bank gesorgt.

Ohne diese elitäre Bank konnte New York eigentlich nicht einmal ansatzweise an eine erfolgreiche Saison im Big Apple denken. Als Ersatz akquirierten die Nets Swen Nater, Rich Jones, Kim Hughes und Bob Warren. Nater war zweifacher All-Star und führte die Liga in der Kategorie Rebounding an. Mit dem schnellen Fastbreak- und Run & Gun-Stil der Nets sollte der Riese nie zu Recht kommen. Phasenweise sollte der alte Hase sogar so schlechte Leistungen auf's Parkett bringen, dass die Nets sich gezwungen sahen, ihn während der Saison zu einem anderen Team zu verscherbeln. Jones und Hughes sollten auch nie wieder an ihre elitäre Form früherer Tage herankommen und waren kein großer Faktor mehr für die Mannschaft. Die Nets waren nun nicht mehr breit aufgestellt und verkamen gerade im Gegensatz zu den Star-Truppen der Denver Nuggets und San Antonio Spurs mehr und mehr zu einer One-Man-Show. Die Nuggets zum Beispiel waren so stark, dass sie im ABA All-Star Game die komplette Starting Five stellten und das Spiel gegen den Rest der Liga auch noch für sich entscheiden konnten.

Ervings beste Mitspieler in New York waren in jenem Jahr zwei Streaky-Shooter: Brian Taylor und John Williamson. Insbesondere Williamson war die Inkonstanz in Person. Auf ein 30-Punkte-Spiel lies er fünf oder gar sechs furchtbar ineffiziente Nächte folgen, in denen er den Fluss der Offensive mehr einschränkte als förderte. Wer J.R. Smith heutzutage jeden Tag beim "Arbeiten" zusieht, weiß in etwa, wie er sich Williamson und das Ganze vorzustellen hat.


In der Regular Season gelang Erving etwas historisches: Er war in sämtlichen statistischen Kategorien unter den Top-10 vertreten. Dies gelang vor und nach ihm niemanden mehr. Nicht mal vielseitigen Spielern wie Oscar Robertson, Magic Johnson, LeBron James oder Larry Bird. Erving rangierte auf Platz 3 bei den Steals, belegte Platz 7 bei den Blocks und Assists, holte sich die fünftmeisten Rebounds und wurde eben mal nebenbei auch noch Scoring-Champ mit 29,3 Punkten pro Abend. In den Aspekten Feldquote und Dreierquote war er ebenfalls unter den Besten der Liga vertreten.

Michael Jordan wurde viele Jahre später dafür gefeiert, dass er in zwei aufeinanderfolgenden Jahren als erster die ultimative Schallmauer von 200 Steals und 100 Blocks durchbrechen konnte. Jordan war jedoch nicht der Erste, dem solch eine historische Leistung gelang. 1975/76 blockte Erving 160 Würfe und klaute 207 Bälle. Seit diese Werte offiziell gezählt werden (in der ABA ab 1973/74, in der NBA ein Jahr vorher) sind Hakeem Olajuwon und Erving die einzigen Spieler mit einer 100/200 Saison und einer 200/100 Saison. (zwei Jahre zuvor gelangen Erving 190 Steals und 204 Blocks).

"Rise to the occasion" sagt der Amerikaner, wenn er ausdrücken möchte, dass jemand im wichtigsten Moment der Saison zur Bestform aufläuft. Auf keinen Anderen traf dieses Sprichwort eher zu als auf Julius Erving. Wie man oben anhand der Statistiken eindrucksvoll sehen kann, hievte Erving in den Playoffs und insbesondere in den Finals sein Spiel noch einmal auf ein völlig neues Level. Es sollte nicht das letzte Mal in seiner Karriere sein, dass ihm dieses Kunststück gelang.

In den Conference Finals wartete mit den San Antonio Spurs zunächst eine schwere Aufgabe auf Erving und die Nets. Es sollte eine unglaublich physische Serie werden. Bill Paultz, der ehemalige Protagonist der Nets, verankerte mittlerweile die Defensive der Spurs. Paultz war jedoch nicht der einzige ehemalige Teamkollege Ervings, der nun das Trikot des Gegners überstreifte. Der im Jahr zuvor verschiffte Kenon sann ebenfalls auf Rache gegen sein altes Team. Kenon galt zur damaligen Zeit als potenter Scorer und effektiver Rebounder. Beide Spieler sollten mit ihrer extrem ruppigen Spielweise für ein raues Klima in dieser Serie sorgen. Opfer ihrer unnachgiebigen und brutalen Help-Defense sollte immer wieder Julius Erving werden.

Der Star der Spurs war jedoch George "The Iceman" Gervin. Der ehemalige Teamkollege Ervings hätte sich aufgrund seiner historischen Leistungen damals ebenfalls einen ausführlichen Blog verdient. Es sei nur so viel für den Moment gesagt: Aufgrund seines breitgefächerten Arsenal an Scorer-Moves war der 'Iceman' für die Siebziger das, was Kevin Durant heute ist.

Als Anführer der Spurs fungierte James Silas, der bei der MVP-Wahl in jenem Jahr Platz zwei belegte. Silas' Leistungen sind historisch unterschätzt. Er galt als der spirituelle Anführer der Spurs. Derjenige, der seinen Teamkollegen durch seine äußere Erscheinung und seinem Auftreten auf dem Platz Sicherheit verlieh. Silas wurde am Ende der Saison ins All-ABA-First-Team gewählt und Gervin ins Second-Team. Mit anderen Worten: Die Nets stellten zwar mit Erving den besten Spieler der Serie, alle Spurs-Starter waren aber talentierter als der nächstbeste Nets-Akteur hinter Erving.

Nachdem sein Team in der Serie bereits mit 1-2 hinten lag, nahm sich Erving ein Herz und riss die Serie an sich. Es ist dieses Herz, was viele seiner Anhänger wohl stets am meisten an ihm bewundert haben. In Spiel 4 erzielte der Doktor 35 Punkte und 14 Rebounds - inklusive Gamewinner zum Sieg. In Spiel 5 erzieltr er einen weiteren Game-Winner (insgesamt lieferte er sieben in jenen Playoffs!) und blockte obendrein den Wurf zum möglichen Ausgleich. In Spiel 6 erzielte er 31 seiner 41 Punkte in der zweiten Halbzeit, obwohl seine famose Performance nicht zum Sieg reichte. Die Spurs mit ihren vier All-Stars (Gervin 37 Punkte, Silas 23, Gale 20 und Paulitz 19) behielten knapp die Oberhand, 106-105.

Seine beste All-Around-Leistung in dieser Serie hob sich Dr. J für's entscheidende Elimination-Game 7 auf, in welchem er 28 Punkte, 18 Rebounds und 8 Assists auflegte. Erving versuchte unbedingt, seine Teamkollegen per Vorlagen ins Spiel zu bringen, von denen keiner so recht in diese Serie hinein finden wollte. Beim Stande von 114-114 gab New Yorks Coach zwei Minuten vor Schluss jedoch die eindeutige Anweisung, jeden Spielzug über Erving laufen zu lassen. Jahre später sollte der Trainer zugeben, dass es die Nets fast die Serie gekostet hätte, dass Erving so selbstlos agierte. Die Schlussphase verläuft aus Ervings Sicht wie folgt: Sprungwurf über vier ausgestreckte Arme des Gegners, Block gegen Gervin, Steal gegen Gervin mit anschließendem Coast-to-Coast Slam, noch ein Block gegen Gervin und schließlich ein Dreipunkte-Spiel zum 121-114 Endstand. Die Spurs konnten nicht glauben, was in den letzten zwei Minuten passiert war, aber die Nets standen im Finale.

Dort lauerte nun aber eine noch viel größere Herausforderung auf die Nets: die Denver Nuggets. Die stellten die beste Mannschaft der regulären Saison, aufgestellt von Hall-of-Fame Coach Larry Brown. Mit Dave Thompson konnten sie den besten Center der ABA in ihren Reihen aufweisen. Thompson war neben Dave CowensKareem Adbul-JabbarNate Thurmond und Bill Walton einer der besten Pivoten der 70er Jahre. Er gilt als einer der drei besten Spieler der Nuggets-Historie. Der damals amtierende Rookie des Jahres stellte für seine Gegner schon im ersten Profijahr ein nicht zu stoppendes Low-Post-Monster dar. Zusammen mit Dan Issel, einem weiteren ABA-Star, führte Thompson die Nuggets zur besten Bilanz der Liga (60-24). Zu diesem Duo gesellten sich in persona von Bobby Jones noch der beste Verteidiger der späten 70er und früher 80er Jahre, der anschließend auch in der NBA zum besten Defensivspieler gekürt werden sollte. Ergänzt wurde das Trio durch Ralph Sampson, der den Ballvortrag übernahm und immer wieder in der Crunchtime zu Höchstform auflief.

Ervings Leistungen in den Finalspielen waren nicht von dieser Welt. In der ersten Begegnung scorte der Flügelspieler 45 Punkte (17-25 FG). Er traf Sprungwurf um Sprungwurf von der Baseline, ließ die Hilfe des Gegners durch Fadeaway-Jumper ins Leere laufen und stopfte zweimal direkt ins Gesicht von Thompson. Im vierten Viertel erzielte er 18 der letzten 22 Nets-Punkte und traf mal wieder den Game-Winner zum 120-118 Endstand mit Ablauf der Uhr.

Nuggets-Coach Brown nannte diese Performance Jahrzehnte später eine der beeindruckendsten aller Zeiten. Das typische für Julius sei stets gewesen, dass er nie wie Michael Jordan mit Wut und Entschlossenheit zerstört habe, sondern mit Flair und Stil wie ein Gentleman. Man konnte ihn selbst als Gegner nie verachten, sondern musste seine Leistungen einfach genießen. Brown ging sogar noch weiter. Er sagte, dass er genau zweimal in seinem Leben erlebt habe, wie ein Spieler ein gesamtes Team zerstörte. Einmal LeBron James gegen die Boston Celtics 2012, und Erving an jenem Abend.

Kann ein Spieler noch mehr brillieren, als Erving in Spiel eins der Finalserie? Ja, wie Erving nur eine Nacht später eindrucksvoll unter Beweis stellen sollte. 48 Punkte, 14 Rebounds und 8 Assists erschienen nach Spiel zwei in seinem Statistikbogen. Mit 25 Punkten im vierten Viertel hält er, zusammen mit Isiah Thomas, den Rekord für die meisten Punkte in einem Final-Viertel - wenn die NBA die ABA-Statistiken anerkennen würde. 37 Punkte in der zweiten Halbzeit einer Final-Partie sind bis heute unerreicht.

In der dritten Begegnung erhielt Erving endlich auch die dringend benötigte Unterstützung von seinen Teamkollegen. Williamson und Jones lieferten 28 respektive 22 Zähler, aber wieder war es Erving, der in der Crunchtime erneut zum Helden avancierte, als er mal wieder in den einen höheren Gang schaltete, der nur seinem Motor zur Verfügung stand. Die Nummer 32 erzielte die letzten acht Punkte seiner Mannschaft, die 117-111 gewann.

Spiel 4 und 5 sollten dann recht eindeutige Angelegenheiten für die jeweiligen Sieger werden. Durch die erstmals hergestellte Reboundüberlegenheit und den daraus folgenden Fastbreak-Motor, der zur Hochform auflief, dominierten die Nets Spiel vier. Erving erzielte 34 Punkte und 20 Rebounds. Denvers Bobby Jones lobte Dr. J später für seinen Basketball-IQ. Erving sei sich über die Korrelation von Rebounds und Fastbreak-Möglichkeiten bewusst und habe spätestens nach Spiel 3 erkannt, dass seine Teamkollegen in dieser Serie kein Scheunentor treffen und nur im Fastbreak effektiv sein konnten. Also entschloss sich Erving kurzerhand, jeden Rebound zu krallen, um danach selbst den Fastbreak für seine Teamkollegen einzuleiten. In Spiel 5 dominierten dan wieder die Nuggets am Brett und legten so den Fastbreak der Nets komplett lahm. Außer Erving (15) holte keiner seiner Mitspieler mehr als 4 Rebounds, was im Prinzip schon alles über den desolaten Zustand des New Yorker Frontcourts aussagte.

Im letzten Spiel der Serie sah zunächst alles danach aus, als würden die Nuggets ein alles entscheidendes siebtes Spiel erzwingen. Die All-Star-Truppe aus Denver führte komfortabel, ehe der eigentlich so ruhige Erving in einer Auszeit die Rede des Jahrhunderts hielt und seine Teamkollegen damit inspirierte. Es folgte eine sechsminütige Fullcourt-Presse der Nets, die in dieser Zeitspanne zehn Turnover der Nuggets generierten. Angeführt von Erving, der wild entschlossen zwischen der Timeout und dem Ende des dritten Viertels alleine fünf Bälle klaut, 18 Punkte erzielt und 6 Assists verteilt, ziehen die New Yorker ihrem Western Conference Kontrahenten den Zahn. Für die Nuggets ist dieser furiose Nets-Run zuviel des Guten. Die Partie ist entschieden. Erving wird zum zweiten mal ABA-Champion und anschließend zum Finals-MVP gewählt.

Zuletzt noch ein paar Worte zur ABA: Viele Experten sind der Meinung, dass man diese Liga in der historischen Betrachtung nicht richtig ernst nehmen könne. Es heißt, in der ABA habe man das Verteidigen nicht so ganz ernst genommen und die NBA schon immer habe mehr spielerische und taktische Qualität zu bieten gehabt. Wenn man schon so argumentiert, sollte man aber auch eine Ausrede dafür parat haben, dass in der Saison '76/77 (Jahr eins nach der Fusion zwischen NBA und ABA) mit den Denver Nuggets und San Antonio Spurs zwei unveränderte Teams auf Anhieb mit die besten Verteidigungen der Liga stellten und direkt Contender-Status erlangten. Beide Teams, Nuggets und Spurs, sollten in den Folgejahren immer wieder tief in die Playoffs gelangen. Wie erklären sich diese Leute, dass fast 50 Prozent des All-Star-Teams und der All-NBA-Teams jener Zeit aus ehemaligen ABA-Akteuren bestand?

Ich möchte mir kein Urteil darüber erlauben, wie man die ABA historisch einordnen soll oder muss, jedoch empfinde ich die Argumente der ABA-Kritiker als skurril und teils widersprechen sich die Experten auch selbst in ihren Aussagen. Im Finale 1976 wurde Julius Erving von einem der besten Verteidiger aller Zeiten gedeckt: Bobby Jones. Nach der Fusion wechselte Julius Erving zu den Philadelphia 76ers. Während die Nuggets und Spurs auch in der NBA konkurrenzfähig blieben, fielen die Nets ohne Erving ins Bodenlose und wiesen die schlechteste Bilanz der gesamten Association auf. Dieser Fakt sollte den Impact von Julius Erving noch einmal eindrucksvoll unter Beweis stellen und demonstrieren, wie facettenreich und historisch einmalig das ehemalige Aushängeschild des Basketballs im Jahre 1976 agierte.