02 April 2014

Hauke Büssing | 2. April, 2014    @ballwerkorange





„Muh“, sagt die Kuh. „Oink, oink“, sagt das Schwein. „Vollkommen gleichgültig, was ihr uns auch antut, von hier oben kriegt ihr uns nicht weg“, sagt der Bulle. Chicagos NBA-Team hat sich mit all seiner Sturheit im oberen Drittel der Eastern Conference festgebissen und seine Hörner tief in die Selbstverständlichkeit der Playoffs geschlagen. Momentan befindet sich die Windy City punktgleich mit Toronto auf dem dritten Platz im Osten – und das, obwohl diese Saison alles andere als ein Siegeszug ist.

Blicken wir auf die vergangenen sechs Jahre zurück, liest sich die Geschichte der Bulls wie eine griechische Tragödie. Zu Beginn liegt die Welt in Trümmern. Der Klub befindet sich noch immer mitten in einer post-Jordankalyptischen Landschaft, einem depressiven Zustand sich langsam einschleichender Mittelmäßigkeit, die in jedem Jahr spätestens in der ersten Playoff-Runde ihr Ende nimmt.

Doch am Horizont keimt Hoffnung auf. Hometown Hero Derrick Rose fällt dem Verein quasi in Sterntaler-Manier in die Hände, mit Joakim Noah und Luol Deng entwickeln und etablieren sich außergewöhnliche Rollenspieler, die die Lücken füllen. Das Konzept der Bulls ist klar strukturiert: Ein Franchise-Spieler, eine Handvoll hart schuftende Zuarbeiter und eine Ausrichtung, die so defensiv ist, dass sich der Klub eigentlich in Die Stachelschweine umbenennen müsste.

Die Jahre ziehen ins Land, und plötzlich präsentiert sich Chicago wie ein Titelkandidat, der über eine Dekade hinweg die Favoritenrolle spielen wird. Rose gewinnt die MVP-Trophäe. Das Team setzt sich zwei reguläre Saisons in Folge an der Spitze der Tabelle fest. Und dann? Dann wird aus der Erfolgsgeschichte ein Trauerspiel, aus der Komödie ein Horrorstreifen: Eine Erzählung voranschreitender Traurigkeit, die Tränen rollen und Fan-Herzen brechen lässt.

Miami macht den Bulls nämlich im Mai regelmäßig den Garaus. Rose verletzt sich am Knie, fällt faktisch drei Jahre lang aus. Und im Januar 2014 scheint auch die Vereinsführung aufzugeben. Quasi ohne Gegenwert verschifft General Manager Gar Forman Deng, seinen zweifachen All-Star und Free Agent in spe, nach Cleveland. Chicago ist am Ende. So müsste man zumindest meinen. Doch wer das denkt, hat die Rechnung ohne den manischen Willen von Chef-Trainer Tom Thibodeau und die herrlich-aufmüpfige Ignoranz der aktuellen Mannschaft gemacht. Konzeptgetreue Systemarbeit steht in der drittgrößten Stadt der USA noch immer im Vordergrund, und nur weil die besten beiden Spieler des Teams weggebrochen sind, heißt das nicht, dass man nicht trotzdem um den Titel mitspielen kann.

Dank Noah, dessen Name bereits in die Trophäe des besten Verteidigers gemeißelt wird, Taj Gibson, Jimmy Butler und der noch immer soliden Arbeit von Carlos Boozer gehören die Bulls weiterhin zu den Spitzenteams des Ostens. Ihr erstaunliches Resümee haben sie allem voran ihren Defensivbemühungen, ihrer Uneigennützigkeit und ihrer hochgradig intensiven Art zu verdanken. „In einer Trainingseinheit im Sommer war ich bereits seit fünf Stunden in der Halle“, erinnert sich Noah. „Doch Coach Thibs wollte dennoch immer mehr, immer mehr. Irgendwann habe ich dann zu ihm gesagt: ‚Weißt du, wenn wir nicht so erfolgreich wären, würde ich dich wirklich hassen.‘ Er lachte nur und antwortete: ‚Jo… Das würde mir mit dir ganz genauso gehen.‘“

Doch Schweiß, Tränen und Blut zahlen sich aus: Lediglich 97,8 Punkte kassiert Thibodeaus Truppe diese Saison durchschnittlich in 100 Angriffen, ein Wert, den nur die Indiana Pacers toppen. Angeführt von Noahs 11,1 Rebounds, 1,5 Blocks und 1,2 Steals pro Partie, machen die Bulls ihrem Gegner regelmäßig das Leben zur Hölle. Chicago nimmt das Tempo aus dem Spiel (lediglich 92,8 Angriffe im Schnitt), verteidigt härter als Bruce Lee trainiert und bezieht in der Offensive alle fünf Mann mit ein. Ohne Überflieger wird eben die Mannschaft zum Star. Bis auf die Atlanta Hawks bereitet kein Team in der gesamten NBA so viele ihrer Körbe direkt vor wie die Gehörnten (65 Prozent).

Was jedoch am meisten auffällt, ist die Entwicklung der von Vielen bereits abgeschriebenen Back-Up-Aufbauspieler unter Thibodeau. C.J. Watson, Nate Robinson, D.J. Augustin und in Zukunft hoffentlich auch Jimmer Fredette haben in Chicago bemerkenswerte Entwicklungen genommen, sich in tragende Rollen hochgearbeitet und Karrierewerte aufgelegt, die ihnen große Verträge eingebracht haben. Wie geht so etwas?

Letztlich ist alles dem Mind-Set der Organisation geschuldet. Wo andere schlappmachen, wird in Chicago das Tempo angezogen. Wo manche ruhig werden, schreit die Windy City extra laut. „Muh“, sagt die Kuh. „Oink, oink“, sagt das Schwein. „Jetzt erst recht, ihr Weicheier!“, sagt der Bulle und scharrt mit den Hufen. Aus seinem Maul läuft weißer Schaum. Ich würde mich nicht mit ihm anlegen wollen.



Hauke Büssing schreibt auch für die FIVE und ist Gründer und Chefredakteur von Ballwerk Orange. Auf ballwerkorange.de findet ihr viele lesenswerte Artikel über Sport, Popkultur und die NBA.
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