31 März 2014

Daniel Schlechtriem | 31. März, 2014   







"If you're scared of the wolves, don't go into the woods!" Mit diesem signifikanten litauischen Sprichwort stellte sich Donatas Motiejunas 2011 in Houston vor. Einen Tag zuvor hatten die Houston Rockets den 2,13m Hünen an 20. Stelle gedraftet, sich sogar nach vorne getradet, um die Rechte am Big Man zu erhalten, in dem nicht nur das Front Office um Rockets GM Daryl Morey großes Potential gesehen hatte. Motiejunas hinterließ bei besagter Spielervorstellung einen bleibenden Eindruck, er sprach diese Worte voller Überzeugung. Knappe drei Jahre später lässt er Taten sprechen.

In weiser Voraussicht parkten die Rockets ihren damals 20-jährigen Neuzugang noch ein Jahr in Europa bei Asseco Prokom Gdynia, denen er mit 23 Punkten und 11 Rebounds im entscheidenden Spiel zur polnischen Meisterschaft verhalf und auch die Euroleague mit 12,5 PPG und 7,9 RPG aufmischte. Folglich war 2012 die Zeit gekommen, sich in den tiefen Wald NBA zu wagen. Doch Motiejunas musste sich zunächst in Geduld üben, sein Rookie-Jahr verlief weitestgehend enttäuschend. Die meiste Zeit verbrachte er zwischen dem Ende der Ersatzbank und der D-League. Motiejunas kam in lediglich 44 Partien zum Einsatz (12,2 MPG), größtenteils Garbage Time Minuten. Kurzzeitig wurde er vom Bankdrücker zum Starter befördert, nachdem die Rockets zur Trade Deadline in Patrick Patterson und Marcus Morris sowohl den Starter, als auch den Backup auf der Vier wegschickten.

Doch bald schon musste der Litauer angesichts der bevorstehenden Duelle mit wandelnden Kleiderschränken wie Blake Griffin, Zach Randolph oder Serge Ibaka das Feld zugunsten von Greg Smith räumen. Im Postseason-Duell mit den Oklahoma City Thunder kam er nur in einer Partie zum Einsatz - wieder einmal, als das Spiel längst gelaufen war.

Die Rockets befanden ihren Rookie als zu schmächtig, um mit den Wölfen zu ringen, weswegen er den Sommer nutzte, um ordentlich an Masse zuzulegen, damit er in der Zone mithalten kann. Weder das Trainerteam, noch er selbst wollten sein Spiel auf die Rolle des Shooting Big Man reduzieren, denn dafür agiert er im Post-Up zu talentiert. Motiejunas zeigte nach der Sommerpause zwar körperliche und spielerische Fortschritte, dennoch verlief seine zweite Saison – die aktuelle – ähnlich schleppend wie die erste. Bis ins neue Jahr durfte er nicht einmal in der Hälfte aller Spiele überhaupt mitwirken, mehrere Minuten sah er nur bei Verletzungs- oder Foulproblemen der Kollegen.

Ein Trade wurde immer wahrscheinlicher – bis Donatas Mitte Januar plötzlich seine Chance erhielt – und nutzte. Waren es im Dezember im Schnitt noch 8,8 Minuten, stand er im Januar pro Spiel ganze 10 Minuten mehr auf Feld. Seit diesem Wendepunkt ist er als Backup für Terrence Jones ein fester Bestandteil der Rotation. In der Crunchtime vertraut Headcoach McHale sogar tendenziell eher seinem litauischen Big Man als dem Starter Jones.

Ein wichtiger Grund für diese positive Entwicklung: Der eigentlich linkshändig werfende Motiejunas hat einen gefährlichen rechtshändigen Hook Shot entwickelt, der zwar keine Ästhetikpreise gewinnen wird, dafür aber hochprozentig durch die Reuse geht und wie jeder Hakenwurf nur schwer zu verteidigen ist. Motiejunas weiß seine Größe und Spannweite geschickt einzusetzen, um aus jeder Position in der Zone punkten, seine Beidhändigkeit macht ihn dabei schwer ausrechenbar.

Im Februar bewies der 23-jährige zudem sein Potential, irgendwann ein gefährlicher Schütze von Außen werden zu können. Dank der gestiegenen Spielzeit wurde auch sein Wurf sicherer, Motiejunas traf 41,2% (7-17) seiner Würfe von Downtown. Dieser Wert ist inzwischen wieder gesunken, was aber vor allem bei jungen, vielseitigen Spielern nicht ungewöhnlich ist.

Dass die Redensart mit den Wölfen und dem Wald kein leeres Gerede ist, unterstrich Motiejunas am 23. Februar beim Gastspiel in Phoenix: Der ehemalige Rocket Goran Dragic hatte Houstons Führung auf 113-112 verkürzt, 14,7 Sekunden vor Schluss. Auszeit Houston, Einwurf an der Mittellinie. Der Ball muss zu einem guten Freiwurfschützen. „Nicht zu Motiejunas“, rufen die beunruhigten Kommentatoren von CSN Houston, Bill Worrell und Matt Bullard, denn Donatas trifft zu diesem Zeitpunkt keine 60% von der Linie. An diesem Abend sind es bis dato einen von zwei. Doch eine andere Möglichkeit tut sich nicht auf. Die besten Schützen des Teams werden von der Suns-Defensive exzellent zugestellt.

Auftritt Motiejunas, der eigentlich auf dem Feld steht, um einen Block zu stellen. Doch der Litauer hat keine Angst vor den Wölfen. Kurz bevor die fünf Sekunden ablaufen und ein Turnover droht, bringt er sich in Position, bekommt den Ball, wird zum Entsetzen besagter Kommentatoren sofort gefoult und geht an die Linie. Während ganz Houston zittert, bleibt Motiejunas so kalt wie ein Winter in seinem Heimatland und versenkt die beiden Freiwürfe mit der Selbstverständlichkeit eines Calvin Murphys. 115-112 für Houston. Der folgende Verzweiflungsdreier Dragics geht daneben, die Rockets gewinnen. Motiejunas' Selbstvertrauen und Nervenstärke retten den Sieg.

Diese entscheidende Situation steht sinnbildlich für die Spielphilosophie des 23-jährigen. Er orientiert sich nicht an Quoten oder Namen, sondern vertraut auf die eigene Stärke, selbst wenn die Wetten gegen ihn stehen. Er scheut keine Verantwortung, er traut sich in den Wald. Diese Einstellung ist im Profisport nicht selbstverständlich und macht Motiejunas daher wertvoller, als es die bislang noch eher bescheidenden nackten Zahlen nahelegen.

Für die bevorstehenden Playoffs ist Motiejunas so etwas wie der heimliche Hoffnungsträger der schwächelnden Rockets-Bank, denn mit seinem immer zuverlässiger und vielseitiger werdenden Low Post Spiel erweitert er das offensive Spektrum. Trifft er seinen Hook Shot auch in der Postseason, bekommt Houston nicht nur die dringend benötigten Punkte von der Bank, sondern auch zusätzliche Räume für die vielen Dreierschützen im Team.

Motiejunas wird dieses Jahr wahrscheinlich noch nicht die ganz große Rolle spielen. Sein Talent und seine Einstellung könnten ihn aber früher oder später zu einem echten X-Faktor machen. Big Men brauchen in der NBA etwa drei Saisons, um Fuß zu fassen und ihr wahres Potential ausschöpfen zu können. Motiejunas ist in seiner zweiten auf einem guten Weg.