15 März 2014

Marc Lange | 15. März, 2014   




Es liegt etwas in der Luft. Trotz aller Skepsis gegenüber den Titelchancen der Clippers macht sich langsam irgendein Gefühl breit. Es ist wie ein Mix aus Zuversicht und Hoffnung. Zuversicht, dass die Clippers die erste Playoffrunde überstehen werden und Hoffnung, dass nicht in der Runde danach Schluss ist. Natürlich ist es unabdinglich für ein Team mit Ambitionen, dass in der heißen Phase der Saison die Starspieler funktionieren. Mit anderen Worten: Blake Griffin darf in den Playoffs nicht untertauchen und Chris Paul muss chrispaulische Leistungen abrufen, damit man eine realistische Chance auf die Larry O’Brien Trophäe hat. Der X-Faktor für Lob City wird in den kommenden Playoffs aber jemand anderes sein: Mr. Shake and Bake höchstpersönlich, Jamal Crawford

Gehen wir für den Anfang ein bisschen in der Zeit zurück, nach Seattle, wo Crawford die Rainier Beach High School in seiner Heimatstadt besuchte. Hier tauchte er auch das erste Mal auf dem Radar der NBA-Scouts auf, als er seine die Rainier Beach Vikings 1998 zur WIAA State Meisterschaft führte. Damals wurde der 18-Jährige Gatorade State Player Of The Year. Seine damalige Jerseynummer (23) darf, als Hommage an seine Leistungen für die Wikinger, mittlerweile nicht mehr vergeben werden. 

Nach der sportlich erfolgreichen Zeit an der High School wechselte der drahtige Comboguard an die University of Michigan, obwohl auch Angebote von anderen angesehenen Unis wie Fresno State, Texas oder Washington bei ihm eingingen. Hätte es mit der Basketballkarriere nicht geklappt, wäre Crawford, laut eigener Aussage, wohl Architekt geworden. Aber das musste er nicht, denn auch in Michigan lief es sportlich rund für „JCrossover“: 16,6 Punkte, 2,8 Rebounds und 4,5 Assists plus 1,1 Steals pro Partie waren ansehnliche Leistungen für den damaligen Freshman. Allerdings geriet Crawford später mit der NCAA in Konflikt, da er unerlaubt Geld von einem Geschäftsmann aus Seattle erhalten hatte, um im Gegenzug dessen Stiftungen zu bewerben. Die Folge waren sechs Spiele Sperre für den aufstrebenden Michigan Wolverine, der sich bald darauf zum 2000er NBA-Draft anmeldete.  

Mit einer Reputation als explosiver Offensivspieler, der nicht atemberaubend effektiv ist und in der Defense manchmal Motivationsprobleme hat, wurde Crawford an achter Stelle von den Cleveland Cavaliers gezogen und sofort für Chris Mihm an die Chicago Bulls weitergereicht. Dass die Einschätzungen aus seinem Scoutingbericht ziemlich nah an der Realität waren, bewies Crawford in seiner ersten Saison für die Bulls: Mit einer Trefferquote von 35,2 Prozent aus dem Feld fabrizierte er eine erschreckend schwache Quote. Obwohl sich der damalige Rookie in den kommenden Jahren noch zum startenden Shooting Guard entwickelte und eines Tages gegen Toronto sogar die 50-Punkte Marke knackte, machte es nie richtig Klick zwischen Team und Spieler. 

Die Bulls tradeten Crawford nach vier Saisons zu den New York Knicks. In fünf Jahren im Big Apple kam JC auf durchschnittlich 17,6 Punkte, 4,4 Assists und 1,1 Steals. Nach einem kurzen Intermezzo bei den Golden State Warriors landete Crawford, dem mittlerweile den Ruf eines Wandervogels anhaftete, bei den Atlanta Hawks. Da Joe Johnson zu dieser Zeit der etablierte Star auf der SG-Position war, blieb für Crawford nur die Rolle als sechster Mann von der Bank. 

Überraschenderweise sollte genau diese kleine Degradierung Crawfords Karriere einen neuen Schwung geben: In seinem ersten Jahr als Falke kam der Mann mit dem unglaublich hohen Jumpshot in 31 Minuten auf 18 Punkte im Schnitt. Der Clou dabei: er schaffte dies bei einer ordentlichen Trefferquote von knapp 45 Prozent. Hinzu kam seine allererste Playoffteilnahme überhaupt. Dank seiner neuen Rolle und den guten Leistungen konnte Crawford einen ersten, persönlichen Erfolg feiern. Er wurde in der Spielzeit 2009/10 zum besten sechsten Mann der Liga gewählt. 

Vor Beginn der 2011/12er Kampagne war Crawford nun seit mittlerweile zehn Jahren in der besten Basketballliga der Welt. Und als Zwischenfazit ließ sich zu diesem Zeitpunkt sagen, dass die Scouts von damals Recht hatten. Crawford spielte einen Großteil seiner Karriere wirklich alles andere als effektiv. Trotzdem konnte er sich auch ein positives Image in der Liga, bei den Trainern und den Fans erarbeiten. 

Crawfords Ballhandling gehört nämlich mit zum Besten, was die Liga jemals zu bieten hatte. Im Eins gegen Eins ist er von niemandem zu stoppen - auch wenn er sich hin und wieder in Dribbeltiraden verliert und äußerst schwierige Würfe nimmt. Jedoch gibt es gleichzeitig kaum einen anderen Spieler, der diese Würfe mit so einer hohen Rate trifft. So ist eben Crawfords Spielweise. Die personifizierte Mikrowelle kann durch solche Aktionen schnell heiß laufen und das Scoreboard zum Brennen bringen. Apropos schwierige Würfe: Niemand in der Geschichte der NBA hat mehr 4-Point-Plays, also einen erfolgreichen Dreier mit Foul, verbucht als Crawford (40). Zum Vergleich: Auf Platz zwei rangiert niemand geringeres als Reggie Miller mit gerade einmal 23 dieser besonderen „And Ones“. 

Dazu besitzt Crawford etwas, dass man nicht lernen kann: das berühmte Clutch-Gen. Oft wurde in Clippers-Kreisen bereits darüber diskutiert, ob es nicht die beste Maßnahme wäre, Crawford den letzten Wurf in einem Spiel nehmen zu lassen. Es ähnelt sicher einem Luxusproblem, sich in solchen Situationen für Paul oder Crawford entscheiden zu müssen. Aber das ist es unter anderem auch, was die Clippers so unberechenbar macht. 



Springen wir zeitlich wieder nach vorne, in die jüngste Vergangenheit. Seit 2012 ist Crawford fester Bestandteil der Los Angeles Clippers. Der Offensivspezialist machte in seiner ersten Saison genau das, was man sich von ihm erhofft hatte: die Mannschaft mit seinem Scoring Punch par excellence verstärken. Crawford kam in der vergangenen Spielzeit auf 16,5 Punkte in 29 Minuten bei einer Trefferquote von 44 Prozent und verlor die Wahl zum besten sechsten Mann knapp hinter J.R. Smith. 

Es war unter anderem auch sein verlässliches Scoring, das eine große Rolle beim Gewinn des ersten Division Titels für die Clippers überhaupt spielte. Nach einer formidablen Regular Season der Clippers warteten alle sehnsüchtig auf die Playoffs. Das offensive Dreigestirn um Paul, Griffin und Crawford würde dort ein Leuchtfeuer entfachen, dachte man zumindest. Bekanntlich kam alles anders. Los Angeles scheiterte schon in der ersten Runde an den Memphis Grizzlies. Viele suchten die Schuld fürs Versagen in der ersten Runde bei Griffin, aber dessen Leistungen waren nur einer der vielen Gründe fürs Ausscheiden. Die läppischen 10,8 Punkte bei 39% FG- und 27% Dreier-Quote von Crawford fielen ebenso schwer ins Gewicht. 

Vor dieser Saison übernahm Doc Rivers das Team, und für die Clippers läuft es besser denn je. Der nächste Division-Titel ist in greifbarer Nähe und der Kader wurde erst kürzlich mit Glen Davis, Danny Granger und Hedo Turkoglu noch einmal deutlich verbessert. Crawford wieder einmal hervorragend und steuert pro Partie 18,7 Punkte bei, was ihn zum zweitbesten Scorer des Teams hinter Griffin und zum erneuten Favoriten auf den Sixth Man of the Year macht. 

Besonders den Februar, in dem J.J. Redick komplett ausfiel und Jared Dudley weiterhin mit einer Leistungskrise zu kämpfen hatte, versüßte Crawford den Fans mit exquisiten Offensivfeuerwerken. So wie etwa im Spiel gegen Oklahoma City, als er 36 Punkte erzielte und den Thunder am Ende den berühmt-berüchtigten Dolch mitten ins Herz rammte. Lässt man das letzte Februarspiel, in dem sich Crawford an der Wade verletzte (und seither aussetzen muss), außen vor, steuerte der Veteran 25,2 Punkte und 4 Assists bei einer Trefferquote von fast 50 Prozent aus dem Feld bei. Die Clippers hielten ihren Position ohne den verletzten Chris Paul nicht nur, sondern verbesserten sich in der West-Tabelle sogar. Griffin und Crawford hatten daran den größten Anteil. 

Auf diese Weise zahlt Crawford das Vertrauen und vor allem die Freiheiten, die ihm der neue Coach lässt, zurück. Bei den Win Shares per 48 Minutes kommt der Comboguard momentan auf einen Wert von .127 - der zweithöchste seiner Karriere. Dass der spektakuläre Gunner mit ausgeprägter Shootermentalität und einem extravaganten Spielstil, der oft an Streetball erinnert, charakterlich falsch eingestuft wird, ändert seine Herangehensweise und Professionalität nicht im Geringsten. Der Vater eines Sohnes ist in der Kabine einer der absoluten Leader für die jüngeren Spieler, eine ruhige Persönlichkeit auf sowie neben dem Court und immer daran interessiert, Teamkamaraden mit seiner langjährigen Erfahrung zu unterstützen. All das sind Werte, die auf keinem Statistikbogen auftauchen.   

Die Clippers haben hohe Erwartungen. Natürlich reicht für einen tiefen Lauf in den Playoffs ein hoch scorender Crawford nicht allein. Aber er ist die Voraussetzung dafür, die gesteckten Ziele auch erreichen zu können - genauso, wie ein gesunder Paul, ein konstanter Griffin, ein die-Bretter-dominierender Jordan und verlässliche Rollenspieler. Nur wenn jedes Zahnrad greift, läuft das Uhrenwerk problemlos. 

Und wenn wir schon beim Thema Uhr sind: nach 15 Jahren NBA, sechs Teams und 17 verschiedenen Head Coaches wird es für Jamal Crawford langsam eng. Der Veteran muss am 20. März ganze 34 Geburtstagskerzen auspusten. Allzu viele Chancen auf einen Championship-Ring wird er also nicht mehr bekommen - und eine bessere als mit diesem Clippers-Team vermutlich sowieso nicht. Ab dem 19. April wird er sich und seine gesamte Karriere in den Playoffs beweisen müssen und das tun was er am besten kann: den Ball im Korb unterbringen.